1889
Donnerstag, den 29. August,
M 197.
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Tie 36. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands.
ii.
* Bochum, 26. August.
Noch schwieriger ass gestern war die Erkämpfung eines bescheidenen Stehplätzchen» in dem weiten Festraume des Schützenhofe«, als die Stunde des Beginns der ersten öffentlichen Versammlung heranrahte. Wie gestern empfing stürmisches Hochrufen den Abgeordneten Excellen- Windihoist, als er kmz vor der Eröffnung den Saal betrat und zur Präsidial Empore geleitet wurde. Um 5 Uhr nahm der neuermählte erste Prästdent der 36. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands, Profiffor Dr. Freiherr v. Hertling, das, Wort zu folgender Ansprache:
Meine Herren! Vor hundert Jahren begann im Nachbarlande ein großartiges welthistorisches Ereigniß, dessen Wirkungen noch heute lange nicht erloschen sind: von 1789 datirt die französische Revolution. Während wir hier die Generalversammlung feiern, feiert man anderwärts das Gedächtniß der französischen Revolution, hat man anderwärts ausgestellt, was die moderne Kultur und Technik nur gezeitigt, hat man alle Coryphäen moderner Bildung und Wissenschaft aufgerufen, gleich als ob mit der Revolution eine neue Periode der Civilisation des Völker- glückes begonnen hätte. Wer aber mit tieferem Blick in die Völkerbegebenheiten eindringt, wird die Frage, ob die Revolution wirklich eine neue Aera des Völkerglückes begründet habe, schwerlich bejahen. Das Verderbliche war, daß die Revolution Freiheit und Gleichheit nur losgelöst wissen wollte von dem göttlichen Gesetz, daß sie mit der Freiheit die Selbstherrlichkeit des Menschen proklamirte, daß sie vergaß, daß das Recht des Menschen überall eingeschränkt sein muß durch daS Recht Gottes, daß sie die Freiheit überspannt hat bis zur Anarchie und Auflösung. (Zustimmung.) Wer auf der Reise hierher di« rauchenden Schlote, die beladenen Lastzüge, das Getriebe der Eisenbahnen, die großartigen Etablissements gesehen hat, konnte sich in dem Gedanken wiegen, wie groß das Menschengeschlecht sei und wie weit wir es gebracht. Es hat den Riesensohn Dampf gebändigt, daß er spielend uns die Lasten trägt, es hat die Wunderkraft Elektrizität in Dienst genommen, daß sie die Nacht in Tag verwandelt. Aber das ist nur gelungen dadurch» daß der Mensch sich dm Naturgesetzen unterworfen hat. Man beherrscht die Natur nur, indem man sich ihr, d. h. den Gesetzen, die Gott in sie gelegt hat, unterwirft. Und waS hier gilt, gilt ebenso auf sozialem Gebiete. Der wahre soziale Fortschritt, die wahre Civilisation ist nur da zu erreichen, wo man sich nicht frevmtlich auflehnt gegen das Gesetz Gottes, sondern wo man sich diesem Gesetze unterwirft. (Lebhafte Zu- mmmung). Das ist die große Lehre, welche die ftanzösische Revolution gibt, für die Fürsten und für die Völker. Ich darf hier dm Gedanken nicht weiter ausspinnen,
6 Erlebnisse eines bratschen Schlossergesellen.
Von F. B.
(12. Fortsetzung.)
10.
Noch in derselben Woche erschien die verabredete Zeitungsnotiz. Peter ging nun sofort in da» be- luffenve Hotel und fand den Grafen in einer un- «schreiblichen Aufregung. Kaum war er in da« Zimmer getreten, stürzte dieser ihm entgegen, faßte W am Arme, und ohne Gruß, ohne weitere Anrede rief er ihm zu: „Schnell sagn Sie mir, iem ?Eugen noch, wo ist er, was wissen Sie von
Pcter suchte ihn sanft auf einen S fiel zu "rücken, dann ergriff er seine Hände und sprach:
»Herr Graf I Der liebe Gott hat e« gut mit 3ymn Beiden gemeint. Außer dem einen F-hler, den Sie kennen, lastet keine weitere Schuro auf Ärem Gewissen. Ihr Vetter hat Ihnen längst "Erziehen und in euer andern Lebentstellung ein Slückftchxz Dasein und einen schönen Wirkung«- wt« gefunden."
Der Graf seufzte tief auf und wurde ohnmäch- Peter besprengte ihn mit Woffer, rieb ihm J? Sü-läfen und tue Hände, uud brachte ihn bald «ceder zu sich. Das erste Wort, da» der Graf
lassen sie mich aber zum Schluffe noch 3 Wünsche aus- sprechen: Mögen die Verhandlungen, die jetzt beginnen, geleitet sein von katholischer Einigkeit (Bravo!)! Die Einigkeit hat uns in der Vergangenheit allein die Erfolge gesichert, nur, wenn wir einig bleiben, werden wir das Errungene bewahren. Von dem Tage, wo die Einigkeit der Katholiken aufhören würde, würde Alles, was wir errungen haben, in Frage stehen. Lassen Sie daher diese Versammlung vor Allem eine großartige Manifestation der katholischen Einheit sein. (Anhaltende, lebhafte Zustimmung.) Und zum zweiten! Möge in diesen Verhandlungen der Geist der Liebe und Duldung walten. 'Lebhafter Beifall) Wir stehen auf dem Boden unserer Grundsätze, wir erkennen eine absolute Mehrheit an; aber zu gleicher Zeit soll uns der Geist der Liebe und Duldung auch mit denen verbinden, die nicht mit uns auf gleichem Boden stehen, und so möge kein verletzendes Wort gegen Andersdenkende in diesen Versammlungen gehört werden. (Lebh. Beifall.) Endlich — das Beides zusammenfaffend — lassen Sie uns beseelt sein von dem Geiste treuer Zugehörigkeit zu der heil, katholischen Kirche. (Stürmischer, anhaltender Beifall.)
Reicksragsabyeordneter Freiherr v. Wendt:
Wir leben wahrlich in einer Zeit der materiellen wie der geistigen Kämpfe; die geistigen Kämpfe haben Leben bei uns und in der gesammten katholischen Welt die Verbreitung des katholischen Gedankens gefördert. Wenden wir unsere Blicke nach der ewigen Stadt, nach dem Sitze des St llvertreters Christi, was sehen wir da? Die über uns verhängten Leiden sind aber Nichts gegen diejenigen, die Golt über seinen Stellvertreter verhängt hat! Man hat ihn seiner weltlichen Macht beraubt. Man machte das Garantiegesetz, man suchte sich mit der politischen Noth- wendigkeit der Einigung Italiens zu entschuldigen; ja selbst religiöse Gründe wurden geltend gemacht, um den erzwungenen Verzicht auf die weltliche Herrschaft zu rechtfertigen. Allem diesem gegenüber hatte Pius IX. nur das eine Wort: Non possumus! (Stürmische Zustimmung.) Und unser glorreich regierender Papst Leo XIII. hat sofort in seiner Allokution gegen den Umsturz des ältesten legitimen Thrones Europas protestirt. Und wir? Wir sind und bleiben die treuen Söhne des heiligen Vaters! (Begeisterte Zustimmung.) Die Römische Frage ist ja gewiß kein Dogma, kein Glaubenssatz. Aber die weltliche Herrschaft des Papstes, obwohl kein Glaubenssatz, hat tausend Jahre mit vollem Rechts bestanden, und es ist wohl ein Glaubenssatz, ein Grundsatz der christlichen Sittenlehre, daß Niemandem sein rechtmäßiges Eigenthum ohne seine Einwilligung genommen werden darf! (Stürmische anhaltende Zustimmung) Die Frage nach dem Dogma ist also eine ganz müßige. Nichtig ist der Einwand, die Befteiung des Papstes von der weltlichen Herrschaft gereiche zum eigenen Wohl des Papstes, weil jene Herrschaft sich schlecht mit der geistlichen Autorität vereinige. Darüber lasse man doch die Päpste selbst entscheiden! Wie kann die Kirche frei sein, wenn ihr Oberhaupt der Unterthan eines weltlichen Fürsten ist? Jahr für Jahr fordern Millionen die Wiederherstellung des Kirchenstaates im Namen des verletzten Rechts, im Namen der Freiheit! Nicht besser ist es mit den Einwänden poli-
sprach, war: „Wo ist er? Ich will vor ihm auf die Knie fallen!"
Unser Landsmann aber b-wahrte seine Ruhe und antwortete: „Ein» nach dem Andern! Zuerst müssen Sie sich unbedingt stärken. Ich führe Sie nicht eher zu ihm, al» bi» Sie hier, und zwar jetzt gleich, etwa« gegrssen und getrunken haben."
Der Graf wollte nicht« davon wissen, mußte aber zuletzt der Beharrlichkeit Peter« nachgeben.
Nun erzählte ihm Peter in Kürze da«, wa« wir bereit« ra ffen. Ein Thränenflrom erleichterte da» Gemüth de« Grcsen, und bald fuhren Beide in einem Wagen zur Wohnung be« Meister Felix.
Wir können e« nicht schildern, welche Gefühle beide Vettern durchbebten, al« sie Nach so vielen Jahren und so manchen Ereignissen sich wieder- iahen. Bescheiden zog Peter sich zurück und ließ sie allein.
Mehrere Stunden vergingen, ehe sie sich wieder zeigten. Meister Felix, so wollen wir ihn auch jetzt noch immer nennen, rief Peter herbei, und alle Drei gingen nun im Hauie, in dem Anti- quitätenkabinet und in der Werkstätte herum. Alles wollte der Graf sehen, und wiederholt sagte er: „Ach Gott, wie bin ich so glücklich, weil ich sehe, daß Dir, mein thenrer Vetter, nichts zu einem glücklichen Leben gefehlt hat. Wie ander« war
tischsr Natur bestellt, mit dem Nation, litätsprinzip,? mit dem Glück des einigen Italiens, welches, wie wünschens- werth es sei, gegen das Glück der 220 Millionen Katholiken zurückstehen muß, nicht besser mit der garantirten Freiheit der päpstlichen Person — man hat gesehen, zu welchen beklagenswerthen Ausschreitungen es in Rom gekommen ist, wo man einem abtrünnigen, eidsbrüchigen, gottesleugnerischen Mönche unter den Augen Sr. Heiligkeit ein Denkmal setzt. Das Papstthum ist in einer unerträglichen Lage; um ihm die Freiheit zu sichern, muß ihm die weltliche Herrschaft wiedergegeben werden! (Lebhaftes Bravo!) Diese Wiederherstellung ist zum Wohle der Kirche dringend wünschenswerth, ja nothw endig. (Bravo!) Um das Gerede von den bösen Ultramontanen, die den Dreibund lockern wollen, den Frieden mit ihrer Reklamation nur stören, abzuthun, brauchen wir nur auf die Manifestation des Centrums im Reichstage bei Gelegenheit der Anwesenheit des Königs Humbert in Berlin zu verweisen; daS Centrum hat den Dreibund als Frie- densuntcrpfand anerkannt, dabei aber den katholischen Standpunkt strengstens gewahrt. Wir wollen aber auch die Wiederherstellung des Kirchenstaats im Namen der Freiheit, im Namen des Königthums von Gottes Gnaden! Kommt über kurz oder lang die Zeit, wo über die Wiederherstellung der weltlichen Herrschaft verhandelt wird, dann hoffen, wünschen oder verlangen wir dringend, daß die katholischen Vertreter unseres Landes für diese Forderung eintreten. Gott ist unsere Hoffnung; er hat verheißen: Non praevalebunt! (Stürmischer, lang andauernder Beifall.)
Präsident Freiherr v. Hertling bringt im Anschluß an die Rede de« Frhrn. v. Wendt ein Hoch auf den hl. Vater au«, in welche« die Versammlung begeistert dreimal einstimmt; ferner theilt der Prästdent mit, dsß an Se. Heiligkeit noch ein besondere» Ergebenheits-Telegramm nach Rom abgesandt werden wird.
Weitere herzliche Begrüßungstelegramme und Zuschriften find eingegange«, von den katholischen Kafino's resp. Vereinigungen von Osnabrück, Eupen und Cassel, sowie vorn Piurverein der Schweiz. Da» letztere Schreiben wird im Wortlaut verlesen und von der Versammlung mit großem Beifall ausgenommen.
Reichrtagrabgeordneter Erbkämmerer Graf von Galen spricht Über die Bestrebungen der Cen- trumrftaktton bezüglich der sozialen Frage:
Das Centrum bekenne die Wahrheit, daß Gott, der die Weltordnung geschaffen, ihr seine Gesetze eingelegt, es erkenne die Nothwendigkeit der Freiheit an, die es Jedem ermögliche, nach den Geboten Gottes zu leben, und es trete für das Recht «in, indem es dem Fürsten gebe, was des Fürsten sei, und Gott, was Gottes sei. Zwischen den beiden Grenzpfählen Autorität und G wissen bewege sich die soziale Frage, und sie habe nur ein Gesetz: „Liebe Gott über Alles und Deinen Nächsten wie Dich selbst!"
meine Lage! Aber ich hatte er nicht ander» verdient."
M-ister Felix bestand darauf, daß der Graf eine Zeit lang bei ihm bleibe und in seinem Hause wohne. Dieser Aufenthalt erwies sich für den unglücklichen Mann al» sehr heilsam. Er lebte wieder von Neuem auf und bekam bald ein andere» Aussehen. Seine körperlichen Kräfte, welche durch die quälenden Gedanken aufgerieben worden waren, nahmen merklich zu, und ein frischer Muth beseelte ihn. Dann folgte eine Zrit, in welcher er sehr häpfiz allein und nachdenklich auf- und abging und mit einem großen Entschlüsse zu ringen schien. Unsere beiden Freunde lfißm rhn ruhig machen und warteten ab, war daran» werden würde.
Eine» Abend» saßen sie zusammen, und der Graf fiig an zu sprechen: „Meine Sieben, ich bin jetzt mit mir im Reinen. Die gräflichen Güter, die ich so lange mit Unrecht in Besitz gehabt babe, will ich nicht länger m hr behalten. Da Du, mein lieber Vetter, wie Du mir wiederholt gesagt hast, dieselben nicht antreten magst, werde ich sie schon jetzt an unsere Verwandten abgeben. Ich habe, Gott sei Dank, wenigsten» nach dieser Seite hin mir keine Vorwüife zu machen. E» ist Allc» in einem so geordneten Stande, wie e» viel-