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M 204.

Freitag, den 6. September.

1889

Altar W Äilii»«.

Sie .Fuldaer erscheint taglich Sonn- und Feiertage ausgenommen Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellaeld Wochenbe,läge Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig ' S

Inserate. Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

DohlmtWN.

Novelle von I. v. Dir link.

(4. Fortsetzung.)

„Blixum! Ihr Kröten, mein Hau« ist keine Räuberhöhle", posaunt ihre mächtige Stimme, und eine andere antwortet; Rose legt das Ohr ans Schlüsselloch und lauscht.

»Der Lehrer schickt mich, ich soll Euren Kasper holen, er hat nämlich dem Adlerwirth ein ganze« R-st voll flügger Dohlenjungen in fein Bett ge­schmuggelt und der hat ihn darob angezeigt; er schnaubt vor Wuth, da hist nichts; gebt den kasper heraus, wer gesündigt hat mvß büßen, sagt der Lehrer."

Zuerst ist Alle« stumm. Dann hebt die Alte km gellendes Hohngelächter an, aber Niemand stimmt ein, endlich ruft ste:

„Gebt den Kasper heraus, soll das heißen, ich hätte ihn eingemauert, von wegen solch" einem dummen Bubenstreich?! — Geht, sagt dem Magister, es sei aller Ehren werth, daß er ohne Kasper nicht anfangen will, aber ich — ich bin Mn Burgvogt von Anno dazumal, wo man Waisenkinder ncch mehr estimirt hat al« heutzu- tage, damit Basta!"

X Zur Katholiken-Versammlung in Bochum.

Die ,Fuld. Ztg? hat über die katholische Gene­ral-Versammlung in Bochum recht ausführliche, zum Theil höchst schwungvoll geschriebene Berichte gebracht. Die Lektüre derselben ist ein wahrer Hochgenuß, zumal wenn man selber der General- Versammlung beigewohnt, und, wenn nicht Alles, auch nicht das Meiste, aber doch Vieles mit an- gesehen, mit angehört und mit erlebt hat. Wir können es vollkommen bestätigen, daß die kathol. General-Verfammlung zu Bochum, obwohl e» keine Bischofrstadt, sondern lediglich eine in den letzten Jahrzehnten zu ihrer gegenwärtigen Seelenzahl und Größe rasch herangewachsene Fabrikstadt ist, ebenbürtig neben ihren 35 Vorgängerinnen steht, vielleicht manche derselben an Glanz noch weitaus überstrahlt, sowohl was den Schmuck der Stadt, die Zahl der Theilnehmer und die Bravour der ausgetretenen R.dner anbelangt. Die int Jahre 1885 zu Münster stattge fundene General-Versamm­lung war die letzte, welcher wir beigewohnt haben. Die Stadt Münster prangte damals im prächtig­sten Schmucke; allein Münster ist eine Bischofs­und vorzugsweise katholische Stadt; beides ist in Bochum nicht der Fall, und doch darf Bochum hinsichtlich de« äußeren Schmuckes der Stadt an­läßlich der kathol. General-Verfammlung mit Mün­ster um den Siegesprei» ringen. Das Lokal für die Abhaltung der General-Verfammlung in Mün­ster hatte beinahe riesig zu nennende Dimensionen und war stets bis zum letzten Winkel gefüllt; in Bochum war dies nicht minder, vielleicht in noch höherem Maße der Fall. Münster stellte eine Reihe glänzender Redner; in Bochum begegneten wir einigen alten Bekannten von Münster her; aber die in Bochum neu aufgetretenen Redner verdienten fast sämmtlich die Rednerkrone. Aller­dings hat Bochum keinen Dom und keine Lam- berli-Kirche wie Münster, aber die Propstei- und die Marienkirche in Bochum, beide im gothifchen Style und mit schönen Glasmalereien wetteifern doch wenigsten» mit der Ludgeri- und Aegidien- kirche in Münster. Die Propsteikirche besitzt nicht nur einen schönen, neuen Hochaltar, sondern auf der Evangelienseite auch einen überaus schönen Seitenaltar, auf welchem rund um das Altarblatt, welches Maria mit dem JesuktNde darstellt, die

I 15 Geheimnisse des Rosenkränze» in kunstvollster Weise plastisch dargcstellt find.

Aber wir haben bei der von uns versuchten Schilderung der General • Versammlung voll Be­geisterung über die dortselbst gehabten Eindrücke uns gleich in Bcchum hinein versitzt, und doch er- fordert die Reise dorthin von der Rhön au», be­sonder» wenn man im Alter schon vorgerückt ist, eine ziemlich beschwerliche, weil weite Fahrt. Mi I einem Rundreisebillet versehen traten wir, wegen Abhaltung de» sonntägigen Gottesdienste» früher abzureisen verhindert, Montag den 26. vor. Mt». früh 5 Uhr von Fulda au» unsere Reise an; aber schon in Güßen gab c» zweistündigen Aufenthalt, den wir diesmal, was wir bei früherem zwei­maligen Aufenthalte in Gießen zu thun versäumt hatten, dazu benutzten, die nicht weit vom Ein­gangs in die Stadt von der Bahn aus bei Biegung einer Seitenstraße auf einem vorspringenden Hügel belegene katholische Kirche und die unmittelbar da­hinter gelegene neue Ansiedelung der Kranken­schwestern zu besichtigen. Die Fahrt von Gießen aus durch das Siegthal mit seinem so reichen Berg- und Hüttenbau und seinen höchst malerisch gelegenen, äußerst reinlichen, größtentheils weiß angestrichenen und mit Schiefer gedeckten Woh­nungen der dortigen Bergleute und Hüttenarbeiter gewährt für den Reisenden, der diese Gegend zum ersten Male durchfährt, ein hohe» Interesse. Das Siegthal ist in seiner Art ebenso romantisch, ja noch romantischer, al» da» Lahuthal. Die Stadt Siegburg, gekrönt von dem auf hohem Berge ge­legenen, nunmehr zu einer Irrenanstalt umgewan­delten Abtcigebäude, hat eine ausnehmend schöne Lage und gemährt einen prächtigen Anblick. Rach kurzem Aufenthalt in Köln, woselbst uns den Herr- lichen Dom, dieses Wunderwerk gothischen Kirchen- bauflyles, nur mit wenigen Blicken zu streifen ge­gönnt war, ging es nach Düsseldorf. Doch welche Tücke des Schicksals! Wir fuhren auf dem rhei­nischen Bahnhof ein, und in demselben Augenblicke ging aus dem gegenüber gelegenen bergisch - mär­kischen Bahnhof der Zug nach Essen ab, so daß wir lediglich da» Nachsehen hatten. Abermals zweistündiger Aufenthalt! Doch weil wir Düssel­dorf noch nicht gesehen hatten, trösteten wir uns über diese abermalige Unterbrechung der Fahrt und traten sogleich unsere Wanderung in die Stadt vom Bahnhof aus an. Weithin schallendes Glocken-

Die Jungt n stehen verblüfft, sehen sich einander an und schieben ab. Botenliese zieht sich in dar Innere ihrer Höhle. Kasper'» Bett ist unberührt. Ihre Verlegenheit wuchs mit jeder Minute und Rose liest ihr die tödtlichste Angst aus den ti.f- gefurchten Zügen, die jetzt kupferroth angelaufen waren vor innerer Erregung.

Und endlich überwindet sich da» Kind und er­zählt unter krampfhaftem Weinen, war sich am vorhergehenden Tage zwischen Karper und dem Küster zugetragen halt?, und daß Kasper wahr­scheinlich auf und davongegangen wäre.

Hätte Kasper dem Adler das Dach über dem Kopf angezündet, oder ihm fämmtliche Spiegel­scheiben zertrümmert, es hätte ihn, den Wirth, nicht empfindlicher treffen können, al« der lose Sträch, mit dem der Junge sich selbst zu einem Spitznamen verholfen halte.

„D'ohlevkarper" war fortan da« Stichwort, ihm, den stolzen Avler, einen Seitenhieb zu versitzen. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen; da« wußte der Wirth, und nun war ihm auch noch jede Gelegenheit, stch hand­greiflich an dem Jungen rächen zu können, ver­wehrt, denn Dohlenkarp?r war wirklich auf und davon.

geläute drang alsbald an unser Ohr ^wir^gingen dem Glockenschalle nach und gelangten nach einigen Kreuz- und Quergängen an ein durch seinen äußeren Anblick höchst imponirende« Kirchengebäude, das wir für den Düsseldorfer Dom hielten; allein in dasselbe einzutreten, war un­möglich, da alle Thüren fest. verschlossen waren. Auf Befragen erfuhren wir von einem de« Wege« Daherkommenden, da« sei kein Dom, in Düss.l- darf gebe es kein Dom, das sei die protestantische Kirche, die nur Sonntags geöffnet sei; das Glocken­geläuts bedeute, daß eben eine protestantische Be­erdigung stati finde. Auf die weitere Frage, wel­ches die fehrnswertheste katholische Kirche in Düssel­dorf sei, erwiderte der Mann, cs sei die« die Marienkirche, die zu finden sei, wenn man auf den Rhein zugehe. Eiligen Schritte« machten wir uns wieder auf; allein wir kamen nicht zur Ma­rienkirche und auch nicht an den Rhein; denn ur­plötzlich standen wir vor einem großartigen Hotel und Restaurant mit der Aufschrift „Kaffee-Börse" und an einem der Glasfenster befand sich ein Aushängeschild, worauf die verführerischen Worte standen: „Frankenbräu von Bsmberg." Wer wird es nun wohl einem geborenen Bayer, der zudem volle 13 Jahre in Bamberg studtrt hat, arg verübeln können, wenn er sofort die ge­suchte Marienkirche und den Vater Rh-tn vergißt, und in zwei Sätzen sich int Wirthrlokale befindet, da» mit einer Pracht ausgestaltet war, wie wir solche in einem Wtrihslokale zu finden und zu bewundern in nnserem bisherigen Dasein noch krine Gelegenheit hatten; als wir uns am Franken­bräu aus Bamberg hinreichend erquickt hatten, war es schon zu dunkel und zu spät, um die Marienkirche und den Rhem noch aufzusuchen; wir bestiegen j.tzt den Zug nach Essen. Während der Fahrt dahin goß der Regen in Strömen. Bei der Ankunft in Essen war e« bereit» Nacht geworden und auf dem Bahnhof herrschte ein solche» Getümmel von Reisenden, die noch nach Bochum wollten, daß wir in der wohlbegründeten Furcht, in Bochum für die kommende Nacht kein Unterkommen zu finden, uns entschlossen, in Essen zu übernachten. Wer weiß, dachten wir zugleich bei uns, ob wir in unserem L.bm, für da» uns kaum viele Jahre mehr zugezählt sind, noch ein­mal nach Essen kommen, und in Essen gewesen zu sein und die Residenzstadt de» Kanonenkönig«

„Man würde den Ausreißer wohl abfangen und ihn per Schub in die Heimath befördern", meinte der Schultheiß, al« hohe Oorigkeit.

„Er wird von selbst zurücktehren,, wenn sich ein Kopf ab gekühlt hat, er war mein bester Schüler, schade um ihn", sagte der Lchrer.

„Gott wird ihn nicht verlassen, er, der wahre Vater der Waisen", bemerkte der Pfarrer.

„Ich hoffe, er hält den klugen Kopf oben, so mancher Scheerenschleifer- und Mausefallenjunge reibt sich herum und schlägt stch durch. Al« ein Heirenmann wird er später in Otlingen einkehren und dem Adler Ein-, austrumpfen", da« war Botenliesens Meinung in dem allgemeinen Aufruhr verschiedener Ansichten.

„Meinetwegen kann der Bengel auf Nimmer- Wiederkehr vom Erdboden verschwinden", dachte der Wirth; „je eher Gca» über die Geschichte wächst, um so besser."

Und al« 8 Tage später ein Roßhändler die Nachricht in« Dorf brachte, Dohlenkarper sei groß- müthig von einem Gärtner in H ... al« Lehr- unge an- und ausgenommen, nachdem er ihm sein Schicksal erzählt habe, da einigten stch alle Parteien dahin, den Jungen fortan seinem Schicksal zu überlassen.