Samstag, den 14. September
JK 211.
1889
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Erstes Blatt.
xi Die Verwilderung der Jugend.*) Eine zeitgemäße Betrachtung.
„Jugend hat keine Tugend!" behauptete früher ein deutsche« Sprüchwort, heute aber redet man von der Verwilderung der Jugend, und leider nicht mit Unrecht, denn was man ßtzt tagtäglich über das Treiben der Heranwachsenden Jugend erfährt, ist nicht« Andere« fast al« Rohheit, Frechheit und Stttenlosigki.it. Sogenannte „lose Streiche" gehörten auch früher gerade nicht zu den Seltenheiten, aber sie waren doch noch immer verzeihlich, man konnte sie ter jugendlichen Sorglosigkeit, dem jugendlichen Muthwillen zu Gute halten. Allein die Thaten, welche jetzt von den in „freier Erziehung" aufwachsenden Mitgliedern „Jungdeutsch- landr" ausgeführt werden, müssen entschieden ernster genommen werden. Man sagt oft: „Es gibt krine Kinder mehr!" und der Ausspruch ist in vielen Fällen nur zu gerechtfertigt. Die unschuldigen Jugendspiele schwinden mehr und mehr und an ihre Stelle treten andere, besorgnißerregende „Beschäftigungen". So schwärmt ein großer Theil der Jugend für Abenteurer« und Schauergeschich- len, wie sie in Menge in den Schaukästen der Buchhandlungen rc. ausgelegt sind. In den jungen Köpfen entstehen allerlei phantastische Ideen, sie bestehlen ihre Eltern und Verwandten, kaufen sich Schußwaffen, Messer und Dolche und ziehen al« „Glückrjäger" auf Abenteuer au«. Man staunt darüber, wenn man häufig in den Zeitungen von jugendlichen Durchbrennern, Dieben und Verbrechern liest, und denkt nicht daran, daß den Keim dazu die sogenannten Jugendschriften gelegt. Gerade diese Jugendschriflen sind verderbliches Gift, und Eltern und Erzieher, ja auch die Behörden sollten denselben eine größere Aufmerksamkeit, al« die» vielfach geschieht, zuwenden. Die Kinder sollten sich in dieser Beziehung nicht selbst überlassen sein und nach ihrem Geschmack handeln. Auch die „Liebesverhältnisse", wie sie heute nicht selten Kinder anknüpfen, haben häufig ihren Grund in der Lektüre, welche dieselben pfl gen. Ferner tragen die öffentlichen Ausstellungen von Nuditäten jeder Art nicht wenig zur Entstttlichung der Jugend bei. Richt mehr blo« in den sogenannten „Kunst". Handlungen, sondern auch in Cigarrenläden und
*) Nachdruck nicht gestattet.
DihimdWer.
Novelle von I. v. Dirkink.
(11. Fortsetzung.)
Kasper knirscht mit den Zähnen, mit funkeln- dem Blick und dräuenden Fäusten schaut er um sich, und nun hallt hohl und dumpf ein schauer- sicher Lachen durch den Raum. Aber ar« ob nicht die eigene, sondern eine fremde Stimme den Ton hfryorgestoßen, zuckt Kasper jäh zusammen. Er faßt mit beiden Händen an seinen Kopf und ein Stöhnen bringt au« seiner Brust. War er nicht vielleicht schon wahnfinnig? O Gott, o Gott! welch' ein bkjammernswerthr« Loo« hatte er gezogen I Und Rose, und Georg, die Muhme--
Jetzt ringt er die bleichen harten Hände in stum- wer, verzweifelter Qual. Aber nach einiger Weile fährt er wie ein gereizter Löwe empor und mißt wit langen Schritten seinen Käfig. „Äug' um Auge, L»hn um Zahn! so steht er mit Flammenschrift ^gebrannt in seinem Herzen. —. Wehe Dir, »dlerwirth, wenn Deinem Feinde die Stunde der Erlösung schlägt, wenn da» Thor seine» Kerker» dch vor ihm öffnet. Aber mehr noch: wehe Dir, ^atper, wehe Dir selber. Denn du liebst Rose,
anderen Geschäften sieht man im offenen Schaufenster die skandalösesten Bilder, und Jungdeutschland fleht davor, betrachtet die Darstellungen, macht Bemerkungen, ein hoffnungsvolle» Pflänzchen klärt da» andere über Diese» und Jene» auf. Hierdurch wird Aergerniß über Aergerniß gegeben und da» Sittlichkeitsgefühl immer mehr vernichtet. Schließlich finden die „Kinder" gar nichts darin, an den verschiedensten Orten, an den Wänden der Häuser, ja sogar an den Portalen der — Kirchen obscöne Malereien anzubringen. Wie es später mit der moralischen Führung solcher Sprößlinge bestellt ist, bedarf keiner langen Auseinandersetzung. Die tägliche Erfahrung zeigt das am besten. Die Zahl der unehelich von jugendlichen Personen geborenen Kinder, die Zunahme der Srttlichkütrver- brechen liefern den Beweis.
Aber diese Erscheinung tritt nicht nur, wie gewisse Leute so gerne behaupten, bei den Kindern der Arbeiterbevölkerung zu Tage, wir finden fie in demselben Maße auch bei den Kindern der „besseren" Stände und wohl dort ganz besonder« deßhalb, weil die Erziehung derselben vielfach keine auf streng christlicher Grundlage beruhende mehr ist. Die Religiösttät hat man bei Seite geschoben, und statt die „liebe Jugend" im Glauben und in der Tugend durch Wort und Beispiel zu erziehen, wendet man seine Aufmerksamkeit der „wissenschaftlichen" Ausbildung der Kinder zu. Man hält es für bigott und dem Zeitgeiste nicht mehr äuge paßt, Söhnchen und Töchterchen täglich zur Kirche zu schicken, mit ihnen gemeinsam zu beten und erachtet c« der ^Bildung" mehr zum Bortheil gereichend, die jungen „Herrchen" und angehenden „Fräuleins", welche da» Gymnafium und die höhere Töchterschule besuchen, recht fleißig in'» Theater und zu Corcerten zu führen. Da wird ihnen der nöthrge „Schliff" beigebracht. In den „höheren" Schulen aber huldigt man freien Anschauungen, Lehrer und Lehrerinnen, welche den Glauben al» „unnützen Ballast" über Bord geworfen haben, ertheilen dort nicht selten den Unterricht, einen Unterricht, der die Zöglinge dem Atheismus und Materialismus in die Arme führt. Oder ist es nicht bezeichnend für ein humanistisches Gymnafium, wenn dort sämmtliche Primaner ungläubig sind, wie mich jüngst ein junger Herr mit großer Genugthuung versicherte. Derselbe junge Herr, der j< tzt 23 Jahre zählt, hat sich dem Lehrfach gewidmet und absolvirt z. Z. ein Probejahr an einem au«-
Georg, die Muhme — Deine That reißt fie mit hinein in den Abgrund.
Am folgenden Tage marschtrten die Gefangenen unter der Führung eine« Aufseher« paarweise über die belebtesten Straßen der Stadt nach dem Ufer de« Strome«, um sich zum Nutzen der Anstalt an dm Dammarbeiten zu betheiligen. Die Augen gesenkt, stumpf und schweigsam, so schritt Kasper in den Reihen der Genlsssn. Auch er trug den grauen Kittel, die Zuchthausuniform, auch sein Kopf ist kahl geschoren — und mit einem Mal erwacht die Sä am in ihm mit Allgewalt; er hätte sich in den Boden verkriechen mögen. Und wie mit Blut übergossen steht er da uud regiert den Spaten mit gepreßten Lippe« und bebenden Fäusten, al« halte er da« Mordwerkzeug in der Hand, e« in die Brust feine« Feinde« bohrend. Er wühlt tief in den Boden, und stößt und peitscht da« steinige Ufergeröll wie ein Rasender, denn der äußere Fleiß ist'der Ableiter für die innere, beständig nagende Seelen pein.
Am Uferdamm, wo die Sträflinge arbeiten, zieht fich eine Reihe Häuser entlang, saubere Häuser mit Schieferdächern und grüngestrichenen Thüren und Fensterläden.
gesprochen — katholischen Gymnasium. Ist da» nicht entsetzlich, daß solche Leute sogar in katholische Lehranstalten geschickt werden, um die Jugend die katholische Jugend zu erziehen, daß man Personen, die dem krassesten Materialismus huldigen, katholische Kinder anvertraut? Und solche Fälle find keineswegs vereinzelt. Die Mehrzahl der jungen Gelehrten hat auf den Universttäten da« Glft des modernen Unglaubens in fich ausgenommen und ihre Aufgabe ist c« nun, diese« Gift möglichst zu verbreiten. Ihre größte „Weisheit" besteht darin, den Genuß de« Lebens zu predigen, da« Heiligste zu verspotten und lächerlich zu machen. Und die ausgestreute Saat trägt reichliche Früchte. Die Jugend verliert den Glauben und schreckt — wenn sie nicht ander« kann — selbst vor Sakrilegien nicht zurück. Der Eigendünkel, der falsche Ehrbegriff und die Genußsucht werden gefördert, und so ist es keineswegs etn Wunder, wenn die Zöglinge solcher Lehranstalten sobald nicht mehr alles nach Wunsch geht, dazu kommen, sich selbst zu morden, ins „Urnichtr" zu befördern. Was die moderne „Erziehung" in den Schulen noch etwa versäumen sollte, da« besorgt da» Beispiel im elterlichen Hause. Da wird bie Bildung vollendet, und wenn da» große Werk gelungen, der Herr Sohn und da» Fräulein Tochter vielleicht so gut Lehre angenommen, daß sie sogar die Eltern an „modernen Tugenden" noch Übertreffen, dann wundert man sich, wie die Kinder so wenig Achtung vor der Autorität der Eltern haben, wie fie jede» bessern Gefühle» entbehren, nur Sinn für Geld, Luxus und Genuß bekunden.
Die Hauptursache der Verwilderung der Jugend ist und bleibt die Erziehung in den Schulen. Ausgesprochen konfessionslose Lehrer stoßen freilich noch auf Schwierigkeiten, wenn sie sich um eine Anstellung im Staatsdienste bewerben, aber die Zahl jener Lehrer, die zum Schein einem religiösen Bekenntnisse angehören und ihre freigeistigen Ideen auf die Schüler übertragen, ist eine schr große. Ich kenne Volksschullehrer, welche vollständig dem Atheismus und Materialiusmu» verfallen sind, aber trotzdem als Christen figuriren und sogar Religionsunterricht erthsilen. Ich weiß, es ist eine schwere Anklage, die ich damit erhebe, allein fie ist keineswegs unberechtigt, da» Gift der „Auf- kläiung" ist auch in die Lehrerkceifs gedrungen, und die Saat, die jene atheistischen Lchrpersonen aurstreuen, wird dem Staate und der menschlichen
Am hervorragendsten Hause zeigt fich, weit hinan» leuchtend, da» Am Hängeschild eine» Gasthofe« ; der Menschenstrom, der hier zusammen flucht«, hemmte fast den Straßenvelkehr. Dieser Schank- wirthschaft entstammte die selige Adlerin. Eine ledige Schwester derselben hatte Rose und ihr Pathchen zu sich eingeladen.
Es lag etwas wie eine Verschwörung in der Luft, wie eine harmlose Verschwörung, deren Endziel lauter Glück und Freude Hervorrufen mußte.
Wer jedoch fälschend in da« bleiche Anllitz der schwarz gekleideten Frau gesehen hätte, die einsam in einem Winkel mit dem Ausblick auf dm Strom am Fenster saß, der hätte wahrlich nicht an Glück und Freude denken mögen.
Rose war e«, die Trauerkleidung galt der Muhme. Bor acht Tagen hatte Boteniiese die müden Augen für immer geschloffen; ihr letzte» Wort war „Kakper" gewesen.
„Gehe hin zu ihm, Rose", hatte fie gestammelt, und brüig ihm meine letzten Grüß-. Er soll und darf nicht verzweifeln, Dein Geld ist an allem schuld, da« leivige Geld. Ich habe in fein Herz gesehen, damals an jenem Nachmittag, al« wir zum ersten und zum letzten Male wieder zusammen