JK 193.
Samstag, den 24 August-
1889
Fiilirner W jtihmit
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Zweites Blatt.
5 Erlebnisse eines deutschen Schlossergesellen.
Von F. B.
(8. Fortsetzung.)
So verging eine Woche nach der anderen. Jedem erneuerten Stücke wurde auf den neu hergest.llten Ständern und Tischen seine Stelle angewiesen, der Graf selbst verfaßte eine genaue Beschreibung, dir zu jedem Gegenstände hiugüegt wurde. Da» L Len im Schlofft und di, Verpflegung war fürstlich. Die Leute gewöhnten sich schnell daran, in Peter einen Künstler zu sehen, und was für ihn noch mehr werth war, als einen Freund ihres Herrn zu-achten. Vom frühen Morgen arbeitete er bis gegen Mttag. Dann machte er eine Pause bi» gegen 2 Uhr. Alsdann ging cs wieder bis Abend zur Arbeit. Die Zeit nach dem Nachtessen verbrachte er in angenehmer Unterhaltung mit dem Schloßverwalter und einigen älteren Bedienten.
Eines Sonntags Abends faßen diese biederen Männer zusammen in dem Speisezimmer der Dienerschaft. Er war mittlerweile schon Herbst geworden, und draußen fiel ein leichter Regen nieder. Um sich die Zeit zu verkürzen, spiellen sie ein leichtes Kartenspiel zusammen. Der Einsatz betrug einen Centime, und selbst bei fortdauerndem Spielunglück konnte einer nicht viel verlieren. Allerdings mußte der vom Unglück Verfolgte es sich dann gefallen lasten, dsß die Anderen ihn in lauter, fröhliche^ Weife auslachten. Durch diese« Gelächter aufmeZsam gemacht, trat einst unver- muthet der Graf in da» Zimmer, sah die Karten, und in ganz ungewohnter Weise gerieth er darüber in eine furcht^re Aufregung. „War!" rief er, „Ihr spielt Karten? Nie und nimmer darf da» mehr in meinem Hause vorkommen. Weg mit den Karten I"
Bestürzt sprangen die Männer auf; der Verwalter wollte einige entschuldigende Worte sagen, aber der Graf verließ das Zimmer bereits und schlug die Thür hinter stch zu, daß es laut dröhnte.
Alle sahen stch erstaunt an. „War war das?" frug Einer bett Andern, „so haben wir den Herrn noch niemals gesehen!" Mit der Unterhaltung war cs aber für diesen Abend aus, und frühzeittg suchte Jeder sein Nachtquartter auf.
Am andern Morgen stand Peter wie gewöhnlich in feiner Werkstätte und arbeitete, al« der Graf zu ihm trat. Peter begrüßte ihn ehrerbiettg, merkte aber, daß der Herr etwa« auf dem Herzen hatte, und brachte da« mtt dem Kartenspiel am vorigen Abend in Verbindung. Offen tmb frei- müthig, wie er war, sagte er barum: „Verzeihen Sie, Herr Graf, baß wir gestern Abenb Sie erzürnt haben. Keiner von un« ahnte aber, baß Sie ein solcher Gegner be« Spiele« feien. Nebligen« kann ich Ihnen versichern, baß wir nur um einen Centime spielten, unb zwar mehr um bei Unterhaltung willen, als wegen b« etwaigen kleinen Gewinne» I"
„Wenn Sie, mein junger Freund," antwortete der Graf, „die entsetzlichen Folgen dc» Spiele« so gut känmen wie ich, würden Sie stch nicht über meinen Widerwillen gegen die Karten verwundern. Selbst aus den harmlosesten Anfängen kann stch eine Leidenschaft, eine Spielwuth entwickeln, die den Menschen in'« größte Unglück fortretßt. Ich will Ihnen au» meiner Erfahrung zu Ihrer Warnung ein Erlebniß erzählen, aus dem Sie erkennen können, daß ich recht habe. Legen Sie Ihre Werkzeuge zusammen und folgen Sie mir in den Park. Im Auf- und Abwandeln läßt sich baffer erzählen."
Peter that also, und der Graf fing zu erzählen an;
„Zu'meiner Zeit dienten in Straßburg bei der Arttllerie zwei Offiziere aus guter Famllie, aber beide nut mit geringem Vermögen ausgestattet; beide warm Vettern und einander herzlich zugethan. Sie wohnten in demselben Hause, auf einem Flur, und ihre Zimmer stießen aneinander. Immer sah man sie zusammm, und ste wurden von Vielen deßhalb für Brüder gehalten, zumal sie ja ben- selben Namen führten. Der ältere hieß Eugen, der jüngere Laut«. Einm Unterschieb allerdings gab es zwischen betten. Eugen war ein Freund der Wissenschaften; besonders die Mathematik, die Mechanik, die mechanischen Künst« und Alles, was in dieses Gebiet etnschlägt, war seine Leidenschaft. Halbe Nächte saß er auf seinem Zimmer und studirte. Er hatte sich unten im Hofe eine Werk- stätte eingerichtet, worin er jede freie Stunde zubrachte und allerlei Versuche und Proben anstellte. Louis erfüllte pünktlich die Anforderungen feine» Dienste»; dann aber brachte er die freie Zett im Kreise seiner Kameraden zu. E« konnte nicht aurbleibm, daß das wiffenschaftliche Streben Eugen'« diesem auch das ganz besondere Verträum seiner Vorgesetzten erwarb, und dies um so mchr, da er stch auch im Dienste selbst auszeichnete. Er wurde eines Tages deßhalb mit der Führung der Batteriekaffe betraut. Es wird Jhnm bekannt fein, daß in unserer Armee für jebe Abtheilung immer ein Offizier bie Kaffe verwaltet. Dies bauerte eine Zeit lang, als in das Regiment ein Offizier au» Pari« versetzte wurde, von dem man sich erzählte, er sei wegen Unordnungm in Pari- unmöglich geworden. Leider war die« Gerücht nur zu wahr. Der neue Kamerad war ein leidenschaftlicher Spieler, dabei aber ein so angenehmer GeWchafter, daß er in kurzer Zeit der Mittelpunkt aller Erholungen und Vergnügungen der Straßburger Artillerieoffiziers wurde. E» blieb nicht au«, was kommen mußte. Nach und nach steckte er mit seiner Spielwuth auch die meistm seiner Kameraden an. Zuerst wurde nur zum Zeitvertreib ein kleine« Spielchm gemacht, nach und nach aber kamen immer größere Summen in'» Spiel, und zuletzt rollte« die Goldstücke nur so hin und her, wie in einer Spielhölle. Freilich zogm stch nunmehr die verständigeren Kameraden mchr und mehr zurück — aber einige hielten au», und darunter war auch Louis. Der Spielteufel hatte ihn fest in den Krallen. Er gewann und verlor und bald waren seine früher geordnetm Vermögmsverhältniffe sehr heruntergekommen. Nach Verlauf einiger Monate war er auf den kargen Sold angewiesen. Engen half ihm wiederholt aus der Klemme, nahm ihm aber jedesmal da« Versprechen ab, nicht mchr zu spielen. Louis versprach dies natürlich immer und Halle auch den besten Willen, da» Versprechen zu hatten — aber die Leidenschaft war zu stark in chm geworden, — o^er viellmehr, er betrat nicht den einzigen Weg der ihn retten konnte; er mied nicht die Gesellschaft der Spieler. fFortletzuna folgt.)
Vermischtes.
* Zürich, 22. Aug. Unter der Spitzmarke „Knall- freies Pulver und ähnliche Märchen" schreibt ein Herr Hehler in der ,N. Zürcher Ztg.' u. 91: „Ich habe in den letzten 8—10 Monaten Gelegenheit gehabt, die hervorragendsten rauchfreien Pulversorten genau kennen zu lernen und damit zu experimentiren, in den letzten Tagen noch mit demjenigen von Avigliana (beiTurin), das eines der besten jetzt existirenden ist — und ich fühle mich veranlaßt, hier Folgendes zu bemerken: Knallfreies Pulver ist eine Unmöglichkeit und wird niemals existiren, ebenso wenig wie es möglich sein wird, jemals ein Pulver herzustellen, welches keinen Rückstoß erzeugt. Beides sind mechanische Unmöglichkeiten. Die Stärke des Knalles steht offenbar in diretter Beziehung zum Volumen, welches die Pulvergase in dem Moment einnehmen (Hülse + Lauf), in welchem das Geschoß die Laufmündung verläßt, und zur Spannung, welche die Pulvergase in diesem Moment
haben. Ich bin überzeugt, daß z. B. eine Windbüchse unter gleichen Umständen ziemlich genau einen ebenso starken Kmcki geben würde. Die Segenbe eo® „knallfreien" Pulver mag wohl durch da» Schießen mit blinden Patronen entstanden fein, bei welchen der Knall schwach genug war, um auf einige hunder Meter Distanz beinahe gar nicht mehr vernommen zu werden."
* Der ehemalige Scharfrichter Kraut» in Berlin soll mit einem Architekten, der in der Blücherstraße mehrere Neubauten ausführt, in Unterhandlung wegen eines geräumigen Restaurations-Lokal» in einem dieser Häuser stehen. Eins der Gastzimmer soll mit den ehemaligen Utensilien des Scharfrichteramtes ausgestattet (!) werden, während ein zweites Zimmer mit dem Bildniß des Besitzers, umgeben von den Bildern der Hingerichteten (I) ausgestattet werden soll. — Der reine, grabe Unfug.
* Das „Sonneb. Tgbl." empfiehlt nachstehendes probate Mittel: „Mancher Abonnent einer Zeitung hat sich schon geärgert, wenn der Nachbar der zu geizig ist, die Zeitung zu halten, aber doch wissen möchte, was in derselben steht, öfter und sogar regelmäßig zu ihm schickt mit «einem schönen Gruße, und man möchte doch so gütig sein, ihm auf einen Augenblick die Zeitung zu leihen. Aus Gutmüthigkett, aus Geschäftsrückstchten und um sich nicht zu verfeinden willfahrt man seinen Ersuchen immerfort, wenn auch mit geheimen Grimm über die fortwährende Unverfrorenheit. Für solche Fälle, giebt es ein prÄtisches Mittel. Man schneide irgend eine Notiz aus der Zeitung, ehe man sie an den Borger wettergiebt. Kurz nachdem sie verliehen ist, wird ein Bote des Borger» fortrennen, um ein Exemplar des Battes in der Expedition zu kaufen. Die Seferinen, unter betten das geliehene Blatt zirkulirt, werden ebenfalls je für sich ein Exemplar kaufen; keine derselben kann ruhig schlafen, ehe ste weiß, was die ausgeschnittene Stelle enthält. Man wiederholt dieses den nächsten Tag mit gleichem Erfolg, in hartnäckigen Fällen noch einige Male; dann wird e» aber, besonders Bei weiblichen Borgern, nicht mehr nöihig sein; denn die Borger haben schon fast soviel ausgebm, als das ganze Monats-Bestellgeld gekostet hätte, und man hat Ruhe. Mögen unsere Leser das Mittel erproben; die Wirkung wird sie erheitern, wenn sie die Neugierde des Nachbarn beobachten."
[Sie Hölle) Wie ein amerikanischer Redakteur über die Hölle denkt, zeigt ein Leitartikel tot Sioux City Journal, in welchem es wörtlich heißt: „Die Hölle ist der unangenehmste und unanständigste Platz, welcher je vo« den Astronomen entdeckt wurde, und es gibt wohl keine größere Beleidigung, als Jemand einzuladen, zur Hölle zu gehen. Nichts könnte einer gebildeten Person je ungelegener feto, als über einem Feuer sitzen und hier ungezählte Zeitalter hindurch langsam braten zu müssen. Laßt uns daher Alle versuchen, edlere und bessere Menschen zu fein und unser Zeitungs-Abonnement recht- zeitig zu erneuern."
Literarisches.
Im Kampf mit der Welt. Münsterländische Novelle von I. von Dirkink.
Im Lande der Mondscheinler. Amerikanische» Zeitbild von H. von Eimbeck.
Gelandet. Novelle von Walter Schwarz.
(Bachem's Novellen-Sammlung, II. Reihe, Band 40, Geb. Mk. 1.—)
Mit diesen drei prächtigen Erzählungen beschließt der 40. Band die II. Reihe von „Bachem's Novellen-Samnv- hing". Was die Verlagshandlung bei Eröffnung der II. Reihe versprochen: „Gediegenheit, fesselnde Gestaltung und sittliche Reinheit des Inhalts, Schönhett der Form, sowie reicher Wechsel der Stoffe und der Scenerie", hat fie bei Fortführung derselben und nicht am wenigsten in de« vorliegenden Bande, gehalten. Die denselben eröffnende-, im Münsterlande spielende Novelle gibt ein anziehende» Bild westfälischen Lebens. In fesselnder Wesse schildert ste den störrischen Charakter einer alten, vereinsamten Jungfer, die, mit ihren beiden Neffen und einstigen Erbe« zerfallen, in einem Konzert zu Münster bei der Aufführung von Händol's Messias die Abneigung gegen d-n künstlerischen Beruf des Einen um so leichter überwindet; als der Andere das Studium der Medizin, mit dem der Theologie vertauscht. — Abenteuerlich, wie ihr Titel, ist der Inhalt der zweiten, als amerikanisches Zeitbild bezeichneten Erzählung. Vorzüglich gelungen erscheint bie packende Schilderung des Nacht-Gefechtes zwischen „Mond» scheinlem" und Steuer.Beamten. — Walter Schwarz dem wir in den frühem Bänden mit mancher trefflichen Gabe begegneten, beschenkt un» in bet ihm eigenen liebenswürdigen Weise mit einer stimmungsvollen Erzählung- deren Heldin nach kurzer, aber an getäuschten Hoffnungen reicher Künstler-Laufbahn ein früher Tod erlöst. Deir Abonnenten der Bände 21 bi» 40 sowohl als auch den Bestellern der jetzt vollständigen IL Reihe wird dieser Band unberechnet geliefert. Ueber die III. Reihe de» Unternehmens (Bände 41—60) behält sich die Verlags- Handlung wettere Mitheilungen vor.