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JK 219.

Dienstag den 24. September

1889

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ZweitesB l a t t.

Die unterzeichneten Bischöfe entbieten dem Hochwürdigen Klerus und den Gläubigen Grutz «nd Frieden^tm Herrn!

(^G^ls das heidnisch-römische Weltalter dem Ende sich zuneigte und bereits die neue christliche Zeit em- x_5O porstieg, schrieb der größte Kirchenlehrer, den Gott diesen beiden Perioden der Weltgeschichte geschenkt, der hl. Augustinus, sein Buch von der Stadt Gottes.

Nachdem er die Geschichte des göttlichen Reiches in dieser Welt von Anbeginn bis auf seine Zeit im Lichte Christi betrachtet, faßt er alles in die Worte zusammen: „So war es in dieser Welt, in diesen bösen Tagen, nicht nur seit der Zeit Christi und seiner Apostel, sondern seit Abel dem ersten Gerechten, den sein gottloser Bruder er­schlug; und so wird auch in Zukunft bis zum Ende der Tage die Kirche unter den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes ihren Lauf vollenden!" So habe es, fügt der hl. Kirchenlehrer hinzu, bereits der Psalmist gesungen: „Nach der Menge meiner Schmerzen in meinem Herzen, erfreuten Deine Tröstungen meine Seele"; so habe der Apostel es als ein allgemeines G-setz ausge- sprachen, daß „alle, die in Christo Jesu fromm leben wollen, Verfolgung leiden werden"; und so müsse es fein, damit wir Christus, unserem Haupte, ähnlich werden: denn „die et vorher gewußt hat, hat Gott auch vorherbestimmt, gleichförmig zu werden dem Bilde seines Sohnes."

Diese Worte des heil. Augustinus haben auch für uns noch ihre volle Bedeutung, und zumal in diesen unseren Tagen haben wir Grund, sie tief zu Herzen zu nehmen.

Groß zwar sind die Tröstungen, die Gott in unseren Zeiten seiner Kirche schenkt; groß aber auch die Leiden, die auf ihr lasten, und die Gefahren, welche sie bedrohen. Der Tröstungen Gottes sollen wir uns erinnern, damit wir nicht kleinmülhig seien, sondern dankbar Gott ver­trauen; aber auch die Leiden und Gefahren sollen wir vor Augen haben, damit sowohl Uebermuth als träge Fahrlässigkeit uns fern bleibe-

Großen Trost hat Gott feiner Kirche geschenkt in dem Oberhirten und Vater, der mit solcher Weisheit und Stärke das Steuerruder Petri führt und einem schönen Lichte ähnlich am Himmel unserer Zeitgeschichte glänzt. Groß sind aber zugleich die Verfolgungen einer Gott ent­fremdeten Welt, die ihn bedrängen; immer drohender wird die Gefahr, daß „der Gräuel der Berwüstung" ihn von der heiligen Stätte vertreibe, welche die Vorsehung ihm angewiesen hat.

Auch auf dem ganzen Erdenrund hat Gott seiner Kirche überreiche Tröstungen bereitet: durch das neu er­starkte Glaubensleben und durch die kirchliche Treue in Klerus und Volk; durch die Wiederherstellung religiöser Orden; durch das Aufblühen christlicher Wissenschaft, Literatur und Kunst bei den zivilistrten Nationen; durch die opferfreudige, mit der Glorie des Martyriums ge­schmückte Wirksamkeit der christlichen Missionäre unter den heidnischen, barbarischen Völkern, bis in das Her, des bisher unzugänglichen afrikanischen Welttheils; ganz be­sonders aber durch die gesegnete Bethätigung christlicher Liebe in den mannigfaltigsten Werken der Barmherzigkeit. Alles das sind Tröstungen Gottes, die uns mit Dankbar­keit und mit Muth und Hoffnung für die Zukunft er­füllen.

Diesen Tröstungen stehen aber auch große Uebel und Gefahren gegenüber. Dem christlichen Glaubens- und Tugendleben stellt sich entgegen ein mehr und mehr um sich greifender trostloser Unglaube, der bis zur Leugnung des persönlichen Gottes und der Unsterblichkeit der Seele fortschreitet und ein wachsendes sittliches und soziales Ser« derbniß mit sich führt. Der christlichen Wissenschaft und Kunst steht gegenüber eine die Fundamente aller natür­lichen und übernatürlichen Wahrheit untergrabende ma­terialistische und pantheistische Weltanschauung, eine der intellektuellen und sittlichen Korruption hörige Kunst und Literatur

Wie in der ganzen Welt, sind auch in unserem, unsere Liebe und unsere Pflichten zunächst in Anspruch nehmen­den Baterlande göttliche Tröstungen und menschliche Ge­fahren mit einander verbunden. Auf Jahre schwerer Leiden und Kämpfe ist die Morgenröthe friedlicherer, bes­serer Tage gefolgt. Allein schon erheben sich neue An­fechtungen und Gefahren, welche die Herzen Vieler und unsere eigenen Herzen mit Schmerz und mit schwerer Besorgniß erfüllen. Bon ihnen offen zu reden, erachten wir als unsere Pflicht. Von dem Augenblicke an, wo durch die Weisheit der höchsten Träger der kirchlichen und weltlichen Autorität die Wiederherstellung des Friedens zwischen Kirche und Staat angebahnt wurde, begann, während unsere andersgläubigen Mitbürger im Großen und Ganzen zu diesem Frieden mitwirkten und sich mit uns desselben freuten, in unerfreulichem Gegensätze dazu, in gewiffen Kreisen gegen die katholische Kirche eine orga- nifirte und planmäßige Polemik, welche nur zu sehr ge­eignet ist, die Katholiken zn kränken, die Andersgläubigen aufzuregen, den religiösen Frieden auf'S Reue zu ge­fährden. ।

Jeder billig denkende und der Thatsachen kundige Be- | urtheiler wird zugeben, daß von katholischer Seite hiezu I nicht der mindeste Anlaß gegeben war. Wenn die Katho- ’

Ulen bestrebt sind, ihrer Kirche die volle rechtliche Frei­heit zu sichern, auf dem Gebiete der Schule die Interessen der religiösen Erziehung zu vertreten, die während des sogenannten Kulturkampfes geschlagenen Wunden nach Möglichkeit zu heilen, so kann solches doch nimmermehr als Angriff auf eme andere Konfession betrachtet werden; um so weniger, da die Katholiken sich niemals in deren religiöse Angelegenheiten mischen. Wenn die Katholiken sich bemühen, die katholische Vorzeit zu vertheidigen oder die Wahrheiten ihre« Glaubens in wissenschaftlicher Weise zu begründen, so machen sie nur von einem unbestreit­baren Rechte Gebrauch, und auch dieses kann nicht als ein Angriff oder eine Bedrohung gegen andere Konfessionen betrachtet und zum Anlaß genommen werden, gegen die katholische Kirche eine Kainpfesweise zu erneuern, wie sie nur in längst vergangenen schlimmen Tagen religiöser Kämpfe an der Tagesordnung war. Allein wie in jenen traurigen Zeiten, die über unser Vaterland so viel Un- heil gebracht haben, sucht man jetzt wieder in einem sich alles gestattenden, bitteren Geist konfessioneller Polemik Abscheu und Mißtrauen gegen die katholische Kirche, gegen ihre Lehren, Einrichtungen und Gebräuche, Vorurtheile über ihre Vergangenheit und Gegenwart durch populäre Schriften, selbst durch Dichtungen und Volksschausviele in die weitesten Kreise zu verbreiten.

Auf diese Kampfesweise näher einzugehen, weisen wir von der Hand. Dagegen können wir nicht dazu stillschwei­gen, daß man unserer Kirche Lehren und Grundsätze, welche sie verabscheut und welche mit unserer Ehre und Würde als Christen und Menschen unverträglich sind, öffentlich und beharrlich aufbürdet, und daß man ihr Ab­sichten und Ziele zuschreibt, die ihr absolut fremd sind, aber zu solchen angriffen stets den Vorwand bieten. Wir erfüllen daher nur eine heilige Pflicht gegen unser katho­lisches Volk, aber auch gegen unsere andersgläubigen Mit­bürger und unser gemeinsames Vaterland, wenn wir gegen solche Anschuldigungen offene Einsprache erheben. Wir haben dabei nicht jene Angriffe im Auge, welche der moderne Unglaube gegen alles Uebernatürlich«, vor allem gegen die göttliche Person des Welterlösers, sowie gegen Alle, die an seine Gottheit und fein Reich glauben und darum ganz besonders gegen die katholische Kirche bald mit dem Fanatismus der Leidenschaft, bald mit kaltem Hohn und Spott tagtäglich richtet; sondern wir wollen uns nur mit jenen Vorwürfen beschäftigen, welche man mit Berufung auf das Evangelium gegen die katholische Kirche glaubt erheben zu dürfen, um sie dem Bewußtsein gläubiger Protestanten als unchristlich, ja als widerchrist­lich und unheilbringend für den Staat darzustellen.

An erster Stelle weisen wir daher die Behauptung zurück, die katholische Kirche lehre, um vor Gott gerecht zu sein und selig zu «erben, genüge die bloß äußerliche Zugehörigkeit zur Kirche oder die Theilnahme an gewissen äußerlichen Gebräuchen; ober es genügten bie bloß äußerliche» Werke bes Gesetzes ohne innerliche Tugenb unb Gesinnung. Katholische Lehre ist, baß wir, um Golt ju gefallen unb bas ewige Leben zu erlangen, bas ganze göttliche Gesetz, wie es Gott in bas Gewissen geschrieben und in den zehn Geboten geoffenbart und wie es unser göttlicher Heiland durch seine Lehre und sein Beispiel er­klärt und zur Vollendung geführt hat, erfüllen müssen, und zwar nicht dem äußeren Scheine, sondern der That und Wahrheit nach, nicht nur in äußeren Werken, son­dern vor allem in innerer Gesinnung; daß wir daher nach wahrer, gründlicher Tugend streben müssen, und daß es ohne Erfüllnng dieser Bedingung unmöglich ist, Gott zu gefallen und unsere ewige Bestimmung zu erreichen. Der Inbegriff aller Tugenden besteht aber in der, aus dem Glauben entfpiingenben heiligen Liebe, vermöge welcher wir Gott über alles und den Nächsten wie uns selbst lieben: denn „der Endzweck des Gesetzes ist Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und unge­heucheltem Glauben."

Sodann mflffen wir der Behauptung entgegentreten, daß nach katholischer Lehre die Gerechtigkeit, welche uns wohlgefällig vor Gott und des ewigen Lebens theilhaftig macht, durch etwas anderes erlangt werden könne, al« allein auf Grund des Verdienstes Jesu Christi, des mensch- geworbenen wahren Sohnes Gottes, unseres einzigen Erlösers und Seligmachers und in Kraft seiner Gnade; daß die katholische Kirche durch ihre Lehre von der Ver­dienstlichkeit der guten W-rke und von der Kraft des reicn Willens daS Verdienst Christi und die Rothwendig- keit und Kraft seiner Gnade leugne oder doch herabwür- dige, dagegen den Geist pharisäischer und heidnischer Seldstgerechiigkeit nähre.

Katholische Lehre ist: keine Sündenschuld kann uns erlassen werden als einzig in Kraft der von Christus, dem Haupte der Menschheit, für uns geleisteten Genug» thuung, und weder aus eigener Kraft noch durch eigenes Verdienst vermögen wir gerecht und selig zu werden, son­dern nur aus dem Glauben durch die Gnade Christi, welche unsere Rechtfertigung von ihrem ersten Anfang bis zu ihrer letzten Vollendung in uns wirkt. So hat es das Concil von Trient klar und unzweideutig ausgesprochen mit den Worten: „Durch den Glauben werden wir ge­rechtfertigt, weil der Glaube der Anfang des menschlichen Heiles ist, die Grundlage und Wurzel aller Rechtfertigung, ohne welchen es unmöglich ist, Gott zu gefallen und zur Gemeinschaft der Kinder Gottes zu gelangen, aus Gnade aber werden wir gerechtfertigt, weil durch nichts von dem,

was der Rechtfertigung vorhergeht, weder durch den Glauben noch die Werke die Rechtfertigung verdient wer­den kann."

Wohl lehrt die katholische Kirche mit der hl. Schrift und mit der Ueberlieferunj, daß der Gerechtfertigte durch gute Werke Vermehrung der Gnade und himmlischen Lohn verdiene; sie ist jedoch west davon entfernt, das Verdienst und die Gnade Christi herabzumindern und unchristliche Hoffart und Selbstgerechtigkeit zu fördern, vielmehr schreibt sie alle Ehre Gott und Christus allein zu, da all' unser Verdienst auf das Verdienst Christi sich gründet: denn nur dann, wenn wir mit Christus wie der Rebzweig mit dem Weinstock verbunden sind, und nur in Kraft feiner Gnade vermögen wir verdienstliche Handlungen zu wirken, denen Gott aus reiner Gnade himmlischen Lohn ver­sprochen hat. Auch hierüber hat das Concil von Trient sich mit höchster Klarheit ausgesprochen: „Obwohl, so agt es, in der hl. Schrift den guten Werken eine so hohe Bedeutung zugeschrieben wird, daß nach Christi Ver­heißung selbst demjenigen sein Lohn nicht fehlen wird, der einem feiner geringsten Mitmenschen nur einen Trunk kalten Wassers reicht, und daß nach dem Zeugnisse des Apostels die geringen und schnell vorübergehenden Trüb- sale des gegenwärtigen Lebens durch eine überschweng­liche eckige Herrlichkeit vergolten werden, so sei doch ferne von uns, daß der Christ auf sich selbst vertraue oder sich sein-r selbst rühme, und nicht vielmehr im Herrn, dessen ®üte gegen die Menschen fo groß ist, daß er dasjenige, was fein Geschenk ist, als ihr Verdienst gelten lassen will." Unb an einem anderen Orte sagt dasselbe allgemeine Concil: „Wir vermögen nichts aus unS selbst, alles aber in Dem, der uns stärkt. Deswegen hat der Mensch keine Ursache sich zu rühmen: denn all' unser Ruhm ist in Christus, in welchem wir leben, in welchem wir verdienen, in welchem wir genugthun, in dem wir würdige Früchte der Buße bringen, die von ihm ihre Kraft haben, von ihm dem Vater dargebracht und um seinetwillen vom Baler angenommen werden." Allerdings lehrt die katho­lische Kirche, daß durch den Sündenfall der Mensch zwar die ursprüngliche Gerechtigkeit mit ihren übernatürlichen Gaben gänzlich verloren, nicht aber auch bie natürliche Vernunft und Willensfreiheit eingebüßt habe, obgleich dieselbe geschwächt und durch die Entfesselung der Be­gierlichkeit zum Bösen geneigt wurde; sie schreibt aber deßhalb dem sich selbst überlassenen freien Willen keine Kraft zu, wodurch die Nothwendizkeit der Gnade Christi irgendwie herabgemindert würde; denn sie bekennt, daß der freie Wille, wenn er nicht durch christliche Gnade er­leuchtet, gestärkt, bewegt und erhoben ist, nichts wahrhaft Heilsames wollen und vollbringen, ja selbst da« natür­liche Sittengesetz weder leicht noch vollständig erfüllen kann.

Ferner müssen wir die Behauptung zurückweisen, daß die katholische Lehre vom hl. Meßopfer die allgenügende Kraft des Kreuzesopfers Christi leugne oder irgendwie in den Schatten stelle.

Die katholische Kirche lehrt, daß das hl. Meßopfer nichts anderes ist, als die sakramentale und gottesdienst­liche Feier dieses einen welterlösenden Opfers, durch welches wir dem Befehle Christi nachkommen: „Thut dieses zu meinem Andenken," und nach des Apostels Wort „den Tod des Herrn verkünden, bis er wieder- kommt", jenes „reine Speiseopfer" Christi, des ewigen „Priesters nach der Ordnung MelchisedechS," das wir auf der ganzen Erde zur Ehre Gottes barbringen. Wie könnte hiernach bas Kreuzesopfer burch das hl. Meßopfer beein­trächtigt werben, da jeder katholische Christ glaubt und weiß, daß er durch dasselbe mit dem Kreuzesopfer in die innigste Gemeinschaft tritt, und daß alle Gnaden, die er durch Theilnahme an demselben und insbesondere durch die hl. Kommunion empfängt, ganz nnd allein aus dem Kceuzesopfer entspringen, mit dem dieses sakramentale Opfer em und dasselbe Opfer ist, ohne demselben das Mindeste zu entziehen ober hinzuzufügen. So wenig Christus selbst fein welierlösenbes Opfer, bas er in der Fülle der Zeit ein für alle Mal am Kreuze vollbracht hat (Hcbr. 7, 29; 9, 26.), dadurch entkräftet, daß er das­selbe als unser Mittler alle Zeit vor dem Throne Gottes geltend macht (Hebr. 7, 25.), ebensowenig beeinträchtigen wir jene« Opfer, wenn wir in der von Christus ange- orbneten Feier des allerheiligsten Geheimnisses des Altares durch diesen unfern Heiland hintreten zum Gnadenthron der ewigen Erbarmung.

Eine weitere Anklage, die wir zurückweisen, geht dahin, daß die katholische Kirche durch ihre Lehre von der Sünden­vergebung in der Beichte und von dem Ablässe den Ernst christlicher Buße zerstöre und wahre Herzensbefferung hindere.

Die katholische Kirche lehrt auf Grund des klaren Schriftwortes unb mit bem ganzen christlichen Alterihum, daß bet Priester die Vollmacht habe von Sünden loszu- fprechen, daß Christus, der allem aus seiner göttlichen Macht unb in Kraft feiner unenblichen Verdienste Sün­den vergeben kann, feinen Aposteln unb ihren Nachfolgern die Vollmacht, in feinem Namen Sünben zu vergeben mit den Worten übertragen hat: „Welchen ihr die Sünden Nachlassen werdet, denen find sie nachgelassen, unb welchen ihr sie behalten werdet, denen sind sie behalten ;" daß das B-kenntniß der Sünde vor bem Stellvertreter Christi im Bußgerichte aus ber Einsetzung Christi der Natur der Sache nach mit Nothwendigkeit folgt.