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jyf 1K8.'I' MommStag, deuf25. Juli. 1889

Fuldaer W Wntg.

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# Die russische Selbstverwattrrngs- Resorm

soll nun vorwärts geführt werden. Au» Peters­burg wurde dieser Tage gemeldet, daß der rusfi- sche Reich»:ach dis Berathung des Reformprojekts des verstorbenen Ministers Tolstoi nunmehr been­digt habe und die kaiserliche Genehmigung dem­nächst zu erwarten sei.

Wir find hier in der seltenen Lage, auch ein­mal Meßnahmen der inneren russischen Verwal­tung zustimmen zu können. Das Reformwerk will Chefstellen für die Kreis- und Provinzialstände (Semstovo) schaffen, die von der Regierung besetzt werden. Die zügellose und gänzlich ausgeartete russische Selbstverwaltung soll mit anderen Wor­ten unter die Kontrolle der Regierung gestellt wer­den, damit der koloffale Betrug, welcher in der Semstovo begangen wird, beseitigt werde.

& Die russische Semstovo (Selbstverwaltung) wird ausgeübt in erster Lmie durch den von Adel, Bürgern und Bauern ftei gewählten Kreistag. Dieser hin­wiederum wählt den Provinzial-Landtag. Beide Verwaltungs-Körper find auf drei Jahre gewählt. Dieselben haben unter ihrer Verwaltung: Schul­wesen, Sicherheitspolizei, Feuerpolizei, Brücken- und Wegebauten, Wohlthätigkeits-Anstalten, Spi- talwesen, öffentliches Sanitätrwesen, Volks-Kredit­wesen, Förderung der Landwirthschaft, des Handels und Gewerbes. Zur Beschaffung der Mittel darf die Semstovo Steuern beschließen. Man sieht, es ist ein ganz erhebliches Gebiet, da» dieser russi­schen Selbstverwaltung untersteht. Die Befugniffe sind ähnliche, wie sie die Distrikts- und Bezirks« Versammlungen in Bayern, die Kreis- und Pro- vinzial-Landtage in Preußen besitzen. Jedoch ist da» Gebiet der russischen Selbstverwaltung noch umfaffender al» da» der deutschen, und e» ist weit

Klein-Wieschen.

Novelle von I. v. Dirkink.

(8. Fortsetzung.)

Sie hätte laut weinen und sofort die Flucht ergreifen mögen; einerlei wohin, sollte sie auch auf freiem Felde oder in der verlaffenen Hütte, aus der man den Ohm fortgetrrgen, oder gar bei ihm auf dem Friedhof übernachten müssen. —

Je geräuschvoller die Thätigkeit rund um sie herum ihren Fortgang nahm, um so einsamer Wie sie sich. Von der angrenzenden Tenne drang da« Blöcken der Kälber und Gebrumme der Rinder, da» Wiehern der Pferde und da» Geräusch de» hantirenden Gesinde» herüber. Der scharfe, würzhafte Dust gesottenen Grummets mit Riete vermischt, wie er einem riesigen Kessel am Echwebebalken entdampfte, erfüllte die Luft und beengte Wieschen den Athem. Sie schlich betrübt au« der Küche, wo die winzige Oellampe im Schiebefenster zwischen Tenne und Küche mit dem Herbseuer um die Wette flackernd, ein magische« Helldunkel verbreitete.

Draußen webte der ausgehende Mond seinen Silberschleier um Wald und Flur. Wieschen hielt sich im Schatten de« Hauses und da sie sich allein

freier, weil der Selbstverwaltungs-Körper aus der Volkswahl hervorgegangen, frei beschließt und den Vollzug seiner Beschlüsse stei ausüben läßt ohne wesentliche Behinderung durch die Regierung. Darin liegt aber der große Fehler dieser Verwaltung. Sie würde für deutsche Verhältnisse weit eher paffen als für russische, weil unser Volk politisch wett reifer ist und kulturell auf einer viel höheren Stufe steht al« da« Stockruffenthum. Was man uns nicht gewährt, das hat da« unreife russische Volk in dieser Selbstverwaltung. So kommt e» denn auch, daß die theoretisch sehr schön ausge­dachte russische Selbstverwaltung gänzlich ausgeartet ist. Wer das nöthige Geld hat, besorgt die Wah­len zum russischen Selbstverwaltungs-Körper in seinem Sinne. Käuflich sind die Wähler, käuflich die Stellen, käuflich ist die ganze Selbstverwaltung. Sie wird geführt nach dem Willen Einzelner, die große Masse muß gehorchen und befindet stch mit ihren materiellen Interessen gegenüber der Sem­stovo in völlig abhängiger Stellung.

DasTolstoi'sche Reformprojekt will diese grauen­haften Zustände dadurch ändern, daß es die Häup­ter diese» Selbstverwaltungs-Körper» künftig nicht mehr wählen, sondern von den Gouverneuren au» den Reihen de» Adel» ernennen läßt; sie üben dann innerhalb der von der Regierung gesetzten Grenzen die administrative und richterliche Gewalt au» und beschränken somit die russische Selbstver­waltung so erheblich, daß diese nicht mehr sich selbst überlassen bleibt und keine unbedingt freie Vollzugs-Befugniß besitzt.

Auch richterliche Befugnisse erhalten die neuen Häupter der russischen Selbstverwaltung, denn solche hat merkwürdigerweise auch die Semstovo.

Die Semstovo wählt nämlich die Friedensrichter, welche in Civil-Prozeffen entscheiden, deren Gegen­stand nicht über 500 Rubel geht, sowie in Straf- Prozeßsachen, in welchen die Strafe 300 Rubel oder ein Jahr Gefängniß beträgt. Diese Friedens­richter brauchen juristische Vorbildung nicht zu be­sitzen, sie werden nach Gunst gewählt und entschei­den auch nach Gunst. Die Thätigkeit des russi­schen Friedensrichters ist eine geradezu klägliche und staatsgefährliche, denn er richtet nicht nach dem Recht oder Unrecht, sondern nach dem Werth der Bestechung. Unterschleif und Betrug darf jeder­zeit auf Freisprechung rechnen, wenn zugkräftige Mittel angewendet werden.

und unbelauscht glaubte, rang sie die Hände und ließ ihren Thränen freien Lauf. Aus ihrem tief- bekümmerten Herzen drängten stch jetzt leise Klagen, heiße Gebete über die Lippen. Aber fie war nicht unbemerkt. Ein junger Mann lehnte harrend am Stamme de« Kastanienbaumes, der sein Geäste schattenspendend über einen Theil de» Hofraumes ausbreitete.

Al» Jemand aus dem Hause trat, hatte er Luzie zu sehen geglaubt und war schnell wie ein Schatten hinter den Baum geglitten. Er hatte stch getäuscht, sah jedoch an ihrer statt ein anderer, viel hübscheres, lieblichere» Mädchen vor sich. Ihre flehende Geberde, mit dem fie zum Himmel auf­sah, verrieth ihm, baß fie sich tief unglücklich fühlen müsse, und plötzlich entsann er fich, daß er diese« Kind heute beim Begräbniß de« alten Egger» schon gesehen und im Stillen bewundert habe. Wa» mochte ihr fehlen, welche» schwere Leid diese« unschuldsvolle Gemüch bedrücken? Er behielt keine Zeit, fie zu betrachten, denn nach einer kleinen Weile kehrte fie in« Hau« zurück und nun trat auch er aus seinem Versteck hervor und folgte ihr aus der Stelle nach.

»Ah, guten Abend, Karl!" begrüßte tyn Luzie, halb heiter, halb spöttisch, „da» ist ja eine seltene

Man muß es deßhalb nur al» im Interesse de rusfischen Volkes gelegen ansehen, daß da« Tol« stoische Projekt diesen Zuständen ein Ende zu machen sucht und diese für russische Verhältnisse nicht passende Selbstverwaltung einzuschränken sucht. Wir setzen un« damit allerdings in Widerspruch mit einem großen Theile der liberalen Presse bei uns, welche in dem Tolstotschen Reformprojekt den krassesten Rückschritt erblickt und von dem angeblich liberalen neuen rusfischen Minister Durnowo er­wartete, er werde im Verein mit dem Reichsrath das Projekt zu Falle bringen. Wer nicht nach einer theoretisch ersonnenen Parteischablone urtheilt, sondern nach realen Verhältnissen und Bedürfnissen, wird die Befangenheit dieser Art Kritik einsehen, die ja schon dadurch hinfällig wird, daß Durnowo diese Tolstoische Reform selbst ausführen wird.

Ne«tfcheS Neich.

Berlin, 24. Juli.

♦ Ein Ruf in der Wüste de« Opportunis­mus und „kulturkämpferischer" Blindheit ist die Stimme eines Protestanten, welcher sagt, daß die Verherrlichung eines Giordano Bruno nicht der katholischen Kirche allein, sondern dem ganzen Christenthum gilt, daß sich bei dieser Feier die große Allianz aller Mächte der Zersetzung und Revolution gkzeigt habe und daß es die­selben Männer sind, welche in Parts die Jubel­feier der Revolution begehen und in Rom den Giordano Bruno feiern.' Er hätte nW beifüge» ~ können, daß dieselbe Richtung stch auch der Hutten- Sickingen-Feier stark beigemengt hat. Schließlich sagt der Herr: „Innere Sympathien wird das christliche Volk deutscher Nation dem geringen Theil des italienischen Volke« kaum entgegenbringen kön­nen, der einem Mann ein Denkmal setzt und ihn al« seinen Helden preist, welcher in seinen an Obscönitäten und Lästerworten so reichen Schriften den Gottmenschen Jesu« Christus einen „geschickten Zauberer" nennt und die Dreieinigkeit leugnet. Die Geister scheiden sich in unfern Ta­gen. Wollen wir mit unserm unvergeßlichen Heldenkaiser Wilhelm dem Reich, das er so herr­lich ausgerichtet, die Religion der Väter erhalten wissen, dann müssen wir auch bett Muth haben, den Propheten des Umsturzes dieser Reli­gion entgegenzutreten, wo immer wir sie finden

Ehre, Du willst gewiß nur Deinen Vater er­warten?" Sie stockte und schob ihm einen Stuhl in die Nähe des Feuers.

Er nahm schweigend Platz. Seins Augen schweiften suchend umher und wurden von Wies­chen angezog^n, die sich schüchtern an der Herd­mauer auf einen Schemel niederlteß' und Kar­toffeln zu schälen begann. Die Stallmagd hatte ihr diese Arbeit zugeschoben und sie war nun mit ganzer Seele dabei.

„Die beiden Großmächte", witzelte Luzie, auf die Stubenthüre deutend, „fitzen beisammen hinter dem Kruge und warten nur darauf, daß Du ihnen hilfst! Da« ist unsere neue Magd", unter­brach sie fich, auf Wieschen deutend, al» fie feinen Blick, der bewundernd an dem Mädchen hing, aufgefangen hatte. Karl nickte zerstreut und rückte unruhig auf seinem Stuhle. Langsam zog er die Pfeife au« der Seitentasche und begann fie neu zu stopfen, nachdem er fich den ledernen Tabaks­beutel au« einem Verließ in der Herdmauer ge­langt und auf seinen Knien ausgebreitet hatte.

Einmal wagte Wieschen aufzuschauen; ihr Blick suchte den jungen Mann und blieb gefesselt an ihm hasten. Sie wußte es selbst nicht, war er schön oder nicht; aber so wir er war, gefi.'l e