JE 207.
Dienstag, den 10. September
1889
Mikk N Wim«.
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Deutsches Reich.
Berlin, 9. September.
* Für kartellbrüderliche Kreditgenossenschaften wird von Berlin aus Pro- psganda gemacht. Unterreichnet ist da» betreffende Schreiben von einem Freiherrn v. Broich in Berlin, Geheimer Regierungsrath und vortragender Rath beim Staatsministerium! In welchem Maße der vortragende Herr Rath das Unternehmen zu einer besonderen Parteipolitik aurzu- nutzen versucht, geht au» folgender, in dem Rundschreiben enthaltenen Anweisung hervor: „Wo e» einem Vertrauensmann und Helfer schwer fallen sollte, die zur Konstituirung erforderlichen wenigen Personen zusammen zu bringen, da bitte ich, daß die Herren Vorsitzenden der regierungtfreundlichen Wahlvereine, die Herren Landräthe, Geistlichen und Lehrer zur Mitwirkung herangrzogen werden," Und in dem beigegebenen Wegweiser heißt e»: „Wie es in der Natur der Sache liegt, und ich in dem Druckblatt „Vereinbarung" besonders hervorgehoben habe, werden wir uns, was die politischen Gruppen betrifft, zunächst an die Mitglieder der Kartellparteien (konservative, freikonservative, nationalliberale) halten müffen." Aeußerst interessant ist, daß da» Cirkular auch die Frage erörtert: „Soll das sozialreformatorische Genossenschaftswesen auch in katholischen Gegenden eingeführt wer- dm?" Die Frage wird verneint da die Ultra- montanen die neuenchstnoffenschaften zu politischen Zwecken sich dienstbar machen. Dabei wird die Thätigkeit der von Katholiken gegründeten Bauernvereine, namentlich des westfälischen Bauernverein», in gehässigster Weise geschildert. Das Broich'sche Projekt imponirt aber selbst der,Nat.-Ztg.' nicht, welche schreibt: „Das sehr unklare Projekt, welches durch eine in den betreffenden Schriftstücken hervortretende Verquickung mit der „deutschen Adelsgenoffcnschaft" nicht sympathischer erscheint, ist offenbar ohne allen Erfolg geblieben; begreiflicherweise erregt aber der Umstand, daß es von einem aktiven Staatsbeamten ausging, Befremden". Und im Anschluß daran bemerkt die ,Rationalltb. Corr.': „Dieser Befremdm ist in nationalliberalen Kreisen um so größer, als die geheime Betreibung des Planes auf die Unter-
N«HMlK«SPN.
Novelle von I. v. Dir link.
(7. Fortsetzung.)
Da tönte ei» markiger Ruf durch'» Haus: ein dumpfer Aufschrei der Alten folgt, polternd fällt irden Geschirr zu Boden und kracht, in Scherben zersplitternd, auseinander. Rose zittert an allen Gliedern; aber süßschmerzliche Ahnung durchschaut rt sie. Lauschend finkt fie auf dm Bettrand hin, alle Stimmen ihrer Seele rufen Karpar! « ist da, Kaspar, Karpar I Ja, Niemand anders als Kasper ist gekommen.
Ihre Gedanken jagen wie Sturmvögel durcheinander; eine seltsame Bangigkeit schnürt ihr Plötzlich die Brust ein. Wie Bergerlast fällt ihr der Gedanke auf die Seele: war wird Kasper von der „reichen" Rose denken; verachten wird er fie, wenn er noch der alte ehrliche Junge ist, »er fie beim Abschied vor dem Sündengeld einer habsüchtigen Frau gewarnt hat. Aber wer weiß, 06 et noch denkt wie damals; dann — dann, Mht sich Rose unter Angst und Zagen, kehrt er
Qli Feind der Adlerwtrth» wieder; — doch Kinderpoffen; — lacht fie plötzlich, wie kann ich nur so albern sein und mir Grillen in den Kopf letzen. Die Vergangenheit ist lobt und begraben. H°rch, war sagt er wohl? O, er scheint sehr
stützung der „Kartellparteien" gestellt werden sollte. Die ans Licht gezogenen „vertraulichen" Schriftstücke lassen keinen Zweifel darüber, daß der enge hochkirchlich-feudale Zirkel, von dem die Idee ausging, sich der Unterstützung weiterer Kreise nicht anders als durch Verwischen seiner eigenen Spur versichern zu können glaubte.
* Vom Zarenbesuche am Berliner Hofe wird, wie aus Kopmhagen gemeldet wird, dort garnicht mehr gesprochen. Hier wird auf den Besuch gleichfalls nicht mehr gerechnet.
* Der Kaiser wird nach Beendigung der Ma- növer bei Dresden morgen Mittag 12 Uhr von Lomatsch aus nach Minden weiterreisen und Abends 7 Uhr dortselbst eintreffen. Am Abend um 9V2 Uhr wird die Bürgerschaft dem Kaiser durch einen Fackelzug und daran sich anschließenden Gesangrvortrag ihre Huldigung darbringen. Am Mittwoch den 11. dr. Mts. begibt sich der Kaiser nach dem Parad-platz, um da- selbst von 9 Uhr ab über die Truppen des 7. Armeekorps die Parade abzunehmen. Hieran schließt sich dann in der Aula des Gymnasiums großes Paradediner.
* Aus Zanzibar wird unter dem heutigen gemeldet, daß von deutscher Seite strenge Blo- kade gegen Saadani, wo nächstens ein Kampf erwartet wird, proklamirt worden ist. Der englische Konsularagent machte den indischen Kaufleuten jbekannt, daß e» den Dhows bei Strafe der Wegnahme verboten sei, nach Saadani zu fahren.
* Den Mitgliedern des Cäcjilien-Vereins und Freunden der Kirchenmusik diene zur Nachricht, daß am 10., 11. und 12. September zu Brixen in Tirol die 12. Generalversammlung des Vereins tagen wird. Dieselbe wird wegen der wichtigen Gegenstände, welche auf derselben zur Verhandlung kommen (Wahl des Generalpräses — Union mit kirchenmustkalischen Vereinen verschiedener Länder — Erlangung von Korpo- rationrrechten — Stellung zur „Scuolo Grego- riana" in Rom), eine der bedeutsamsten für den Verein werden. Die Ausführung des! kirchen- musikalischen Programms hat der dortige Domchor unter Leitung des rühmlichst bekannten hochw. Herrn Propstes und Domchordirektor» Mitterer
heiler. Ja, das ist sein alte« herzliches Lachen. — Auf den Fußspitzen gleitet fie an die Thüre und lugt durch den breiten Spalt im Holzwerk nach dem Fremden au». Sie fieht eine hohe Männergestalt mit einem bärtigen Geficht. Erhält den runden Hut in der Hand und fährt mit der schlanken Rechten über die gebräunte hohe Stirn. Neben ihm lehnt Georg und schau voll ehrerbietiger Verwunderung auf den stattlichen Bruder, der ihm offenbar al» ein Urbild der Schönheit erscheint. Rose thellt ganz seine Anstcht und kehrt an den Spiegel zurück. Sie legt ihr Staatskleid an, wie schön ihr dar steht; ob er es nicht auch finden wird? Unter diesen Gedarcken reißt sie die Kammer- thüre auf. Während fie zaudernd im Thürrahmen lehnt, webt der goldene Morgevstrahl eine Glorie um ihr rothblondes Haupt, ihr Anblick macht Ka»per sprachlos. Geschehen denn Wunder heutzutage?! Ist dieses herrliche Frauendild die schmächtige, häßliche Rose von ehemals? Sekunden lang wurzeln die Blicke der Beiden ineinander; ein tiefer Seufzer ringt fich aus Kasper» Brust. „Rose!" „Kasper!"
Sie stehen Hand in Hand, während jeder Blutstropfen au» dem Antlitz de» Münchens gewichen ist. Reue, Furcht, Scham erfüllen Rosens Herz und mischen sich in die Freude ihre» Wiedersehens. Sie wagt es nicht einmal, den Druck
unternommen. Wie wir hören, steht auchHaur Italien eine starke Betheiligung zu erwarten. Besondere» Interesse zeigt Sr. Eminenz Kardinal Dominikus Agostino, Patriarch von Venedig, der, wenn es ihm eben möglich ist, persönlich in Brixen erscheinen will. Der hohe Kirchenfürst gedenkt eine besondere Schule zu gründen, welche ähnliche Bestrebungen versolgen soll, wie der Cäcilienverein.
"In Hamburg nahm die Polizei 13 Sozialisten fest, welche im Freien eine Versammlung zur Berathung über Wahl-Propaganda abhielten.
• DerGesammtverein deutscher Geschicht»- und Alterthumsvereine wurde heute unter dem Vorsitze des Stadtrathr Friedel (Berlin) in M e tz eröffnet.
* Da» Programm der badischen Centrumspartei, wie e« auf der Landesversammlung in Freiburg angenommen worden ist, lautet:
1) Die Katholiken Badens haben in religiör-kirchlicher, politischer und sozialer Beziehung das gleiche Ziel und die gleiche Aufgabe wie die große Centrumspartei in Preußen und im Reiche. Als politische Partei führen sie deßhalb auch den Namen „Centrumspartei" und bekennen sich ohne Vorbehalt zu den Grundsätzen des Centrums.
2) Die verfaffungsgemäß garantirten politischen Rechte und Freiheiten des Volkes sollen unverkürzt erhalten und ausgebaut werden und unverfälscht zum Ausdruck kommen. Auch das soziale Wohl des Volkes soll befördert und die Steuerkraft desselben geschont werden.
3) Die Selbstständigkeit der Kirchen und Religions- Gesellschaften ist sicherzustellen.
Insbesondere soll die katholische Kirche, ungestört von staatlicher und bureaukratischer Bevormundung, jene Freiheit der Bewegung und Wirksamkeit genießen, welche der göttliche Stifter ihr gegeben hat, welche aus ihrem Berufe hervorgeht und durch völkerrechtliche Verträge, sowie durch die Verfassung gewährleistet ist.
Die Beseitigung der Schranken und Hindernisse, welche der freien Wirksamkeit der Kirche entgegenstehen, ist deren Abänderung auf dem verfassungsmäßigen Wege herbeizu« fnhr-n.
4) Wie im öffentlichen Leben überhaupt, so muß namentlich auf dem Gebiete der Schule der christliche Geist herrschen. Soweit thatsächliche Verhältnisse oder gesetzliche Bestimmungen dem entgegenstehen, ist deren Abänderung auf dem verfassungsmäßigen Wege herbeizuführen.
5) Die Anerkennung und Durchführung dieser Grundsätze^ muß sich das katholische Volk durch einmüthige und beharrliche Bethätigung seiner politischen Rechte erkämpfen und sichern; zu diesem Zweck« ist die Einigkeit und Erstarkung der Partei durch opferwilliges Zusammenwirken in Vereinen, in der Presse, bei Wahlen und im Parlamente zu befördern und zu erhalten.
feimr Hand zu erwidern und enttäuscht läßt er die Rechte sinken. Mit Befremden schaut er die Jugendgefährtin an, die ihre Augen nicht vom Boden erhebt und jäh schießt ein argwöhnischer Gedanke durch seine Seele. Hat er es beim vergessen, wie häßlich er ist, wie häßlich er Rose erscheinen wird, die an seinen Anblick nicht mehr gewohnt ist. Die Stimme der Alten unterbricht die beklemmende Pause.
„Habe ich e» nicht immer gesagt, Rose, daß er wiederkehrt, und wie ein Hirrenmann? Man kann alten Leuten wohl entlaufen, aber nicht entrathen," betonte sie, den Kopf wiegend.
Rosen's Züge bedeckten sich mit hoher Gluth, aber als sie dann die Augen zu Kasper emporhob und seinem forschenden, fragenden Blick begegnete, kam e» wie Verwirrung über st«. Dnn da» Schuldbewußtsein legte fich lähmend auf ihre Glieder. Kein Wort kam über ihre Lippen und fie hätte laut meinen mögen.
Rosen'« Schönheit bestand in ihrer goldenen Haarkrone und ihrer schlanken, hohen, biegsamen Gestalt. So zog cs Kasper durch den Sinn, sonst war fie Zug um Zug die alte Rose und fie schien noch frei; seine Voraussetzung war also richtig. Niemand hatte fie begehrt, aber war er nicht ihr Bruder, ihr Schutz uab Schirm? Auch die Alte sollte e« gut haben und Georg etwa« Tüchtige«