1889
Montag, den 9. September
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Die Mobilifirurrg der protestantischen Orthodoxie in Preußen.
Die Bestrebungen der hochkirchlichen Protestanten zur Lostrennung der protestantischen Kirche vom Staate wagen sich wieder an die Otffmtlichkeit. Seit Fürst Bismarck bei Berathung der letzten kirchenpolitischen Novelle im preußischen Abge- ordnitevhau» so scharf gegen die protestantische Orthodrxie Front gemacht, hat man nichts mehr von ihnen gihört. Sie machten mit dem von ihnen selbst schon beschnittenen Antrag Hemmerstein- Kleist-Retzow im Herrenhaus zwar noch einen schwachen Versuch, allein da» war eine kaum zu umgehende Formsache, die man gänzlich liegen ließ, als da» Ministerium von der Berathung sich zurückzog. Darnach war es ganz still geworden im Lager der protestantischen Hochkirchlichen, fie hingen ihren Hoffnungen nach, gaben ihnen auch laut Ausdruck, ließen aber im Uebrigen den Dingen chren Lauf. Die Veränderung in der Spitze der Staalsleitung hat sie jetzt wieder auf den Plan gerufen, fie rufen laut nach Freiheit, kritifiren aus'« Heftigste des preußische Ministerium wegen seiner kirchlich-liberalen Haltung und werfen den ihnen entgegenstehenden Parteien energisch den Fehdehandschuh hin.
Die preußische protestantische Orthodoxie wird organisatorisch vertreten durch die positive Union und durch die lutherischen Vereine. Diese Letzteren bilden gewissermaßen die Schützen- Kompagnie; fie repräsentiren die strengste Richtung im preußischen Protestantismus, die protestantische Kirche ist für sie die de« -„reinen Wort« und Sakrament»", die „una sancta*, mit andern Worten, die kirchliche Lehrautorität und Einheit kommt bei ihnen noch möglichst zur Geltung. Ihnen steht die positive Union sehr nahe durch ihr Bekenvtniß zu Christus, dem Gottessohn, und durch ihr Festhalten an den lutherischen Bekenntniß- schristen; sie stnd aber sür freie Forschung inner- halb dieser Schranken und gestatten das Neben- einanderwohnen der verschiedene« Richtungen in der protestantischen Kirche, wenn fie die von der pofitiven Union gezogene Schranke der Forschung nicht überschreiten. Beide Richtungen arbeiten deß- halb schon seit Jahren zusammen gegen Liberalismus und Regierung.
Nach langer Zeit gaben sich beide Richtungen n Berlin wieder ein Rendezvous, die positive lnion versammelte sich sogar erst nach vier Jahren bieder zum ersten Male.
Aeußerst scharf ging es auf der am 27. August chgehaltenen Versammlung der Verein »lut Heiner zu. Der Protestanten-Verein und die »rotestanttsch'knchliche Mittelpartei wurden als ein krebsschaden am Leibe der protestantischen Kirche rklärt. Das versteht sich nun allerding« von elbst, denn der Protestankenveretn leugnet die dottheit Christi und degradirt das Chrtstenthum M bloßen philosophischen System: die Mittel- Mei aber arbeitet jenem in die Hände, indem re in kirchlichen Fragen mit ihm stimmt und jede -ofitive Regung des Protestantismus verhindert, lleberraschend ist deßhalb nur die große Schärfe, mit welcher Fürst Bismarck und da« preußische Kultusministerium von den Bereinslutheranern behandelt wurde. „Es ist seltsam und unerklärlich", sagte Pastor Pierot, „aber für uns tirfschmerz- sich, dtß ein Mann wie Fürst Bismarck, der aus die Macht der Imponderabilien in unfern deutschen Volke so viel Werth legt, gerade die An- statt, welche allein diese Imponderabilien hegt und pflegt, nämlich die evangelische Kirche, gering achtet, weil sie keine Retchstagsfraktiomn besitzt, mit denen man rechnen muß." Wir laflen die in diesen Worten liegende Anspielung auf die katholische Kirche und deren angebliche Bevorzugung bei Seite, weil fie uns in diesem Zusammenhang nicht öeschüftigt. Er ist aber höchst ttter. ffant, daß die protestüntische Orthodoxie in dieser Art fich gegenüber dem Fürsten Bismarck stellt und gegen ihn einen schweren Vorwurf erhebt, den er noch 1886 im preußischen'Abgeordnetenhaus so schroff zurückgewlesen hat. Viel 'schlimmer kam natürttch das preußische Kultusministerium weg. Der genannte Redner erklärte die Berufung des rationalistischen Thcologie-Profeffor» Harnack an die Berliner Hochschule, welche Kultusminister v. Goßler allem Widerstand zum Trotz durchgesetzt hat, für einen „Schlag in'« Geficht der evangelischen Kirche." Und er rief aus: „Wa« bedeuten die Synoden, wenn der staatliche Kulturminister mit einem Federstrich ihre Arbeit vergebens machen kann? Wa» helfen alle Klagen, Bitten und Forderungen der Kttchr, -wenn dieselben ohne den Wille« des
Minister« nicht zum Tyrone de« summus patronua (b. h. des König«) gelangen können? Heißt es nicht das Fundament der Kirche untergraben, wenn ie nicht einmal Einspruch thun darf gegen solche Professoren, die ihrer Lehr« Hohn sprechen?" Die Konsequenz daraus ist selbstverständlich Abschaffung >er derzeitigen Verfassung der protestantischen kirche und anderweitige Regulirung ihre« Ber- hältntfler zum Staate. Die Verünslutheraner jaden diese Folgerung ohne Scheu gezogen und ihre Resolution mit den Worten eingeleitet: „Die gegenwärtige kirchenpolitische Lage wird gekenn- ; eignet durch da« Widerstreben des Staate« gegen >ie dringendsten Forderungen unserer Lauderkache. Die lutherischen Vereine haben die Aufgabe, diese« Widerstreben ohne Verzagtheit aus Grund der Wittenberger Sätze in treuer Arbeit zu überwinden."
Nicht minder scharf ging e« auf der „evangelisch-! uthe risch-n August-Konferenz" zu, welche die Lutheraner und positiv« Union gemeinsam abhielten. Ritsch!'» Theologie, welche in der Berufung de» Ritschlimrer'« Hernack nach Berlin ihren höchsten Triumph feierte, und der zahlreiche Pastoren huldigen, wurde rundweg gl» „schamlose» Heidenthum" hingestellt, wa« wahrlich übergenug Kritik de« kutturministeriellen Verhalten« ist. Herr v. Kleist-R.tzow verlangte mit Erfolg auf der Konferenz die Errichtung geistlicher Seminare, die Mitwirkung der protestantischen Kirche bei der Berufung der Theologieprof-fforen. Kirchengesitze der Kirchenbehörden und Synoden, welche eine anderweite Gestaltung der bestehenden kirchlichen Organisation bezwecken, sollen der Genehmigung de» Landtage« nicht bedürfen. Auch soll die gesetzliche Bestimmung aufgehoben werden, wonach, bevor ein von einer Provinzialsynode oder von der Generalsynode beschlossene« Gesetz dem Könige zur Sanktion vorgelegt wird, durch eine Erklärung de» Staat«ministeriums festzustellen ist, daß gegen da« Gesetz von Staattwegen nicht« zu erinnern ist. Die Erfahrungen, so wurde argumentirt, hätten gezeigt, daß sich bet G.s-tzen, welche fich auf rein innerkirchliche Fragen beziehen, bas Staats-Ministertum fich zwischen König und bie kirchliche Vertretung drängt. Außerdem sehe e« so aus, als ob das Hohenzollerngeschlecht unter die Vormundschaft de« Staatsministerium« gestellt werden soll!
DetzlnikesM.
Novelle von I. v. Dir link.
(6. Fortsetzung.)
Hing das mit dem Todesfall oder mit Rosen's neuer Pflicht gegen ihr einjährige» Pathchen zusammen? Wenn nur nicht der Wirth selbst im Spiele war!
Einer Tage» erschien er zum Erstaunen der Alten in der Hütte. Ein veischmitzte» Lächeln umspielte ihre Lippen, al« fie sah, daß er einen mäch- tigen Blumenstrauß in der Hand hielt. Unaufgefordert ließ er fich neben Botenliese Nieder; sein Wesen verrieth innere Aufregung, ind,ß er mit Gewalt seine gewohnte Haltung zu behaupten suchte. Offenbar la« er etwa« in den Zügen btt Alten, wa« seine Zuverficht erschütterte. Ihr Mundw.rk war landberüchtigt; allein seine starre, überlegene Ruhe körnte einen tollen Stier bewältigen, warum nicht da« alte kriegslustige Weib? So zog es ihm burch den Sinn, während er von der Seite ihr bewegliche« Mienenspiel beobachtete. Aber seltsam, Botenliese blieb stumm.
„Meine Frau ist drei Monate tobt," begann er im heiseren Tone, die Nase im Strauß, „ich bi» schwer geprüft, meine mutterlose Kleine und die herrenlose Wirthschast —" er stockte.
„H-rrenlos?" staunte die Alte knmrend. „Ich — ich rechne, der Herr im Hause seid Ihr; aber ich kann mir denken, was Ihr wollt; geht nur nicht um mich herum, wie die Katze um den heißen Brei, Rose soll Euch in der Wirthschast helfen, aber daraus wird nichts, wir haben'« Gottlob nicht vöthig," brüstete fie fich, die neue sammetne Kayselhaube auf dem Kopfe hin- und herschiebend. Und al» da» schweigende Verhalte» ihre» Gaste« die Ueberzeugung in ihr erweckte: er fürchte fie, nahm fie die Gelegenheit wahr, ihn tüchtig abzu- kanzeln. Alle« wa» fich seit der Versteigerung de« Möll.rjörg'schen Haurrathe» gegen de» Adler in ihr angesammelt hatte, fand z« dieser günstigen Stunde seine Erledigung. Wer aber beschreibt ihr Erstaunen, al« nach chrer Standrede der Wirth im gelassendsten Tone der Welt sagte:
„güt ein gute« Mittagessen braucht Ihr fortan die Hand nicht mehr zu rühren. Ein „Tischchen deck' dich" wird Euch alltäglich au« meiner Garküche in'« Hau« gebracht, und Euere sonstige Pflege kann Rose Euch gewähren nach wie vor. Mr ist fie höchstens ein paar Tagesstunden von Nöthen, damit nur eine Respektsperson im Hause da« Kom-
mando führt."
Ein „Tischchen deck' dich" au« seiner Garküche. Diese Versuchung war gar zu verlockend für den
alten Juvairden. W.e oft hatte sie in vergangenen Tagen sich stchenden Fußes an einem Löffel kräftiger Suppe in des Avlers Vorküche erlabt und fich am Bratenduft gütlich gethau — und — da» Linsengericht bewährte seine uralte geschichtliche Macht, die Alle gab ihren Widerstand auf, sie war überwunden.
Von nun an waltete Rose wie eiye umsichtige Schaffnerin im Arier, wo sich Jedermann willig ihrer-Herrschaft unterwarf, ging doch der Wirth mit löblichem Beispiel voran. Aber bei aller Ergebenheit setzte er die Klugheit nicht« au« den Augen, jene Klugheit, die ihm bei der Eroberung der reichen Erbin behilflich sein mußte.
War nicht die Macht der Guvohnheit seine beste Verbündete? Sie würde auf Rosen'« Herz ihre Wirkung nicht verfehlen. Jene Herrschaft, welche fie in ihrem trauten Kreise, der an der Spitze de» Dorfe» stand, ausübte, wurde ihr süß und unentbehrlich. Die Anhänglichkeit de« Kmd^, der Dienstvoten, schlangen da« Band fester und f-ster, da« st« an fein Hau« knüpfte und eine» Tage« ful ihm die reife Frucht ihrer Lieb, in den Schooß; man mußte nur tun rechten Zeitpunkt dazu ad- warten. *"
Und noch eine besondere Klasse von Menschen gab e», die in ihren Wünschen mit dem Wirthe