Dienstag, den 20. August.
M 189.
1889
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Friedens-Bürgschaften.
Die Kaiser-Begegnung ist vorüber, der Jubel der Bevölkerung und die begeisterten Willkomm» grüße der Presse find verrauscht, aber die politische Bedeutung de« Ereignisses sichert auch in unserer schnelllebigen Zeit dem Besuche der österreichischen Kaisers in der deutschen Reichshauptstadt ein dauerndes Jnteosse über die wechselnden Bilder der Tagesgeschichte hinaus. Diese Bedeutung und dieser Inten sie wird sich auch noch lange in den Spalten der politischen Presse ganz Europa'S wie- derspiegeln. Gewiß war der Besuch Kaiser Franz Josephs als Erwiderung des Besuches Kaiser Wilhelms in Berlin in erster Linie ein Akt unumgänglicher höfischer Kourtoisie. Während man aber dem etwaigen Gegenbesuche des russischen Zaren unter den obwaltenden Verhältnissen mit Recht nur diesen Charakter beilegen müßte, erschien Kaiser Franz Joseph dem deutschen Volke schon von vorn herein als der treue Alliirte und Bundesfreund, als der Repräsentant des fest gegründeten mittel- europäischen Friedensbündnisies, und er selbst hat diese Auffassung in vollstem Maße bestätigt, indem er seinen Trintspruch aurbrachte „inmitten treuer Bundesgenossen" — „aus die untrennbare Verbrüderung und Kameradschaft zwischen bem topfern deutschen Heere und seiner Armee und auf die Mehrung und Festigung der Friedens-Bürgschaften" rc. Irgend welche neue Kunde ist der Welt durch die Tiinksprüche der beiden Kaiser allerdings nicht geworden. Niemand hat an der Fortdauer des guten Einvernehmens und der Bundesgenossen» schaft zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn gezweifelt. Aber wenn einerseits in einer Zeit so hochgradiger politischer Spannungen das Fciedenr- dedütfniß und der mit Krastbewußtsein gepaarte ernste Wille, den Frieden zu erhalten, nicht oft genug betont werden kann, so mußte anderseits der herzliche, innige und gleichzeitig doch willenr- kräftige Ton der Rede und Gegenrede überraschen. Was bet dieser Ehrentafel gesprochen wurde, ging eben weit über die Bedeutung förmlicher Tischtoaste hinaus, es waren Worte, welche in ihrer soldatischen Kürze ganz Europa, ja der ganzen Welt kundgaben und kundgeden wollten, wissen Sinnes die Fürsten und die Völker des mitteleuropäischen Friedensbundes sind, und wessen sich Dbsiichen zu versehen haben, welche es etwa wagen sollten, an
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Von F. B.
(4. Fortsetzung.)
Peter schritt mit der Kassette durch den weiten Hof de« Palastes, und nach einigem Hin- u»d Herfragen, was durch feine Unkenntmß der französischen Sprache noch etwas verlängert wurde, be- fand er sich in einem Saale, der nach dem Garten hinaurfah. Hier follte er den Kaiser erwarten. Er beschaute die großen Gemälde an dcn Wänden und suchte sich den Gegenstand derselben klar zu machen — als durch eine in die Tapete versteckte Tyür der Kaiser hereintrat. Diesmal war er in eine Art Schlafrock gehüllt und hatte eine Cigar- rette im Munde.
Peter versuchte eine tiefe Verbeugung zu machen, dieselbe fiel aber nicht sehr gewandt au», so daß Napoleon lachte und sagte: „Ah! unser Deutscher! Ist die Kassette fertig?"
Peter überreichte fie schweigend. Der Kaiser öffnete fie, verschloß fie wieder und sprach seine volle Zufriedenheit über die Arbeit out. Da» Täfelchen aber bemerkte er zu Peter» großer Gc» «ugthuung nicht. „Run," sagte der Kaiser, „er- zählen Eie mir etwas von Deutschlands" Dabei
dem gottlob nun schon seit fast zwei Jahrzehnten bestehenden Frieden Europa'» zu rütteln.
Die souveränen Häupter de» Dreibundes haben nunmehr durch Besuch und Gegenbesuch, sowie durch offenen Willensausdruck förmlich und feier» lich vor aller Welt den Bund bestätigt und erneuert, ber zu Lebzeiten Kaiser Wilhelms I. abgeschlossen wurde. Die Thronbesteigung des jungen deutschen Kaisers hat an diesen Beziehungen nichts geändert. Trotz seiner stark ausgeprägten kriege- rischen Veranlagung, die auch in seine» Reden und Toasten stets hervortritt, erscheint Kaiser Wilhelm II. al» Schirmer des Friedens, der den Krieg nur deßhalb rüstet, weil er den Frieden will, der aber für das deutsche Heer die höchste militärische Vollendung anstrebt, weil er für den Fall des Krieges des Sieges um so sicherer sein möchte. Das deutsch »österreichische Bündniß ist — das darf man kühnlich behaupten — fast von Jahr zu Jahr populärer geworden, in Deutschland ist es bereits ganz und gar in'» Volksbewußtsein übergegangen und hat namentlich in Süddeulsch- land die bitteren Erinnerungen von 1866 in den Hintergrund gedrängt. In Oesterreich-Ungarn sind zwar auch jetzt wieder einige Stimmen laut geworden, welche die überschwänglichen Jubelhymnen deutsch - liberaler Blätter mit vielleicht allzu arg- wöhnischen Augen betrachteten und gegen die Ueber- führung des völkerrechtlichen Bündniß-Verhältnifles in ein festes staatsrechtliches Verhältniß Verwahrung einlegtrn. Aber im Großen und Ganzen war auch in Oesterreich - Ungarn die Stimmung anläßlich der Kaifer-Begegnung in Berlin eine gehobene, und w.r etwa im Kriegsfälle auf eine Gegenströmung im österreichisch-ungarischen Volke rechnen wollte, dürste sich gewaltig täuschen. Die gegenwärtige politische Konstellation in Europa zwingt die Völker beider Reiche, Schulter an Schulter wie eine Mauer zusammenzustehen, unb diese durch den Selbsterhaltung» - Trieb bedingte eiserne Nothwendigkeit hat selbst in solchen Kreisen der Doppel - Monarchie, w.lche anfänglich etwas verstimmt bei Seite standen, das Bündniß populär gemacht.
Nationalliberales Jntriguenspiel hat vor wenigen Tagen, gerade zur Zeit des Kasserb fuchcs, einen Theil der „klerikalen" Partei und Presse in Deutschland wegen seiner Haltung gegenüber dem dritten Genossen des Dreibundes, Italien und
nöthigte er Peter, sich zu sitzen, und war überhaupt so leutselig gegen ihn, daß dieser bald alle Scheu Überwand. Ec erzälte ihm nun, daß er sich längere Zeit in Köln aufgehalten habe und dort unter Kolping Mitglied de» katholischen Gesellen- Vereins gewesen sei. Napoleon erkundigte sich eingehend nach der Einrichtung de» Vereins, nach seinen Festlichkeiten und sonstigen Zusammenkünften und ftug endlich darnach, wie die sozialen Verhältnisse im Gesellenverein ausgefaßt würden.
Peter sagte ihm, so gut wie er konnte, daß die Mitglieder stet« vor dem Einflüsse ber Sozialdemokraten gewarnt worden seien; daß fie stets daraus hingewiesen würden, da« Handwerk müsse vor Allem durch die Charakterfestigkeit, Solidität und Tüchtigkeit der einzelnen Handwerker gerettet werden.
„Tas ist gewiß Alle» sehr nothwendig," antwortete der Kaiser, „aber gegenüber dem Eindringen der Fabrik in viele einzelne Handwerke können diese auf die Dauer sich nicht halten. Für die große Mehrheit der Handwerker ist die Umwandlung in Fabrikarbeiter eine unabwendbare Roth» wendigkeit. Die Hauptsache ist hier, die Arbeiter zu vereinigen, damit fie in verständiger Weise ihre Interessen getreten, und nicht der Aufwiege-
seinem König Humbert, blorzustellen versucht. Die Schwindelnachricht ist alsbald als solche entlarvt worden, und es bedurfte kaum das besonderen Hinweises auf die durchaus korrekte Haltung der Centrumspartei und Centrumspresse anläßlich des Besuches des König« von Italien in Berlin. Was Freiherr von Franckenstein Namens der deutschen Centrumspartei damals im Reichstage erklärt hat, das ist die Stimmung und Stellung des ganzen katholischen Deutschland gegenüber dem deutsch- italienischen Bündniß. Deutschland» Katholiken begrüßen diese» Bündniß als eine Verstärkung des Dreibundes und Erhöhung ber Friedensgewähr, ohne deßhalb irgendwie den territorialen Bestand Neu-Italiens anzuerkennen und den legitimen päpstlichen Ansprüchen etwa zu vergeben. Erst dann würden wir als Katholiken dem Bündniß mit Italien feindselig gegenüberstehen, wenn der Bündnißvertrag bindende Abmachung bezüglich der römischen Frage enthielt-, so zwar, daß deutschen Katholiken, katholische Solvaten in die Zwangslage kommen könnten, mit den Waffen für die Usurpation Roms einzutr^ten, ihre Hand gegen die legitimen Ansprüche des Papst-s zu erheben. So lange aber das Bündniß mit Italien nur eine weitere Bürgschaft für Erhaltung de» europäischen Friedens ist, stehen wir demselben durchaus freundlich gegenüber.
Wir gehören nicht zu denjenigen, welche Fürsten- Begegnungen al» untrügliche Wetterzeichen am politischen Horizont betrachten. Und so würden wir auch die Kaiserreise nach England und die dort gewechselten Toaste und Auszeichnungen gegenüber der bisherigen Politik Birmarcks (dis man doch wohl kaum einer England freundliche nennen kann und auch nicht immer den Neigungen des deutschen Volkes entsprach) nicht hoch anschlagen wenn nicht die augenblickliche Gesammtlage Europas in Verbindung mit der althergebrachten Feindschaft zwischen Rußland und England einerseits und der merklichen Erkaltung der früheren Beziehungen zwischen Frankreich und England anderseits, eine Annäherung des JnfelreiMS cn den mitteleuropäischen Fkiedensdund mehr als wahrscheinlich, ja fast zur politischen Nothwendigkeit machte. Ob darüber geschriebene Verträge abgeschlossen worden find oder nicht, ist im-Grunde genommen einerlei. Die Bedeutung der Vorgänge in Spiteheade und Osborne liegt in der Verstärkung der FciedenSbürg-
lung politischer Parteien in die Hände fallen. Lassen Sie sich von Herrn F»bx erzähl»«, welche Versuche wir in diesem Sinne in Frankreich unb auch in England gemacht Haden. Es ist noch nicht Alles geklärt, aber dies scheint im Großen und Ganpn ber richtige Weg zu sein: gegenüber der Macht des Großkapital» ein Gegengewicht durch die vereinten Kräfte der virständigen Arbeiter unb ber konservativen Landbevölkerung."
Letztere Worte sprach Napoleon mehr für sich, und dabei senkten sich seine Augendeckel in einer auffallenden Wisse nieder, so daß die Augen halb verschleiert erschienen.
Peter wollte sich entfernen, aber ber Kaiser blickte ihn wiederum voll an und frag: „Wann werden Sie wieder nach Deutschland zurückkehren?"
Unser Landrmann gab zur Antwort, er werde wohl so lange in Pari» bleiben, al» Herr Felix ihn behalten wolle; Familie hab- er zu Hause keine mehr, und deßhalb ziehe chn auch einstweilen nicht» in die Heimath.
Napoleon lächelte und hob den Finger in die Höhe, indem er sprach: „Ja! Ja I Unb ber Polizeidiener, der einmal gehauen wurde!"
Peter wurde Über und über roth im Gesicht