1889
Mittwoch, den 25. September.
M 220.
Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
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Die Centrumspresse.
(Schluß.)
In Wirklichkeit ist eit ganz bedeutender Aufschwung in dm Organen der Centrumspartei unverkennbar. Ooer ist es vielleicht Niedergang, wenn Blätter (wie .Effener Volkszeitung' und ,Westfälisches Volksblatt') ihre vor Jahren schon bedeutenden Auflagen (10,000) jetzt mehr als verdoppelt haben? Ist es vielleicht Nieder- aang, wenn Blätter (wie .Germania', »Schlesische Volkszeitung', »Westfälischer Merkur', ,Echo der Gegenwart', ,Deutsche Reichszeitung'), welche früher nur ein Mal täglich erschienen, jetzt zwei Mal täglich herausgegen werden? Ist es vielleicht Niedergang, wenn kleine, volksthümliche politische Wochenblätter(,Li0', .Postbote', »Paulinus- blatt') zu einer für deutsche Verhältniffe geradezu erstaunlichen Verbreitung sich herausarbeiteten? Ist es Niedergang, wenn Blätter, welche früher nur ein Mal in der Woche gedruckt wurden, jetzt zwei bis drei Mal erscheinen und solche, welche früher nur zwei bis drei Mal erschienen, jetzt täglich herauskommen? (»Bergisch-Märkische Zeitung', Neuß-Grevenbroicher Zeitung', »Gelsenkirchener Zeitung', ,Hamm-Soester Volkszeitung'). Ist es vielleicht Niedergang, wenn ein katholisches Tageblatt dem andern rasch folgt in der Vergrößerung des Formates und damit in der Vermehrung des gebotenen Stoffes? (»Niederrheinifche Volkszeitung'. .Düffeldorfer Volksblatt'» »Rheinischer Merkur', »Ess-nsr Volkszeitung', »Westfältfche Volkszeitung', »Treu onia', »Koblenzer Volkszeitung', »G.'lftnkrrchener und Hildesheimische »Zeitung' Münchener Fremdenblatt', .Pfälzer Zeitung', »Rh'.in- und Wied-Zeitung' und vielleicht noch andere, die uns augenblicklich nicht gegenwärtig find.) Ist es vielleicht Niedergang, wenn katholische Z itungen, welche früher dem Handel weniger Beachtung schenkten, jetzt, dem Vorgang der »Kölnischen Voikszeitunn' folgend, dieses Gebiet mit großer Sorgfalt zu pflegen beginnen? Natürlich datirt diese E..ewickelung nicht überall aus den letzten Jahren, aber sie reickt bis in die aller- mm sts Zeit und ist unseres Wiffens nirgendwo rückgängrg gemacht worden.
Fürwahr," einen solchen „Niedergang" kann die CentrumSpartei und ihre Preffe sich schon gefallen lasten!
Der Hypnotismus im Lichte der Wissenschaft und Religion.
(Fortsetzung.)
Eestreckt sich nickt auch auf den Gesichtssinn in der sogen. Hyperästhesie diese außergewöhnliche Empfindsamkeit? Eenige Aerzte bestreiten das; aber die Thatsachen, welche durch andere mitge- therlt werden, beweisen, daß auch die Sehschärfe zu erstaunlicher Höhe fich steigern kann. Eme ausführliche Erzählung des Dr. Tzguet theilen wir bier verkürzt mit; dieselbe ist in mehr als einer Hinfickt schr lehrreich:
„Noölts, von Jugend auf leidend, ist 19 Jahre alt. Während fie fich in Katalepsie oder Letbargie b-findet, macht ihr der Arzt mehrere Tintenfl Ln in's Gesicht, wovon einige Deutti sichtbar, andere mit genauer Roth erkennbar find. Vor ihr stellt man ein Stück Pappdeckel als Spiegel auf und dann wird fie in den fomnambulifchen Zustand Ersitzt, wobei man darauf achtet, daß fie die Augen offen behält. Kaum hat fie einen Blick auf den Pappdeckel geworfen, als fie auch fchon ihr beschmutztes Gesicht bemerkt und die Flecken rinen nach dem andern wegwischt, wobei sie fich des Pappdeckels als Spiegel bedient. Hierauf hält man hinter ihrem Rücken verschiedene Gegenstände:
In vielen größeren, vorwiegend katholischen Städten Westdeutfcklands spielt die „liberale" Preffe schon lange keine maßgebende Rolle mehr. In Krefeld, Aachen. Düsseldorf, Bonn, Effen, Koblenz, Münster, Paderborn und an anderen Städten beherrschen durchaus die Organe der Centrumspartei t as Feld, und zahlreiche gegnerische Blätter führen, sofern sie nicht alt und aus früherer Zeit her gut fundirt find, ein mehr oder weniger kümmerliches Dasein. Ein Blick in die beiderseitigen Blätter macht sofort Jedem klar, auf welcher Seit der „Niedergang" ist.
So viel im Allgemeinen; nun noch etwas im Besondern. Aufmerksame Leser der »Rhein.- Wests. Zig.' können nicht daran zweifeln, daß es speziell oer »Kölnischen Volkszeitung' erbärmlich schlecht geht. Am 7. Juni theilte das Essener Blatt die „ergötzliche Thatsache" mit, „daß die Leser des ultramontanen Blattes zum großen Theil aus Gratis-Abonnenten bestehen, welchen durch Ueberweifung von Frei-Exemplaren an Banken, Industrie-Gesellschaften, Hotels und Restaurants dis abgestandene Kost des ultramontanen Blattes" — im folgenden Satz heißt es „Jesuitenblatt" — „aufgedrängt wird." Früher schon hatten die Effener Wiffenden behauptet, daß wir „lange Jahre mit kläglichem Erfolge ringen".
Gegenüber vorstehenden Enthüllungen und dem hartnäckigen Hinweis auf das schreckliche Elend der größern Centrumspreffe fei uns noch ein kurzes Wort in eigner Sache gestattet.
Wenn irgendwo, so tritt der „Niedergang" bei der »Kölnischen Volkszeitung mit erschreckender Deutlichkeit hervor. Sie hat vor drei Jahren ihr Format auf saft das Doppelte vergrößert und die rein städtischen Anzeigen in einen Lokal-Anzeiger verwiesen, der in Über 22,000 Exemplaren in Köln vertheilt wird — sehr bedenklich! Hand in Hand mit der äußern Umgestaltung ging die Ausdehnung des Mitarbeiterkreises, die manchfaltigere Gestaltung des Inhalts — wir weisen namemlich auf die zahlreichen Eigenberichte aus fernen Welt- theilen, in erster Linie aus Afrika hin — die Entw.ckelung des Handelstheiles — das kann unmöglich ein gutes Ende nehmen I Seit der Vergrößerung hat die .Kölnische Volkszeitung' auf dem für die Weiterentwickelung eines großen Blattes so wichtigen Gebiete der Anzeigen außer-
einen Ring, eine Uhr, eine Bleifeder und dergl. in der Weise, daß fie in die Fläche ihres papp- deckelnen Spiegels fallen müffen. Nur einen Augenblick braucht fie genau hinzublicken, um jeden dieser Gegenstände auch bei plötzlicher Verwechslung zu erkennen und feine Form genau zu beschreiben. Stellt sich Jemand hinter fie, so daß sein Blick in den Spiegel fallen muß, dann grüßt fie sofort. Verschiedene ihr unbekannte Personen erblickt sie so genau, daß fie über jede ein Wort zu sagen weiß: dieser ist jung, jener alt und der dritte hat einen schwarzen Bart. Sie erkennt jede Miene, selbst eine Bewegung der Lippen; einer der Aerzte nimmt eine Cigarre und thur, als ob er rauchen will. „Lassen Sie sich nicht stören," sagt die Kranke u. s. w.
Auch der Geruchssinn nimmt bei der Kranken in außerordentlichem Maße zu. Vor ihren Augen wird eine Visitenkarte in eine Anzahl Stückchen zerrissen, die man alsdann in dem neben befindlichen Zimmer unter dem Teppich, hinter Möbelstücken, in Blumentöpfen, im Ofen und in den Kleidern anwesender Personen verbirgt; ein Stückchen davon übergibt man Noelie. „Tie Kranke beriecht es mehrmals, zögert einen Augenblick und läuft alsdann schnüffelnd wie ei« Hund im Zimmer umher; plötzlich bleibt fie stehen, schnüffelt
ordentliche Fortschritte gemacht — wo das geschieht ist der Bankerott nicht mehr fern! Und das Merschlimmste: fie hat seitdem, mit Erlaubniß unserer verehrten Gönner, über 2000 neue Abonnenten gewonnen, welche auch, mit Verlaub der »Rhein.-Westf. Ztg., ihr Abonnement bezahlen — nun ist der Bankerott da!
Je mehr die .Kölnische Volkszeitung' an Verbreitung in den gebildeten Kreisen und an Beachtung auch bei der übrigen Presse anderer Richtung unseres Vaterlandes sowie im Auslands gewinnt, desto heißer wird eben das Bemühen, die „ultramontanen" Blätter als dem „geistigen und materiellen Verfall" preisgegeben darzustellen.
So steht's mit der .Kölnischen Volkszeitung im Besondern und mit dem angeblichen „Niedergang" der Centrumtpresse in Deutschland im allgemeinen. Ihre mächtige Entwickelung hat fie zu einem Faktor in unferm öffentlichen Leben gemacht, mit dem gerechnet werden muß und mit dem auch — gerechnet wird. Sie wird sich von der errungenen festen Stellung nicht mehr verdrängen lassen, und die Anfeindungen und Gehässigkeiten der Gegner können daran nichts ändern.
Unfern Kollegen der katholischen Presse, Redakteuren wie Verlegern, aber rufen wir zu: Nur muthig vorwärts!
Deutsches Reich.
Berlin, 24. September.
♦ Ueber den Zeitpunkt des Eintreffens des Zaren werden wieder abweichende Mittheilungen verbreitet; während man bisher annahm, daß er am 27. ds. kommen und bann mit der Kaiserin und dem Kaiser fich nach Schwerin begeben werde, wo inzwischen die Kaiserin von Rußland fich eingesunden hätte, berichten ^einzelne Blätter jetzt, daß erst der Besuch des Kaisers am Schweriner Hose erfolgen solle, und daß dann erst der Zar nach Berlin kommen wird, also in den ersten Tagen des Oktober. Was daran richtig ist, ist mit Sicherheit nicht zu beurteilen, im Uebrigen auch ziemlich gleichgiltig; bi na bie Hauptsache steht fest, ber Zar wirb seinen Besuch in Berlin machen unb nicht nur berReichskanzler, sondern auch Giers wird habet anwesend fein.
• Die Gesandtschaft des Sultans von San-
nochmals und nach einigem Suchen begrüßt sie mit freudigem Ruf bie Entbeckung eines ber kostbarem Stückchen. Gleichgiltig geht fiö an Gegen- stäuben und Personen vorbei, bie nicht verbergen, was fie sucht, bleibt aber vor anderen stehen und geht nicht eher roziter, als bis fie ihre Absicht erreicht hat. Vergeblich wehrt man ihr ab, verthei- bigt sich ober stößt fie von sich; Alles vergebens. Hat fie eine Anzahl Stückchen beisammen, bann sucht sie bie Karte wieder zusammenzustellen; alsdann stellt fie ihre Berechnung an unb zählt bie Ziffer, bie fie bereits kennt, zu den noch zu findenden Stückchen; bie Summe, welche fie angibt, stimmt überein mit ber uns bekannten Anzahl."
Die arme Noelie muß noch viele Versuche über sich ergehen Isffen, bevor ihre Hypnotiseure btftie« bigt find. Wir wollen sie firner in Frieben lassen und wünschen ihr von Herzen weniger „wiffn- schaftliche" unb mehr prakliichr Aerzte zur B- Handlung.
Nicht nur bie Sinneswerkzruge, auch bas Gs- dächtniß hat seine Hyp.rästhefie. Unter dem Einfluß ber Hypnose sieht man bie Kranken nicht selten Proben eines ganz wunderbaren Erinnerungs- Vermögens ablegen. 6s genügt, sagt Cullers, wenn man einigen hysterischen Somnambulen ein einziges Mal lange Abschnitte aus Büchern vor-