Jfo 190. Mittwoch, den 21. August. 1889
Fuldaer W Jeitmz.
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* Ter VII. deutsche Handwerkertag
in Hamburg ist programmgemäß verlaufen. Al« zu erstrebendes Endziel wurde die obligatorische Innung Eingestellt, zunächst soll aber mit aller Macht für die Einführung des Brsähifiungsnsch- weises eingetreten werden. Zu dem Zweck soll beim Bundesrath und Reichstag abermals dahin petl- tionirt werden, es möge für das selbstständige Handwerk der Besähiaungrnachweis gesetzlich ein- geführt werden. Im Reichstage ist die Frage des Befähigungsnachw.'ises von den handwerkerfreund- lichen Parteien, besonders vom Centrum, wiederholt angeregt worden, leider vergebens, denn die Regierung verhielt fich völlig zugeknöpft, um nicht -zu sagen ablehnend. Sie scheint es zunächst für genügend zu halten, wenn sie die freien Innungen mit einzelnen Privilegien ausstattet. Das wird indiffen das Centrum nicht ashalten, immer von neuem für dis Wünsche der Handwerker einzu- treten. Oesterreich liefert uns ja den Beweis, daß der handwerkerlichs Befähigungsnachweis sehr wohl gesetzlich geregelt werd n kann Viel kommt dann allerdings aus die auSsührenden Behörden an, und in dieser Beziehung fehlt ee im benachbarten Oesterrrich den Behörden einfach an genügender Einficht und vielleicht auch an gutem Willen, so daß kort noch immer lebhafte Klagen der Handwerker laut werden, trotzdem durch die Gewerbe- Novelle von 1883 sowohl der Befähigungsnachweis, wie die obligatorischen Genossenschaften ein- geführt find.
Sehr erfreulich ist es, daß nach dem vom Reichstagsabgeordneten Biehl auf dem Handwerker- tag erstatteten Bericht über die Handwerkerbewegung der alte Streit zwischen München und Berlin, d. h. zwischen dem „deutschen JnnungS- tag" und dem „deutschen Hrndwerkertag", beseitigt ist. An der Spitz; d.s ersteren stehen dis Berliner, an der Cp'tzs des letzteren die Münchener. Die beiden Leitungen suchten fich bisher den Rang abzulaufen. Im vorigen Jahre entstanden auch die lebhaftesten Auseinanderfetzungen auf dem Jnnungs- tag darüber, daß der Handwerkerbund den Innungen und namentlich den Jnnungsverbänden gegenüber sehr kühl sich verhalte, weil er angeblich darin dis Förderung politischer und unitarischer Ideen erblicke. Diesmal aber wurde auf dem Handw:rkertag in Hamburg euch den Innung»-
ö Erlebnisse eines deutschen Schlossergeseüen.
Von F. B.
(5. Fortsetzung.)
Peter horchte aufmerksam zu und frug dann «eiter, ob Herr Felix wohl meine, daß es auch in Deutschland zu einer Arbeiterrevolution kommen werde. H rr Felix antaortete: „Ich glaube das nicht; denn ich hoffe, daß Ihre Regierungen, besonders dis Berliner, so klug sein werden, die Religion roch mehr al» schon j tzt ihren Einfluß auf die Leute aus üben zu lassen. Sie brauchen nicht zu denken, daß ein religiös gesinnter Arbeiter eine Revolution mitmacht. Bei uns d.nkt, wie gesagt, die Regierung ander».
P ter wunderte fich nicht wenig, daß Herr Fel x über diese Dinge so kurz und bünUg mtheilte. Das mochte dieser ihm anerkennen, und er fuhr sart: „Ich hatte wiederholt Gelegenheit, mich über alle diese Dinge genau zu unterrichten. Be> lsnd.-r» war mir die» 1862 möglich gelegentlich der Londoner Ausstellung. Damals veranlaßte Rapsleon, daß von jedem einzelnen Fabrikations- zweige die Arbeiter A gesandte wähltrn, welche "ach London g> schickt wurden, um die Ausstellung
sehen und wo möglich mit den englischen Ar-
verbänden da» Wort geredet, wa» bisher auf dem Handwerkertage noch nicht geschehen ist. Es wurde beschlossen, überall möglichst bald Innungen zu gründen, wobei man zugleich der Hoffnung Ausdruck gab, daß alle Mitglieder von Innungen und Jnnungsverbänden sich dem Handwerkerbunde, der eine unbedingte Rothwendiakeit sei, anschließeu.
Bezüglich der nächsten Reichstagswahlen wurde selbstständige» Vorgehen der einzelnen Handwerker- Vereine und Innungen und Anschluß an befrem.» dete politische Parteien beschlossen. Ferner soll Rücksicht auf geeignete Handwerker genommen und gegen Liberale und Sozialdemokraten sollen Zählkandidaten ausgestellt werden. Irren wir nicht, so ist ein ähnlicher Beschluß schon auf früheren Handwerkertagen gefaßt worden. E» muß hierbei bemerkt werden, daß die dem Centrum angehörigen Handwerker-Abgeordneten Biehl und Mrtzner im Reichstage als sehr entschiedene Vertreter der Handwerker-Forderungen aufgetreten find.
Die sonstigen Beschlüsse de» Handwerkertages brachten wenig R-uek. Dis alten Klagen der Handwerker über den Konttaktbruch ter Gesellen, über den Mangel einer Legitimationtpflicht der Arbeiter, üb-.r unser Submission»wesen und die Konkurrenz der Strafanstalten und Militär-Werk- stätten wurden auch in Hamburg laut und veranlaßten entsprechende Beschlüsse. Dieselben Mafien erheben, nebenbei bemerkt, auch die Handwerker in Oesterreich, die außerdem über den Hausir- handel, die Wanderlager, Wander auktionen und Abzahlungsgeschäfte fast noch bitterere Beschwerden führen al» unsere deutschen Handwerker.
Besonder» erfreulich ist e», daß den Handwerkern empfohlen worden ist, überall Junungen zu gründen. Wenn auch den freien Innungen manche Mängel anhaften, so müssen die Handwerker da» jetzige Jnnungsgesetz nach Kräften für ihre Zwecke auszunutzen suchen. Hauptbedingung ist, daß die Handwerker sich genossenschaftlich organistren, daß die eifrigen die lauen und verzweifelnden auspor- nen, daß dar Gefühl der Solidarität allerwärts gew.ckt wird und daß auch Opferwilligkeit bethä- tigt wird. Es will uns scheinen, daß gerade dis Opferwilligkeit in manchen Hand-oerkerkreiftn zu wünschen übrig läßt und daß es öfter» an der so nöthigen Einigkeit fchlt. Hier kann den Handwerkern kein Gesetz helfen; hier müssen sie selbst die'beflernde Hand anlegen.
beitern und später vielleicht auch mit den Arbeitern der anderen Länvcr in ein engere« Verhältniß zu treten. Er sollte dadurch die gegenseitige politische Abneigung beseitigt werden und an deren Stelle, wie der Ausdruck hieß, „ein brüderlicher Wetteifer" treten. Der Kaiser, für den ich schon damal» Manche« gearbeitet hatte, beauftragte auch mich, hinzureisen und zu sehen, was daran« werde. Wir wurden fthr gut ausgenommen — am 5. August wurde in der Halle der Freimaurer in London ein große« „internationaler Verbrüderung-fest der Arbeiter aller Länder" gehalten. Daß die Freimaurer sich besonder« für die Sache interesfirten, mißfiel mir schon damal«. Sie werden sich erinnern, daß ich vor zwei Jahren, im September 1864, auf einige Tage verreist war. Damals wohnt' ich im Auftrage de» Kaisers ebenfalls in London einer großen Versammlung bei, in welcher )te Statuten für da» Bündniß der Arbeiter aller Länder entworfen wurden; und im vorigen Jahre war ich bei dem sogenannten „Unioersalkongreß" n Brüssel. England, Frankreich, Italien, Polen, sie Schweiz und Deutschland waren durch Abgr- andte vertreten. Wie ich schon gleich Anfangs und später ’mtner wieder dem Kaiser un verholen sagte — läuft die ganze Sache aus eine inter-
Deutsches Reich.
B e Mffn, 20. August.
• Die laufende Legislaturperiode desM eichis- tjages geht am 21. Februar nächsten Jahres zu Ende. In der Regel beginnen die Reich»tag»ses- fionen im November und währen bi« gegen Ende de» Frühjahr«. Da» läßt sich diesmal nicht durchführen, da, wie gesagt, am 21. Februar da» Mandat de» Rsich-tag« erlischt. Um dem Reichstags Zeit zu geben, bis dahin feine Arbeiten erledigen zu können, soll diesmal die Session bereits Mitte Oktober ihren Anfang nehmen. Zu erledigen finb vor Allem der Reichshaushaltsetat und dis Frage bi» Sozialistengesetzes.
• Die Nachricht, daß Finanzminister v. Scholz zurückzutreten beabsichtige, wird diesmal ziemlich ernst genommen. Bisher ist nur der Angabe über den Zeitpunkt de« Rücktritt« widersprochen worden, indem man gesagt hat, der Rücktritt werde erst erfolgen, nachdem eine Verständigung über seinen Nachfolger erzielt worden sei. In Verbindung mit dieser Personmfrage steht jedenfalls auch die Meldung, daß der angekündigte Gesetzentwurf 6etr. die R.sorm der direkten Steuern auch in der nächsten Landtag-sesston noch nicht werde eingebracht werden.
* Der Staatssekretär des Auswärtigen Amts Graf Herbert Bismarck hat sich gestern rach Straßburg begeben, um sich dort dem Gefolge de« Kaiser« anzuschließen.
• Dis von der deutschen Kolonialgesellschaft veranstaltete Versammlung hat eine Resolution angenommen, in welcher Verwahrung eingelegt wird gegen die Verletzung deutscher Rechte in Afrika dmch englische Staatsangehörige und der Reichskanzler gebeten wird, Mittel und Wege zn fiaden, den die deutschen Interessen schwer schädigenden Zuständen eine Ende zu machen.
* Einen wunden Punkt in der modernen Presse, besonders den „liberalen" Blättern der großen Städte berührt die „Schweizerische Gesellschaft gegen unmoralische Literatur (Sitz in Lausanne). Dieselbe versendet an die Zeitungs- Redaktionen ein Zirkular des Inhalts, sie möchten in Bezug auf die Mittheilung von Verbrechen und Selbstmorden etwa« vorsichtig fein und sich nur auf ganz summarische Berichte beschränken. Eingehende Berichte würden von Vielen au»
nationale sozialdemokratische Vereinigung zum Umsturz der heutigen Gesellschaftsordnung hinaus. Die Spitze richtet stch sowohl gegen j.de Religion, al» auch gegen die gesellschaftlichen Grundlagen der Familie, de» Eigenthum», der persönlichen Selbständigkeit. Der Kaiser will e« nicht recht glauben; er meint, er würde sich schon ein ge- funbir Kem au« der Bewegung herausschälen lassen — aber er wird fich sehr enttäuscht finden. Ihre Regierung ist auch hierin klüger. Wir schreiben j tzt 1866. Sie werden sehen, daß ich Recht habe."
Unter diesen Gesprächen waren sie wieder nach Hause gekommen. P.ter konnte fich nicht enthalt-n, zu sagen: „Nur @tne» begreife ich nicht. Wenn Sie so mit dem Kaiser stehen, müßten Sie doch schon längst eite gute Anstellung haben und brauchten fich nicht mit Hmrdwerk zu plagen."
Herr Felix lachte tu b antwortete:
„Nein mein Siebet I So bin ich ein freier, unabhängiger Mann. Et kann kommen, was will, ich kann mir immer helfen und brauche Niemanden ein gutes Wort zu geben. Ui ber ate» habe ich noch eitun andern Grund. Ten will ich Ihnen einmal später sagen."
I tzt fiel Petern ein, Herrn Fllix da» Papier