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Fildeer A Intmz.

1889

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§ Die kretenfische Frage.

Die Türkei soll sich in Folge der Bemühungen Englands dem Dreibunde genähert und jede engere Beziehung zu Rußland abgelehnt haben. Das versteht sich eigentlich von selbst, denn die Interessen des deutsch-österreichisch-englischen Drei­bunde« erfordern die tbunlichste Fernhaltung der türkischen Politik von Rußland, welche« darauf spekulirt, immer weitere Gebiete von dem Osmanen» reiche abzusprengen, während die Politik de« Drei­bundes die möglichste Aufrechterhaltung des türki­schen Besitzstandes vertreten muß; die letztere ist ein Faktor der Ruhe im Orient. So natürlich aber auch diese Meldung der Londoner ,Time»' ist, ste hat doch aktuelle Bedeutung; denn sie ist ein Schachzug Englands in der kr et en fisch en Frage.

Lord Salisbury hat bekanntlich in diesenTagen auf einem konservativen Bankett erklärt, in Kreta wachse dar Verlangen nach einer Trennung von der Türkei immer mehr; voraussichtlich werde Kreta doch schließlich von der Türkei getrennt werden. Man kann aus diesem Urtheil de» eng­lischen Premierministers entnehmen, daß die Los­lösung Kreta'« von der Türkei die Mächte be­schäftigt, denn sonst würde er so schwerwiegende Worte nicht geäußert haben. Die Türkei soll dazu bewogen werden, Kretaabzugeben, damit e« Eng­land erhalte, und damit e« um so ficherer ge­linge, hat England die Türkei veranlaßt sich der Trippel-Allianz zu nähern und di« russischen Wer- bungm abzuweisen.

Kreta steht unter türkischer Herrschaft seit 1668. Wa« die Venetianer dort geschaffen, ist alsbald, nachdem Venedig im Kampfe um die ihm gehörende Insel gegen die Türkei unterlegen war, vernichtet gewesen; heute ist kaum eine Spur von dem alten blühenden Handel und Gewerbe vorhanden. Wa» Wunder, daß sich die Kretenser gegen den Ein­bruch türkischer Barbarei wehrten! Seit 1668 bildet die Geschichte Kreta'« eine fortlaufende Kette von Aufständen, die mit dem allgemeinen Erschlaf­fen der Türkenherrschaft da« erwirkten, daß Kreta eine türkische Jmmediat - Provinz jetzt bildet mit einem eigenen Generalgouverneur, der Christ sein muß. Kreta ist nunmehr ziemlich selbstständig und wird die erste beste Gelegenheit benutzen, sich von der Türkei loszureißen.

Wem wird Kreta angesch'offen werden? Das ist eine Frage von der schwerwiegendsten Bedeu­

tung, deren Lösung die Orientwirren in der stärk­ten Weise beeinfluffen wird. Kreta ist für die mitteleuropäische Orientpolitik ein ebenso wichtiger Faktor, al« e« die Balkanstaaten find. Zur Be- »errschung der Suez-Linie und damit der Haupt- ächlichsten Bedeutung de« Mittelmeeres gehört un­bedingt der Besitz von Cypern, dann aber auch Kreta. Nach dem Aufgeben des Protektorat» über die jonischen Inseln hält England zähe an der unter seiner Herrschaft stehenden Insel Cypern fest, welches gewissermaßen den Verschluß des Suez- änal« bildet. Roch besser versteht diesen Dienst sie Insel Kreta, welche da» ägäische Meer ab- chließt und em noch festerer Vorposten für die mrch den Suezkanal nach Indien führende Wasser- iraße ist. Die Griechen erstreben deßhalb den Besitz Kreta'» und werden in dieser ihrer Politik auf'» Kcästigste von den Russen unterstützt. An all' den kretenfischen Aufständen diese» Jahrhun­dert» find griechisches und rufische» Kapital, grie­chische und rusfische Agitatoren betheiligt gewesen. Kreta im Besitze Griechenland» würde ein Stütz­punkt der russischen Orientpolitik sein. Die rusfische Schwarze-Meer-Flotte könnte, wenn fie fich einmal den Weg durch den Bosporus und Hellerpont er­zwungen, ohne Gefahr an der Balkanküste erschei­nen; denn fie hätte von der englischen Flotte nicht sehr viel zu fürchten, da dieser durch eine russisch­griechische Flottenstation auf Kreta der Zutritt zu dem ägäischen Meere wirksam erschwert sei« würde.

Wenn Kreta, da» nun einmal für die Türkei ein utifÜfrwee unb »»rthlos»^ R-fltz ist, nan der türkischen Herrschaft losgelöst wird, dann darf es nicht an Griechenland kommen, sondern nur an England resp. unter englisches Protektorat. Das liegt im Interesse des Dreibundes. Daraus ergibt fich auch da« Unstnnige einer Meldung der .Kreuzzeitung', welche behauptet hatte, der derttsche Kaiser habe den Wunsch ausgesprochen, der Sul­tan möchte Kreta an Deutschland abtreten, damit dieser die Insel der Prinzesfin Sophie als Mor- gengabe bei der Vermählung mit dem griechischen Kronprinzen darbringen könnte. Da« ist gar nicht möglich, die Politik de« Dreibunde« muß da« Gegenthetl herbeiführen, muß Kreta von Griechen­land fernhalten.

England hätte dazu jetzt einen rostigen Schach- mm gethan, wenn die Meldung der türkischen An­näherung an den Dreibund richtig ist. Die jüng­sten Unruhen auf Kreta stnd auf rusfische und griechische Zettelungen zurückzuführen, da« weiß die

Klein-Wieschen.

Novelle von I. v. Dirkink.

(6. Fortsetzung.)

„Ob e« wahr ist," rief ein Anderer, „daß der Schulze den Ueberest von Eggerskotten käuflich an fich gebracht hat? Dann ist der Fuchs noch listiger und schlauer als alle seine Vorgänger. Wie da« Gerede geht, bekommen wir die Eisenbahn. Ste toll schon vermessen sein und darnach muß ste Lahnbeck'« Felder mitten durUchneiden. Um aber wieder einen mächtigen Plan beisammen zu haben, hat er fich schnell unter der Hand Herm' seinen Acker gelangt."

„Himmel, war da« gescheidt!" fi-l eine ge­drungene Gestalt im Blauktttel ein, die fich nur zufällig im Gesolge befand.

„Beim öffentlichen Verkauf hätte nämlich der Seidenbaron, auf Hau« Hülsen, ihm den Handel unmöglich gemacht. MU Schein hätten sich die beiden Spekulanten gegenseitig Überboten und de« Prei« so in die Höhe geschraubt, daß für Herm' »och ein hübsche« Sümmchen übrig geblieben wäre."

„Wohl möglich", Hub die Bäuerin an, „aber wa» hätte e« ihm genützt! Mitnehmen konnte

Herm' e« nicht in die Erde hinein, und Gottlob, daß dem armen, blöden Tropf der Kopf nicht mehr weh' thut 1"

„Ganz recht", meinte der Blauktttel, „dem Herm' kann'« einerlei sei, aber für seine Erben' — er stockte und schielte nach Wieschen herüber, die ihm wohl als eine Erbin erscheinen mochte.

Weshalb aber sich den Schulzen mtt solchen Anspielungen in Gegenwart seiner unscheinbaren Nebenbuhlerin zum Feinde machen? So flog e» ihm angeficht« de« ärmlich gekleideten Mädchen» durch den Kopf und ließ ihn verstummen.

Gleich darauf aber dachte er, daß ihr Gemüth einen schlimmen Argwohn gefaßt haben könne, und fich ihr nähernd fragte er: „Gelt, Du bist mit dem Tobten blutrverwandt, he?l"

M» fie nickte, fuhr er fort: „Dann freue Dich, daß er da» Zeitliche gesegnet hat, denn die btt- terste Roth starrte ihm berett» in« Angeficht; und sein bischen Eigentum bleibt beim Schulzen hübsch in der Familie."

Wieschen schaute den doppelzüngigen Mann mit einer so geringschätzigen Miene an, daß er bett°s- fen vor sich nieder sah. W Ee er, daß sie e» aufgegriffen, was er gesagt und da .hm alle

Pforte, welche deßhalb ihren zur Untersuchung Lder kretenfischen Zustände abgesandten Sp-zialkommissar entrüstet zurückgerufen hat. England benutzt die Gelegenheit, um die Türkei von den russischen Einflüsterungen zu befreien und sie wieder in’» Fahrwasser der Trippel-Allianz zu bringen. Im Sinne der Letzteren hat dadurch England gehan- jelt und e» kann erwarten, daß der Dreibund in >er kretenfischen Frage e» an der nöthigen Gegen- eistung nicht wird fehlen lassen, wie ja auch die Türkei Kreta lieber den Engländern abgibt wie ,en Griechen. Unter England» freiem Protektorat aber würve Kreta ein bedeutendes Handels-Empo- rium werden und wieder vsnetianische Zeiten sehen.

Deutsche- Reich.

Berlin, 22. Juli.

* Die von verschiedenen Seiten bereit« al« aufgegeben bezeichnete Zusammenkunft de« Kaiser« und der Kaiserin mit dem Prinzregenten von Bayern in Bayreuth wird nun doch statt finden und zwar voraurfichtlich in der dritten August­woche. Der Oberhofmeister de« Prinzregenten Graf Castell wellt zur Zeit in Bayreuth, um für die Zusammenkunft Anordnungen zu treffen. Der Kaiser und der Prinzregent werden bestimmt den beiden letzten Vorstellungen der Bühnenfestspiele in Bayreuth beiwohnen.

* Da« vor kurzer Zctt in Berlin begründete Museum deutscher Volkstrachten wird voraurfichtlich noch im Laufe dieser Jahre« eröff­net werden. Au« den Vierlanden, dem Weizacker und verschiedenen Lyeuen Bayerns mw orr -öty>v«9 ist durch Ankäufe und Schenkungen so reicher Material zusammengekommen, daß beinahe schon setzt in den dem Museum zur Verfügung stehenden Räumen Platzmangel herrscht. , _

• Der an der Mündung de« Pagani-Fluffe« stationirte Dampfer der Wißmann'schen Expedition soll dortselbst gestrandet sein. Diese Nachricht bedarf noch der Bestättgung.

• Generalfeldmarschall Graf Moltke hat für die im nächsten Jahre in Köln zu veranstaltende militärgeschichtliche Ausstellung dar Protektorat übernommen; auch soll dar preußische Kriegs­ministerium fich als Aussteller betheiltgen.

• In Folge der neuen Genossenschafts- Gesetze« find Bestimmungen über die Führung des Genossenschasts-Rsgisters und die Anmeldungen zu demselben nöthig geworden. Dieselben werden jetzt vom .Reichsanzeiger' veröffentlicht.

Anstrengung, seine vorherige Andeutung abschwä­chen zu wollen, nicht« half, begann er da« Mäd­chen zu Haffen. Verstimmt schlug er fich seitwärts.

Wieschen aber nahm fich vor, auf dem Schul­zenhofe fortan Auge und Ohr offen zu halten. Vielleicht entdeckte ste au« Zufall da« Geheimniß, das dir Ahne mit in'« Grab genommen und da« doch mit Lahnbeck zusammenhängen mußte.

Am selben Tage noch traf ste, ihr schmale» Bündel unter dem Arm, auf dem Hofe ein. Im Abendsonnenschein schimmerte da» rothe Backstein- Hau» wie mit Purpurglanz umwoben durch den Kranz mächtiger Eichen und Buchen, in deren Schalten e» fich behaglich au»brettete. Die Tages­arbeit ruhte. Selbst die Tauben waren schon zur Rüste gegangen und der Hofhund lag, den zottigen Kopf auf die Vorderpfoten a««gestreckt, schläfrig vor der Hütte und rührte kein Glied, al» Wieschen zagenden Herzen» an ihm vorüber­schlich. Nur die neugierigen Spatzen, welche auf dem knorrigen Birnbäume an der Auflammer saßen und in die Fenster hineiaspähten, rückten plötzlich näher zusammen und zwitscherten eifriger al» je. Sie waren einheimisch auf diesem Grund und Boden und kannten durch Hörensagen ihrer