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M 217.

Samstag, den 21. September

1889

Zeitung

Erstes Blatt

*) Nachdruck nicht gestattet.

das kommende Jahr den Anfang einer furchtbaren Tragödie bilden, deren Ende nicht abzusehen. Die ernst« Warnung und Mahnung ist ausgGrochen, möge ste gehört und befolgt werden, ehe es 'zn spät »st und alle Reue nichts mehr fruchtet!

Die Koalitionsfreiheit und der in Aussicht genommene Weltstrike der Arbeiter.*)

| unter der ste zu Grunde gehen müssen. Den kom­menden Dingen daher mit größter Seelenruhe entgegensetzen zu wollen, heißt blind in's Verderben rennen. Noch nie ist es fo dringend nothwendiz geworden, daß fich das Kapital angelegentlich sein laste, die Lage der Arbeiter, die theilweise eine himmelschreiende ist, zu verbessern, denn was bevorsteht, ist ein Kampf auf Leben und Tod, ein Kampf der Verzweiflung. Statt sich also mit der Einschränkung oder völligen Aufheb­ung der Koalitionsfreiheit der Arbeiter zu be- bcschästigen, wäre es entschieden richtiger, den For­derungen derselben Aufmerksamkeit und Gehör zu schenken, und sie soviel wie thunlich zu erfüllen. Das Abwarten und da» Stützen auf die Militär­macht kann sehr leicht zum Verderben führen. Ein sozialdemokratischer Ägitator hat einmal in einer Arbeiterversammlung gesagt: „Wir (die Sozial- demckraten) rechnen mit der Militärmacht und die allgemeine Wehrpflicht kommt uns zu gute, wenn uns das Kapital einmal zum Gewaltkampfe drän- gen sollte." Da« Wort ist deutlich. Die trotz de« Ausnahmegesitzes in Folge der traurigen Zeitver- hältnisss immer mehr erstarkte Sozialdemokratie fürchtet sich nicht nur nicht vor der Militärmacht, sondern sie baut sogar ihre Hoffnungen auf ste. Ste thut dies, weil der größte Theil derselben aus Mitgliedern des Arbeiterstandes besteht und weil

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Durch den Loßnkampf, den die Arbeiter in diesem Jahre an den verschiedenen Orten Deutsch, land« und dc« Auslandes ausgenommen, ist in einem Theil der Presse, die für den Moloch unse- rer Tage, das Kapital, eintritt, die Einschränkung der Koalitionsfreiheit als das wirksamste Mittel, einen großen, allgcmeinen Lohnkampf unmöglich zu machen, verlangt worden. Ob man zu dieser an sich ungerechten Maßregel gegen den vierten Stand greifen wird, läßt fich heute noch nicht sagen, daß man aber in den Arbeite, kreisen dar- i .... -----......- --

auf gefaßt ist, ja dieselbe theilweise schon als °ie sozialdemokratischen Ideen - was wir sehr Thatsache betrachtet, muß man annehmen, wenn “ -------- '

man die Zeichen, die sich allenthalben bemerkbar machen, richtig deutet. Die Arbeiter find von dem, was ihnen droht, genau unterrichtet, und auch entschlossen, für den Fall, daß die Koalitionr- fteiheit eingeschränkt oder vernichtet werden sollte, diese Maßregel illusorisch zu machen. Die Be­wegung unter der nach Millionen zählenden Ar- beiterbevölkerung ist sozusagen eine allgemeine, die Arbeiter verlangen ihr Recht und wollen c«, wenn e» ihnen ander» nicht gewährt wird, durch eine internationale Arbeitseinstellung erzwingen. Die­lst das Grundprinzip, da« in den weitesten Ar- beiter kreisen vorherrscht, und um einen W-ltstrike auch dann möglich zu machen, wenn ihnen das Vercinigungsrecht genommen werden sollte, hat man jüngst in Wien die Parole au-gegeben, diesen Weltstrike im Mai nächsten Jahres zu inszeniren. Hierdurch hofft man, wie namentlich die der So- zialdemokratte anhängenden Arbeiter triumphirend ausrufcn, der Mocht de« Kapital« mit einem Schlage ein Ende zu machen. Schon heute drängen die Fahrer der Arbeiterparteien auf Organisation der Arbeiter, auf ihre Vorbereitung auf den Ter­min eine« allgemeinen Lohnkampfe«, genau wird dieser Termin bezeichnet, um für alle Fälle sicher zu gehen. Da« Wort fliegt von Mund zu Mund durch Europa und die Arbeiter suchen sich soviel wie möglich mit Mitteln zu versehen, an dem ent­scheidenden Kampfe thcilnrhmen zu können. Wir wollen im Interesse Aller, im Jntmffe der Auf­rechterhaltung der staatlichen Ordnung hoffen, daß der P'an, wie er jetzt in Vorbereitung ist, nicht zur Ausführung gelangt, denn die Folgen eine« iolchtn Weltstrike« der Arbeiter find unabsehbar, und ohne gerade ein Unglücksprophet sein zu wol­len, muß man nach Lage der Sache sagen, daß der internationale Strike sehr leicht den Anfang zu einer sozialen Weltrevolution bilden und au« dieser dann ebenso leicht eine allgemeine politische Umwälzung entstehen kann. Wenn die Arbeiter fich zu gemeinsamem Vorgehen vereinigen, dann werden ste ein« Macht bilden, gegen die da« Kapital und die besitzenden Kliffen keinen Wider­stand mehr leisten können, der sie sich fügen oder

| b> klagen — in gleicher Weise wie der Unglaube zugenommen und in die breiten Schichten de« Vol- ke« eingedrungen find. Alle Maßregeln, die man bisher gegen die Bestrebungen der Sozialdemokra- tie angewendet, haben in Wirklichkeit ihren Zweck verfehlt, die sozialdemokratische Weltanschauung hat an Ausdehnung gewonnen, und demjenigen, der die Dinge nicht durch eine gefärbte Brille betrach, tet, erscheint die» auch sehr natürlich. Wenn man, wie er bisher in geradezu unverantwortlichem Leichtsinn geschehen, auf der einen Seite Alles thut, um den Glauben in den Herzen zu vernichten, dem Materialismus zum Siege zu verhelfen, und auf der anderen Seite mit Gewalt die Früchts dieses I Beginnen« zu verhindern strebt, dann müssen solche Zustände nothwendigerweise zu Tage treten, wie wir ste kommen sehen. Die Geister, die man in fr«vlem Uebermuth gerufen, wird man nicht los, die Vernichtung der göttlichen Autorität muß die- jmige der weltlichen zur Folge haben. Wer keinen ewigen Richter fürchtet, wird sich auch vor dem zeitlichen nicht beugen. Man bat die Geister von den „F'sseln" des allmächtigen Gottes und seiner Kirche kefteit und darf sich nun nicht wundern, wenn die „modernen Sklaven" die Ketten zu zer- brechen streben, welche man ihnen geschmiedet hat. So liegen die Dinge in dem Augenblicke, in wel- chcm sich die verachteten Arbeiter-Bataillone zu einem Hauptschlage gegen ihre Unterdrücker rüsten. Wie sie fich weiter entwickeln werden, das zu er­kennen bedarf keine» allzu großen Scharffinnes. Ein welterschütternde« Drama wird die Folge sein, wenn nicht noch fitzt die maßgebenden Kreise in andere Bahnen, al« die bisher verfolgten, einlenken werden. Um die Welt vor dem drohenden Ver­derben zu bewahren, muß zunächst die Kirche völ­lige Freiheit im Handeln, in der Bekämpfung der Sozialdemokratie wiedergrgeben werden, dann aber gilt e«, einen wirksamen Arbeitsschutz zu schaffen, die Löhne aufzubeffern und andere sozialreforma­torische, nothwendige Pläne nicht als Ideen exi- stiren, sondern zu Thaten werden zu lassen. Die heutige Gesellschaft trägt da« Mene Thekel an der Stirne und e« ist nur zu beseitigen, wenn dem Volke die Religion wiedergrgeben und die berech­tigten Forderungen der Arbeiter so schnell wie möglich erfüllt werden. Im anderen Falle dürste

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Deutsches Reich.

Berlin, 20. September.

'Die kirchenpolitische L a g e hat fich,'jetzt vollständig dahin geklärt, daß wir im zweiten Abschnitte des Kulturkampfes stehen, in dem die Katholiken, weil er zum Theil ein „schleichender" ist und die Gegner manche Fehler von früher vermeiden, noch mehr Aufmerksamkeit bedürfen, als im ersten Theile des Kulturkampfes, dem Kampf mit offener Gewalt. Der jetzige Abschnitt des Kulturkampfes hat eine doppelte Seite. Es sind eine «theil« Hetzereien gegen Katholizismus und Katholiken seitens aller Richtungen de« Prote­stantismus, fetten» der mittelparteilichen Liberalen und eines Theile» auch der Link-liberalen, Hetze­reien, von denen Dr. Jörg neulich in den .Historisch-politischen Blättern' mit Recht meinte, ste nähmen einen Charakter an, daß man glauben könnte, man stände am Vorabende de» dreißig­jährigen Kriege». Und die Organe der Regierungen stehen diesen Hetzereien mindesten» stumm, oft sogar mit sehr wohlwollenden Blicken gegenüber, während sie die katholischen Regungen, wo diese auf noch so gerechte Forderungen hinauslaufen, sofort al» Friedensstörung bezeichnen. Bedenkt man nun, daß Fürst Bismarck in einer feiner Reden zu den neuesten preußischen Ktrchengesetzen sagte, der Kampf müsse schon drßhalb von ihm aufgegeben werden, weil er ohne eine feste Mehr­heit fich nicht führen lasse, dann drängt sich geradezu die Meinung auf, daß die Urheber und Macher jener Hetzereien hierdurch diese Mehrheit im protestantischen Volke zu schaffen suchen. Jeden­falls aber sind die Hetzereien schon jetzt vielfach eine Gefahr für den Frieden unter den Kon­fessionen, schädigen die privaten Beziehungen u. s. w. Die zweite Seite de« jetzigen Abschnitte« des Kulturkampfes ist die Haltung der Regierun­gen. In Preußen, Baden und Hessen, den drei Ländern de« offenen gewaltthätigen Kultur­kampf« in den siedenziger Jahren, ist bis jetzt nur das Allernothwenoigste auf dem Gebiete der Kirche gebessert worden, viele« Nothwendige, darüber find Papst, Bischöfe, Priester und Laten einig, steht noch aus. Aber die Regierungen er­klären den Zugang zum Frieden für den vollen Frieden, und ihre Organe klagen Jeden al« Un­ruhestifter an, der jetzt diese kirchlichen Fragen nicht versumpfen lassen will. Auf dem Gebiets der Schute aber ist rechtlich noch gar Nicht« und thatsächlich zu wenig zur Wiedereinsetzung der Kirche in ihre unveräußerliche Stellung gethan worden, und auch da sollen, unter Strafe der Reich«- und Staatsfeindschaft, die Katholiken nicht« mehr fordern dürfen. Die noch bestehenden Staats­rechte über Kirche und Schule aber würden längst ausreichen, das ursprüngliche Ziel de« Kultur­kampfes zwar nur allmälig, nicht mit einem Schlage, aber doch vollständig zu erreichen. In Bayern hat Papst Leo XIII. direkt eingegriffen. Die Verwerthung der „vollkommenen Befriedigung" zwang ihn dazu. Die Pfälzer Katholiken haben in diesem Jahre auf ihrem großen Neustadter Tage die Führung übernommen, die dann in den Tagen von Bochum, Köln, Freiburg und Leob- schütz fich fortsetzte und in dem Münchener Katholikentage den würdigen Abschluß finden wird. Und dann beginnt auf der ganzen Linie die gesetzgeberische Arbeit, sie wird noch harte