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g Rusfifizirung der Ostsee- Provinzen.
Die.Kreuzzeitung', welche täglich neue Schnur- zensrufe über die Gewaltmaßregeln gegen den Protestantismus in den Ostsee-Provinzen aurstößt, brachte bekanntlich vor einigen Tagen einige Lätze aus der Rede des Zarin Alexander II. an die Vertreter der baltischen Ritterschaft, in welcher er erklärte, man roetbe/eon ihnen niemals den Gebrauch einer anderen als der eigenen (deutschen) Sprache verlangen. „Weder wünsche ich, daß der Mas von 1850 heute oder morgen durchgesührt, noch w,ll ich, daß Beamte gezwungen werden, den Dienst zu quittiren, noch doß irgend etwas ge- schädigt werde." , TT
Die Zeiten und die Anschauungen Al» x ruber s II. haben anderen Platz gemacht.
Die russische Unterrichtssprache wird in allen deutschen Privat-Lehranstalteu der baltischen Provinzen eingeführt, nachdem die öff.n'lichm Lehranstalten bereit« russifizirt sind. Der evangelisch- lutherischen Kirche Rußlands ist jede Art von Misfiorsthäiigk-it verboten: dar Bestehen der evan- gelisch-Iutherischen Gesellschaft, die lediglich Wohl- thätigkeits-Zwecke verfolgte, wurde jüngst für den ganzen Umfang des russischen Reicher verboten.
Jeder anständige, billig denkende Mensch wird ein solcher Vorgehen der russischen Regierung entschieden verurtherlen. Rußland, dar Türken, Buddhisten, Frueranbeter und mehrere hundert Sekten zur Staalrküche umfaßr, ohne daß das Zarenreich Schaden davon nimmt, hätte nicht den mindesten Anlaß, sich gegen die römisch-katholische Kirche feindselig zu geriren oder auch gegen die deutschen Protestanten der Ostsec-Provinzcn. Aber warum wird der Protestantismus, der sich Jahrhunderte lang der größten Freiheit erfreute, j tzt bekämpft, und zwar bekämpft mit den Machtmitteln eines BardarenstaateS. Rußland ist gegen die Deutschen jetzt feindselig gestimmt und „deutsch" und „evangelisch" sind den Rusten rden- tische Begriffe. Richt ohne alle Berechtigung; denn die deutsche Vormacht w-.rd als Hort des Protestantismus viel zu häufig in'STreff n geführt und sogar dar deutsche Kai,erthum wurde mißbräuchlich schon protestantische» Kaiserlhum genannt.
Auffallender Weese schreien gerade dUMgen Blätter, welche ähnliche Maßregeln der preußischen
X Das russische Bauernthum und die deutschen Kolonien in Rußland.
Von I.
(Nachdruck verb.)
Wer die blühenden, fruchtbaren Gefilde von Volhymen und Podolien bereist, dem fällt zunächst Zwererlei auf: die Bevölkerung und ihre Wohn- sitze und zwar aus dem Grunde, weil beide nrcht in diesen Rahmen paff n. Es ist etwas so Ratüc- liche«, die Vö ter nach ihrer Hsimath, ihrer Arbeit, ihrem Lande und wieder das Land nach seinen Vö.kern zu bemtheilen, daß uns dort um so schärfer der Gegensatz zwischen beiden entgegentritt. — Wenn wir des Fluren Deutschlands, die gesegneten Rheinlande, die schönen Saar- und Moselthäler durchwandern, so staken wer alliNt- halben einen gute>|. fleißigen Bauernstand, dem aber durchaus nicht Haus und Hof, Vieh und Land allein genügt, fein Jntereffe ganz auszu- strÜen. Mit off nem Auge und Ohr lrest, hört und bespricht er die Ereignisse des In- und Auslandes, bildet sich fein sellstständtgt» Unheil darüber und weiß mit ter offenen Sprache der freien, deutschen Mannes die Internsten seines Landes und seine«
Regierung als den Gipfel der Staatsweirheit gepriesen haben und j tzt noch preisen, über die Brutalität der Rusten am lautesten. Es nimmt sich daher um so komischer au«, wenn heute national- liberale Blätter nebst ihrem freimauerisch - prote- stantenvereinlichen Trost- dieses Vorgehen Rußland» als eine deutschfeindliche Intention ober als einen vernichtenden Schlag der Gewistensfreiheit brand- marken. Auch der katholischen Presse, welche auch für „Freiheit und Recht" de« Gegners, dem Centrumr-Programm entsprechend, eintritt, steht ein Recht zu klagen zu über eine solche Be- drückung des Gewissen», wenngleich unsere evan- gelisch-protestantischen Mitbürger srisch und flott den Kulturkampf nicht nur gegen die Katholiken Deutschlands, sondern auch des Auslandes getrl- ligt und so das Recht auf unsere Sympathien eingebüßt haben. Trotz alledem wollen wir schon im Voraus hier feststellen, daß wir ein solches Versahren Rußland« gegen Anderrgläubrge nicht billigen, sondern verab,cheuen.
Um nun auf da» betreffende Verbot selbst zu kommen, so hat e» damit eine ganz eigentümliche Bewandtniß. Im Jahre 1815 nämlich wurden die russischen Jesuiten aus Rußland verbannt, wegen ihrer angeblichen Proselytenmacherei, tn Wahrheit aber in Folge der Jntriguen der evan- gelisch-lutherischen Gesellschaft, der von Frau von Krüdener genährten Träume Kaiser Alexanders von einer Universal-Religion, der Eifersucht der Uuiversität Wilna, de» freiwilligen, nicht durch die Jesuiten bewerkstelligten Uebertritt« de» Reffen des Ministers Galitzin. (Vergl-Dr. Brühl Allg. Religion-- und Kirchensceund 1847 Nr. 27—28.)
Und j tzt nach einem Z-.itraums von ca. 74 Jahren wird ebendieselbe Gesellschaft von einer ähnlichen Maßregel lekoffen. Diese Thatsache sei nicht etwa ang. führt au« Schadenfreude, wie man vielleicht dem Verfaster unterschieben würde — nichts weniger als das — sondern es soll damit blos konstatirt werden, daß, was dem Einen recht, dem Andern billig ist. Und wenn sich die evan- aelisch-lutherischen Bewohner Rußlands üoer solche Maßregeln in ihrer Gewistensfreiheit schwer be- drückt fühlen, warum fällten es nicht dis römisch- katholischen Bewohner unbUntertanen? Ja, aber da» ist eben bei den liberalen Blättern unb ihren Hintermännern etwas ganz Anderes, für die Katho- Uten hat man zweierlei Maß. '
Als im Jahre 1874. um em Beispiel anzu- führen, bet russische Oberst Stein mit seinen
Standes muthig zu vertheidigen, wo e» Rotb tbut. Sehen wir uns den Bauer der Effet, vom Hunsrück, den westfälischen Bauer, den Harde- bauer, den pommerischen Bauer an. Der Grund- zu, des deutschen Bauern bleibt sich wohl überall gleich, denn in alle deutschen Gaue hat die Cim- liftttion ihren Samen ge'äet, und sei e« m Pommern, in den Rheinlanden, in der Haide oder im Hochland, überall ist eine reiche Ernte, überall ein stattlicher Bauernhof des Bauern und ein voll, gepfropfter Leinenfchrant der Bäuerm größter ^Ader dennoch drückt das Klima und die Be- fchoff.nheit bet Heimath dem Bauer feine sichtbaren Merkmale in Körper unb Gemüth auf. Sinb unsere Bauern lebensfroh, gefprachrg unb den Neuerungen etwas zuaänaig, so finden mir das Gegenteil bei den Haidauern unb ben Bauern der nördlichen Provinzen. Der west älffche Bauer ist zurückhaltender, verschlossener; wfft einfacher noch und robuster ist der Bauet m den Hochlanden, schweigfam unb ernst bet btt Seefeite. Die Natur hat ja einen so mäch tiaen Einfluß auf den Dlrnschen, am m ersten aber auf du Naturmenschen selbst, der so enge mit rh:
©olbaten nach Pratulin, einer kleinen russischen Prooinzstabt, in deren Umgebung noch mehrere andere Ortschaften liegen, kam, fragte er die vor der Kirche versammelte Gemeinde: warum empört ihr euch gegen den Kaiser? unb forderte die Leute auf, sich al« Orthodoxe zu erklären. Da aber die Bürget muthig antworteten, man müsse Gott mehr gehorchen al« den Menschen, gab der Oberst Befehl, mit Kolben auf die Widerspenstigen einzu- schlagen. Dabei entstand ein Handgemenge, wobei 2 Soldaten unb 1 Bauer getöotet worben. Da ließ der Oberst bie Soldaten zurücktreten unb eil Rottenfeuer eröffnen. Zehn Personen stürzten tobt ntebet unb eine große Anzahl wurde schwer verwundet. In einer anderen Ortschaft wurden 9 getödtet; anderswo trieb man die Widerspenstigen bis an den Hals in einen gefrorenen See, ließ sis bei 16° Kälte Schnee in einen Graden unb roleber aus dem Graben zurück auf bie Straße schaufeln, bi« sie zusammenbrachen, zwang sie, mit entblößtem Kopfe stundenlang in dem eisigen Winde zu stehen. Die Knute der Kosaken war überall da« Bekehtungrmittel, und nur selten beschränkte man sich auf die gesetzlich erlaubte «ahl von 50 Hieben für Männer, 25 für Frauen unb 5 für Kinder. Aus düse Weise wurden 241 Pfarreien, 187 Priester unb 241,000 Uniten gekehrt". Umsonst erhob Pius IX. immer und immer roleber seine Stimme für die armen, wehr- losen Uniten; seine Bitten, wie seine ernsten Wat- nungen unb der erschütternde Hinweis auf da» Gericht Gottes verhallten in Petersburg wirkungslos. (Sgl. kath. Mist. 1886 S. 122 v. P. A.
Atndt S. I.) ,
Ueber solche Greuelszenen uno andere mehr hüllten sich seiner Zeit bie liberalen Blätter unb ihr ganzer Troß tn tiefes Schweigen; warum auch nicht, es find ja Katholiken. Oder wollen sich bie liberalen Volksbeglücker etwa bamit brüsten, daß sie sagen, bei uns hat noch Keiner Prügelstrafen erhalten, so sage ich einfach: ba» haben die deutschen Katholiken nicht den liberalen Herren am grünen Tisch - denn bei diesen ist unter der Sonne alles möglich - sondern in Folge treuen Zusammenhaltens ihrer großen Widerstandsfähigkeit zu verdanken.
Jeder unbefangene Leser möge nun selbst urtheilen, auf welcher Seite sich Recht unb Billigkeit findet. Uebrigens wäre e» gar nicht noth- wenbig, über die Grenze nach Rußlanb hinüber- zuschauen, haben wir doch ähnliche Sachen in verwachsen ist. D-ßhalb berührt"es"uns doppelt eigenthümlich, ja unangenehm, wenn wir in Rußland durch unabsehbare Flächen blühender Fluren, wohl bestellter Felder, an kräftigem, prachtvollen Hochwald unb an saftigem Wiesenlande mit einer fo großen Anzahl weidender Kühe und Pferde, wie sie bei un» selbst da» stattlichste Dorf kaum aufzuweisen vermag, vorbeifahren und nun in « Dorf hineinkommen, da» an Armseligkeit nicht« zu wünschen übrig läßt. Wenn man bie eigenartige Beschaffenheit be» Boben» kennt, der so fruchtbar ist, daß ein Feld höchsten» alle vier bi» fünf Jahre einmal gedüngt zu werden braucht, wobei der gewöhnliche Düng.r nut darin bestcht, daß man da» Feld inzwischen einmal brach l«gm läßt; wenn man die Fülle von Segen in Wa.d und Flur sieht, dann ist es so natürlich, sich von vornherein al» Mittelpunkt ein sauoere», präch- tige» Dorf zu denken mit fl ißigrn Bauern barm; flbet weder ba» Eine noch bas Andere ist hier zu finven. Der armselige Kompl x von Hütten, die unregelmäßig ohne Saum und Strauch dahin ge- wüiselt sch inen, bietet sowohl von Innen al» von Außen einen gar traurigen Anblick.
Der fruchtbare Boden birg: keinen stein m