Jß 223. Samstag, den 28. September. 1889
Inserate: Die einspaltige Zeile'°der deren RE 15 Pk/bei^derh^ngen ^reche^r R°L'
Erstes Blatt.
। tage aufgetreten sind, der besseren Unterstützung und Förderung der katholischen Presse das Wort redeten und die Katholiken aufforderten, die ungläubige und — wie die jüngsten Tage eklatant bewiesen — auch unsittliche liberale Presse aus ihren Häusern zu entfernen. Das war die beste Antwort auf den frechen Hohn, den sich jüngst mehrere liberale Blätter erlaubten, als sie nach der Veröffentlichung des Aufrufes zum Katholikentage wegwerfend bemerkten, die drei größten liberalen Blätter hätten eine höhere Auflage, als alle katholischen Blätter in Bayern zusammengenommen. (Was übrigens sehr stark übertrieben ist!) Dieser allseitige kräftige Eintreten für die katholische Presse darf wahrlich nicht, wie dies die liberale Presse in der Sorge um ihren Besitzstand hämisch behauptet, al« Aulfluß einer vorherigen Abmachung angesehen werden, nein, es war die natürliche Folge der gerade vor dem Katholikentage hüben und drüben gemachten Wahrnehmungen, der Rückschlag gegen die liberalen Maßlosigkeiten und die gesunde Reaktion gegen die nur allzu lange ertragene, unnatürliche, angemaßte Preßherrschaft der Volk«. Minderheit über die große Volksmehrheit.
Dochwir verlieren uns bei unserem heutigen Rückblick zu weit in'» Detail. Ehe wir aber zum Schluffe eilen, sei noch eines Manne« gedacht, der an dem Gelingen und Zustandekommen und an den Vorbereitungen des Katholikentages den her- vorragendsten Antheil hatte: Fürst Karl zu L ö w e n- stein, der allverehrte erste Präsident des Katho- I ltkentagcs, der Mann, der von Anfang an die Seele der Veranstaltung war und die verdienstvolle Anregung des Vorstandes der Cen- trumrfraktion unter dem Beistände tüchtiger und energischer Männer glücklich zu verwirklichen verstand, hat für seine opferwillige, hochherzige Wirksamkeit ein kleines Entgelt in den aufrichtigen Dankesbezeugungen Aller, in den herzlichen und enthusiastischen Ovationen gefunden, die ihm bei jeder Gelegenheit von der vieltausendköpfigen Männerschaar bereitet wurden. Ihm und seinen eifrigen Genoffen in der Leiung der Central- und Lokalkomitö's gebührt auch von Seiten der kathc- lischen Preffe der wärmste Dank, die hötste An- erkennung l Fürst Löwenstein ist ftirwahr ein leuch- tendcs Beispiel mannhafter katholischer Entschieden- heit, gepaart mit rührender kindlicher Frömmigkeit und mit einer seltenen Milde und Zuvorkommen- I heit im Verkehr mit Jedermann. Gleichwie bet I der ganzen schwierigen Vorbereitung de« Katho- < likentagc«, so war der erlauchte Fürst auch bei 1
Am Morgen hatte ein Kontier einen großen Staat«- brief abgegeben an den hochwürdigsten Fürsten und Herrn, Herrn Amandus, Bischof und Abten zu Fulda, de» heil. Römischen Reiches Fürsten, Ihrer | Majestät der Röm. Kaiserin Erzkanzler, durch Germanien und Gallien Primaten; und al« den der hohe Adreffat mit erregter Miene durchgelesen, da war er sich mehrmals mit einem energischen Strich durch die mächtige Perrücke gefahren, so daß der Puder in einer Wolke davon gewirbelt war und die Haare stch kerzenzrade in die Höhe gesträubt hatten. Diese, Zeichen aber kannte Jeder bet Hofe: e» war der erklärte Ausdruck einer aller- höchsten Mißlaune und Verstimmung.
Nachdem der Fürst einige Male hastig im Ge- mache auf- und abgeschritten, hatte er befohlen: „Eine Staffelte eile sogleich auf die Feste Nie- berste in und entbiete den Hauptmann Lindenau zu Un«."
Der Hauptmann und in Krieg«sachen bestellte Rath — wie sein voller Titel lautete — war der Mann, der im höchsten Grade da» fürstliche Vertrauen genoß, vorab seitdem ihm die bedeutsame Aufgabe zugefallen war, das hochgelegene Jagd-
schloß Bieberstein kriegerisch zu befestigen, denn Amand von Buseck wollte auch in seinem Ländchen eine Festung haben.
Er hatte es erlangt, daß die reichsunmittelbare gefürstete Abtei Fulda von Papst Benedikt XIV. zum Bisthum erhoben worden war, nun galt es natürlich, die erhöhte Machtstellung auch nach Außen zu repräfentiren; — dazu aber war ein bischen kriegerische Ausrüstung unerläßlich.
Bei den geistlichen und weltlichen Reichrfürsten der 18. Jahrhunderts waren ja solche harmlose militärische Spielereien Mode, ste gehörten zum Glanze eine» Hofe«, und wenn der Markgraf von Bayreuth zu der bizarren Grille sich verstieg, Kriegsschiffe en miniature auf einem kleinen See nächst seiner Residenz zu halten — warum sollte da der Fürstbischof von Fulda sich nicht den Luxu« einer Festung gestatten?
Am Mittag sprengte der Hauptmann Lindenau auf schaumbedecktem Roffe durch da« Peterrthor und ließ sich, nachdem er am Schlöffe adgestiegen, sogleich anmelden.
E« war ein Männchen wie ein Nußknacker, da» da in etgenthümlich strammer Haltung in's Kabinet
Ter erste bayerische Katholikentag.
(Schluß.)
Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist der Katholikentag auch wegen seiner großen Kundgebung für die Freiheit, Unabhängigkeit und volle Sou- veränetät des Papstes, und des Protestes gegen den Giordano-Bruno-Skandal. Diese Manifestation von 15,000 katholischen Männern dürfte unter allen bisherigen öffentlichen Protest. Kund- gedungen in der vordersten Reihe stehen. Möge der schwergeprüfte Greis im Vatikan aus diesen glänzenden Beweisen begeisterter Anhänglichkeit und unverbrüchlicher Treue erkennen, daß da« bayerische katholische Volk Liebe mit Liebe, Treue mit Treue vergilt und stch in der Ergebenheit gegen den hl. Stuhl von keinem andern Volke übertreffen läßt.
Einen deutlichen Gradmesser für die thatsächlich in den weitesten Kreisen des katholischen Volkes vorhandene Stimmung und Verstimmung für die wiedererwachte katholische Begeisterung einerseits, i für die hochgradige Entrüstung über daß neuerliche liberale Treiben andererseits, bot der Begrüßungsabend mit seiner stattlichen Reihe von Reden, und zwar von solchen Reden, die nicht vorher bestimmt und vorbereitet waren, sondern dem augenblicklichen Impuls entsprangen. Den Glanzpunkt bildete unstreitig die zündende und packende Rede de« Prof. Dr. Schädler, der zum Volk«, redner wie geboren ist. Neben ihm möchten wir, ohne den übrigen sehr verdienstvollen Rednern de« Begrüßung«. und Schlußabends zu nahe zu treten, ganz besonders Herrn Abg-ordneten Landgericht»- rach Walter hervorheben, welcher sich verschie- I bene Male freiwillig zum Worte meldete und sehr zeitgemäße und beherzigenswerthe Gedanken und Anregungen bot.
Ein Moment, welches der katholischen Preffe in Bayern zur besonderen Genugthuung gereicht, darf auch an dieser Stelle nicht übersehen werden: Zahlreiche Redner, namentlich auch die beiden Prä- fidenten Fürst Löwenstein und Ritter von Schulte«, statteten in ehrenvollen Worten der katholischen preffe den Tank ab für ihre Verdienste um das Zustandekommen des Katholikentage». Dieses Dank- öefuhl, gepaart mit der Einsicht, wie groß in Heu- «ger Zeit der Einfluß und die Bedeutung der guten me der schlechten Preffe ist, gab auch den Anstoß zu der charakteristischen Erscheinung, daß fast ^UeR ebner, die überhaupt beim Katholiken-
S Krieg im Frieden.*)
Ein Genrebild aus der Rococozeit von Jos. Gr.
Im Refidenzschloffe zu F u l d a liefen die Lakaien w und her und raunten einander scheu in die gWj”- „Seiner hochfürstlichen Gnaden steht der Äder dienstthuende Kammerherr, aus dem des Fürsten kommend, in einem Korridor begegnete, da blinzelte er bedeu- un& strich sich zugleich mit einer seit- '«wen Handbewegung über den Kopf.
der Busch?" fragte erschrocken der Hof- Schall. „Aus welcher Veranlassung?" Kammerherr flüsterte: „Muß wohl mit -m Briefe zusammenhängen, der heute früh von eingetroffen ist."
biefc?nljnan $at keine Ahnung von dem Inhalt sti Schreibens?" forschte gespannt der Andere.
Kammerherr zuckte die Achseln: „Ein Ge- Zweiter” ®Qmit eUte Seschäf-
seine Vermuthung richtig gewesen, i ) Nachdruck nicht gestattet.
I . der großen Wallfahrt nach Altötting ein Vor • bild strengster Pflichterfüllung: Der Eifrigste bei der Arbeit, so auch der Eifrigste im Gebet, schritt I er auf dem Wege von Neuötting zum Gnaden« dem Pllgerzuge voran, erbaute und begeisterte Alle durch seine Andacht. Möge — das ist unser innige» Gebet am heutigen Tage — die Patrona Bavanae bmrij ihre mächtige Fürbitte. Gottes I reichsten Segen auf den so glänzend verlaufenen ersten bayerischen Katholikentag herabflehen, damit er für Staat und Kirch: gute Früchte trage und der katholischen Bewegung einen neuen, kräftigen Impuls gebe! Denn darüber darf man stch keiner I Illusion hingeben, der Katholikentag war zwar ein großer Erfolg, eine imposante katholische Kund- I gebung, aber der wirkliche Enderfolg wird davon I ^hängen, ob auf der nunmehr geschaffenen breften I giftig und rastlos fortgebaut werden wird.
Diese Arbeit weiter zu führen wird nicht Wo» I Sache der Centrumsfraktion in der Kammer und I be^.katholischen Presse sein, sondern vor allem Sache des katholischen Klerus und Bottes, welche durch Förderung der Preffe, durch häufige Ver- fammlungen, durch rege Vereinsthätigkeit und durch frühzeitige Vorbereitung guter Wahlen die Früchte zur Reife bringen müffen, deren vielversprechender Same soeben gelegt wurde.
Deutsches Reich.
Berlin, 26. September.
• Die Berufung derjReichstage» wird frühestens in der ersten Hälfte de, November« erfolgen können; denn einmal wird di« Feststellung der Etatt-Entwurf«, welcher doch sofort dem Reichstage vorgelegt zu werden pflegt, noch den vollen Oktober in Anspruch nehmen, sodann aber find auch andere Vorlagen von Bedeutung zum Theil noch in der Vorbereitung begriffen, und e« dürfte sich auch die Behauptung, daß der Entwurf de« Gesetzes, welches an Stelle des Sozialistengesetzes zu treten bestimmt ist, bereits abgeschlossen sei und dem Bundesrath sofort zugehen könne, als irr« thümlich erweisen.
* Der Besuch de« Kaiser« in Konstantinopel hat berefts anläßlich der Mission de» türkischen Marschall» Ali Rizami in Berlin den Gegenstand von Abmachungen gebildet. Die Wiener ,Pol. Corr.' berichtet, die russische Diplomatie habe in Konstantinopel die größten Anstrengungen gemacht, um diesen Besuch zu verhindern. E» dürste wahrscheinlicher sein, daß diese Versuche in