jM 173. Mittwoch, den 31. Juli. 1889
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Klein-Wieschen.
Novelle von I. v. Dirkink.
(13. Fortsetzung.)
Da» Nachtlicht brannte trübe, t» warf nur fiackernden Schein auf die Schränke und Kommoden, Bettstellen und die Wiege mit dem Säugling inmitten dir weitläufigen Kammer, wo Luzie und Wieschen ihre Schlafstätten hatte«. Der Knabe wimmerte und stöhnte abwechselnd. Ei war kein rechte« Schreien gesunder Kinder. Mit ängstlichen Zügen beugte sich Wieschen auf die Kissen «nd betrachtete mit wachsender Sorge bi« seltsame Mienenspiel de« Kindes. Auch Luzie, sobald fie fich von Wieschen unbeachtet wußte, neigte fich zu dem Brüderchen hinab und einmal haucht« fie einen Kuß auf die faltige Stirn de« kleinen Schläfer«. Und wer jetzt in ihr Auge geblickt, hätte nicht« weniger al« Haß oder Abscheu in demselben erspäht. Trotzdem Wierchen Luzie geflifl ntlich au» den Augen ließ, wurde fie dennoch Zeuge einer Liebkosung, die Luzie dem Bruder errate«. Jetzt «ar Wieschen übermannt von jäher, freudiger Ec- regung, fie konnte nicht länger an fich halten. »Warum zeigen Sie Ihr Herz nicht offenkundig, Luzie?" fragte fir mit Tyränen in den Augen.
Der Pfälzer Katholikentag.
Neustadt. 28. Juli.
Bereit« am Morgen strömten die katholischen Männer »er Pfalz in hellen Haufen dem schönen Neustadt zu. Die gewöhnlichen Züge genügten trotz ihrer langen Wagen- reihen nicht im Entferntesten, die Menge der Besuch« aus der Pfalz und Baden zu befördern, so daß mehr«. Lrtrazüge abgelaffen roetben mußten. Die Zahl der An- Bildeten beträgt 9000, zu denen noch eine Menge
tangemeldeter kommen; die Stadt hat reichen Flaggenschmuck angelegt. Leider faßt d« größte Saal von Neustadt, der sogen. Saalbau nur 5000 Personen, und so mußte fich eine große Anzahl Besuch« mit einem Plätzchen im Garten oder in den Nebensälen begnügen. Der Hauptsaal war denn auch b«eits eine Stunde vor Beginn bis zum Erdrücken überfüllt. D« Saal selbst hat reichen Flaggen und Pflanzeuschmuck «hatten. Auf einer Empore befinden sich von Blattpflanzen umrahmt die Büsten de« Papstes, des Kaisers und des Prinz-Regenten. Auf den mit rothem Tuch ausgeschlagenen Stufen ruht ein weißes Nannorkreuz.
Um 3 Uhr macht Dr. Sieben bekannt, daß nach Schluß bet Versammlung noch eine zweite Versammlung um 6 Uhr stattfinden wird im selben Lokale, da eine Parallel- Lersammlung nicht erlaubt würde. Draußen ha«en noch 4—5000 Mann, welche keinen Eintritt erlangen konnten.
Mit dem katholifchen Gruße eröffnet alsdann Dr. Neben die Bersammlung als Vorsitzend«, dankt für das zahlreiche Erscheinen und macht bekannt, daß d« heilige Later ein Telegramm gesandt habe, welches d« Versammlung und jedem einzelnen Theilnehm« den apostolischen Segen ertheile. Ebenso habe der hoch«. Bischof ron Speier den Segen übersandt mtt dem Bemerken, baß er das Vorgehen der pfälzischen Katholiken vollauf billige. Der Vorsitzende bespricht alsdann, von der Ency- klika Leo's XIII. an die baierischen Bischöfe ausgehend, bas Memorandum der Bischöfe und die Antwort de« Musters von Lutz. Jetzt sei e« am katholischen Volke, seine Stimme zu «heben, um zu sagen, daß man noch lange nicht zufrieden sei. In diesem Streben g«eiche ti bet Pfalz zur Ehre, bie erste auf bem Platze gewesen zu sein. (Lang anhaltenber Beifall.) Man wollte hier ein großartiges Beispiel geben, und Gottlob, eS ist gelungen, «ebner schilbert nun bie Lage der katholischen Kirche vom Anfänge des Jahrhunderts an. In Folge der Bethätigung des katholischen Bewußtseins im Volke sah sich die Re- gi«ung nach langer Unt«drückung deS kirchlichen Lebens veranlaßt, mit dem heiligen Stuhle in Unt«handlung zu treten, welche drei Jahre dauerte und itn Prinzip die Freiheiten d« Kirche sicherte. Diese Abmachungen, das Concordat, sind noch die Grundlage unserer Beziehungen zwischen Kirche und Staat. Während letzteres die Äeihetten der Kirche garantirt, gibt es dem Staate große Rechte, wie sie kein Fürst in der Welt besitzt. Da durfte die Kirche wohl hoffen, daß ihre Rechte unangetastet bleiben würden. Aber es gelang den Gegnern, vorerst das Concordat zurückzuhalten, und nachher gab man noch ein Religions-Edikt heraus, welches die gewährten Freiheiten aufhob, so daß sofort ein in die Augen springend« Widerspruch entstand. Die Stände, die
Tragwette deS Ediktes erkennend, verweigerten den Eid auf daS Edikt, worauf d« König m der Tegernseeer Erklärung versicherte, daß in den Fällen, wo das Edikt mit dem Concordat kollidire, letzteres als V«faffung gelten solle. Damit mußten die Katholiken sich zufrieden geben, da ein Königswort gegeben war, dem man v«« trauen mußte. Hätte man damals gewußt, wie eS gekommen, man würde sich nicht zufrieden aegeben haben. Unter Ludwig I. war die Lage eine gute, denn er deutelte nicht an dem Vertrage. Anders schon wurde eS unt« Max I., wo die Bischöfe 1851 ,u Freysing sich bewogen fanden, eine Denkschrift an die Krone zu richten über die Deutung des Edik.es. Man antwortete, daß alle zweifelhaften Puntte zu Gunsten de« Concordates ausgelegt werben sollten. Wie e« damals in Baiern stand, beweist die Aeußerung des Kardinal« Griffel, welcher nicht in sein heimathliches Baiern zurückkehren wollte, weil die Zustände in Preußen bessere seien. Wie es unter Ludwig IL war, lebt noch in Aller Angedenken, ein stiller Kiüturkampf trat ein, die kirchlichen Rechte wurden v«- kürzt. Die Macht de« König» ging auf die Minister über, da d« Herrscher sich von der Regierung zurüchog. Das ist nun anders geworben. Luitpold, ein kräftiger, selbstständiger Monarch, ist an die Spitze de» Staate» getreten.. Die Lage der Dinge ist anders geworden; es ist an der Zett, einen Damm zu bieten dem falschen Liberalismus. Es ist an der Seit, auf dem Wege der Gesetzgebung die ölten verbrauchten Waffen des Edikte« zu begraben. Das ist unser Zweck, wenigstens müffen wir erreichen, daß die Regierung nicht die ihr gebotenen Waffen gebrauche. Wie einst 1815 die Bürger München's, so wollen auch wir ftreiten mit b« Devise: »Mit Papst und Bischöfen für die Rechte unser« h. Kirch« zum Besten des Staates!"
ES wird ein Begrüßung«-Telegramm des Fürsten zu Löwenstein verlesen.
Die Tribüne betritt dann unter große« Jubel Prof. Dr. Schädler au« Landau. D«felb« schildert die katholische Kirche als die größte Wohllhä-erin d« Welt und 6tfonb«« bei Bai«nland-S. U*b trotz diesen Wohlth-neu legt man ihr Fesseln an. Man wirst ihr Rebellwn vor und trägt diese Vorwürfe bi« hinauf an die Stelle des Throne«. Dem gilt uns« Protest. (Lebhafte Zustimmung.) Redner vnlieSt nun da« Memorandum bei Bischöfe, erwähnt die unzulängliche Antwort der Regierung und das Urtheil des Papstes üb« letztere, welcher dieselbe als unzulänglich und den katholischen Grundsätzen widersprechend bezeichnet. Diese Antwort machte die Seifenblase der vollkommenen Befriedigung platzen. Brod hat man von d« Regierung verlangt, nicht als Bettl«, und ein Rein mtt »rosämlein gamirt hat man uns g«eicht. Welche» find die Forderungen der Bischöfe? Die Aufhebung de» AuffichUrechte» und des Placets. Zwei Gewatten hat Sott geschaffen: die Kirche und den Staat. Jede soll ihr Recht wahren. Wie Chri- stu» die Kirche gestiftet hat, muß fie genommen werden. Die Kirche ist souverän in ihrem Glauben und braucht sich kein Aufstchisrecht gefallen zu lassen, wie e« der Byzan- tiniSmu» will. Nimm« ist e» so in der Kirche gehalten worden. Christus und die Apostel haben gelehrt und sich um keinen Kultusminister oder Bezirksamtmann von Je. rusalem u. s. w. gekümmert. Die Kirche hat keine Polr-
Wieschen sprach den Namm Luzie in einer Weise au«, die ihn sanft und wohllautend klingen ließ, viel wohllautender, al« da« kurze Luzi von den Lippen der Uebrigen klang. Aber an solche Kleinigkeiten knüpft fich oft Zu- oder Abneigung, Luzie unter der Wirkung diese« Zaubers, erwiderte weniger trotzig al« sonst, daß fie von ihrem Thun und Lassen Niemandem Rechenschaft schuldig sei. Zuerst schwieg Wieschen ganz betroffen, dann raffte fie fich auf und sagte: „O, Luzie, man soll stets den bösen Schein meiden. Die Welt urtheilt nur nach dem Schein und"
„Bitte," unterbrach fie Luzie gereizt, „Leute Ihre« Stande« müssen Anderen nach den Augen scheu und sich nach Anderen richten. Ich und Meincrgleichen haben da«, Gottlob! nicht nöthig. Ich gebe Nicht« auf da» Gekiätsch der Lästerzungen; — doch warum wollen wir uns streiten," unterbrach fie fich mit gekräuselten Lippen, „gute Nacht!" _ , ,
Aber Luzie konnte nicht schlafen. Wie«chen« gut gemeinten Worte hallten in ihrer Seele nach und dazu tauchte die Erinnerung an Karl und an die Tanzerei in ihr auf, fie zu peinigen, sie mit allerlei schrecklichen Vorstellungen zu martern.
Endlich wurde es ihr unerträglich heiß. Sie
zeiaufsicht nothwmdig. Unb nun bas Placet, welches bi» Regierung zu ertheilen hat, bamit eine kirchliche Verorb nung veröffentlicht werbe! Freiherr v. Lutz «klärte, baß bies auch auf rein geistliche Gegenstänbe b« Religion»- lehre anzuwenden sei. Da» geht selbst Üb« bas Religions- Ebikt. (Pfui!) Denn bie« «klärt gerade bas Gegentheil. Wir galten daran fest: in Glaubenssachen ist uns kein Kultusminister maßgebend; kein Glaubenssatz wird erfi durch das ministerielle Visum zum Dogma. Die Regierung hat gesagt, fie habe Alles unterlassen, wa« Eingriffe auf das Gebiet d« Kirche bedeute. Ab« wenn Alle» da«, wa» in Bayern geschehen ist, Unt«laffungen sind, wa» soll dann erst eine positive That fein? Auf die meisten Beschwerden d« Bischöfe ist gar keine Antwort ertheilt worden, ab« keine Antwort ist auch eine Antwort. Einzelne Zustände sind in der That schlimmer wie in der Türkei, wie schon uns« Bischof Hahneberg von Spey« auiführte. Redn« berührt noch die Ordensftage, welche die Regierung auf die lange Bank schiebe, da zur Zeit keine Aussicht sei, bei der Reichsregierung durchzudringen. Wir zweifeln an dem guten Willen, wenn wir sehen, welche Schwierigketten man macht bei der neuen Niederlassung der gestatteten Ordensgenossenschaften. WaS hat nun das vtaatsministerium eigentlich concebirt ? Ein thunlichstes Entgegenkommen unb bie Abschaffung einig« weltlicher Kommissare, wo biefe so wie so nichts zu schaffm haben. Fürwahr, ein reiche» Füllhorn! Was von Belang ist, bleibt bestehen, unb vor Allem das Placet, welche» die Kirche mit ihr« Lehre unter bie Obhut beS Kultusministeriums stellt. Wir verlangen uns« Recht, wir betteln nicht, fonbern unser verbrieftes Recht soll man uns geben. Rebn« schließt mtt ben Worten: „Für da« Konkordat, da« ganze Konkordat und nicht« als bas Konkorbat!"
Zur Verlesung gelangt ein Brief Staatsministers a.D. Dr. Winbt horst, welch« sein Bedauern ausbrückt, nicht kommen zu tonnen. Die Versammlung bricht in ein bon- nembei Hoch auf ben Centrumssühr« aus.
Reichstags- unb Landtags-Abgeorbnet« Dr. Lieber ausLambe« (lebhaft begrüßt): Sott liebt nichts so sehr alS bie Freiheit seiner Kirche. MC ittjem SahrspeUch- trete auch Bayern jetzt in bie katholische Bewegung ein. Doch « wolle nicht üb« Bayern reben als Nichtbayer, er sei gekommen, bie Einmüthigkeit b« deutschen Katholiken mit ben bayerischen speziell ,u betunben. »ebner gebt nun auf bie Lage b« deutschen Katholiken ein, bie noch so manches Recht zu erkämpfen hätten. Man erinnere sich an bie Zeit, wo bas Wvtt National auftam. Da sei Alles national gewesen, nur nicht bie Katholiken. Nach Beginn bei Deutschen Reiches, welches auch mit katholischem Blute begründet worden ist, sind mir als Bürger zweit« Klaffe behandelt worden, und doch find wir Jahr, hunberte länger Deutsche beim Millionen «nbere. Neunzehn Jahre haben wir bie Beschuldigungen Angenommen, aber bie Vertheibigung zwingt uns, jetzt ein lautes Wart zu reden, da man eine Hetze ohne Ende gegen uns eröffnet. Wir erkennen unsere protestanttschen und Mischen Mitbürger als vollberechtigt an unb kümmern uns nicht um ihre Angelegenheiten. Wir hatten keine Katholiken- Versammlungen, um uns mit protestantischen Angelegenheiten zu befassen. Eine gleiche Haltung verlangen nur aber auch von unseren anberSgläubigen Mitbürgern. Wir
warf die Bettdecke zurück, allein trotzdem glaubte sie ersticken zu müssen. Schnell verließ sie ihr Lager. Sie horchte, Wieschen fchlief. Der Kleine war ganz mäuschenstill. Luzie stellte sich an'« Fenster und fah eine Weile in die sternenhelle Nacht hinaus. , . .
Wie wäre e«, wenn sie einen Spaziergang rn s Freie wagte? Ja der Kammer herrsschte eine drückende Schwüle und Niemand würde e« erfahren.
Aber bevor sich der Vorsatz in ihr befestigt hatte, erhob sich eia wahrer Gcdankensturm in ihrem Innern. War e« recht, durfte sie sich nach Dütting'« hinüber stehlen? D, nicht um zu tanzen, nein, nur um zu lauschen, zu beobachten, denn die Furcht, daß Karl mtt der Johanna schön thua könne, machte fie fast sinnlos. Die wildeste Eifersucht überwältigte sie. Nur der eine Gedanke: „Ich will und muß mich überzeugen, ob er falsch ist", verschlang jeden anderen in ihr. Ja, die Stimme der Vernunft, ihr Standesbe- wußtsein, ihr Stolz unterlagen schmählich in dem Streite mit dieser rasenden Leidenschaft der Eifersucht.
Während fie fich fertig angekleidet hatte, war weder Wieschen noch da» Kind erwacht. Sie trat auf den Fußsp tzen an die Wiege. Die Händchen