Auch die flüchtigste Lektüre dieser Reden und Forderungen zeigt, daß es fich darum handelt, die protestantische Kirche aus der Bevormundung des Staate» zu entfernen, sie halbwegs nach dem Muster der katholischen zu organisiren, wodurch fie unbedingt in die Hände der „Hochkirchlichen" geriethe, deren Bestrebungen neuerdings zur Geltung kommen in Folge der Stöcker'schen Agitation. Man weiß ja nun, daß dies das Ziel der preu- bischen protestantischen „Orthodoxen" schon seit Langem ist, aber es ist ein charakteristisches Zeichen der Zeit, daß st» nach längerer Unterbrechung jetzt wieder damit hervortretrn. Natürlich wurde auch der übliche „Kampf gegen Rom" wieder getrieben auf diesen Versammlungen, aber die» alte Regiestück greift unsere Nerven nicht mehr an. Wir werfen vielmehr unser Hauptaugenmerk auf da« neue Emperstreben der Hochkirchlichen, welches fich in der erneuerten und verschärften Fehdeansagung gegen da» herrschende Regime des Fürsten Bismarck und gegen alle mit ihm Verbündeten geltend macht. So zeigt sich hier die Politik des Hochkirchlichen als eine neue Vermehrung der Schwierigkeiten des Birmarck'schen Regime» und bildet zusammen mit der „militärischen Nebenpolftik" die Hauptsorge de» leitenden Staat»- manne«. Und schon heut« kam man sagen, daß er die Macht dieser beiden Faktoren nach dem letzten Thronwechsel dauernd nicht überwinden wird.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. September.
• Di« jüngsten Werbeversuche Ruß'land» bei den Franzosen werden sehr eingehend verfolgt und von der gesammten Presse einhellig al» der Ausfluß der in Petersburg herrschenden sehr feind- seligen Gesinnung gegen Deutschland erachtet. Wem es wahr ist, daß der russische Großfürst- Thronfolgerin offizieller Eigmschaft mit großrm Gefolge die Pariser Weltautstellung besuchen will und daß bei dieser Gelegenheit die Allianz zwischen Rußland imb Frankreich geschloffen werden soll, so hat die deutsche Preffe allerdings Grund, sich mit dieser Wendung am politischen Schauplatz« eingchend zu beschäftigen, weil dadurch die Friedenshoffmngen ganz bedeutend sinken. Eine Pariser Zuschrift der ,Pol.Korr.' führt au», daß die französisch« Regierung dem russischen Groß- fürsten-Thronfolger, fall» er thatsächlich zum Besuche der Weltausstellung nach Paris kommt, den denkbar besten Empfang bereiten und es an offiziellen Festlichkeiten ihm zu Ehren nicht fthlen lass,» werde. Die Aufnahme j-doch, die der russtsche Thronfolger bei der Pariser Bevölkerung finden würde, laffm fich nicht vorhersagen: es werde von den augenblicklichen Umständen abhängen, ob die Begrüßung den Charakter ruhiger Höflichkeit oder warmer Herzlichkeit tragen oder stch gar zu einer begeisterten gestalten wird. Die gegenwärtige Lage
übereinsttmmte, es waren seine geheimen und offenkundigen Gläubiger. Ihnen gegenüber gab er fich den Anschein, al» ob seine Verlobmg mit Rose eine vollendete Thatsache sei, die nur noch der Einwilligung der schrullenhaften alten bedürfe. Aber die Alte wanke ja bereits dem Kirchhof entgegen und man habe noch Zeit, unb Rose sei dann ihr eigener Herr.
Tie Gläubiger, welche von ihren eigenen In- tereflm, Rosen'» geheime Verlobung mit dem Adlerwirth in Umlauf zu setzen, beeinflußt wurden, 6Ii-ben nicht müßig. Botenliese lachte über dar Gerücht; am liebsten sprach fie gar nicht davon, denn man soll den Teufel nicht an die Wand malen.
* « e
An einem Sonntag Morgen war'». Sie läuten gerade zur Frühkirche, al» Rose in schweren Gedanken auf ihrer Truhe saß unb bie Vergangenheit an ihrer Seele vorüberziehen ließ. Sie dachte an Kasprr, von dem seit acht langen Jahren keine Kunde in'» Dorf gedrungen war. Sie dachte an die verstorbene Adlerin, die ihr da« einzige Kind auf die Seele gebundm hatte, da« mehr und mehr in ganzes Herz gefangen nahm. Unb nun dachte fie an ben Vater selbst. Der Wirth strebte nach ihrer Hanb, da« trat immer deutlicher zu Tage, so sehr fie sich sträubte, diese Folgerung aus seinem Verhalten gegen fie ziehen zu müssen.
sei eine derartige, daß ein geringfügiger Umstand hinreichen könnte, um die Pariser zu Huldigungen für den Zaren-Sohn zu veranlassen. Auch die bereits zum Ueberdruffr erfolgte Ankündigung des Czarenbefuches in Berlin wird dadurch geradezu albern, denn was hätte der Czar auf deutschem Boden zu suchen, wenn sein Sohn in Paris fich fetiren läßt und dort die russisch-französische Allianz bestrgelt. Auffallender Weise bekundet bU Offiziösen gegen diese Allianzwerbungen ein« große Zurückhaltung, dagegen scheint man im Kriegsministerium um so ernstlicher damit zu rechnen. E» verlautet nämlich, daß ein neu«« Armeekorps errichtet unb bem Reichstage Vorlage wegen einer abermaligen Vermehrung der Artillerie zugehen sollen.
• Zum Ehrenrtenst bei dem Großfürsten- Thronfolger von Rußland find anläßlich deffm Anwesenheit in Hannover während der großen Herbstmanöver des 10. Armeekorps der General- lteutenant Golz vom Ingenieur- und Pionierkorps und der Militär-Bevollmächtigte bei der deutschen Botschaft in Petersburg, Oberst von Villa um e, kommarchirt worden.
* Die ,Nordd. Allgem. Zig.' ist in der Lage, die Nachrichten über den Rücktritt des Finanzministers v. Scholz als müßige Eifindungen zu bezeichnen. Herr von Scholz, schreibt das offi- ziöse Blatt, ist auqenleidenb unb hat zur Wieder- herstellung seiner Gesundheit einen längeren Urlaub angetreten. Von einem Rücktritt bes Ministers ist in amtlichen Kreisen nicht» bekannt.
* Das herausfordernde Treiben bc» sogenannten „evangelischen Bundes", der es jetzt wirklich sehr arg macht, dürste zu einer Interpellation des Centrums in der nächsten preußischen Landlagssession führen, da fich die Katholiken unmöglich für die Dauer diese Störung des konfessionellen Friedens gefallen laffm können und die Bchörden wenig Energie in der Zurückweisung der Angriffe auf die Katholiken bekunden.
* Die 18. Abgeordnetenversammlung des Verbandes deutscher Architekten- und Ingenieur vereine trat heute in Berlin zusammen. Nach dem Geschäftsberichte gehören 28 Vereins mit 6757 Mitgliedern dem Verbände an. Von dm Vereinen haben 6 die Rechte einer juristischen Person erworben. Al» Vorort für die nächste Versammlung wurde Hamburg gewählt.
Ausland.
* Eine furchtbare Katastrophe hat fich am Freitag in Antwerpen ereignet. In einer Pa- tronenfabrik, unweit de» Hafen», fand eine Ex. ploston von ca. 50 Millionen Patronen statt. Benachbarte Petroleumspeicher mit ca. 60000 Barail Petroleum fingen Feuer, so daß eine Fläche von etwa einem H'ckar vollständig in Flammen stand, die bi» zu einer Höhe von 200 Meter emporschlugen. Die Zahl der Opfer an Menschenleben, welche bie ^Katastrophe gefordert hat, ist
Rose drehte mechanisch den schmalen Goldreif an ihrem Mittelfinger; er hatte seit zwei Tagen dort seinen Platz, der Abler hatte ihr denselben al» ein Andenken an seine selige Frau überreicht, al» Rose ihren Namenstag gefeiert hatte. Vor ihr auf dem Bette lag ein hellblauer Sonntagsanzug ausgebreitet. Der Schmelzbesatz glitzerte und funkelte im Tageslicht; es war zu schillernd und prächtig; der Wirth hatte das Kleid im Ge- Heimen au» der Stadt kommen lassen unb Rose mit bem Geschenk überrascht.
„Lohn barf ich Dir nicht anbieten, Rose", hatte er gesagt; „aber bitfes Präsent darfst Du nicht verschmähen, e» kömmt au» gutem Herzen." Und Rose hatte ihm versprochen, es heute tragen zu wollen. Aber dann fiel e» ihr plötzlich schwer auf die Seele, daß fi« den Ring von ihm angenommen hatte, obgleich er ein Andenken an die Freundin war.
Einer Eingebung folgend, streifte fie ihn ab und-warf ihn von fich. Aufathmend trat fie an den tellergroßen Wandspiegel, der Über der Kommode hjng, al» plötzlich ei» Schatten am Fenster vorbeiglitt.
War e» der Wirth? Da» Herz klopfte ihr vor Aufregung; mit fliegenden Fingern schob fie >en Schildplattkamm in die goldige Haarmasse Über dem schweren Knoten im Nacken.
(Fortsetzung folgt.)
noch nicht festgestellt. Sie wird auf 150—200 beziffert. Dazu kommen noch mehrere Hundert Verwundete. Etwa 100 Häuser find eingestürzt. Da» Börsengebäude ist geschädigt. In fast sämmt« lichen Häusern der Stadt find die Fensterscheiben zerbrochen. — Einem neueren Telegramm zufolge beträgt die Zahl der Getödteten 125 und die der Verwundeten 200. Da» Feuer in den Petroleum- lagern dauert noch fort. — Nach anderen Mit- theilungen handelte e» stch bei der Explosion weder um eine Patronenfabrik noch um ein Pa- tronen-Aurfuhrlager. Der Unternehmer Cocvillain hatte der spanischen Regierung 60 Millionen, wegen der Neubewaffnung der spanischen Truppen unbrauchbar gewordene Patronen abgekauft und in seiner zwischen Kattendyk und dem Vorort Austruwal gelegenen Fabrik 130 jugendliche Arbeiter unb Arbeiterinnen damit beschäftigt, das Pulver h -rauszunehmen und da» Blei und die Kupfertheile einzuschmelzen.
• Zum Statthalter von Böhmen ist an Stelle des in den Ruhestand getretenen Frhr. von Kraus Graf von Thun-Hohenstein vom Kaiser von Oesterreich ernannt worden.
* Kopenhagen, 7. Sept. Gutem Vernehmen nach wird der russische Thronfolger, nachdem er von ben Manöver» in Hannover nach Fredenrborg zurückgekehrt ist, Ende September nach P!ari« reisen. (Frkf. Ztg.)
* Der in Dundee tagende Kongreß der englischen Gewerkoereine hat den Antrag auf allgemeine Einführung eines achtstündigen Normalarbeitstages mit 88 gegen 63 Stimmen abgelkhnt, dagegen den Antrag auf Einführung desselben in den Bergwerken einstimmig ange- nsmmm.
* Das Ende des Londoner Strikes scheint bevorzustehen. Die am Freitag Nachmittag im Mansion House abgehaltene Konferenz empfahl, daß den Arbeitern von Anfang Januar 1890 ab 6 Pence anstatt 5 Pence pro Stunde bezahlt werden. Burns und andere Führer der Strikenden erklärten fich bereit, den Arbeitern zu rathen, diese» Arrangement anzunrhmen. Die Direktoren der Dockgesellschasten versprachen ebenfalls, den Vorseblaa in Ecmäauna zu ziehen.______________
Aus Stadt, Provinz und Nachbargebiet.
Fulda, 9. September.
* Herr Domkapitular Prälat Dr. Komp, Regens des Pciesterfeminars, und Herr Oberbürgermeister F. Rang befinden stch seit Beginn voriger Woche zum Besuche unseres früheren Oberhirten, des hoch«. Herrn Fürstbischofs Dr. Kopp auf dem bei Jauernick in Schlesien gelegenen Schlosse Johannisberg, der bekannten Sommer- restdenz der Fürstbischöfe von Breslau. Soviel wir hören, wird stch der Aufenthalt dortselbst im Ganzen auf mindestens zwei Wochen erstrecken.
* Wie der .Fritzl. Ztg.' von ganz zuverlässtger Seite mitgetheilt wird, wird der Hochw. Herr Bischof von Fulda am 28. Sept. Nahmittag» 8/<4 Uhr per Bahn direkt von Fulda kommend, in Fritzlar eintreffen. Die Abreise des Hochwürdigsten Herrn erfolgt am 30. S-pt. nach Naumburg und von da über Cassel nach Fulda zurück.
* Der unmittelbar vor dem Amtsgerichts-Gebäude neben der Bohnacker'schen Gastwirthschast gelegene Garten des Herrn Stadtsekretär» Jäckel hterselbst wurde in vergangener Nacht fast vollständig verwüstet. Dar empörende Zerstörungswerk läßt einen Racheakt vermuthen. Man fahndet eifrig nach dem Thäter, welcher der gebührenden Strafe hoffentlich nicht entgehen wird.
* Eine Bäuerin aus der nächsten Umgebung unserer Stadt, welche auf dem vorgestrigen Wochenmarkte eine größere Anzahl fauler Eier feil bot und bei diesem unsauberrn Geschäft« erkannt und nach ihrem Namen befragt wurde, suchte fich zunächst durch falsche Angaben aus der Verlegenheit zu ziehen und warf später ihren Eiervorrath in der Nähe der „Gambrinurhalle" in den Kanal. Sie wurde jedoch weiter verfolgt unb erst nach untrüglicher Ermittelung ihres wirklichen Namen« entlassen. Für ben gemachten Betrugsversuch hat fie ©träfe zu gewärtigen. Möge der Vorfall zur Warnung dienen.
* Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat, wie vor Kurzem schon erwähnt, in Gemäßheit de«