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1889

Mittwoch, den 4. September.

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Die 36. Generalversammlung der Katholiken Dentschlands.

VI.

Bochum, 29. August.

Der heutige letzte Tag der Versammlung wurde um 7 Uhr früh eingeleitet durch eine heil. Messe nach der Intention des Bonifatius-Vereins. Um 8 Uhr begann die 4. geschloffene Gene­ralversammlung. Zunächst wurde ein von den Herren Legationrrath v. Kehler und Hüffer gestell- ter Antrag berathen, welcher eine rege Betheili» gung an den Vincenzvereinen empfiehlt; ebenso eine von Herrn v. Rochow beantragte Sympathie- Kundgebung für die italienischen Klosterfrauen. Dann folgte die Berathung eines Antrags Bachem zur- Berliner Kirchennoth. Dr. Porsch bezeichnete dis Kirchennoth Berlins als geradezu schreiend und den Antrag als einen der wichtigsten, welche der diesjährigen Generalversammlung vorlägen. Dr. Bachem hob in seiner Rede zur Begründung des Antrags hervor, daß es sich hier nicht um einen bloßen Lokalschmerz handele; es sei gemeinsame Pflicht aller Katholiken Deutschlands, dieser Roth zu steuern. Scholz-Berlin empfahl besonders die Unterstützung der St. Sebastians-Gemeinde. Schließlich wurde der Prinzipal-Antrag v. Kehler- Hüffer angenommen. Alle übrigen Anträge der Ausschüsse für soziale Fragen rc. wurden ebenfalls genehmigt. Zuletzt wurde der Antrag des Aus­schusses für Formalien angenommen, als nächsten Versammlungsort München zu wählen, jedoch dem ständigen Kommissar der Katholtkenverfamm- lung anheimzustellen, event. eine andere Stadt (Mainz, Danzig, Coblenz und Köln wurden vor­geschlagen) zu bestimmen. Windthorst hofft, daß die Entscheidung zu Gunsten Münchens fallen werde, obwohl man dort manchen Leuten nicht wMommen sein werde; er bezeichnet die Bochumer Versammlung als eine der glänzendsten. Die Ver­sammlung sandte ein Sympathie-Telegramm an die deutsch-amerikanischen Katholiken. Als Kom­missar für drs nächste Versammlung wurde Fürst Löwenstein gewählt.

Die vierte öffentliche Versammlung wurde um IO1/» Uhr eröffnet. Der erste Redner, Kurat Walsert aus Feldkirch in Oesterreich, spricht über die konfessionslose Schule:

DohImkWtt.

Novelle von I. v. Dir link.

(.2. Fortsetzung.)

Weder der Schultheiß noch Botenliese sagten ein Wort auf diesen Gefühlrausbruch menschen­freundlicher Gesinnung. Man begab sich auf den Heimweg und der Wirth ärgerte sich im Stillen, daß sein Witz nach jeder Seite hin so gänzlich wirkungslos verpufft war.

Wirkungslos? O, er ahnte nicht, daß seine in Gift und Hohn getränkten Worte wie Hagelkörner in eine junge Seele gefallen waren. Wer wußte, ob sie nicht aller sprossende Edle vernichten wür­den, einzig dem Unkraut freien Spielraum ge­während, dem Unkraut, dessen Giftsame ihm, dem Adler, zur späteren Qual entgegenreifen konnte. - In fieberhafter Aufregung hatte Kasper dem Gespräch gelauscht, kein Wort war ihm entgangen, auch der Ton nicht, in dem der Adler fein: „man hätte den Jungen verkaufen sollen", hervor- gestoßen hatte. Bitterer Ernst, grimmiger Haß hatte daraus gesprochen und war mochte der Schultheiß erwidert haben. Karprr wußte es Nicht. Wie Feuer hatte er da» Blut in fich krei­sen sühlen; plötzlich waren Feuerrädchen, sich im rasenden Wirbel drehend, vor seinen Augen er-

Durch diese ist es den Feinden der Kirche gelungen, in bie alte katholische Festung Oesterreich Bresche zu legen; sie haben ein wichtiges Bollwerk dieser Festung eingenom­men. Seit 20 Jahren besteht in Oesterreich die gemischte Schule, Laien sind als Schulinspektoren angestellt, wäh­rend zwei Stunden wöchentlich nur darf der Geistliche den Religionsunterricht ertheilen. Was wollen zwei Stunden in der Woche besagen, wenn dem Geistlichen ein Lehrer gegenübersteht, der stolz auf seinen Liberalismus ist, der sich als Gegenpfarrer der Gemeinde betrachtet, der es ausspricht, daß die Religion, die Kirche aus der Schule hinausgeworfen werden müffe. (Pfuil) Auf diese Weise gelingt es den Kirchenfeinden in Oesterreich, -die Kinder­seelen in ihre Netze zu ziehen. Aber es soll Jenen nicht gelingen, daß die Zukunft Oesterreichs ihnen gehört. Die Katholiken wachen dort auf, ihre heiligsten Güter zu ver- theidigen. Schon forderte eine Million Katholiken in einer Petition die katholische Schule; aber fast höhnisch wurde sie vom Ministerium zurückgewiesen. Das lebendige katho­lische Leben in unsrem Lande und speziell in meinem Amtsorte verdanken wir zum größten Theile den deut­schen Jesuiten, die sich bei uns niedergelassen haben. (Leb­hafter Beifall.) Aber mit Besorgniß müssen wir auf die Zukunft blicken wegen der konfessionslosen Schule. Ihren verderblichen Wirkungen entgegenzuarbeiten haben wir einen kräftigen Vorstoß unternommen; vor Kurzem ist die Grün­dung eines freien katholischen Lehrerseminars im kleinen Fredeberg erfolgt, des ersten im weiten Oesterreich. (Leb­hafter Beifall.) Wenn sich erst in diesem Sinne Seminar an Seminar reiht, dann wird der verderbliche Liberalis­mus überwunden werden und wird wieder von einem katholischen Oesterreich die Rede fein können. (Bravo!) Eure Siege, Ihr deutschen Katholiken, werden auch unsere Siege sein! (Anhaltender Beifall.)

Der Präsident Frhr. v. Hertling theilt sodann mit, daß im Andenken an den zu früh verstorbenen Grafen v. Steinlein-Saalenstein, eine ungenannte Wohlthäterin 1000 Mark für die Zwecke des „Arbeiterwohl" und 1000 Mark für besondere charitative Zwecke in der Stadt Bochum gespendet habe. (Lebhafter Beifall.)

Ueber Ordensleute und Arbeiterfragen spricht sodann Herr Kaplan Dasbach aus Trier:

Der Ungläubige fagt: „Kein Jenseits gibt's, kein Wiederseh'n, Drum macht Euch dieses Leben schön." Wenn diese Ansicht allgemeine Verbreitung fände und dieser Aufforderung allgemein nachgekommen würde, welche Folgen würde das für die menschliche Gesellschaft, für die Ordnung in Staat und Familie haben? Sie würde in Trümmer geschlagen, das Leben würde wahrlich nicht schön werden. Drei Pfeiler sind's, auf denen das Gebäude der menschlichen Gesellschaft ruht: Eigenthum, Familie und Obrigkeit. Bei der von Gott gewollten Ordnung auf dieser Erde ist eS unvermeidlich, daß die irdischen Güter unter den Menschen ungleichmäßig ver- theilt sind. Auch wenn heute, wie manche Sozialdemo­

schienen und bann ward e» Nacht um ihn, schwarze Nacht! — Hatte er geschlafen unb geträumt? Er horcht. Kein Laut einer Menschenstimme mehr. Auch der Versteigerungslärm ist verstummt und der Kukuk schreit vom Waldsaum her, und im Kornfeld drüben lockt die Wachtel und hütet ihre Brut, sonst Alles still, ganz still. War es nicht ein Traum? Doch nein, nein! Mit einem Male kehrt ihm die Erinnerung an das Gehörte deut­lich zurück, es ist Alles, Alle« wahr! — Und mit der grausamen Lust an der Selbstqual, wie sie in Stunden der Verzweiflung weltfremde Naturen überfällt, ruft sich Kasper jediS Wort wieder vor die Seele — und den Ton — o diesen bitteren, höhnischen Ton de« Adler«, konnte er den jemals vergessen?! Wie kam e« nur, daß er ihn, nach­dem ihm Vater und Mutter gestorben, so tn- grimmig haßte? War es ihm nicht ohnehin schon so wehleidig trostlos zu Muthe? Hatte er dem Adler je ein Leid» zugefügt? Und Kasper sinnt und sinnt, aber er findet nicht«, al« die eine klägliche Erinnerunp, daß er mit einem Trupp Jungen einst dem Adler eine Katzenmusik gebracht, und wie eine Dohle gekrächzt hatte, gleich allen Anderen. Denn der Wirth hat eine Kehle zum Schnacken, wie eine heisere Dohl', hatten die Jungen gesagt — aber konnte man ihn deshalb

traten es wollen, alle Güter gleichmäßig vertheilt werden, so würde doch bald wieder eine Ungleichheit im Besitze eintreten. Weitaus der größte Theil der Menschheit besteht aus Arbeitern, die im Schweiße ihres Angesichts ihr Brod verdienen müssen. Sehr viele derselben haben ein hartes Loos. Woher rührt solche Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft? Sie rührt vielfach her von der maßlosen Gier nach Geld und Gut. Aber muß nicht solche Noth die Arbeiter zur Verzweiflung treiben ? Davor nun wollen wir den Arbeiter schützen — aus christlichem Mitleid mit ihm, und ferner im Interesse der ganzen menschlichen Gesellschaft. Wie retten wir den Arbeiter vor Verzweif­lung? Indem wir den Arbeitgeber bessern und den Arbeiter trösten. Der Arbeitgeber muß Überzeugt werden, daß das Geld nicht das höchste Gut ist, und daß er alle Schätze, die er durch langes und rastloses Schaffen er­worben hat, bei seinem Tode den lachenden Erben zurück- laffen muß; er solljbedenken, daß reiche Leute auf ein größeres Vermögen, als er je erwerben kann, freiwillig verzichtet haben, indem sie die Armuth des Ordensstandes erwählten. Wenn der Enkel der Königin Christina von Spanien, wenn die Tochter des Herzogs von Norfolk, des reichsten Katholiken von England, auf ihr Übergroßes Vermögen verzichtet und aus ihrem Palaste in die kleine Klosterzelle eilt, deren Ausstattung xur aus Tisch, Stuhl, Bett und Betschemmel besteht, wenn aus der fürstlichen Familie Radziwill 3 Geschwister und ihre Cousine die Armuth des Klosters erwählten, wenn eine Fürstin Windischgrätz, zwei Fürstinnen Auersperg, zwei Fürstinnen Löwenstein, wenn aus den adeligen Familien derer von Biegeleben, Brenken, Cappi, Droste, Fürstenberg, Galen, Hammerstein, Hoensbroech, John, Ketteler, Landsberg, zur Lippe, Los, Mallinckrodt, Mengershausen, Metternich, Morawsky, Morsey, Mycielski, Neffesrode, Nostitz, Raitz v. Frentz, Rochow, Reichlin, Saurma-Jeltsch, v. Savigny, Schaffgotsch, Schmiestng, Spee, Stolberg, Waldburg- Wolfegg, v. Vincke u. A., wenn ferner auf den verschie­densten bürgerlichen Ständen unzählige, auch sehr reiche Personen die Armuth des Klosters erwählen: ist das nicht eine zum Herzen dringende Predigt über die Vergänglich­keit aller irdischen Güter? Ist das nicht eine überzeugende Mahnung, daß auf diese» Welt nut Eines nothwendig ist, nämlich: ben Himmel zu erlangen ? Dieses erhabene Beispiel ist aber auch ein Trost für ben Arbeiter in seinen Entbehrungen. Wenn er seufzt unb sich versucht fühlt, gegen Gott zu murren, bann möge er bedenken, baß reiche Männer freiwillig bie Armuth des Trappisten gewählt haben und unter Afrika's glühender Sonne arbeiten, um dort die Kultur und den Glauben zu ver­breiten. In Frankreich nahm im Jahre 1840 eine Magd einen 80jährigen verlassenen Blinden in ihre Dachstube auf und verpflegte ihn; nachdem sie Hilfe gefunden, nahm sie eine größere Anzahl auf. Daraus ist die Kongregation de petites soeurs des pauvres entstanden, welche heute 2700 Schwestern zählt, die durch ihr eigenes Vermögen und durch das Almosen jetzt 20,000 alte, hilflose Leute verpflegen. Und von dieser Armuth der Ordensleute be­haupten die Motive des preußischen Ordensgesetzes, daß dadurch „die Fundamente des Staates, nämlich das Eigenthum und der Erwerb, vernichtet werden." Fehlt es

so grausam hassen unb sein G. ficht verlästern? Unb nun schießen ihm jäh bie heißen Thränen aus ben Augen unb bann wirst er sich platt auf ben Boben und krallt bie Finger tief in bie Erbe unb wühlt unb wühlt in stummer, rathloser Qual. Aber plötzlich fliegt er empor unb stürzt im rasen- ben Lauf quer über bie Wiese, von Scham unb Selbstverachtung getrieben auf den Waldbach zu, ber, wie ein silberner Band in der Sonne weit hinaurglänzt. Mit verzweiflungsvoller Geberde sinkt er am Wasserrans nieder und bohrt die rothen heißen Augen forschend in den krausen kühlen Spiegel und er sieht doch nicht«, al« da« Zerrbild eine« menschlichen Angesichte». Wie gern hätte er jetzt sein Gesicht geprüft, Zug um Zug, wenn er wirklich so häßlich, eine Fratze, ein Mulatten- gesicht? — Und er peitscht in auflammevder Wuth da» murmelnde Wasser mit beiden Händen. Aber das Wasser ist feige, e» gibt den Schlag nicht zurück, und eine brennende Sucht, zu quälen, zu verletzen, bemächtigt fich der Seele de« un­glücklichen Knaben. Eine Welt sank ihm heute m Trümmer mit der Erkenntniß, daß e» feige, heimtückische Menschen gibt, falsch und — o, e» war nicht auszudenken — und dämm war es recht, wenn man selbst auf seiner Hut war. — Ja, was sollte er ander« thun, al« fortan List und Ber-