M 193.
Samstag, den 24. August
Man W Zeiliiz
1889
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Erstes Blatt.
Rundschreiben
erlassen am 17. August von unserem heiligsten Vater
Leo XIII.
durch gbttliche Vorsehung Papst, über die Anrufung der Gottesmutter Maria und des h. Joseph in unserer bedrängten Zeit.
An alle ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe und Bischöfe, welche in Gnade und Gemeinschaft mit dem apostolischen Stuhle stehen.
Papst Leo XIII.
Ehrwürdige Brüder! Gruß und apostolischen Segen.
Wenngleich wir öfter schon besondere Gebet« in der ganzen Christenheit angeordnet haben, um di« katholische Kirche dem göttlichen Schutze angelegentlicher zu empfehlen, so ist es dennoch nicht zu verwundern, wenn Wir in dieser unserer Zeit dieselbe Pflicht von Neuem einschärfen. Denn die Kirche fleht st«tS in ihren Bedrängnissen, besonders wenn die Macht der Finsteruiß Alles zum Verderben des christlichen Namens »ufbietet, auf's Inständigst» und Beharrlichste ihren göttlichsten Stifter und Beschützer an und bittet zugleich di« Heiligen des Himmels, besonders die hehr- Jungfrau und Gottesgebärerin Maria, um ihre Fürsprache, von welcher sie am meisten Hilf« erwartet. Die Früchte dieser frommen Gebete und dieses Vertrauens auf die Güte Gottes zeigen sich stet» früher oder später. Ihr, ehrwürdige Brüder kennt unsere Zeitverhältniss»; dieselben sind für die katholische Kirch« so ungünstig, wie sie es kaum je vorher waren. S»h»n wir doch, wie bei ko Vielen der Glaube, die Grundlage btt christlichen Tugenden schwindet, und die Lieb« erkaltet, wie di« Jugend glaubens- und sittenlos heranwächst, wi« die Kirche Jesu Christi von allen Seiten mit List und Gewalt bestürm: und das Papstthum auf's Heftigste bekämpft wird, wie endlich die Grundlagen unserer heiligen Religion mit stets wachsendem Uebermuthe angegriffen «erden. Wi« weit man in der letzten Zeit gegangen ist, und was man noch weiter plant, ist zu bekannt, als daß ich »s noch weiter zu erklären brauchte.
Bei dieser schwierigen und betrübten Lag«, in der die Uebelstände so groß sind, daß menschliche Mittel zu ihrer Hebung nicht ausreichen, können Wir nur mehr von Gott Hilfe und Rettung erwarten. Deßhalb haben Wir 6e< schloffen, die Frömmigkeit des christlichen Volkes zur eifrigen und beharrlichen Anrufung des göttlichen Schutzes anzueifern. Beim Herannahen des Monats Oktober, den Wir schon früher der Mutter Gottes vom Rosenkranz geweiht haben, ermahnen Wir daher alle Gläubigen, auch in diesem Jahre diesen ganzen Monat in frommer und feierlicher Weise und unter zahlreicher Betheiligung zu begehen. Wir wissen, daß Wir bei der mütterlichen Güte der allerseligsten Jungfrau stets ein« Zuflucht finden, und sind sicher, daß Wir unser« Hoffnung nicht vergebens auf sie setzen. Wenn st- so ost in den großen Bedrängnissen der hl. Kirche geholfen hat, warum sollte ihre mächtige Hilfe sich nicht wieder bewähren, wenn wir st« gemeinsam mit Demuth und Beharrlichkeit anflehrn? Ja,»« glauben sogar, daß dieselbe sich um so wunderbarer erzeigen wird, je länger sie sich bitten läßt.
Wir haben aber auch noch «inen andern Wnnsch, den ihr, ehrwürdige Brüder, mit euerem gewohnten Eifer fördern und auSführen werdet. Damtt nämlich Gott um so eher unsere Gebet- erhört und auf di« Bitten von mehreren Fürsprechern feiner Kirch- um so schnell«« und reichlichere Hilf- bringt, halten Wir * für sehr «sprieß- lich, daß das katholische Volk neben der allerseligsten Jungftlul und Gotteegebärerin Maria auch ihren reinsten Gemahl, den hl. Joseph, in ganz befonber« Weise und mit großem Vertrauen anruf«; denn wir dürfen nicht ohne Grund annehmen, daß di«S der allerseligsten Jungstau selbst lieb und angenehm ist. Was di« Vmehrnng d-s hl. Joseph angeht, von d«Wir jetzt zum ersten Mal« öffentllch sprechen, so wissen Wir, daß der fromme Sinn des Volkes dieselbe nicht nur liebt, sond«n in derselben auch immer größ«e Fortschritte macht, wul schon 'n früheren Zeiten die römischen Päpste dwfelbe allmählich }u h»b«, und zu vnbretten trachteten; aan» besonders aber ist dieselbe in unseren Tagen allenthalben gewachsen, nachdem Pius IX., uns« Vorgänger fei. Stabwile^, b«n heiligen Patriarchen Joseph auf die Bitten vlAerBischo e hin zum Patron der ganzen Kirch« «rhoben hat. Nichts destoweniger wollen Wir, da Uni so viel daran liegt, daß diese Andacht in den Sitten und Gewohnheiten d« Gläubigen tiefe Wurzeln schlag-, daß das katholische Volk auch durch Unser Wort und Unsere AutorUSt dazu angetrieben werde.
Der hl. Joseph ist deßhalb in ganz besonderer Weise der Patton der Kirche und dies- verspricht sich von seinem Schutz« und feiner Hilfe deßhalb so viel, weil er der Gemahl Mariens und der Pflegevater J-su Christi war. Hierin liegt auch der Grund all' seiner Würde, Gnade, Heiligkeit und Glorie. Ohne Zweifel ist die Würde der Mutter Gottes so hoch, daß nichts Größeres geschaffen werden kann. Weil aber der heil. Joseph mit der all«, eligsten Jun,stau durch das ehelige Band vereinigt war, o kam er sicherlich jener erhabenen Würde am nächsten, mrch welche oie Gottesgebärerin alle Geschöpf« bei Weitem übertraf. Denn die Ehe ist die innigste Gemeinschaft und Vereinigung, und sie fordert daher ihrer Natur nach die gegenseitige Gemeinschaft aller Güter der Gatten. Wenn also Gott den hl. Joseph zum Gemahl Mariens bestimmte, so bestellte er ihn sicherlich nicht bloS zum Lebensgefährten d«selben, zum Z-ugen ihrer Jungfräulichkeit, zum Be- schützer ihrer Tugend, sondern auch durch daS Eh-bündniß zum Theilhaber ihrer erhabenen Würde. In gleicher Weise ragt er durch eine andere hohe Ehrenstelle unter allen Menschen hervor, denn durch göttlichen Rathschluh war er der Beschützer des Sohnes Gottes und wurde von den Menschen für den Vater desselben gehalten. Die natür. liche Folge davon war, daß daS ewige Wort sich dem heiligen Joseph demüthig unterwarf, ihm gehorchte und ihm die Ehren erzeigte, welche Kinder ihren Eltern erzei. gen sollen. Mit dieser hoppelten Würde waren aber auch jene Pflichten auf's Engste verbunden, welche die Natur dem Hausvater auferlegt, so daß der heilige Joseph der rechtmäßige und natürliche Wächter, Beschützer und Ver- th-idiger jener heiligen Familie war, der er vorstand. Diese Pflichten erfüllte er in der Thal, so lange er hier auf Erden lebte. Mit größter Liebe und unablässiger B«. harrlichkeit wachte er über seine Braut und ihren gött- lich-n Sohn. Mit seiner Hände Arbeit verschaffte er Beiden alles zum Lebensunterhalte Nothwendige; als das Jesukind durch den Neid des Königs Herodes in Lebens- gefahr kam, brachte er dasselbe in Sicherheit; in den Beschwerden der Reise und während der Z«ü der Verban- nung war er der beständige Begleiter, Helfer und Tröster d-r »««seligsten Jungfrau und deS götllicheu jttndes. Nun war aber die heilig« Familie, welche Joseph mit väterlicher Gewalt regierte, der Anfang der entstehenden Kirche. Die heiligst« Jungfrau ist wie die Mutter Jesu Christi, so auch di« Mutt« all« Gläubigen; denn sie hat dieselben auf dem Kalvarienberge unter den entsetzlichsten Qualen des Erlösers geboren. In gleicher Weis« ist Jesus Christus der Erstgeborene all« Gläubigen; denn diese find durch di« Erlösung und die Annahme an KindeSstatt feine Brüder. Daher erklärt es sich auch, warum der hettige Patriarch alle Gläubigen, welche zur Kirche gehören, die Glieder jener zahlreichen, biS über die Grenze der Erde ausgebreiteten Familie, in ganz besonderer Weise als sein» Schutz- und Pflegebefohlenen betrachtet; als Gemahl Mariens und Vater Jesu Christi hat er beinah- väterliche Gewalt über dieselben. Es ist daher durchaus billig und es steht dem heiligen Joseph vor allen Anderen zu, daß er jetzt mit seiner himmlischen Macht di« Kirche Christ, schütz- und veriheidige, wie er -Hedem die Familie von Nazareth, wo immer «S nothwendig war, auf's gewissen- hastest« beschützte.
Das Gesagte, Ehrwürdige Brüder, findet darin feine Bestätigung, daß viele Kirchenväter in Uebereinstimmung mit der heil. Liturgie lehren, der Sohn des Patriarchen Jakob, Joseph, sei ein Vorbild bei hl. Joseph und habe daS Amt und die Würde eines Beschütz«» der hl. Familie vorher angedeutet. Abgesehen davon, daß Beide denselben bedeutungsvollen Namen trugen, walten, wie ihr wohl wißt, noch and«-, und zwar hervorstechend« Aehnlichk«it«n zwischen Beiden ob, vor Allem jene, daß Joseph Gnade fand vor seinem Herrn und seine» ganz besonderen Wohlwollens gewürdigt war, und daß, al» « von demselben jutn Vorsteher dos ganzen Hauses bestellt war, diese» um Josephs willen in Allem mit Glück und Sogen überhäuft wurde Ein« roeitwe Aehnlichkeit besteht darin, daß « vom König«, mit der höchsten Gewalt bekleidet, an dl« Spitze des ganzen Landes gestellt ward«, und, alS m Folge der Unfruchtbarkeit Theuerung und Hungersnoth ausbrach, er in so ausgezeichneter Leise für Egypten und die angrenzenden Länder sorgte, daß der Kömg ihn Erlöser d« Welt nannte. So sehen wir also in der That in jenem Patriarchen des AlterthumS ein Vorbild unser»« hl. Joseph- Wie jener im HauSwesen seines Herrn Glück und Segen brachte und in wunderbar« Weise das aanze Land rettete, so ist dieser mit dem Schutze der Christenheit, und wir dürfen annehmen, daß er die Kirche, das Haus des Herrn und das »ttich Gottes auf Erden, ver- theidigt und beschützt.
Es gibt aber auch Gründ«, warum all«, wo tnuner ste leben und weß Stabes sie feien, der Fürserge und dem Schutz- des h. Joseph sich anvertrauen sollen- Im h. Joseph haben die Familienväter das auSgezeichattste Muster väterlich« Wachsamkett und Fürsorge; bte Gatten «n vollkommenes Vorbild d« Liebe, Eintracht und ehelichen
Treue; die Jünglinge und Jun,stauen ein Muster und zugleich einen Beschütz« ihrer Jungfräulichkeit. Verarmte Adelige sollen am Beispiele des h. Joseph lernen, ihre Würde zu wahren; die Reichen sollen lernen, nach welchen Gütern man am Meisten und mit Anspannung aller Kräfte streben soll. Die Armm ater und Handwerker haben ein ganz besonderes Rocht, zum h. Joseph ihre Zuflucht zu nehmen und von ihm zu Innen, waS sie ihun sollen; denn obschon er aus königlichem Geblüte stammt und die höchste und heiligste unter allen Frauen zur Gemahlin hatte, obschon er d« Nähr- und Pflegevater des Sohnes Gottes war, so lebte er dennoch al» arm« Arbeit« und erwarb sich durch sein« -Hände Arbeit, was zum Unterhatte bet ©einigen nothwendig war. Daraus ersehen wir, daß, wenn man der Sache aus den Grund geht, der Arme sich seiner Lage nicht zu schämen braucht. Nicht allein ist fein Stand kein unehrenhafter sondern jede Arbett kann, wenn st« mit der Tugend verbunden ist, hochgeadelt werden. Der h. Joseph war mit dem Wenigen, das ihm gehörte, zufrieden und ertrug die mit seiner Lebensstellung verbundenen Beschw«den mit Muth und Ergebung nach dem Beispiele seines SohneS, der Knechtsgestalt annahm, obgleich er ber Herr aller Dinge war, und freiwillig Roth und Entbehrungen ertrug. Durch solche Gedanken sollen bie Armen unb Arbeiter sich aufricht-n unb beruhigen lassen. Wohl ist eS bens-lben erlaubt, auf rechtmäßigem Wege ihr LooS besser zu gestatten; aber Vernunft unb Gerechtigkeit verbieten in gleich« Weise die von ber göttlichen Vorsehung gewollt« Drbnung um- zustoßen. Gewalt aber anzuwenoen unb durch Aufstände und Unruhen etwa» erreichen zu wollen, ist ein thörichtes Unterfangen, denn gerade dadurch werden jene liebel, welche man heben will, meistens noch verschlimmert. Die Armen sollen also wohlweislich den Einflüsterungen aufrührerisch« Menschen kein Gehör scheuen, sondern auf das Beispiel und den Schutz deS h. Joseph vertrauen, sowie auf die mütterlich« Liebe der Kirche, welche ihrem Stande eine immer größer« Sorgfalt zuwenden.
Wir »«sprechen uni also, Ehrwürdige Brüder, sehr viel von Eue« Arttorttät und Sur« bischöflichen Sorgfalt, und da wir zuversichttich erwarten, daß die guten und frommen Gläubigen aus freien Stücken mehr t|un und größeres als wir verlangen, so verordnen mir, daß den ganzen Monat Oktober hindurch beim Abbete« des Rosenkranzes, Über welches wir früh« Vorschriften erlaffen haben, ein Gebet zum hl. Joseph hinzugefügt w«de, dessen Formel Euch zugleich mft diesem Rundschreiben zugehen wird, und eS soll dieses in Zukunft jedes Jahr geschehen. Allen, welche das genannte Gebet fromm beten, ertheilen wir einen «blaß von 7 Jahren und 7 Duabragerwn für jedes Mal. Sehr heilsam und löblich ist es auch, den Monat März, wie es schon an einigen Orten JW, der Verehrung de« h. Jes'ph durch tägliche Andachtsub. ungen zu weihen. Ist dieses nicht leicht möglvch, so rp -s wenigstens wünscheniwerth, daß vor dem Feste deS § eiligen in der Hauptbuch- jeder Stadt eine dreitägige Andacht gehalten werde. Dort ab«, wo d« 19. März, das Fest des h. Joseph, kein gebotener Feiertag ,st, ermahnen wir die Gläubigen, daß sie diesen Tag zu Ehren des himmlischen Patrons, soviel alS möglich durch private Andachten nach Art ein»8 gebotenen Feiertag, begehe«.
Unterdessen erteilen wir Euch, Ehrwürdige Brüd«, dem KlernS und Eurem Volke, al- Borgten der »ott- lichen Gnaden und zum Zeugnisse Unseres Wohlwollens, von ganzem Herzen den apostottschen Segen.
Gegeben pl Rom bei St. Peter den 15. August des Jahres 1889, des 12. Unsere» Pontifikates.
Leo XM P»»st.
Gebet zum hl. Joseph.
Zu Dir, o hl. Joseph, fliehen wir in imferer Rot h. Nachdem wir Deine heiligste Braut um Hilf« angefleht haben, bitten wir auch voll Verttauen um Deine« Schutz. Um bec Ltebe willen, welche Dich mü ber un6efUctten Jungfrau unb Gattetgebär-rin verband, und um bec väterlichen Liebe willen, mit der Du da» 3-sukmb umarmt hast, 6Ut«n wir Dich flehentlich, Du wollest bas Erbe, welche» Jesus EhristuS mit feinem Blut« erkauft hat, gnädig ansehen unb unserer Roth mit Seiner Macht zu Hufe kommen.
O fürsorglicher Beschützer der hl. wach« Mer bie auserwähtte Nachkommenschaft Chai» » halt« fern von uns, o geliebter Vater, jebe Ansteckung das Jrrthums und der «erderbniß, Steh« uns »am Himmel auS gnädig bei, e unser starker Beschützer un Kaaeps« mit den Mächten der Finüenttß, und wie Du ehedem daS Jesukind au« d-r höchsten Lebensgefahr errettet hast, so verth-idig- jetzt die hl. Kirche Gatte« gegen alle Nach- Rettungen der Feind« und nimm un» alle unter Demen beständigen Schutz, damit wir nach Deinem Beispiele und mit Dein« Hilfe heilig leben, f-lig sterben unb im Himmel bie ewige Seligkeit «langen mögen. Amen.