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M 183.

Montag, den 12. August.

1889

eitler W Jeiluilg.

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Zweites Blatt.

Diel französische Armee.

Die lUrtheile über' das französische Heer in seine r jetzigen Gestaltung sind schr getheilt. Jeden­falls würde die Opferwilligkeit der Kammer der Deputirten die höchste Anerkennung verdienen, wenn nicht anzunehmen wäre, daß das Gefühl der Re­vanche gegen Deutschland dabei die Hauptrolle spielt. Möge dem aber sein, wie ihm wolle, so ist doch nicht abzuleugnen, daß Frankreich gegen­wärtig vortrefflich gerüstet und wie man annehmen kann, kriegsbereit ist. Die Befestigungen an der Ostgrenze, sowie an der italienischen find nach dem neuesten System angelegt und werden von .allen Fachmännern gelobt. Das Geschütz ma­terial ist gleichfalls ein mustergültiges, dabei find Festung«- wie Feld-Artillerie in den letzten Jahren bedeutend vermehrt worden. Das sog. Lebel-Gewehr ist entschieden eine Waffe, die sich mit jeder andern meffen kann, wenn man auch von den übertriebenen Anpreisungen derselben ab- steht. Da» Pferdematerial — sowohl die Be­spannung dec Artillerie, wie auch die Kavallerie­pferde — ist vorzüglich, war dieses auch schon 1870. Das schwere Pferd ist das normännische und eine Kreuzung zwischen Normanner und Ar- denner Race, während die Pferde für leichte Ka­vallerie in Ungarn und Rußland angekauft werden. Seit jüngerer Zeit liefert letztere auch das Regier- ungsgestüt in Darbe«. In der Verpflegungs- Organisation ist seit 1870 eine gründliche Um­änderung eibgetreten und kann man eine entschiedene Befferung nicht leugnen; allein erst ein Krieg kann zeigen, wie sich dieselbe in der Proxi« bewähtt. Dar Eisenbahnnetz ist inzwischen vervollkomm­net und eine große Anzahl militärischer Bahn­strecken ausgefühlt worden.

Der französische Soldat war zu allen Zeiten ein guter schneidiger Militär; aber ihm fehlten Disziplin, und in den ungünstigsten Lagen die Ausdauer und Spannkraft. Die Disziplin ist in dem Heere der Republik sehr gehoben; aber der Mangel an den beiden anderen soldatischen X Das russische Bauernthum und die deutschen Kolonien in Rußland.

Von I. D...l.

(Schluß aus dem ersten Blatte.)

Aber selbst in die Häuser der Beffergtstelltrn, der reichen, vornehmen Gut-Herren haben diese Zustände einzudringen vermocht. Er herrscht dort ein eigenthümlicher, für den Fremden unerkärlicher Wirrwarr der grülsten Gegensätze. Neben dem kostbaren Möbel von ungeheurem Werth fiadet oft ein Gegenstand plumpester, geschmacklosester Arbeit Platz; neben dem köstlichen Gemälde einer alten Meisters hängt die stümperhafte Arbeit eines Dilettanten; neben der Portiere von schwerem antiken Damast schaut da« zerrissene billige Gewebe der neueren Industrie hervor; in dem Eßsaal, dessen Tafel von Silber und Ktystallschalen strotzt, ist der Mörtel an der Wand herabgcfallen und gibt dem Gemach das Aussehen eines verfallenen Schuppen»; der schiefe eingesunkene Parquetboden ist spiegelblank gewischt wie in den Prunksälen des RcfidrnzschlvsseS. Wie eine Geißel scheint e» über dem ganzen Volke zu schweben, die von wuchtiger Hand geführt, jede frohe strebsame Unternehmungs­lust schon im Keim erstickt. Ja selbst diejenigen au» Altrußland, welche, von der Regierung be­günstigt, fich auf den alten Stammsitzen de» pol­nischen Adel» niedergelassen haben, finden wenig Befriedigung in den Vorlheilen die ste genießen;

Tugenden ist wohl ein unausrottbarer National- fehler. Kurz, man muß gestehen, daß die Leist- ungrfähigksit der französischen Truppen, ihre Be­waffnung, sowie die Befestigungskunst seit 1870 bedeutende Fortschritte gemacht haben; aber der Soldat hat noch seine alten Fehler.

Frankreich würde ein noch weit gefährlicherer Gegner sein, al» e» schon ist, wenn nicht die innere Zerfahrenheit, der Kampf um die Staatsgewalt, welcher die Parteileidenschaften zu solchen widerwärtigen Ausschreitungen anfacht, wie sie sich leider fast alltäglich in der Kammer der französischen Deputirten abspielen, wenn nicht der politische Gegensatz zersetzend auf die Disziplin und die Organisation des Osfizierkorp» wirk­ten. Eine Lockerung der Bande, welche die ein­zelnen Elemente des Offizier- und Beamtenkorp» aneinander fesseln, muß lähmend auf den Dienst und niederschlagend auf die Offiziere selbst wirken. Zu diesem Uebelstande gesellen fich noch der häu­fige Wechsel in der Besetzung des Krieg»Mini­sterium» und die Beeinflussung der Wahl des Kriegsminister» durch die öffentliche Willensmein­ung. Jeder Minister strebt neue Reformen an, die bei der Kurzlebigkeit der Ministerien nicht durchgeführt, sondern oft durch diametral entgegen- gesetzte verdrängt werden. Das Standesgefühl leidet ebenfalls bitter unter der Aufdeckung der entsetzlichen Korruption (Verderbniß), welche in höheren Sphären herrscht und die kraß blorge- siellt wurde in dem Andlau-, Wilson- und dem jetzt schwebenden Bou langer-Prozesse. Die Osfizierkorp» der einzelnen Regimenter find in zwei, oft sogar drei streng gesonderte Lager ge­schieden, ein monarchisches und republikanisches und oft ein bonapartistisches, deren Anhänger kaum aus dem Grüßfuße zu einander stehen. E» er­eignet stch nicht selten, daß die monarchistischen Offiziere ihren republikanischen Kommandeur ge« ftllschaftlich „boycotten" (in die Acht erklären), und auf der anderen Seite wird bei den Beförder­ungen zu höheren Kommandostellen vielfach mehr auf waschechte republikanische Gefinnung als auf militärische Tüchttgkeit gesehen. Die einzige Aus­nahme, welche die Regierung in dieser Beziehung

beim viele kehren schon nach einiger Zett wieder in ihre Heimath zurück. Die polnischen Gutsherrn aber bedürfen für jeden Bau und für jede Repa­ratur in ihrem Hause einer besonderen Erlaubniß von der Regierung, und da ist Geld und nur Geld und nur wieder Geld erforderlich, denn ehe ein solche« Gesuch überhaupt in die betreffenden Hände gelangt, hat cs schon soviel an Extra-Gelder für die Unterbeamten gekostet, als für eine sechs­malige Reparatur nöthig gewesen wäre. Ein festes Haus, ein Steinhaus dürfen ste überhaupt selten oder gar nicht kauen und kaufen, verkaufen dürfen sie ja Alles, nur nicht ankaufen. So besteht denn manch' herrschaftlicher Hof aus einem halb Dutzend kleiner Häuser im Schweizerstil erbaut, wozu die Erlaubniß für jedes Einzelne mit schwerem Geld erkauft wurde. Und Geld ist es ja, woran e« fehlt in allen Kreisen.

Da hat der Gutsherr oft ri-fige Wrarenlager voll des herrlichsten, schönen Getreides und keinen Heller in der Tasche. Die schlechten Verkehrswege, die nur im Winter per Schlttten den Versandt erlauben, die Schwierigkeiten, die sich seiner Person entgegen stellen, zwingen ihn dazu, den dortigen Juden und immer wieder den Juden al» einzigen Vermittler zu gebrauchen. Ec kennt ihn au« eigener Erfahrung als den schlauesten Berechner, den durchtriebensten, unbarmherzigsten Wucherer, und er muß ihn doch aufsuchen, ihm bleibt keine Wahl. Er weiß genau, daß er betrogen wird,

machte, war die Wiederanstellung der schneidigen Kavallerie-Generals Marqui« de Gallis et, weil sie seine allbeliebte aristokratische Persönlichkeit auch diplomattsch verwerthet, um auf durchreisende rus­sische Großfürsten und auf den ihm persönlich be­freundeten Prinzen von W a l e» in franzosenfreund« lichem Sinne zu wirken. Man hofft, daß dieser gesellschaftliche und politische Gegensatz im Offi­zierkorps im Kriegs vor dem Gefühle der Vater- landrliebe schwinden wird, und es wird auch zum Theil der Fall fein, aber die trennende Kluft im Frieden hat er herbeigeführt, daß der Offizier die Befehle feine« politisch gegnerischen Vorgesetzten zu bemängeln gewohnt ist, und diese Sucht zu kritisiren wird auch im Kriege fich äußern und dürfte dann von den allerschlimmsten Folgen beglei­tet fein. Im Uebrigen b-eifern die Offiziere fich ernsten Studium« und lassen fich die Ausbildung bet Gruppen angelegen fein. Die Infanterie, Linie wie Lanbwehr, führen alle Bewegungen mit leidlicher Präzision au», nur läßt bei Schwenkun­gen dis Richtung und bei Uebungsrnärfchen da» Einhalten bet Abstände zu wünschen übrig. Dis Linien - Infanterie ist die am bssien ausgebildete Truppengattung, doch steht ihr die Artillerie wenig nach. Der wundeste Punkt der französischen Ar­mee ist die Kavallerie, da es mit deren Reit­kunst nicht weit her ist und e» vorkommt, daß Offiziere wie Mannschaften beim Vorbeimarsch im Trabe von bett Gäulen purzeln.

Das Train- unbSanitätSwesen istziem- lich gut ausgebildet, doch muß man diese Einrich­tungen, ebenso wie die Intendantur, im Felde sehen, um sie nach ihrem wahren Wertbe beurthei- len zu können. Der Mobiltsirung» ■ Versuch der beiden Armsekarp» hat seiner Zeit trotz der früh­zeitigen Veröffentlichung des Planes durch den .Figaro' recht bedenkliche Mängel im Intendantur- wesen gezeigt und auch keine allzu hohen Begriffe von der Umsicht und schnellm FaffungSgabe der hohen Befehlshaber beigebracht.

Die französische Marine ist, trotz gegentheili- gsr Versicherung, der englischen und auch der ver­einigten deutsch-östsrreichisch-italisnischen unterlegen. Die französischen Seeleute besitzen nicht den Schneid

und doch find seine Pächter nur Juden, seine Be­amten find Juden, seine Handwettler find Juden, ober was bleibt ihm Anderes zu thun übrig? Trotz aller Anstrengung, die man macht, dar Judenthum dort zu unterdrücken, ist der Jude bis jetzt noch der Einzige, der fich mit fchlangenartiger Geschmeidigkeit durch die Schnörkeln der russischen Gesetze durchzuwinden versteht, der die verborgen­sten Schleichwegs kennt und Allen eih Schnippchen schlägt. Was Wunder nun, daß, obschon die Gaue Volhyniens und Podolicns den Eindruck eins« reichen gesegneten Landesstriche« machen, seine Bewohn-r, Städte und Dörfer einem im Verfall begriffenen Stamme des Mittelalter» gleichen. Armes, schöne» Land! Es liegt ein Gegen­satz zwischen ihm und seinen Bewohnern, den man anderswo nicht kennt, und nur die einzelnen Kolonien bieten ein harmonische» Fleckchen, um dessen Umgebung aber strenge die Grenzen gezogen scheinen, als sei er ein verzauberte» trautes Nest­chen, aus der deutschen Heimath in dis russische Einsamkeit versetzt. Aber die russische Regierung hat jetzt angefangen, offen ihrem Grolle Luft zu machen, indem sie mit den Aurweisungen der deut­schen Kolonisten begonnen hat und den Stein de» Anstoße« entfernen will. Und wie lange wird'» dauern, dann ist er hinweg geräumt, und dann sind in kurzer Zeit die Spuren verwsscht, die deut­scher Fleiß auf russischem Boden geschaffen.