Donnerstag den 5. September
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Die 36. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands.
VII.
[ *’830($um, 29. August.
Um ein halb 12 Uhr beginnt Windthorst, . lebhaft begrüßt, die Schlußrede. Er dankt für diesen Ausdruck der Sympathien, die er aber nicht auf sich, sondern auf die Ideen bezieht, denen er Ausdruck gebe, und auf die Männer, welche mit tijm kämpfen. In diesem Sinne nehme er den Beifall an.
Unsere Verhandlungen nähern sich ihrem Ende. Ehe wir auseinander gehen, wollen wir noch eine kleine Umschau halten über das, was wir gethan, um Eindrücke und Anregungen in die Heimath mitzunehmen. Die gegnerische Preffe aller Richtungen hat oft gesagt, die Katholikentage seien eine Stätte der Agitation für die Wahlen. Nichts ist ungerechter. Die Katholikentage find heute weniger denn je zu entbehren. Bald werden Sie lesen, dieselben seien veranlaßt durch den Herrn Windthorst (Meppen), und der sei ein Störenfried. Das ist ein großer Jrrthum. Ich bin nicht daran schuld; nicht ich mache die Verhältnisse, sondern dieVerhält- nisse machen mich! Für die Wahlen haben wir besondere Versammlungen, und bald werden wir deren recht viele haben, da ja die Reichstagtwahlen bevorstehen. Wir wollen nichts als uns sammeln, wir wollen uns klar werden über unsere Lebens-Interessen, wir wollen einen Ueberblick über verschiedene Einrichtungen gewinnen und die Bekanntschaft der Katholiken vieler Länder und Provinzen vermitteln. Wenn wir hier Politik treiben wollten, so könnte leicht ein Zwiespalt entstehen, da viele weltliche Dinge zur Besprechung gelangen müßten. Aber wir treiben keine Politik, alle Katholiken sind hier einig und einträchtig. Das verstehen unsere Gegner nicht. Wer etwa hier ankommt mit einem Stachel in der Brust, der geht vollständig versöhnt fort, und das gemeinsame Band hat sich von Neuem um ihn geschlungen. Der Zweck ist aber auch, an verschiedenen Orten durch diese Versammlungen die Fahne des Katholizismus recht hoch zu halten, damit Diejenigen, welche glauben, wir seien schon tobt, uns recht gut sehen und sich davon überzeugen, daß wir noch am Leben sind. (Beifall.) Ich habe am ersten Abend ausdrücklich erklärt, wir würden kein Wort sagen, welches Andersgläubige verletzen könnte, und die Vertreter der Preffe ersucht, dies genau zu lontroliren. Wie man mir sagt, haben selbst die rabiatesten Blätter nichts irgend wie Erhebliches vorgebracht, und die ganz klugen (Heiterkeit) haben geschwiegen. Ich glaube aber, daß Mancher sich im stillen Kämmerlein sehr geärger hat, weil keine Angriffspunkte geboten wurden. Käme es dazu, daß die beiden Konfessionen sich in Schlachtordnung gegeneinander bereit stellten, so würde das zum Schaden des Vaterlandes geschehen. Die Fragen der Glaubensgegensätze gehören in die Wissenschaft, auf die Kanzeln, nicht aber in poli- tische Diskussionen. Man möge nicht allzu sehr auf unsere Geduld rechnen. Auch der Wurm krümmt sich schließlich.
DohtcudasM.
Novelle von I. v. Dir link.
(3. Fortsetzung.)
An Alles da« dachte Liese heute und wie ungerecht die Welt sei, und daß Kasper er gut haben könnte bei ihr, wenn Rosens Großmutter ein ernste« Wörtchen mit sich reden lasten wollte. Diese Großmutter war eine al« reich verschrieene Trödlerin; nur ein energischer Griff in ihren Geldbeutel und Allen war geholfen. Unter diesen Gedanken verzehrte sie ihr einsamer Mahl, stellte den Rest ans Feuer, gab Faßan und der schläfrigen Katze ihren Theil und machte sich zum Ausgang fertig. In der Hausthür kamen ihr die Kinder Hand in Hand entgegen. Kasper sah verstört und trotzig an ihr vorbei, aber die Kleine rief:
„Ihr müßt nicht schelten, Muhme, iq habe Kasper lange gesucht —"
„Gut so," unterbricht die Alte, Kaspers Verstörtheit auf Kosten der Versteigerung setzend, „das Esten steht parat und nachher vergeßt nicht, die Ziege auf den Anger zu treiben."
Damit geht sie. Die Kinder find allein und verzehren schweigend die schmalen Bisten bi« auf den Grund der Schüssel. Und etwa« später ziehen
wenn er getreten wird. Auch Rekruten können scharf schießen, auch ohne daß das Pulver knallt. (Große Heiterkeit.) Dieses Verhalten ist aus Achtung vor unseren Mitbürgern und aus Nächstenliebe auch diesmal für unsere Pflicht zu erachten, obwohl in neuerer Zeit bei Andersgläubigen ein Muth zum Angriff sich gezeigt hat, der nicht lobenswerth ist. Es gibt schon Reiseprediger, die nichts thun, als Angriffe und Haß gegen Rom predigen. Der Evangelische Bund greift uns bei jeder Gelegenheit an und stachelt daS Volk zu Haß und Streit auf. Dies Verhalten ist unvereinbar mit der Vaterlandsliebe. Viele ernste Protestanten mißbilligen dies Verhalten. Ich hoffe, daß aus Protestanten Kreisen heraus diese konfessionelle Hetze überwunden wird. Wenn dies nicht bald geschieht, werden wir gezwungen sein, zur Veriheidigung einen katholischen Bund zu gründen. Eine große Zahl von Agitatoren will in religiöser oder sozialer Hinsicht die Bevölkerung auf Irr-rege führen; daher muß diese Gelegenheit haben, zu hören, daß unsere Grundsätze die gleichen bleiben und die Lehren der Agitatoren falsch sind.
(Es ist 12 Uhr. Beim Angelus-Läuten betet Erzbischof Rhirnani in lateinischer Sprache den englischen Gruß — ein erhebende«, eindrucksvolle« Bild. Windthorst fortfahrend):
Er sei erfreut über den jedes Jahr zunehmenden Besuch der General-Versammlung aus allen Ländern. Dies entspricht dem universalen Charakter des Katholizismus. Redner erinnert hierbei an den Erzbischof von Edeffa, den amerikanischen Redner, den anwesenden Pater Amrhein mit drei Negern aus Ostafrika, an die Zustimmungs- Adreffen von Madrid bis Rußland. Voriges Jahr wurden Beschlüffe gefaßt zu Gunsten des h. Vaters, entsprechend dem Vorgehen des Episkopats, welches mächtig gewirkt hat. Nun einiges über Bochum. Die Abhaltung der General-Versammlung Hierselbst wurde voriges Jahr be- schloffen; damals wußte man noch nichts von der Lohnbewegung in dieser Gegend, eS besteht daher gar keine Wechselwirkung zwischm beiden. Natürlich bleiben wir da, wo das Jntereffe der Katholiken gefährdet ist, nicht gleich- giliig. Auf Jmmediat-Anordnung deS Kaisers ist eine Untersuchung betreffend die Lohnbewegung angestellt worden; ein Urtheil können wir uns erst bilden, wenn das Ergebniß dieser Untersuchung vorliegt. Ganz Deutschland verlangt hier Remedur und Sicherung der Zukunft. Redner bespricht in gleichem Sinne wie früher das Verhättniß zwischen Arbeitgebern und Arbeitern. Es wurde gesagt, es wäre beffer gewesen, dieses Jahr in Bochum nicht zu tagen. WmM aber? Deffen Bevölkerung steht an Königstreue, Achk?^ vor dem Gesetz und Liebe zu ihrem Kaiser hinter keinem Theile Deutschlands zurück. (Großer Beifall.) Bis jetzt haben die Sozial-Demokraten im Kohlenbezirk lange nicht den Erfolg gehabt, wie beispielsweise in Berlin. Er hoffe, daß es nie anders werde, besonders daß die katholischen Arbeiter sich nie in deren Netzen fangen laffen würden. Die volle Wirksamkeit unserer hl. Kirche auf dem sozialen Gebiete ist nur möglich bei voller Wiederherstellung be? gejammten Ordenswesens. (Beifall.) Letzteres sei nichts als die Bethätigung der Kirche in der Lösung der sozialen Frage zu allen Zeiten gewesen. Zur Lösung dieser Frage seien Regimenter ungeeignet. (Beifall.)
sie die Ziege am Strick hinaus. Sie tarnen um Gotteshaus vorüber, deffen plumper Thurm beständig von einer Dohlenfchaar umkreist wurde. Hart am Kirchhof liegt die Weide.
„Gelt Kasper", sagte die Kleine hinaufblinzelnd, „die junge Dohlenbrut hat doch Vater und Mutter! Weshalb muß e« nur Waisenkinder auf der Welt geben?"
„Dumme Frage", gab der Kasper gereizt zurück. „Uebrigens braucht das Viehzeug es nicht beffer zu haben als wir. Treib die Ziege fort, ich klettere direkt auf den Thurm und nehme das Rest au«." Und wie mit der Peitsche gehetzt stürzte er von bannen.
Kurz nachher sieht Rose, weiß vor Schreck, de« Knaben Gestalt au« dem Schullloch de« Thurmes hervorkriechen, und alsbald hinter einer dunklen Wolke krächzenden Geflügels verschwinden. Eine ganze Welle wogt der schwarze Knäuel in der Luft hin und her, bann zerthellte sich der Schwarm. Rose stürzt auf den Boden, reißt die Schürze über den Kopf und schließt die Augen. O, sie weiß e«, die abscheulichen Vögel haben mit ihren Krallen und Schnäbeln Kasper die Augen ausgekratzt, ihm das Gesicht, die Hände zerfetzt; — sie bebt am ganzen Körper und bricht in ein
Wollen Sie die Gefahren eines neuen Ausstandess beschwören, so dekretiren Sie alle Orden mit ganzer Freiheit zurück. Die können's! Alle Andern nicht! (Demonstrativer Beifall.) Redner d-nkt für das freundliche Entgegenkommen Bochum's, auch einer großen Zahl von Nichtkatholiken. Er bespricht dann das Missionswesen in ftemden Ländern, in der deutschen Diaspora und in Bosnien. Er empfiehlt warm den St. BonifatiuS-Verein. Die Schulfrage stehe in allen Ländern im Vordergrund. Wie die Zustände heute bei uns sind, können sie nicht bleiben. Diese Frage, welche in Preußen schon ausgenommen ist, wird nicht einschlafen, aber sie wird einen langen Kampf kosten. Ich rechne so 25 Jahre. Wir werden siegen, denn die Forderungen der gesunden Vernunft siegen immer. Redner kommt dann wieder auf die Lage des heiligen Stuhles zurück. (Der Präsident läßt die Resolution über die römische Frage durch den Schriftführer Dr. Balkenhol verlesen.) Wie nothwendig die territoriale Unabhängigkeit deS Papstes ist, zeigte der Giordano Bruno- Skandal. Redner krittstrt Bruno scharf. Glaubt man, daß solche Grundsätze, wie diejenigen dieses Mannes, Staaten regieren und Throne erhallen können. Die italienische Regierung hatte unbedingt die Pflicht, das Aergerniß zu verhindern. Hier ist Sühne zu schaffen, und dies kann nur geschehen dadurch, daß das Denkmal wieder entfernt wird. (Lang anhatterWer Beifall.) sDer Schriftführer verliest die Resolution gegen die Bruno-Feier) Wir werden festhalten an dieser Resolutiou, bis das Standbild beseitigt oder wenigstens an einem andern Ort Italiens untergebracht ist. Redner erwähnt die Handwerkerfrage und die Lage des Mittelstandes. Abgeordnete aller Länder treten für Gesetze betreffend die Sonntagsheiligung und den Arbeiterschutz ein. Das sind wir den Arbeitern und Handwerkern schuldig, die uns bisher mit Vertrauen folgten. Dies ist die wichtigste Aufgabe der Zukunft. (Brausender Beifall, dreifaches, mächtig ausbrechendes Hochrufen!)
Nunmehr werben bie übrigen Resolutionen verlesen. Freiherr von Hertling spricht rin warme» Schlußwort:
„Hochverehrte Versammlung I Der Schluß unserer VerhandlungeA steht unmittelbar bevor. Der vorige Redner hat Ihnen ber-its die Schlußrede gehalten; er hat sie gehalten in jener Art und Weise, die ihm stets, so oft wir ihm auch zuhören, die gespannte Aufmerksamkeit aller Anwesenden sichert, gehalten mit dem Gewicht und Nachdruck, den sein Name und seine Person allen seinen Worten zu geben pflegt. Ich unternehme es nicht, das Bild, das er uns rückblickend von der Generalüersamm- lung gegeben hat, durch den einen oder anderen Zug zu ergänzen: ich thue das schon deßhalb nicht, um die Wichtigkeit der Puntte, die er in den Vordergrund gestellt hat, nicht abzuschwächen. Aber eini hat er mir übrig ge- laffen, eine Pflicht ist noch zu erfüllen, es ist die Pflicht des Dankes. Ich wünsche zunächst, daß die Worte, die hier gesprochen sind, nicht als leerer Schall verrauschen mögen, sondern lebendige Wirkung gewinnen, sich als fruchtbare Samenkörner erweisen mögen. Von Anfang ist gelegentlich und immer wieder von dem Bedenken gesprochen worden, die in engeren und weüeren Kreisen gegen die Abhaltung des Katholikentages in Bochum ge-
laute« Schluchzen au«. Da« Gekrächze in der Luft schwillt mehr und mehr an — da, nach einer Pause, saust etwa« näher, sie schaut empor und sie sieht Kasper wie der Wirbelwind Über die Bleiche stürmen. Jetzt hielt er athemlos vor ihr, und wischt mit dem zerriffenen Aermel da« Blut von seiner Stirn. Rose starrt ihn halb entsetzt, halb verwundert an.
„Hast Du mir keine Dohleneier mitgebracht!" fragt sie.
Er schüttelt den Kopf, aber wie Triumph liegt e« auf feinem Gesicht. „Höre Rose", flüstert er, „Du darfst mich nicht verrathen, hernach erzähle ich Dir, wa« ich dem Adler —"
Aber noch bevor er sich weiter auslaffen kann, schreitet da« Unglück näher. Da» Unglück in Gestalt eine» kleinen hageren Manne«, der Zeuge von Kasper'» vermeintlicher Heldenthat gewesen war. Vom ersten Theil natürlich, da er den Knaben oben am Thurm gesehen hatte. Der Schreck über diesen Anblick war ihm zuerst der- artig in die Glieder gefahren, daß et am Boden festgenagelt schien. Aber dann raffte er sich auf und eilte vom Felde heim, direkt auf den Kirchhof, um den Uebelthäter richtig auf der Bleiche zu erwischen. Wie harmlos er dreinsah, dieser