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M 182. Samstag, ben'10. August

Mitt N 3citiiH«.

1889

D» »uldaer Zeitung- erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld ' mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark oO Pfennig.

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Zweites Blatt.

X Das russische Bauernthum und die deutschen Kolonien in Rußland.

Von I. D...I.

(1. Fortsetzung.)

' Auch die Kleidung entspricht dieser Lebensweise. Strümpfe kennt man nicht, Männer wie Frauen tragen im Winter hohe Stiefel, und im Sommer laufen sie barfuß. Die Hemden bestehen aus zweierlei Zeug. Der obere Theil ist rauhes, grobes Leinen, das die Bäuerinnen selbst spinnen, der untere Theil eine Art Packluch. Mehr als zwei, höchstens drei dieser Kleidungsstücke befinden sich wohl nie im Besitze eines Bauern. Sommer wie Winter tragen die Bauern kurze, halbwollene Hosen, die Frauen grelle rothe Kattunröcke und Jacken; die Schafs« pelze bilden nun bei Allen die Hauptkleidungsstücke. Die Wolle nach Innen gekehrt, die Außenseite nut bunten Fäden benäht und geziert, tragen sie die­selben fast das ganze Jahr hindurch. Als Kopf­bedeckung sind bei den Männern wollene oder Pelz­mützen, bei den Frauen bunte Tücher üblich, welche sie graziös um den Kopf schlingen, während sie das kurz geschnittene Haar freilasien. Als einzigen Schmuck tragen sie Korallenketten, die oft einen ganz bedeutenden Werth haben. Ebenso einfach ist ihre Kost. Kartoffeln. Mehlspeisen aus Schwarz- mehl, Käse, Schweinefleisch und Hülsenfrülte bil« den die gewöhnlichen Gerichte, aber dieselben find sehr schlecht und geschmacklos zubereitet. Noch ein­facher und kunstloser als die Hütten sind die Ställe gebaut. Meist find cs große starke Reifer, tief in die Erde gest ckt, welche von langen Querbal­ken gestützt, mit Moor, Lehm und Sttoh beworfen und aurgestopft werden und mit dem tief herab­hängenden Strohdach einen großen, warmen Raum bilden, welcher das Vieh nur bei hohem Schnee und in der kältesten Jahreszeit beherbergt. Kaum ist dar Wetter einigermaßen milde, so wandert die ganze Dorfheerde hinaus auf die Weide.

Das ist das Leben des polnisch-russischen Bauern zwischen blühenden Feldern und fruchtbaren Gauen, das Leben des kleinen russischen Grundbesitzers, der durchaus nicht arm, sondern Herr ist über ein hübsches Theil wahrer Prachlfelder, Herr über einen tüchtigen Viehstand, Herr über ein eigenes Heim, Herr über ftinLben, das ihm die russische Regierung geschenkt. Und nicht bester, nein noch elender ist das L-ben de« allrussischen Bauern, der nicht solch blühende, fruchtbare Heimath sein eigen nennt.

Wa» der arme Leibeigene wohl gewonnen hat dadurch, daß er von einer unwürdigen Knechtschaft erlöst und ihm eine Freiheit geschenkt wurde, die er nicht zu würdigen und zu schätzm versteht? Aengstlich werden ihm ja alle Lehren ferng. halten, die ihn über die« kostbare Gut aufklären könnten.

Al» die reichen, vornehmen Gutsherren gezwun­gen wurden, einen TheÜ ihre» Landes gegen die niedrigste Taxe, die anzunchmen war, an die russi­sche Regierung zu verkaufen und letztere wieder diesen Ländertherl in unzählige kleine Stücke vsr- theilte und zerklüftete, jedem frcigewordcnen Leib­eigenen fein Theil gegen Raten, die in gar keinem Vergleich mit dem Einkaufspreis standen, verkaufte, da hatte die Regierung den armen Menschen die Freiheit gegeben, wie man sie etwa einem einge­sperrten, in der Gefangenschaft geborenen und er­zogenen Thiere gibt. Er kehrt ebenso gern in die alten Festeln zurück, al« e« in einer Freiheit leben will, mit der cs nichts anzufangen weiß.

Jahre sind seitdem vergangen, aber dar L.ben des russischen Bauern hat sich nicht geändert. Heute wie damals blühen und grünen in üppigster Saat

die Felder; heute wie damals steht die armselige Hütte des Bauern da; heute wie damals herrscht Unwissenheit und Aberglaube in der Bevölkerung und ist der Schnaps die einzige Freude, das ein­zige Vergnügen des Bauern; heute wie damals ist der Besitzer des Kabarets (Schnapsbude) die Haupt­person des elenden Dorfes, und ist der Sonntag der Tag, wo Männer und Frauen diesem thieri- schn Genuffe sich hingeben dürfen, bi« sie unzu­rechnungsfähig hinauskommen, um in dem ersten besten Graben ihren Rausch auszuschlafen; heute wie damals ist der Schnaps der gierige Rachen, der Alles verschlingt, wa» dem Bauern ein bessere» Loos bereiten könnte, die unersättliche Sparkaffe de» Landes, die das Elend als Zinsen, den Ruin als Kapital heimzahlt.

Erst als die deutschen Kolonien in Rußland entstanden und die deutschen Ansiedler anfingen, ihre Lebensweise, ihren Fleiß, ihre Nüchternheit in da» schöne, fruchtbare Land zu verpflanzen, ging ein Licht der Erkenntwß auf für die einzelnen Dörfer, welche in der Nähe solcher Ansiedlungen lagen. Warum eigentlich die russische Regierung diese Ansiedlungen erlaubte, ist unbegreiflich für Den, der das Mißtrauen kennt, mit dem man diesen Kolonien allezeit begegnete. Denn mißtrauisch war man nur gegen sie, aber das kümmerte die Kolonisten wenig. Sie hatten die Erlaubniß, zu kaufen, zu bauen, zu säen und zu ernten, und mehr brauchten sie nicht; sie kümmerten sich nur insofern um die russischen Untertanen und Behör­den, als sie ihnen bald ein Muster deutschen Fleißes und deutscher Strebsamkeit wurden, und die Gesetze, welche für sie galten, befolgten sie gewissenhaft. Sie hatten ihre ’igene Schulen, sie verpflanzten nicht nur deutsche Cwllisation, sondern auch deutsche Kurst in ihre neue Heimath.

Sonderbar, meilenweite Landstrecken hatte ich hinter mir; vorüber an Dörfer, wo nicht ein einziger Mensch lesen und schreiben konnte, wo nicht eine einzige menschliche Seele wohnte, die je von Musik etwas anderes gehöit hatte, als die ein­tönigen, langgezogenen Laute der Hochzeitsfidel und der kleinen Timbal-; durch lachende, sonnige Fluren, in denen der Weg so schlecht war, idaß kein Wagen das Gleichgewicht behalten konnte die nie den Pfiff des Dampfrosse«, de« Träger« der Civilisation, gehört; an Dörfern vorbei, die so armselig waren, daß die kleine" rusfische Kirche mit ihren weißgetünchten Wänden und der vergol­deten Kuppel aussah wie ein geschmückter Weih- nachtShaum zwischen'einer verdorrten Baumgruppe; durch endlose, einsame Landstriche, in welcher der entfernte Ton de« Glöckchens, wie der traute be­kannte Menschenlaut in tiefster Wildwß erscheint; nach Tagen tiefster Einsamkeit, mitten in dieser sonnigen Einöde — ein Theater — ein deutsche» Theater I Musik ein vollständige» Musikkorp» mit bekannten jauchzenden Melodien! Rach solchen Tagen welch' schöner, überraschender Willkomm»- grüß da» ist! Wie näre e* wohl möglich, da eine Kritik zu üben über die jungen Künstler, die in der Woche mit Hacke und Sense in der Hand im Schweiß.- ihre» Angesichte, ihr Land bebauen, ober über die jungen Künstlerinnen, die so begeistert ihre Rollen aufführten, während sie vielleicht vor wenig-» Stunden noch eilig das V eh gefüttert und Hau» und Wirthfchaft in Ordnung gebracht hatten!_________________ (F rti. W.)_

Vermischtes.

♦ Aus Tegernsee wird folgende nahezu unglaublich klingende Geschichte berichtet. Unter andern Turnerfahrten war von Theilnehmern am VII. deutschen Turnfest auch eine Fahrt nach Tegernsee geplant. Dies lbe hatte em? große Theilnahme ' gefunden Man sagt, etwa 1500 Turner seien, entschlossen gewesen, sie mitzumachen. Der

in Tegernsee amtirende BezirksamtSaffeffor, Graf Lux­burg, ein Neffe des Regierungspräsidenten von Unter­franken, hatte das kaum vernommen,. als er bereits an das Gensdarmeriekorps-Kommando München telegraphirte, er brauche zur Aufrechterhaltung trr Qrdnung und Sicher­heit 15 Mann Gensdarmen zur Verstärkung, d. h. etwa so viel wie man zum Aufheben einer Räuberbande be- nöthigt. Die Sache wurde ruchbar, die Turnsahrt unter­blieb, statt 1500 Turner fanden sich etwa 12 ein und bestiegen den Hirschberg. Tegernsee aber, das Herrn von Luxburg so wie so nicht grün ist, speit zur Zeit Feuer und Flamme. Herr von Luxburg verbot vor 2 Jahren den Sennhütten am Tegernsee auf Grund der Reichsge­werbeordnung Flaschenbier an die Fremden zu verabfolgen, nachdem der Brauch Jahre lang bestand. Etwas weniger Schneidigkeit und etwa» mehr Ueberlegung könnte bei dem starken Fremdenverkehr in und bei Tegernsee an leitender Stelle nichts, schaden.

— (Unerhört.) Student zu einem Hausirer: „S,e unverschämter Mensch! Wie können Sie sich unterstehen, so scharf zu läuten? Thut der Kerl, als ob er ein Geld- briefträger wäre!-'

Literarisches.

Die Wahrheiten des Christenthums. Dargelegt in Kanzelreden von I. Sch o r k, Domkapitular u. Dompfarrer in Würzburg. Verlag von Leo Wörl in Würzburg. ,. ,

Bon dieser bereits angekündrgten Predrgtsammlung

ist das 1. Heft nunmehr erschienen. In demselben werden in 6 Borträgen die Geheimniffe des Glaubens dargelegt. Der Verfaffer erfreut sich längst des Rufes eines ausge­zeichneten Kanzelredners, er versteht es meisterhaft, rn einer ebenso die Gebildeten wie das schlichte Volk anspre­chenden Form die Wahrheiten des Christenthums in über­zeugender Weise darzulegen. Den nächsten Anlaß zur Veröffentlichung gab das St. Kiliansjubiläum und darf die Sammlung als die werthvollste Jubiläumsgabe be­zeichnet werden. Wie das Fest den Glaubenseifer wieder geweckt und gemehrt hat, so sind diese Kanzelvorträge geeignet, denselben zu befestigen. Die folgenden Hefte werden die übrigen Haupiwahrheiten des Christenthums behandeln und wird das Ganze einen zusammenhängenden Cyklus bilden. Der Preis des elegant auSgestatteten Heftes ist mit 1 Mk. mäßig berechnet._____________________

Gottesdienst Orimaag In Arrlds

Sonntag, 11. August.

Dom. Um 5, 6 68/., 7»/, Uhr hl. Messen, um 9 Uhr Amt mit Predigt. Christenlehre um 10»/« Uhr für die Jünglinge und um 1 Uhr für die Jungfrauen, um 4 Uhr Predigt und Abendandacht, um 7 Uhr Andacht in der Ma- rienkapelle. — Stadtpfarrkirche. 5 Uhr hl. M-sse mit Predigt, 6 Uhr hl. M-ffe, 61/, Uhr hl. Messe, 71/, Uhr Prozession auf den Frauenberg, 8 Uhr hl. Messe, 11 Uhr hl. Messe, 11 und !>/, Uhr Christenlehre, 3 Uhr Sakra­mentsbruderschaft. — Michaelsberg. 10 Uhr Gottes­dienst. — Severikirche. 8 Uhr Schülergottesdienst. — Hospitalskirche. 8 U. Gottesdienst, 5 U. Abend­andacht. — Frauenberg. 5, 6 v. 7 U. hl. Messen, 8 Uh-, nach Ankunft der Pestwallfahrt, Predigt u. Hochamt. Montag, den 12. Aug. Vollk. Ablaß wegen des Festes der hl. Klara. ___

Kirchliches.

«otik-dir«ß-rd»-ill i* Kimmer,ell wahrend der Kachnsakian.

Am Vorabend des Festes des heftigen Rochus ist von 4 Uhr Nachmittags an Beichstuhl in der Pfarrkirche. — Am Festtag- selbst (Freitag, den 16. August) von Morgens 5 Uhr an Beichtstuhl und hl. Messen m der Pfarrkirche, um 9 Uhr von da Prozession zur Rochus­kapelle und daselbst Amt und Predigt.

Während der Oktav ist an den Werktagen jeden Tag von 6 U. an auf dem Rochusberge Gelegenheit zum Beich­ten, von 7 Uhr an hl. Messen. Am Oktavsonntage ,st Beichtstuhl, Predigt und Hochamt in der Pfarrkirche.

Der Fletschgenntz ist es, von dem seck ältesten Zeiten die heilsamste Stärkung des Organismus erwartet worden ist; und in der That, waS die Beobachtung unserer Alt­vorderen längst erfaßt hat, ist in unseren Tagen durch die Lehren der Wissenschaft sanktionirt worden. Der Körper b.-steht wesentlich aus eiweißartigen Substanzen, er will daher auch seinen Unterhalt am liebsten aus ei­weißartigen Verbindungen ergänzen, wie sie am besten das Fleisch liefert. Sind die Kräfte des menschlichen Organismus durch die Arbeit erschöpft, so ist es die Nah­rung, welche nab der Aufnahme in die Säfte neue Lebens­kraft verleiht. Je leichter die Aufnahme der Nahrirng, um so schneller und angenehmer die Erquickung. Darum muß es auch Jedermann einleuchten, daß, wer gleichsam „gelöstes Fleisch", wie es Kemmerich's Fleisch-Pep- t o n darbietet, zu sich nimmt, in erfolgreichster Weise feinen Körper erfrischt und feine Gesundheit stärkt. s.1582