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JM 176. Samstag, den 3. August.^ 1889

Fuliucr W 3tilniig.

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Erstes Blatt.

°L Der amerikanische Staatenbund, ein Vorläufer des wirthfchafts- politischen Weltkrieges.

Bekanntlich ist die nordamerikanische Union groß und stark geworden durch ihr Schutzzoll-System, welches die überseeischen Staaten der alten Welt vom amerikanischen Markte möglichst aurschloß und dadurch dos Auskommen einer eigenen amerikani­schen Industrie und die Entwickelung derselben er­möglichte. Jetzt soll in diesem Sinne noch ein ge­waltiger Schritt vorwärts gemacht werden. Am 14.Oktober wird in Washington ein Kongreß aller Amerika-Staaten abgehalten, welcher einen wirth- schastlichen Staatenbund gründen, d. h. Nord- und Südamerika zu einem einheitlichen Wirthschafts« Gebiet zusammenschließen soll mit gemeinsamem Zollsystem, gemeinsamem Maß, Gewicht und Geld­system und gegenseitigem lebhastem Handelsverkehr.

Der Gedanke ist großartig, aber birgt eine immense Gefahr für die alte W lt, und nament­lich für Italien, D-utschland und Oesterreich in sich, denn es bereitet sich hier schon vor, was wir für's Jahr 1892, wo alle Handelsverträge ablau­fen, zu befürchten haben: die Organisation ge­schloffener wirthschaftlicher Gebiets, die sich einander schlimmer bekämpfen werden, als es durch große Kriege geschehen kann.

Frankreich hat bekanntlich alle Handelsverträge gekündigt, um auf diesem Wege da» im Frank­furter Frieden festgesetzte Meistbegünstigun^srecht zwischen Deutschland und Frankreich zu beseitigen. Der letzte französische Handelsvertrag läuft am 1. Februar 1892 ab und die anderen Staaten müflen damit ebenfalls ihre Handelsverträge auf­geben. Dann aber ist die Bahn frei zur Schaf­fung dieser gefährlichen wirthschaftlichen Abschlie- Hungen, wie die Amerika - Staaten eine planxn. Frankreich umfaßt mit Algier, Tunis und Judo- china 41/4°/o der Erdbcvölkerung, Rußland 7% derselben, zusammen ll1/* °/0 der Erdkevölkerung. Diese beiden Staatm wollen einen Wirthschafts- Bund Herstellen, der noch ungeheuer entwickelungs­fähig in Asien wäre. Dann kommt England mit seinen Kolonien als selbstständiges wirthschaftlicher Ganze mit 21°/0 der Erdbevölkerung. Und als

Klein-Wiesche«.

Novelle von I. v. Dirkink.

(Schluß.)

Luzien's Augen wurden größer und größer. Sie las und la», und ihre Miene wurde starr, ihre Glieder erbebten. Eine ganze Weile blieb sie völlig fassungslos. Dann kam wieder Leben in Hre Gestalt, aber sie erschien wie geknickt. Be- dächtig legte sie dar Heft wieder an seinen alten Platz, ihr Auge funkelte unheimlich. Taumelnd trat sie an die Wiege. Lange starrte sie in dar wachsgelbe Gesichtchen der kleinen Leiche. „Wüßte ich sicher 1" rief sie halblaut, „daß er nicht erstickt ist, so wäre ich ruhig; denn ihn könnte man ja beneiden, — ihn und die Mutter, die allen Kümmernissen und Demüthigungen enthoben find. Aber für den Vater und für mich?!"

Sie schauderte. — „O, Vater, welch' ein Ver- rnächtniß ist Dir mit dem alten Möbel in'« Hau« gefallen."

Am Nachmittage kam der Arzt und der Pfarrer. Der Erstere konstatirte, dcß der Kleine an Krämpfen gestorben sei; von einem Erstickungstode könne gar nicht die Rede sein. Der Pfarrer versah die Schulzin mit den Sterbesakramenten und nachher

drittes Wirthschaftszeliet würden stch Nord- und Südamerika, welche 71/8% der Erdbevölkerung umfassen, konstituiren.

Alle diese Staaten haben in ihren Ländergebieten sämmtliche Bedingungen zur vollen wirthschaftlichen Selbststäneigkeit, die in nichts von anderen Wirth- schasir - Organisationen abhängt. Sie besitzen in ihrem Schooße eine gewaltige Reichhaltigkeit der Pflanzen- und Thierwelt, sowie der Mineralien, und fassen alle, war namentlich in Betracht kommt, tropischen Gebiete in stch. So arbeiten Ackerbau, Gewerbe, Industrie, Handel in diesen drei geplan­ten wirthschaftlichen Staatenbunden auf dem denk­bar günstigsten Boden und können jedwede wirth- schaftiiche Einmischung anderer Staatm durch Pro­hibitivzölle ausschließen.

Diesen Staaten-Bündnissen gegenüber befinden stch Italien, Deutschland und Oesterreich in der denkbar schwierigsten Lage. Diese drei Staaten müßten wohl oder Übel ebenfalls einen Wirth- schaftrkund gründen. Aber da bildet schon gleich ein Haupthinderniß die Landwirthschaft; wir in Deutschland würden uns die schwere landwirth- schaftliche Konkurrenz Oesterreichs und Ungarns auf­halsen. Umgekehrt würde Oesterreich-Ungarn einen schweren Stand gegenüber der deutschen Industrie und dem Bergbau haben. Weiter, cs besitzen Ita­lien, Oesterreich und Deutschland keine iwportbe­dürftigen und keine exportfähigen überseeischen Ter­ritorien, ebensowenig Tropengebiete. Der deutsch­österreichische Wirthschaftsbund würde deßhalb kaum möglich sein, wenn sich ihm Holland mit seinen Kolonim nicht anschlösse und wenn er sich nicht über die Balkanstaaten bi» zur c statischen Türkei einschließlich ausdehnte. Dann würde dieser vierte wirthschaftliche Staatenbund 12 Prozent der Erd« bevölkerung umfassen und immerhin ein fruchtbares Wirtschaftsgebiet umfassen, wenngleich er die vor­genannten Staatenbünde nicht erreichen würde.

Aus dieser kurzen wirthschaftspolitischen Skizze ist zu ersehen, in welcher Gefahr Mitteleuropa schwebt. Was helfen uns unsere Armeen, wenn stch uns diese gewaltigen Staatengebiete zum wirth­schaftlichen Kampfe gegenüberstellen? Was bedeuten alle feitherigen äußeren Erfolge der Bismarck'schen Politik, welche stch mit formalen Gestaltungen be­gnügte und, wie fie die geistigen Faktoren des Völkerleber.s nicht genügend b.rückstchttgte, auch die wirthschaftspolitischen Bewegungen der Nationen

hatte er die schwere Aufgabe, die vor Schmerz fast wahnfinnige Luzie zu trösten. Eine ganze Stunde verweilte der Pfarrer in dem Zimmer, wo die kleine Leiche lag. Zu seinen Füßen kniete, in Reuethränen aufgelöst, sein junge« Beichtkind und schüttete vertrauungsvoll die beladene Seele aus.

Auf den Schulzm übte der Zuspruch des ehr­würdigen, alten Priesters keinerlei Wirkung aus. Er war zu jäh aus allen seinen Himmeln gestürzt: er war wie betäubt und wie zerrüttet im Gehim von diesem Falle.

Vom Schulzenhofe lenkte der Geistliche seinen Schritt nach dem Hause der Frau Klewe». Er traf die Alte zum Glück allein und was er mit ihr gesprochen, muß wohl tief in die verborgenste Falte ihres Herzen» gedrungen sein, denn fie wurde ganz kletnmüthig und verzagt. Und endlich gestand fie unter Angst und Zittern: daß fie vor 50 Jahren, insgeheim, im Interesse und unter Mithilfe des Schulze« Lahnbeck und der Frau Wieschen Egger», de» Schulzen neugeborenes Töchterlein gbgen den Sohn der Wittwe Eggers vertauscht habe. „Mit den Mädel» habe ich kein Glück," hatte der Schulze gesagt. „Die Wittfrau Eggers aber, die kein Brod im Schrank hat, er­hielt die Nacht einen Sohn, ein wahrer Pracht-

nicht so tief erfaßte, daß Vorkehrungen für die Zukunft hätten getroffen werden können? E» geht aber aus diesen Darstellungen auch hervor, wie kurzstchtig jene Politik ist, welche behauptet, daß wir Deutschen keine eigenen Jntereffen auf der Balkanhalbinscl und in Kleinasten zu vertreten hätten. Wir dürfen diese Ländergebiete weder aus politischen, noch viel weniger aus wirthschastlicken Gründen den Ruffen überloffm, sondern müssen sie für die mitteleuropäischen Jnter-ffen gewinnen.

Co können wir den nicht gleichmütig zufchauen, wenn die Amerika-Staaten den Anstoß zu diesen wirthschaftlichen Jsolirungen geben, welche uner­trägliche Folgen haben können. Die osfiziöse .Wiener Politische Korrespondenz' mocht denn auch auf die hier drohenden Grsahrm bereits aufmerk­sam und meint, die euroräifi en Staaten dürften stch nicht unthätig dabei verhalten, wenn Nord- und Südamerika einen solchen wirthschaftlichen Staatenbund gründen. Der Artikel, welcher merk­würdiger Weiss von Paris, statt von Berlin datirt ist, verlangt, daß die romanischen Völker Süd­amerikas aufgestachelt werden gegen den Washing­toner Kongreß. Dar dürfte vergebliche Mühe fein, denn die Mehrzahl der romanischen Völker Amerikas beabsichtigen an dem Kongr.ß theilzu- nehmen. Außerdem ist das Mißtrauen in allen Amerikastaaten erheblich groß und läßt es ihnen wünschenswerth erscheinen, daß die vom f 'nften Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nord­amerika, Monroe, am 2. Dezember 1823 ver­kündigte Monroe-Doktrin, welche in kurzen Worten „Amerika den Amerikanerull. lautet, für Nord- und Südamerika mit allen ihren Konsequenzen durch- geführt wird.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. August.

• Zur Rede, welche Prinz Ludwig beim 7. deutschen Turn er fest in München hielt, schreibt Dr. Ratzinger in der ,D. Rchztg.': „Au« der Rede klang die Vorliebe für König Ludwig I. mächtig hervor und die Katholiken Bayern« haben die Hoffnung, in dem Enkel de« großen König«, in Ludwig III., dereinst wieder einen Monarchen zu erlangen, welcher für die Erhabenheit der katho­lischen Kirche Verständniß und Begeisterung hegt. Mit der Thronbesteigung de« edlen

exemplar und der Handel zwischen uns Beiden bleibt ja hübsch in der Familie. Mit dem Tausch ist die Wittwe schon deßhalb einverstanden, weil sie fortan nicht mehr Roth leiden soll. Auch schenke ich meiner Tochter, falls sie am Leben bleibt, ein Kapital, und der Bauerschaft eine Kapelle, sobald der Junge sein 14. Lebensjahr erreicht hat." Der jetzige Schulze Lahnbeck war also gegen Klein- Wieschen's Mutter ausgctauscht worden. Dress Aussage der Frau Klewe» bestätigte da« Doku­ment, welches Luzie gefunden und von tnffen In- halt fie dem Pfarrer Mütheilung gemacht hatte. Er gehörte nicht zum Beichtgcheimniffe. Nur zum Zweck, daß der geistliche Herr die Frau Klewe« verhören und den Schulzen vorbereiten sollte, hatte Luzie ihn eingeweiht.

Wieschen, al» die rechte Enkelin des seligen Schulzen Lahnbeck, war also die rechtmäßige Erbin des Hofes und nicht Luzie, die fich al» solche stct« betrachtet hatte. u

„Halten wir die Sache vorläufig noch geheim, rieth der Pfarrer. „Die Schulzin erlebt voraus- sichtlich den Abend nicht mehr. Der liebe Gott hat eins schwere Heimsuchung über die Familie verhängt. Ja, ja, die Sünden der Eltern rächen sich an den Kindern. Wer weiß, wie der stolze Schulze, den das Glück nicht veredelt hatte, biefen