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jK 215. Donnerstag, den 19. September. 1889

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X Zur Katholiken-Versammlung in Bochum.

V.

(Schluß.)

Auf Mittwoch, den 28. v. Mts., dem dritten Tage der Generalversammlung, Nachmittags 2 Uhr, war die Versammlung der Lehrer behufs Bildung eine» allgemeinen deutschen Leh« rer»Vereins im Stadttheater anderaumt. Es ist das ein schöner, geräumiger Saal, der zur Ab­haltung der geschloffenen Generalversammlungen und ähnlichen Zwecken, z. B. zur Abhaltung des Kommerse» der kathol. Studentenvereine, sowie der Lehrerversammlung genügsamen Platz darge­boten hat. Der Saal hatte sich schon längst ge- füllt, al» Herr Rektor Brücks von Bochum auf der Rednertribüne erschien und die Mtttheilung machte, Se. Exzellenz Herr Dr. Windthorst habe die Zusage gemacht, auf der Versammlung zu er­scheinen, war begeisterte Hoch» hervorrief; ließe zugleich aber auch ersuchen, eine halbe Stunde oder auch einige Minuten darüber mit der Eröff­nung der Versammlung zu warten, weil er der ganzen Verhandlung beizuwohnen wünsche. Herr Rektor Brücks erschien vor Eröffnung der Ver­sammlung noch zum zweiten Male auf der Tri­büne und bemerkte, e» seien nur katholische Lehrer und Geistliche zur Versammlung geladen, e» hätten sich aber auch Angehörige anderer Slände, insbe­sondere protestantische Lehrer eingesunden; er er­suche dieselben, sich zu entfernen, weil die« behufs der während der Versammlungen vorzunehmenden Abstimmung unbedingt nothwendig sei. Ob dieser Aufforderung stattgegeben wurde, konnten wir nicht konstatiren. Nachdem Herr Dr. Windthorst er­schienen war, selbstverständlichst auf das Freudigste begrüßt, wurde die Versammlung von Herrn Rek­tor Brück« eröffnet und vor Allem da» Präsidium konstituirt, wozu auf Vorschlag de» Herrn Brück» die sämmtlichen Mitglieder dr» vorbereitenden Comitv's mittelst Akklamation gewählt wurden. Nunmehr legte Rektor Brücks in fließender Rede den Zweck der Versammlung dar und stellte dann die Frage, ob die Versammlung einverstanden sei, einen allgemeinen katholischen Lehrer-Verein für ganz Deutschland mit rein konfesstoneller Grund­lage zu gründen. Die ganze Versammlung bejahte die Frage mittelst Aushebung der rechten Hand, und lieferte auch die angestellte Gegenprobe das­selbe Resultat. Darauf ging der Voi fitzende daran, die von dem vorbereitenden Cornitö entworfenen Statuten bekannt zu geben und dieselben mit er­läuternden Bemerkungen zn begleiten. Sodann stellte er die zweite Frage, ob dieser Verein auf Grund eben dieser Statuten gegründet werden solle, nachdem er zuvor die dringende Bitte gestellt hatte, diese Frage ebenso einmüthig wie die erste zu bejahen, was gleichfalls mittelst Probe und Gegenprobe geschah. Jetzt betrat unter brausen­dem Applaus Se. Exzellenz Herr Dr. Windthorst die Rednerbühne. E« erscheint uns durchau« üb«, flüssig, die Rede deffelben, sowie die vorau«gegan- gene de» Herrn Brück» auch nur in kurzem Aus- rüge wiederzugeben, indem die ,Fuld. Ztg.' in Nr. 199 vom Samstag den 31. vor. Mt«. ein aus­führliche» Referat über beide Reden gegeben hat. In demselben Augenblicke aber, als Herr Dr. Windthorst unter brausendem Beifall seine Rede geschloffen hatte, erhoben stch iämmtliche Mitglie­der der Versammlung und schickten stch an, den zu verlosten, indem e» schon 4 Uhr gewor­den, die Eröffnung der dritten öffentlichen Gene­ralversammlung im Schützenhofe aber wegen de« stch unmittelbar daran anschließenden Volksfeste» im Stadtparke, nicht wie am Montag und Diens­

tag auf 5 Uhr, sondern bereits auf 4 Uhr Nach­mittag» angesetzt war. Vom Stadttheater bi» zum Schützenhofe war aber mindesten» eineWegerstcccke von 25 Minuten. Eben deßhalb gelangte auch die Lehrerversammlung zu keinem formellen Ab­schluß. Der Herr Vor fitzende näherte stch zwar der Tribüne und schien nochmals zur Versamm­lung sprechen zu wollen, konnte aber nicht mehr zu Worte kommen. Möge nur dieser Mangel eines formellen Abschluffes der Lehrerversammlung kein böse» Omen für den schließlichen Ausgang der ganzen Sache selber sein! Wae uns Beden­ken macht, ist der Umstand, daß der zweite der beiden Gesichtspunkte, von welchem stch nach der Darlegung des Vorfitzenden die vorbereitende Kom­mission bei Ausarbeitung der Statuten habe leiten lassen, nämlich: „1) Der Verband muß auf katho­lischem Boden stehen, stch der katholischen Kirche anschließen; 2) dessen ungeachtet muß er seine volle Unabhängigkeit wahren", keine nähere Präzi- strung erfuhr. E» will uns scheinen, al» ob auch Se Azellenz die» gefühlt habe, indem er wieder­holt auf da» Schärfste betonte, daß der projektirte Verband nur im engsten Anschluffe an die Kirche gedeihen könne. Se. Exzellenz sagte in der Schluß­rede am Donnerstag, worin er die römische und die Schulftage al» die brennendsten Fragen der Gegenwart bezeichnete, daß nach seinem Dafür­halten die Lösung der Schulfrage zum mindesten einen Zeitraum von 25 Jahren erfordere. Se. Exzellenz wird bei dem hohen Alter, da» er bereit« erreicht hat, die« wohl nicht mehr erleben. Ein­sender dieses steht jetzt im 61. Lebensjahre, und glaubt auch bei seiner genauen Kenntniß der der- maligen Richtung eine« großen Theile« der katho­lischen Lehrerwelt e» nicht mehr zu erleben, daß der in Bochum projektirte Verband katholischer Lehrer sich über ganz Preußen, geschweige über ganz Deutschland verbreiten werde. Unter allen Umständen mußte nach unserer Ansicht die vorbe­haltene „volle Unabhängigkett" näher präzisirt wer­den, wenn auch der enge Anschluß an die Kirche genugsam betont war. Immerhin ist e» höchst er­freulich, daß eine so große Anzahl von Lehrern bei dieser Gelegenheit ihrer kirchlichen Gesinnung Ausdruck gegeben hat. Unmittelbar hinter uns, was wir nicht unterlaffen wollen, zu berichten, gingen auf dem Wege vom Stadttheater zum Schützenhofs zwei Lehrer mit einander, die sich gleichfall« ihre erheblichen Zweifel an dem baldigen völligen Gelingen der Sache gegenseitig nicht ver­hehlen konnten.

Al» wir nach Beendigung der Lehrervrrfamm- lung den Schützenhof erreicht hatten, war der Saäl bereits so angefüllt, daß Viele wird« mit der Versicherung herauskamen, es fei unmöglich, mehr ein Plätzchen zu finden. Demungeachtet machten wir den Versuch, hineinzukommen und eroberten uns glücklicher Weise einen Stehplatz nächst der Thür. In Folge de» beständigen Hin­ein- und Hinausdrängen« herrschte hier beständige Unruhe; doch kam dem an der Saalthür stehen­den Auditorium der Umstand zu Gute, daß alle austretenden Redner gute Stimmorgane besaßen, demzufolge un« auch nicht ein einzige« Wort an« einer R-de verloren ging. Als erster Redner hat in der dritten öffentlichen Versammlung Herr Erzbischof Rhimani von Edeffa gesprochen, der sich der frauzöstschen Sprache bediente. Bevor der hochwürdigste Herr seine Rede begann, er­klärte der Präsident, erwerbe, da wohl nicht alle Zuhörer de» Französischen vollkommen mächtig seien, am Schluffe die Hauptgedanken, die der Herr Erzbischof entwickeln werde, in deutscher Sprache wiedergebm und verfolgte daher dm Vortrag derselben mit sichtlicher Aufmerksamkeit.

Da dieser aber von häufigem Beifall derEZuhörer begleitet war, glaubte der Herr Präsident am Schluffe der Rede von einer Verdeutschung der­selben Abstand nehmen zu können, und erwähnte nur der inständigen Bitte des Herrn Erzbischofs, recht eifrig für den Orient, der, obwohl er die Wiege de» Ehristenthums geroefen, jetzt unter heid­nischer Botmäßigkeit stünde, zu beten, damit er dem Christenthume zurückgewonnen werde; tauch habe der Herr Erzbischof zum treuen Festhalten am apostolischen Stuhle ermahnt, ber da« Fun­dament der Kirche sei.

Nun betrat Herr Hitze, Generalsekretär de» Verein» „Arbeiterwohl" und Mitglied de» deut­schen Reichstage» die Rednerbühne; wir sahen und hörten ihn hier zum ersten Male. Er ist ein noch ziemlich junger Geistlicher, schlankgewachsen und von guter Rednergabe. Er empfahl hauptsächlich seinen geistlichen Mitbrüdern die Gründung von Arbeitervereinen; e» sei dies ein ebenso segens­reiches, al« dankbares Stück Seelsorge, indem der Arbeiter, wenn er sehe, daß der Priester an seinem Wohl S'unb Wehe Antheil nehme, demselben ein offene», dankbare» Herz entgegenbringe. Den zweiten Redner de» Tage», Herrn Rechtsanwalt und Konststorialrath Dr. Porsch hatten wir schon in Münster sprechen hören; wir haben ihm schon damal» unsere volle Bewunderung gezollt. Diesmal aber, so müffen wir bekennen, hat Dr. Porsch stch selbst übertroffen', und mit wahrhaft hinreißender, zündender Beredsamkeit gesprochen. Ec haudette von der Lage der Kirche, und den daran« stch ergebenden Pflichten der Katholikm. Wir müffen, sagte er, an die Seite der verfolgte« und beschimpften Kirche treten und zeigen, daß e» eine Ehre ist, ihr anzugehören. Wir müffen den alten württembergischen Wahlspruch befolgen: Furchtlos und treu! „Ihr Katholiken Deutsch­lands", so schloß er, „bleibt stark in einträchtiger Liebe, furchtlos und treu, weiter für Gott und da« Vaterland!" Hatte Herr Hitze über Arbeiter­vereine gesprochen, so verbreitete sich nunmchr Herr Euler von Bensheim über die Handwerker­frage. Er bezeichnete sich wiederholt in seiner Rede al« Handwerkmeister, ohne aber näher zu be­zeichnen, welche« Handwerk er betreibe. Er wendete sich gegen die schrankenlose Gewerbefreiheit, die der Rain de« Handwerkerstandes sei, der doch den Grundstock der Gesellschaft bilde; diese schrankenlose Gewerbefreiheit habe dem Handwerke feinen früher sprichwörtlich gewordenen goldenen Boden genom­men. Der Blehl-Ackermann'sche Antrag, den Be- fähigungr-Nachwki« betreffend, dürfe nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden. Eine über­aus große Schädigung erleide der Handwerker­stand durch die Strafanstaltrarbeiten, wodurch der Staat selbst in Konkurrenz mit den Handwerkern trete. Em Hauptaugenmerk verdiene die Lehrling»- frage, damit wieder ein tüchtiger, ehrbarer Hand­werkerstand herangebildet werde. Herr Euler hat als Handwerkmnster mit derselben Bravour ge­sprochen, wie Han: Schornsteinfegermeister Metzner von Neustadt auf der Generalversammlung zu Münster im Jahre 1885. E« kann nur erfreulich fein, Mitglieder de« Handwerkerstand«» in so an­sehnlichen Ver ammlungen mit solcher Gewandt­heit die Jntereffen ihre» Stande« vertreten zu hören. Da die Zett schon vorgerückt und noch ein vierter, bezw' fünfter Redner vorgemerkt war, er­innerte der Präsident Herrn Euler zum Schluffe zu kommen, obgleich derselbe nicht länger und eben so gut, al« die Redner vor ihm gesprochen hatte. Jetzt erschien Herr Professor Dr. Schädler von Landau in der Pfalz auf der Rednerbühne, von dem wir bereit« erwähnt haben, daß er mit feinen Stimmmitteln eine noch weit größere Ver«