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1889

M 201.

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Die 36. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands.

v.

* Bochum, 28. August.

Die dritte ökfentliche Versammlung, welche schon um 4 Uhr eröffnet wurde, war ungeheuer stark besucht. Der hochw. Erzbischof Dr. R i h m a n i au» Edessa in Syrien, welcher den Versammlungen der letzten Tage regelmäßig beiwohnte, hielt bei Beginn der Versammlung in französischer Sprache eine Anrede an die Versammlung, worin er zu­nächst die Katholiken Deutschland» wegen ihrer Glaubenrtrcue und ihre» Glaubens eifer» sowie wegen ihrer Theilnahme, die fie den großen sozialen Fragen der Gegenn art widmeten, beglückwünschte. Er wie» ferner darauf hin, daß der Orient, von wo da» Christenthum seine Ausbreitung genommen, dem Christenthum wieder verloren gegangen sei, und bat um da» Gebet, dvß der Orient dem katholischen Glauben wiedergewonnen werden möge. Präfident Dr. Frhr. v. Hertling dankte dem Herrn Erzbischöfe für seine Theilnahme an den Versammlungen und seine herzliche Anrede und hob alsdann hervor, wie diese ebenso wie die gestrige Rede de» amerikanischen Gaste« ein er­hebende» Zeugmß sei für die Universalität der katholischen Kirche.

Erster Redner war der Reichstag»- und Land- tagsabgkordnete Hitze, welcher der Versammlung die Förderung und Gründung katholischer Ar­beitervereine empfahl und besonders dem Klerus dringend an« Heiz legte, fich der Arbeiter anzunehmen, denn auch das sei Seelsorge. Redner führte u. a. aus:

„Die Arbeiter-Vereine sind eine Nothwendigkeit gegen­über den Gefahren der Sozialdemokratie, wie gegenüber den sittlichen Gefahren der modernen Entwickelung. Excellenz Windthorst hat nur zu Recht, wenn er sagt, in jeder Gemeinde muß ein Verein gegründet werden. Sie sind berufen, dem sittlichen Nebel der Vergnügungs- fucht zu steuern. Mit der Vergnügungssucht geht Hand in Hand die zunehmende Trunksucht und Verrohung der Litten. Hier kann und muß ebenfalls der Verein ver­edelnde Erholung bringen, stellen wir unsere Bildung auf diese Weise in den Dienst des Arbeiters. Steuern wir auch der Unlust zur Sparsamkeit, gründen wir Sparkassen, wecken wir den Sparstnn! Man klagt soviel über die zunehmende Unzufriedenheit. Es ist viel Uebertreibung dabei, und vor Allem vergißt man stets die Selbstkrilik, die eigene Besserung. Wer möchte seine Lage nicht ver­bessern? Das ist ein berechtigte» Streben. Aber die

Dihltukisptk.

Novelle von I. v. Dir link.

(1. Fortsetzung.)

„Der Pfarrer meint, Ihr würdet um bei der Versorgung dl« Jungtn behilflich fein," schrillte dir Stimme der Botenliese herüber, „Ihr werdet doch wissen, in Kurzem ist seine Schulzeit vorbei und fein Vater selig wollte einen Gärtner aus ihm machen, ja, da« wollte er."

„Einen Gärtner? So, so, hm", räusperte fich der Adlerwirth, „aber dem muß eine ordentliche Zucht vorhergehen, wenn nicht schon Hopfen und Malz au dem Schlingel verloren ist," ließ er darauf nach einer Weile in einem Tone verlauten, der zwischen verhaltenem Ingrimm und erzwungener Sanflmuth die Mitte hielt. Er verfügte im ge­wöhnlichen Leben über ein Organ, das an eine knarrende Kaffeemühle erinnerte. Und sein Standes- bewußtsein, welche« mit seiner zur Schau getra­genen Beflissenheit al« Gastwirth im beständigen Kampfe lag, brach fich im Verkehr mit geringen Leuten so gewaltsam Bahn, daß der Ton, au« dem er sprach, Jedermann den richtigen Standpunkt ihm gegenüber zu Gemüthe führte.

Aber Botenliese war nicht sehr eindrucksfähig,

Unzufriedenheit muß Maß halten, sie darf nicht ausarten in die niederreißende Kritik der Sozialdemokratie. Wir können uns nicht einlassen in den Streit der Parteien, in den wirthschaftlichen Kampf; wir wollen nur das Eine, daß Vaterland und Kirche nicht Schaden nehmen, daß unsere guten christlichen Arbeiter nicht den Verhetzungen Jener anheimfallen, denen der Krieg Selbstzweck ist, die ganz andere Zwecke verfolgen als sie angeben. Gibt es eine schönere Aufgabe, als wenigstens das Gute und Berechtigte zum Verständniß und zur Anerkennung zu bringen und so mit am Frieden in Staat und Gesellschaft bauen zu helfen? Eine Krankheit der Zeit ist auch der Mangel echter Standesehre. Und doch hat Niemand Grund, sich seines Standes zu schämen. Geben wir ihm das Gefühl der Würde und Ehre seiner Arbeit wieder I Ehren wir selbst ihn, besuchen wir seine Vereine, machen wir uns mit ihnen solidarisch! Sammeln wir sie um den Altar, am Tische des Herrn; schmücken wir die Kirchen mit vollem Festesglanz, wenn die Männer der Arbeit beten wollen! An meine Herren Confratres insbesondere richte ich die innige Bitte: Nehmen Sie sich der Sache an, gründen Sie einen Verein, sofern in Ihrer Gemeind« noch keiner besteht; die mühevolle Arbeit trägt Gottes­lohn, das Ziel, das zu erstreben ist, muß Sie begeistern. Wo könnte ein echtes Priesterherz sich wohler fühlen als im Kreise der Arbeiter? An Sie alle aber richte ich die Bitte: Helsen Sie mit, unterstützen Sie die Bemühungen des Priesters, heben Sie den jungen Verein, kräftigen und stärken Sie die jungen Pflänzchen, schaffen Sie die Mittel für dm Verein, sorgen Sie für ein schmuckes Vereins-Haus! Gott segne die christliche Arbeit! (Leb­hafter, anhaltender Beifall.)

f^,Der folgende Redner, Dr. Porsch au» Bre»- lau, behandelt die Lage der katholischen Kirche in Deutschland und die daraus sich ergebenden Pflich­ten der Katholiken. Der „Zugang zum Frieden" sei eröffnet, manche Fesseln von dem Arme der Kirche abgenommen oder gelockert, die aber jeden Augenblick wieder drückend werden können. Wir freuen uns, dvß friedliche Zustände zwischen Staat und Kirche angebahnt sind, bedauern aber auf'» Tiefste, daß die Kirche nicht jene volle Freiheit ge­nießt, die fie al« christliche Kirche in einem christ­lichen Staate zu verlangen berechtigt ist. Al« Preußen verlangen wir die volle Bewegungsfrei­heit, welche der Unglaube und das moderne Hei- denthum im modernen Staate genießen.' Redner verlangt unter donnerndem Beifall die Abschaffung des Ordensgesetzes. Da« Einspruchsrecht mit der drückenden diskretionären Gewalt müffe abgeschafft werden. Der alte Geist des Kulturkampfes fei noch nicht begraben; er liege wie ein böswilliger Hund, dem fein Herr zurückgepfiffen, knurrend in der Ecke. Gegen ein neues Losbrechen desselben schützten uns nur diejenigen Bürgschaften, bte wir

nur zäh, wo fie fich in ihrer Klettennatur an einen Gedanken festgerankt hatte.

„Der Junge ist wild", nahm fie den Faden wieder auf, „ein Tollkopf, aber kein Schleicher: Jungen» und Hunde, sagt da» Sprichwort, gehen gerade durch die Welt; ja da» ist so, ein Schelm ist noch lange kein Tücker nicht, nein!" bekräftigte fie, mit dem Kopfe wackelnd.

Ein verschmitzte« Lächeln umspielte den Mund de« Anderen; seine wasserblauen Augen starrten vor fich hin, al« zähle er da» Geld nach, mit dem seine Hand in der Tasche fortwährend klim­perte. Er überlegte, ob vielleicht jetzt die Stunde da sei, in der er die Maske fallen lassen durfte, die Marke der Gelassenheit gegenüber dem Sproß jenes Mannes, den er über das Grab hinaus noch haßte. — Und au der Junge war ihm ein Dorn im Auge feit Jahren fchon; aber besonders seit zwei Jahren, seit die verdammten Rothkragen zuerst den Feldzug gegen ihn, al» Brennereibesttzer, eröffnet hatten. Kein Anderer, al« der Möller- jörg'r Kasper hatte den Spion gemacht; denn war hatte der Schlingel damal« um feinen Tau- benschlag herumzustreichen, um feine Brennerei? „Ich fange Schmetterlinge", hatte er mit dem treuherzigsten Gesicht von der Welt gesagt. Ja-

um selbst schufen. Wir Kalboliken stehenMo fest da, nicht weil wir für den Kampf, sondern für die Freiheit unserer heiligen Kirche leben. Redner warnt vor den Versucherstimmen, die ein Ausein- andergehen de» Centrums predigten, weil es über­flüssig gewordtN sei.

Der salzende Redner ist Handwerksmeister Euler aus Bensberg, der die Handwerker- f r^a a e behandelt:

Die soziale Frage gipfelt in der Handwerkerfrage; gerade in katholischen Gegenden hat die Handwerkerbewe­gung die tiefsten Wurzeln geschlagen. Die Sozialdemo­kratie rekrutirt sich zum größten Theile aus dem Hand­werkerstand«, weil dieser durch die zersetzende Gesetzgebung des Liberalismus am meisten in seinen bisherigen Grund­lagen zerstört ist, während gleichzeitig der Kulturkampf dem Volke die Religion aus dem Herzen riß. Die schran­kenlose Gewerbefreiheit muß fallen, muß mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden; durch die Meisterprüfung, den Befähigungs-Nachweis muß dem Handwerkerstand die alte Bedeutung, der goldene Boden wiedergegeben werden I (Beifall.) In der Centrums-Fraktion in den Parlamenten haben wir einen warmen Fürsprecher und schon hat auch in der zweüen Lesung im Reichstage eine Mehrheit für uns sich gefunden. Auf dem diesjährigen Hamburger Handwerkertage ist eine Einigung zwischen den beiden großen Vereinigungen, den Jnnungsverbänden und dem allgemeinen deutschen Handwerkerbund, erfolgt und der bekannte Antrag Biehl - Ackermann ist durch einen Kom­promiß beider Richtungen zu einem neuen Gesetzentwurf umgearbeitet, der dem nächsten Reichstag hoffentlich mit Unterstützung des Centrums eingereicht werden wird. (Bei­fall) Der Handwerkerstand ist Ihrer Hilf« werth und be­darf ihrer; sind wir einig, so werden wir, auf christlichen Grundsätzen stehend, auch siegen,' wie wir im Kulturkämpfe gesiegt haben. (Lebhafter Beifall.) Die LehrlingS«rziehung muß auf eine sittlich-religiöse Basis gestellt werden; ein Anfang besonders erfreulicher Art ist dazu in Aachen ge­macht. Der christliche Grundsatz ist do, erst« auch für uns; dann kommt die Magenfrage. Die Aussaugung des Hand­werkerstandes in den letzten 20 Jahren hat das Handwerk fast aufgerieben; Wandel muß bald, sehr bald geschaffen werden. Um so bedauerlicher ist das ablehnende Verhal­ten des Bundesrathes gegen unsere Forderungen. Wohin soll es führen, wenn großartige Bauten von einem Äon- ditor übernommen werden? (Heiterkeit.) Im Baugewerbe ist der Befähigungs - Nachweis geradezu unabweislich ge­worden. Das Pfuscherthum schädigt das Handwerk aufls Empfindlichste. Ebenso die Legitimationslostgkeit, die jede Möglichkeit einer Kontrol« bezüglich der Leistungsfähigkeit aufhebt und den sozialdemokratischen Verführern ihr Werk ungemein erleichtert. Wir verlangen die Einführung von Legitimations-Papieren. Nicht minder fordern wir die Sonntagsruhe, die christliche Sonntagsruhe. Der Türke feiert den Freüag, der Jude den SamStag, der Christ den Sonntag und jeder Lump feiert den Montag! (Große Heiterkeit und Beifall.) Wir wollen Jnnungs- und Hand­werkerkammer, durchgeführt im Rahmen strenger Selbst­verwaltung des Handwerks. Endlich müssen wir immer

wohl, Schmetterlinge. Den Adler fing man bei einer gewerbrmäß.gen Schmuggelei; Steuerbetrug nennt die löse Welt e«, wenn ein geplagter Ge­schäftsmann Dem Nimmersatt Staat ein Schnipp­chen schlägt. Vom Möllerjörg, der flin Stamm­gast gewesen, war es mehr als schändlich, so den Verräther zu spielen. Aber dabei sprach man von Amtseid und Pflichttreue. Hätte er ihm nicht einen Wink gtben können, daß eine Untersuchung gegen ihn geplant war? Aber nein, er hatte den Äontioleur sogar auf dem Krieg« pfad gegen ihn begleitet, o, dieser Fuchs! Und litt er, der stolze Adler, nicht heute noch unter den Folgen dieser Unterlbssungssünde de« seligen Möllerjörg?! Ab­gesehen von den Strafgeldern, war auch noch feine angestammte Reputation in den Augen der Steuer­behörde dahin; man erschien fich wie ein Dieb uns Räuber im eigenen Hause.

Aus solchen Gedanken heran» sagte er, „hört, Liese, ich habe keine Ursache, dem seligen Möller­jörg zu danken, aber da ich kein nachtragender Mann bin, könnte ich bereit fein, für Kasper etwas zu thun. Als Stal!junge in meinem Dienst, dürfte er fich dreist zur Ehre rechnen, in einem gebildeten hochnögenden Hause Unterkunft ge­funden zu haben — wenn" — er stockte und