JM 164 Samstag, den 20. Juli.
Fuldaer W 3rilnim.
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1889
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Zweites Blatt.
* lieber die Kolonie für Epileptische zu Bethel bei Bielefeld
drachtcn wir in Nr. 147 der .Fuldaer Zeitung' vom 1. d. Mts. einen uns aus Cassel zugegangenen Artikel, der bald darauf auch in der .Germania' Aufnahme fand und worin gesagt war, daß im Regierungsbezirk Cassel auch bei den Katholiken für diese Anstalt gesammelt würde, und daß auf die Frage, ob die Wohlthaten der» selben event. auch katholischen Kranken zu Thetl würden, die beruhigende Versicherung erfolge: „Es werden auch Katholiken aufgenommen", daß aber dann, als für einen katholischen an Epilepsie leidenden Knaben wirklich die Aufnahme nachgesucht und dabei gefragt wurde, ob der Knabe katholischen Unterricht erhalten werde, von dem Vorstande der Anstalt, Herrn Pastor Stürmer, alsbald eine Karte eintief, auf welcher u. A. zu lesen war: . Wir vermögen in unserer evangelischen Anstalt Ihrem Wunsche nicht zu genügen, Ihren Sohn in der katholischen Religion unterrichten zu löffelt." Die .Germania' fügte dieser Mittheilung hinzu: „Er wäre wünschenswerth, wenn die Leitung der Anstalt in Bielefeld sich über die vorstehende Mittheilung aussprechen und dabei zugleich sagen wollte, ob, bezw. wie viele katholische Kinder in der Anstalt sich befinden, und eventuell, ob sie gar keinen oder protestantischen Religionsunterricht erhalten. Darauf hin bringt nun der.Reichsbote' aus Bielefeld Nachstehende Mittheilung, welche die .Germania' wörtlich repro- duzirt, indem fie dieselbe mit Zwischenbemerkungen versieht und einige Fragen stellt, um deren Aufklärung bittend. Diese Mittheilung des .Reichsboten lautet:
In Rheinland nnd Westfalen sind besondere katholische Anstalten für Epileptische in den letzten Jahren eingerichtet worden, und zwar auf Betreiben Bethels, welches stiftungsmäßig eine evangelische Anstalt ist, aber von Anfang an katholischen und israelitischen Kranken die gastliche Aufnahme nicht versagte, wenn dringende Roth vorlag und sich sonst kein Unterkommen für sie fand. In Westfalen werden weibliche katholische Epileptische ausgenommen in Mariahilf bei Havixbeck, männliche in Maria- Linoenhof Sei Dorsten. In Rheinland: weibliche in Rath bei Düsseldorf, männliche im Alexianerkloster in Aachen. In diesen beiden Provinzen darf also auch nur bei den evangelischen Einwohnern für Bethel kollektirt werden. Anders sieht es in Hessen-Nassau aus. Dort besteht nur für weibliche Kranke eine kleine Anstalt in Kiedrich; männliche Epileptische dieser Provinz sind noch auf Bethel angewiesen (Warum nicht ebenso gut auf die katho- lisch en Anstalten in Rheinland und Westfalen?) und werden unter Ermäßigung oder Erlaß des Pflegegeldes hier aufgenommen. Dies ist zum Beispiel mehrmals in solchen Fällen geschehen. Aus diesem Grunde und auf Grund des dem königlichen Oberpräsidium hierüber gelieferten Nachweises ist in Hessen-Nassau die Kollekte auch bei Katholiken gestattet. (Vgl. di- vorherige Zwischenbemerkung!) Die Verpflichtungen und Berechtigungen der Anstalt Bethel katholischen Kranken gegenüber erstrecken sich jedoch selbstverständlich nur auf die leibliche und geistige Pflege, nicht auf religiöse Unterweisung (Vgl. unten.) Den katholischen Kranken Bethels steht der Besuch des katholischen Gottesdienstls in Bielefeid, sowie der Empfang der Sakramente und die katholische kirchliche Beerdigung auf dem Anstaltsfriedhofe, die letztere mit Glockengeläut und Posaunenbegleitung, ganz wie bei evangelischen Gestorbenen, unbeschränkt zu; der Kirchenbesuch wird fettens der Anstalt durch Mitgabe eines Begleiters gern unterstützt. Einzelne zur Kommunion vorzubereitend« (Von einem früheren, als dem Kommunikantenunterricht, ist gar nicht die Siebe l) epileptische Kinder wurden stets bereitwilligst durch das Anstaltspersonal dem katholischen Geistlichen in der von diesem bestimmten Ordnung zugeführt. Die Zahl derselben ist jedoch selbst früher nie so groß gewesen, daß es sich verlohnt hätte, oder jemals vom zuständigen katholischen Seelsorger angeregt worden wäre, in der Anstalt selbst katholischen Religionsunterricht einzurichten. In ähnlicher Weise wird für die religiösen Bedürfnisse der in Bethel
aufgenommenen Israeliten gesorgt, bis zu dem Grade, daß z. B. einem aus Russisch-Polen zu Fuß auf Ge- rathewohl nach Bethel gewanderten altgläubigen Israeliten ermöglicht wurde, sich seine Mahlzeiten selbst zuzubereiten. (Das ist schön, hat aber mit Religionsunterricht und Gottesdienst nichts zu schaffen.) Ein rührendes Dankschreiben seines heimischen Rabbiners liegt darüber vor. Der verewigte (katholische) Herr Dechant Schöne hat es gleichfalls nicht an mündlichen und schriftlichen Aner- kmnungen der den Katholiken in Bethel gewidmeten Fürsorge (Auch der religiösen?) fehlen lassen.
Fassen wir nun das Ganze zusammen, fährt die,Germ.' u. A. fort, so ist zu sagen: Wir hatten unsere oben wieder gegebene Frage öffentlich an „die Leitung derAnstalr in Bielefeld gestellt; es antwortet — nach sechszehn Tagen! — ein Anonymus, von dem auch der .Reichsbote' nicht einmal sagt, daß er kompetent, sondern blor, daß er „unterrichtet" sei. Die Leitung der Anstalt trägt also feine Verantwortung dafür, deren Antwort steht noch aus und wir hoffen darauf. Denn die obige Antwort ist auch in den Punkten, die fie berührt, sehr unvollkommen. Wir hatten gefragt, ob, bezw. wie viele katholische Kinder in der Anstalt sich befänden. Auf Letztere« keine Antwort. Wir hatten eventuell gefragt, ob fie gar keinen oder protestantischen Religions-Unterricht erhielten. Wieder keine Antwort, denn der Kommunikantenunterricht, von dem geredet wird, ist ja nur ein Unterricht für einen bestimmten Zweck und von einer beschränktm Dauer und für ein bestimmtes Lebensalter. Was aber für den Religionsunterricht katholischer Kinder geschieht, die nicht in diesem Lebensalter find, wird nicht gesagt, und selbst vom Kommunikanten-Unterricht wird in einer Weise gesprochen, als wenn zu demselben die Kinder nur auf Initiative de» katholischen Nachbar-Pfarrers, nicht aber aus Initiative der Anstalt selbst geführt würden. Wir müssen also alle unsere Fragen betreff« der Zahl und religiösen Versorgung der katholischen Kinder in der Anstalt — denn daß es dort deren gibt, wird ja zugestanden — wiederholen, auch bezüglich de« Gottesdienste», des Gebetes, und zwar richten wir fie von Neuem an die Leitung der Anstalt. Wir wünschen, daß dieselbe eine durchaus befriedigende Antwort geben kann; aber die Verzögerung derselben und die Mängel der obigen, dazu noch durchaus verantwortungslosen Mittheilung erwecken direkt Bedenken und außerdem — — der Schluß dieser im.Reichsboten' abge- druckten Bielefelder Mittheilung enthält ein so pharisäisches Gebühren gegen uns Katholiken, daß, da unsererseits gar kein Anlaß dazu gegeben war, al» nächster Erklärungsgrund für diesen Pharisäismus sich geradezu aufdrängt, e« fei wohl in unseren durchaus berechtigten Fragen eine wunde Stelle getroff n worden! D.nn also lau!et dieser Schluß der .Reichrboten'-Zuschnst aus Bielefeld:
Der evangelische Glaubensstandpunkt nöthigt [!] ja glücklicherweise nicht dazu, an Kranken anderen Bekenntnisses, die zu leiblicher Pflege anvertraut sind, konfessionelle Bekehrungsversuche anzustellkn, und der evangelisch- ethische Standpunkt gestattet dies nicht einmal. Daß das katholische Prinzip [1] ein anderes ist, ist ja bekannt. „Bethel" wird es nur mit Freuden begrüßen, wenn alle katholischen Epileptischen in eigenen katholischen Anstalten Aufnahme finden; die Betheiligung an den Kollekten von katholischer Seite ist nicht derart, daß sie für die Anstalt irgendwie ins Gewicht fiele. Hebe man erst einmal im katholischen Pflegeanstalten die uneigennützige, den evangelischen Glauben ehrende und schonende Barmherzigkeit an Evangelischen, wie sie in Bethel an Katholiken geübt wird. Weise man ein einziges katholisches Kloster nach, welches in seinen Mauern evangelischen Religionsunterricht einrichtet! Dann wollen wir die Berechtigung jenes katholischen Ansinnens gern einräumen. Ein friedliches Zusammenwirken beider Konfessionen in Werken der Nächstenliebe wäre ja recht schön und ist von evangelischer Seite erstrebt worden; dies scheitert aber trotz gleicher persönlicher Gesinnung vieler edler Katholiken an dem
exklusiven Prinzip ihrer Kirche, die nur sich selbst als „Kirche" und die Charitas nur als kirchliche kennt.
Wozu alle diese Ausfälle? Was wir gefchriebe« und aufrecht erhalten, gibt dazu keinen Anlaß. Will man z. B. für katholische Kinder religiös nicht sorgen, wie es sich gebührt, dann nehme man sie nicht auf und weise sie an katholische Anstalten!
Vermischtes.
Wie man sich bezahlt macht. In einem Münchener Weinhause sitzt ein-. Gesellschaft frohgelaunter Zecher am Stammtisch, unter ihnen der beliebte und bekannte Mme N., welcher, sich an den Wohlthätigkeitssinn und die Großmuth der Herren wendend, um milde Beiträge „für einen armen Collegen" bittet. Im Nu sind 50 M. beisammen, die dem Veranstalter der Sammlung übergeben werden. Hocherfreut nimmt Herr N. daS Geld in Empfang, schiebt es in die Tasche und spricht die niederschmetternden Worte: „So, jetzt ist mir der Lump nur noch fünf Mark schuldig!"
— (Unerwartetes Resultat.) A.: „Sehen Sie, lieber B., man will doch in seiner engen Straße auch etwas Grünes sehen. Da habe ich mir neulich vor meinen: Fenster einen hübschen Kasten mit Erde anbringen lassen und Grassamen, Erbsen und Bohnen hingestreut. Dann habe ich dieses künstliche Gärtchen alle Tage tüchtig mit Wasser begossen. Nun rathen Sie mal was zuerst gekommen ist?" — B.: „Jedenfalls die Erbsen." — A.: „Nein, die Polizei — wegen des Waffergießens aus dem Fenster."
Gottesdienst-Ordrsmrg i« Fulda.
Sonntag, 21. Juli.
Dom. Um 5, 6, 6%, 7i/i Uhr hl. Reffen, um 9 Uhr Hochamt mit Predigt. Christenlehre um 10«/« Uhr für die Jünglinge und um 1 U. für die Jungfrauen, um 4 U. Predigt und Abendandacht. Um 7 Uhr Bruderschaft in der Marienkapelle. — Stadtpfarrkirche. 5 Uhr hl. Messe, 7 Uhr hl. Messe, 8 Uhr hl. Messe mit Predigt, 9Vi Uhr Hochamt mit Predigt, 11 U. hl. Messe, 11 und 1i/i U. Christenlehre, 3 Uhr Andacht. — Mi- chaelsberg. 10 U. Gottesdienst. — Hospitalskirche. 8U. Gottesdienst, 5-U. Abendandacht. — Frauenberg. Um 5 und 6 Uhr hl. Messen, 8 Uhr Hochamt. Rachm. 1 Uhr werden die Stationen gewallt, darauf Predigt und Fünf-Wunden-Bruderschaft. Mittwoch, den 24. ds. Mts. Fest des hl. Franziskus Solanus: Voll?. Ablaß. — J.-S. (Titularfest, Generalkommunion.) 6Vi u. 2i/, Uhr in der Marienkapelle. — Marienverein: 3i/ä U. in der Kapelle des Mutterhauses.
Literarisches.
Christ oder Antichrist? Betträge zur Abwehr gegen Angriffe auf die religiöse Wahrheit; von Gottlieb. Bd. I: Briefe aus Hamburg. Ein Wort zur Vertheidigung der Kirche gegen die Angriffe von sieben Läugnern der Gottheit Christi. Heft 1 bis 5 ä 60 Pf. Vollständig in 7 Heften.
Fünftes Heft. Das moderne Culturgewiffen. — Protestantisches Schuldbewußtsein. — Der „Teufel" Luther's. — Schuldbewußtsein gemäß katholischer Auffassung. — Die Rechtfertigung des Sünders. — Katholische und protestan- ttsche Rechtfertigungslehre. — Hänsechen und Lenichen. — Protestantische Buße. — Die Bekehrung. — Das Jenseits. — Katholisch gut sterben. — Gewissen und Kirchlichkeit. — Die katholische Kirchlichkeit nach protestantischem Urtheil. — Der Haß gegen d e Kirche Christi. — Papst als Menschenfresser. — Ein Kirchenregiment als Forderung der Vernuft. — Wie Kirche ohne kirchliche Leitung? Stiftete Christus eine Kirche ohne Kirchenregiment? — Das Vorhandensein des Kirchenregimentes. — Ist Ehrfurcht gegen die von Gott gewollte Obrigkeit verwerflich? — Ohne Ehrfurcht vor der Kirche keine Ehrfurcht vor Gott. — Die Berliner Geistlichen. — Protestantische Bedenken gegen die katholische Kirchlichkeit. — Das durch Mißbrauch verunstaltete Kirchenregiment. — Mißbräuche im Kirchenregiment. — Wollte Luther Mißbräuche beseitigen? — Nicht Reform sondern Revolution! — Kirche neben dem Staat? — Bedingung des confeffionellen Frieden». — Weg mit dem schleichenden Kulturkampf! — Christliches Gewissen und katholisches Andachtsleben. — Angriffe auf das katholische Andachtsleben. — Wespen und Hornisse. — Luther über Orthodoxie und Sittlichkeit. — Vorwürfe wegen des „Glaubens". — Ohne Wahrheit keine echte Frömmigkeit. — Wahrheit und Jrrthum in religiösen Dingen. — Wer nicht glaubt wird verdammt. — Vorwürfe wegen der Andachtsübungen. — Buntes Andachtsleben. — Freiheit und Natürlichkeit des katholischen Andachtslebens. — Katholische Ablaßpraxis. — Geistige Güter für Geld, Hirschbraten