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jK 210. Freitag, den 13. September. 1889

Mier W 3eifng.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen Vierteljährlicher Äöonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld ~ mit der belletristischen Wochenbrilage ^Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

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*_3ft einelThenerung inKSicht? “äßen« man den Schilderungen und Prophe­zeiungen freihändlerischer und fozialdemokrattscher Blätter glauben wollte, müßte man diese Frage bejahen. Allein wenn man auch nicht soweit geht, von einer drohenden Theucrung zu reden, so läßt sich doch nicht in Abrede stellen, daß sich auf dem Markte der Lebensbedürfnisse Erscheinungen vollziehen, welche die ernsteste Aufmerksamkeit ver­dienen. Fleisch, Brod, Milch, Butter und Kohlen, also alle diejenigen Gegenstände, welche die noth- wendigsten Bedürfnisie unseres Volkes darstellen, weisen eine steigende Preisbewegung auf, die um so bedenklicher ist, als sie sich gerade in den ärmeren Gegenden, d. h. im Osten, fühlbar macht. Dazu kommt, daß diese Bewegung anscheinend Hren Abschluß noch nicht gefunden hat und deß- halb in weiteren Kreisen begreifliche Beunruhigung hervorruft. Die Freihändler und noch mehr die Sozialdemokraten find schnell bei der Hand, diese Erscheinung zu ihren Gunsten aurzubeuten, die Begehrlichkeit der Agrarier" für Alles verant­wortlich zu machen und die Unzufriedenheit zu schüren. Wie so oft, so Mrd auch hier das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Sehen wir näher zu, so werden wir finden, daß drei Umstände bet der Preisbewegung in Betracht kommen: die Lohn­bewegung des vergangenen Sommers, der Ernte-Ausfall und da» Sch we.ineeinfp.hr- Verbot.

Die Bestrebungen der Arbeiter zur Aufbeflerung ihrer Lebenslage haben den Unternehmern Gele­genheit gegeben, den vorübergehenden Ausnahme- Zustand zu dauernden Vorthcilen für fich auszu- nutzen. Das zeigt sich insbesondere bei den Koh- lenhändlern. Obgleich die Folgen de« Bergarbeiter- Strike» längst soweit überwunden find, daß von einem Mangel an Brennmaterialien bei den Gruben selbst nicht die Rede ist, wird dem Publikum gegenüber noch immer unter dem Hinweis auf den längst verflossenen Kohlenmangel «in höherer Preis abgenommen. Es wird die» Manöver noch dadurch begünstigt, daß sich die Großhändler an manchen Orten, z. B. in Berlin, leider zu Vereinigungen zufammengethan haben, und daß fich bei der Eisen- bahn-Verwaltung ein erheblicher Wagenmangel be­merkbar macht, der cs der Konkurrenz erschwert,

DlhlMWN.

Novelle von I. v. D i r k i n k.

(10. Fortsetzung.).!

Er will zur Muhme. Einmal zuckt der Ge­danke an Flucht durch seinen Geist; allein, wie erbärmlich wäre da», welche Schande, der Sohn eines alten Soldaten eine Memme?! Nein, und tausendmal nein! Wer gesündigt hat, muß büßen. War e» nicht sein Schicksal, da» ihn mit Gewalt über den Ozean hergezogen hatte?! Aber Rose, Georg, wie schrecklich sür Beide, wenn der Wirth tödtlich verletzt war. Stand ihm, seinem Mörder, dann nicht da» Zuchthau» bevor?! —

Die Muhme fuhr bei seinem entstellten Anblick Äschrocken in die Höhe.

„War ist mit Dir, Kasper, wo» ist Dir ge- schehen? Du siehst au» wie ein Geist, setze Dich."

„Gebt mir ein Glas Waffer, Muhme, die Zunge klebt mir am Gaumen!" rief er, fich den kalten Schweiß von der Stirn reibend.

Nach und nach erzählte er ihr Alles, bis ihn fin Tumult draußen emporscheucht.

„Dar find die Häscher!"

„Halte guten Muth, mein Junge," mahnt die Alte zuverfichtlich. - „Es war Nothwehr, das

schnell größere Mengen von Kohlen herbeizuschaffen. Ebenso liegen die Dinge im Ääckergewerbe. Der Bäckerstrike hat z. B. in Berlin den Meistern Ge­legenheit gegeben, die sogen. „Zugabe" in Fortfall zu bringen und da» Gewicht der Backwaaren be­trächtlich herabzusetzen. Daß der Strike der Ge­sellen gänzlich mißlungen ist, ändert an dieser Thal« fache nicht». Wo kein Strike stattgefunden, muß der Ernte-Ausfall herhalten, obgleich derselbe kei­neswegs so ungünstig ist, um eine so beträchtliche Verminderung des Brodgewicht», wie fi« z. B. in Berlin eingetreten ist, zu rechtfeckigcn.

Etwas Andere« ist es mit den Fleischpreisen. Auch hier gilt allerdings der Satz, daß eine Preis­steigerung nach unten zu so anschwillt, daß sie den kleinen Konsumenten gegenüber durch die ursprüng­liche Veranlassung eigentlich nicht gerechtfertigt werden kann. Allein hier gibt es doch für den plötzlichen Preisaufschlag einen bestimmten und noch jetzt wirkende Grund, da» ist das Schweineein­fuhr-Verbot. Die Regierung hat, nachdem schon seit 1880 die Einfuhr amerikanischen Schweine­fleisches aus gefundheitspolizeilichen Gründen un­tersagt ist, nun auch den Schweinen aus Orster- reich-Ungarn und Rußland den Weg verlegt mit Berufung auf die dort herrschenden Viehseuchen. Ob die Seuchen aber wirklich einen so großen Um­fang erreicht haben, um ein allgemeine» Verbot zu rechtfertigen, erscheint uns noch nicht ausgemacht, zumal die Regierung fich durch die Mißstände, welche fich bei der armen Grenzbevölkerung her- ausgestellt haben, selbst veranlaßt gesehen hat, nachträglich gewiffe Erleichterungen zu gestatten.

Es wird sorafältiger Prüfung bedürfen, um zu sehen, wie der Gefahr einer übermäßigen Vertheue- rung der nothwendigsten Lebensbedürfniffe de« Vol­kes abgeholfen oder vorgebeugt werden kann. Darüber darf man fich keiner Täuschung hingeben: gibt man den ärmeren Volkskreisen Anlaß zu Be­schwerden, die auch nur den Schein einer Berech­tigung haben, so ist da» Waffer auf die Mühle der Sozialdemokratie! — (Nasi. B.)

Deutsches Reich.

Berlin, 12. September.

• Die Berufung de» deutschen Reichstag« wird in diesem Jahre bekanntlich früher erfolgen werden die Herren vom Gericht einsehen, fie kön­nen Dir nichts machen."

Karper zuckte die Achseln; ihm war Alles gleich­gültig. Hätte er Rose nur noch einmal sprechen können. Vielleichttrieb da» Mileid mit dem Wirth fie jetzt erst recht in seine Arme — wenn er ge­noß — und wenn nicht, schied der Abscheu von seinem Mörder fie Beide auf ewig. Und er lachte bitter und laut. Richtig, da standen die Männer vor ihm, man kam, ihn zu verhaften. Willig folgt er. Die Alte aber rauft ihre grauen Haare und dräut mit der Faust hinter der abziehenden Schaar.

Scheltend, mit höchstem Kraftaufwand ihrer Lunge trommelte fie, auf der Schwelle hockend, einen Allarm auf der Straße herbei. Und mit gesträubten Haaren stürzt fich Faßan in den Men- schenknäuel, daß er flachend auseinanderstieb. Nur ein Schatten löst sich aus der Gruppe; laut schluchzend stürzt ein Knabe näher.

„Georg!" stöhnte die alte Frau auf der Schwelle und breitete ihre Arme nach ihm au». „Armer Junge, weine nicht so, Gott verläßt die Wittwen und Waisen nicht!"

Und laut aufschluchzend zieht fie ihn an fich, hinein in ihre Höhle, wo fich da, Unglück jetzt dauernd niedergelaffen hat.

al» sonst, da am 21. Februar 1890 die Legi« laturperiode abläust. Al« Tag de« Zusammen­tritt» de» Reichstags wird jetzt der 22. Oktober genannt. Trotz de« früheren Zusammentritt» wird die kommende Seffion nur eine kurze fein und demgemäß wird auch das zur Erledigung vor­zulegende Material auf das Nothwendigste ■ be­schränkt werden müssen. Festzustellen ist vor Allem der Reich»hau»halt»etat. Der Annahme, daß der­selbe hohe Neuforderungen für die Armee ent- enthalten werde, wird von unterrichteter Seite widersprochen. Dann ist in Bezug auf das Sozia­listengesetz Beschluß zu fassen. Ob über etaen Ersatz desselben durch Ergänzungen de« Straf- und Preßgesetzes eine Verständigung zu erzielen sein wird, steht dahin.

• Der Reichs- und Staatsanzeiger veröffent­licht die Verleihung de« rothen Adlerorden« 2. Klasse an den hochw. Bischof Dr. Drobe von Paderborn, sowie de« kgl. Kronenordens derselben Klasse an den hochw. Weihbischof und Dompropst Dr. Frensberg ebendaselbst.

* Auf dem Broich'schen Genoffenschafttplan hat Freiherr v. Schorlemer-Alst schon im Juni dieses Jahre« bei Gelegenheit der General­versammlung der ländlichen Centralkaffe hinge- gewiesen. Ec sagte damals laut dem Bericht im .Wests. Bauer': „Ich möchte übrigens bei dieser Gelegenheit auf eine Bewegung aufmerksam machen welche von Berlin ausgeht und, mit mächtigen Mitteln ausgerüstet, dm Spar- und Darlehens­kassen eine unbequeme — wenn auch nicht gefähr­liche — Konkurrenz zu bereiten droht. Dort soll nämlich eine große Kaffs errichtet werden, oder bereit» bestehen, welche ihre Fllialen an jedem Orte niederzusetzen beabstchtigt — also ganz in der Art unsere« Verbände», nur umgekehrt; erst die Centralstelle, dann die lokalen Kaffen — und durch scheinbare und vorläufige äußerst günstige Bedingungen die Landbewohner in ihr Netz zu locken versucht. Meine Herren passen Sie auf, wenn die Gefahr kommt, daß Nie­mand in diese Falle geht; bleiben Sie einig und stark gegen diese Versuchung I Er ist denn auch Niemand in die Falle gegangen.

» Die .Norddeutsche' macht heute in der Berg­arbeiterfrage ausnahmsweise einmal einen vernünftigen Vorschlag. Sie hebt hervor, daß

In dem Hofe einer norddeutschen Strafanstalt arbeitete, abgesondert von den übrigen Gefan- genen, ein hoher, rothhaariger Mann, befielt Aeußeres fich von den durchgehmd» gemeinen Er­scheinungen der übrige« Sträflinge vortheilhast abhob.

„Dohlenkarper" nanntm ihn die Genossen, die von dem seltsam verschlossenen Mensche« hartnäckig gemieden wurden.

Wie mancher Blick de» Hohne», wie mancher Spottpfeil au« der Gruppe der Mitgcfangenm zielte auf den Rothhaarigen hin, der in seinem Wesen etwa« Stolze», Hohsitsvolle« offenbarte. Und doch klebte Blut an seinen Hände«, denn hatte er nicht zwei Jahre Zuchthau» wegm vor­sätzlicher Tödtung zu verbüßen? Zwei Jahre an- statt lebenrlänglich, weil der Wirth seinen Wun­den nicht erlegm war. E» gab Leute in Dettingen die behaupteten, daß da» Strafmaß für die tat Jähzorn verübte That viel zu hoch gegriffen sei. Allein der Staatsanwalt, ein junger eifriger Be­amter, hatte ein Exempel statuirt wissen wollen, in einer Gegmd, in der die Msseraffatrev an der Tagesordnung warm und schon manche« jugend­liche Opfer gefordert hatten. Und nebenbei hatte Kasper»' Verhalten bei der Schwurgerichttver Handlung einen ungünstigen Eindruck auf die Ge