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JV 164

Samstag, den 20. Juli.

1889

Fuldaer W Ieiiunz.

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Erstes Blatt.

Die deutsch - schweizerische An­gelegenheit

ist dadurch in gute Bahnen gelenkt worden, daß die Schweiz selbst über den Fall Wohlgemnth günstige d. h. entschuldigende Erklärungen abgab und auch durch bfe Anstellung eines Generalan- walt» bewies, wie Re künftig den deutschen Beschwerden durch eine strengere und bester organi- Rite FremdtNpolizei Rechnung tragen werde. Dann kam die ,Norddeutsche Allgemeine Zeitung' und erkannte an, daß die Schweiz stch nachgiebig zeige, wie da» offiziöse Organ auch den Herrn Wohlge­muth völlig preisgeben mußte. Endlich erfolgte die bekannte Sigmaringer Ansprache de» deutschen Kaisers, welche auf einen friedlichen Ausgleich mit der Schweiz hoffen ließ.

Es war zu wünschen, daß entsprechend dieser Sachlage die deutsche Diplomatie sich rechtzeitig eingerichtet hätte. Statt besten ließ man den Dingen ihren Gang, und jetzt haben wir eben auch die Nothwendigkeit eine» offensichtlichen Rück­züge» unserer Diplomatie vor Augen.

Die deutsche Diplomatie sagt, der deutsch- schweizerische RiederlostungSvertrag schließe für die Schweiz die unbedingte Pflicht in stch, daß die Schweiz von jedem Deutschen, der in der Schweiz stch niederlcflen will, Leumm-drzeugniß und Heimathspapkre alverlargen müsse. Da» Wort „mtifan" steht allerdings in dem Artikel 2 des Niederlastungsvertrags. Aber Zusammen­hang und Sinn ergeben, daß blos ein Recht für die Schweiz festgesetzt ist. Run weist die neueste Rote des fchweizcrischen Chefs des Auswärtigen, Herrn Droz, nach, daß von Deutschland jenem Artckel 2 eine unerwartete Auslegung gegeben, von welcher bis zu den neuesten Verhandlungen zwischen den beiden Staaten nie die Rede gewesen ist. Ja, eine Denkschrift des Reichskanzler» vom 18. November 1876 an den deutschen Reichs­tag sagt sogar: „Artikel 2 bestimmt, welche AuSweiSschttften die Deutschen auf Erfordern beizubringen haben, um in der Schweiz Wohnsitz zu nehmen oder sich nieder zulasten. Auch in dieser Beziehung wird von den Damschen nicht mehr verlangt, als von den Angehörigen der Schweizer Kantone". Auf Erfordern der SchweizI Wenn

Klein-Wieschen.

Novelle von I. v. Dirkink.

(4. Fortsetzung.)

Die Art und Weise, wie der Schulze ihre ge­rechten Ansprüche bei Seite schob, stempelte ihn zu einem herzlosen, eigennützigen Charakter, dem auch eine offenbare Ungerechtigkeit zuzutrauen war, wenn c« sich um die Befriedigung seiner Wünsche han­delte. Und der Willkür diese» Manne» hatte sich der alte, stumpfe Greis überantwortet? Eine un­sägliche Angst kroch an ihr Herz, da» in dankbarer Liebe für ihren hi flosen Verwandten schlug, d ff n kindliche Natur sie erkannte, d.ffen trostlose Sage sie tief rührte.

Wenn sie ihm nur helfen, ihm zur Seite blei­ben konnte, ihn vor Anmaßung und Roheit zu schützen.

Al» hätte d.r Schulze diese Gedanken von ihrer Stirn gelesen, sagte er plötzlich: „Ich glaube, Mädchen, Du würdest meiner Tochter Luzie will­kommen sein; willst Du Deinen Ohm begleften, kannst Tu sofort bei mir i» Dienst treten?"

War blieb ihr übrig, obdachlos wie sie war, unfähig, stch selbst zu helfen, hatte sie keine Wahl. Sie willigte ein und da ihr „Ja" j'tzt einen

die Schweiz also die Papiere nicht fordern, dann brauchen sie nicht gegeben zu werden. Die Be­weisführung ist durchschlageud. Die Schweiz ist mit ihrer Beweisführung auch insofern glücklich, al« sie auf andere derartige von ihr abgeschloffene Verträge verweisen kann, welche die deutsche Auf- faffung widerlegen.

Von der deutschen Auslegung bleibt bald gar nicht« mehr übrig, und die Schweiz kann noch mit einem Anflug von Spott darauf Hin­weisen, daß anarchistische und revolutionäre Sub­jekte schlimmster Sorte im Besitze von Heimath- scheinen rc. sich befinden und in Folge deffsn häufig arglos ausgenommen werden. Gegenüber diesen Aufstellungen der Schweiz, welche übrigens selbst erklärt, daß ste künftig noch strenger auf die Leistung der Ursprungspapiere sehen werde, wird die deutsche Diplomatie, soweit fie in dieser Frage betheiligt ist, nicht» Beffere» thun können, al» ihre seitherige Auffassung preiszugeben und den Rückzug in dieser Sache anzutreten.

Die .Norddeutsche' bereitete ja auch bereits darauf vor. Ihr jüngstes Geständniß, daß es sich im deutfch-schweizenfchen Konflikt nur um die Be­kämpfung der Sozialdemokratie handle und daß dieser Kampf, falls in der mit der Schweiz ein­geleiteten Form mißlinge, auch mit anderen Mitteln geführt werden könne, ist doch schon ein offenbarer Rückzug. Wie grundverschieden ist dagegen dir frühere scharfe Sprache der offiziösen Organs über da« „wilde Land" der Schweiz. Die« Geständniß der .Norddeutschen' scheint aber auch eine Ent­schuldigung gegenüber den fteundtichen Kaiserworten über die Schweiz zu enthalten, scheint seinerseits sagen zu wollen, daß den Kaiserworten entsprochen und der Kor fickt in der jetzigen Form beigelegt werden soll.

Man wird stch freuen, wenn da« geschieht; man wird darüber doppelt froh sein in Süddeutsch­land, daß die verschärfte Zollkontrolle, welche in Lindau und Friedrichshafen jetzt gegen Schweizer- reisende geübt wird,wieder aufgehoben wird. DieNach- giebigkeft des Starken schadet demselben nichts. Im speziellen Falle muß nur getadelt werden, daß es nicht schon früher geschehen ist, ehe man in diese Sackgasse gerathen war. Will denn nicht» mehr gelingen? An dem ganzen Handel wird Niemand Freude haben al» Rußland, dem zu Liebe Deutschland in der ersten Note vom

Schimmer der Freude auf dem alten Gesichte de» Oheim» Hervorri. f, war fie ganz glücklich. Aber die Vorsehung hatte Alle» anders beschlossen. Am Abend, al» da» Mädchen dem Alten am Tesche gegenüber saß, um da» karge Abendbrot), ein Schüsselchen in Woffer g quollener Grütze, zu ver­zehren, wunderte ste stch im Stillen über die Muthlofigkeit de» Greises.

Schien cs nicht, als ob es ihm jetzt aufdäm- rnerte, welcher Zukunft er auf dem Schulzenhofe entgegengehe? Ihn aufzuheitern, malte sie ihm nun diese Zukunft mit rosigen Farben au«.

„Wißt, Oheim," rief fie, sich selbst zur Mun­terkeit zwingend, „den Schrank verkaufe ich hinter dem Rücken der Schulzen; er gehört einmal mir und war mein ist, das halt»4ch fest. Aber Euch werde ich das Geld zum Spar- und Nothpfennig einhändigen, und dann seid Ihr sogar noch ein Kapitalist, vor dem Jedermann Respekt haben wird. So lange Ihr lebt, heirathe ich sicher nicht uno bleibe immer um Euch, damit Ihr doch eine ver­wandte Seele in der Nähe habt, falls Euch was zustoßen sollte. Ja, betheuerte ste, von ihrer Theilnahme hingeriffrn, muß ich selbst dem Schulzen lebenslang dienen, Euch verlaflen, wäre schändlich."

Der Alte nickte nur stumm, denn er war geradezu

5. Juni so scharf gegen die Schweiz auftrat, in­dem es mit dem russtsche« Gesandten den Wort­laut feststellte. Und dennoch hat Rußland Erfolg gehabt. Warum nicht auch Deutschland? SDiefe Frage wird zweifellos in denjenigen Kreisen, welche angeblich militärische Nebenpolitik treiben, ver­gnüglich erörtert werden. Wenn unlängst behauptet wurde, daß die militärischen Behörden so geschickt in inneren Fragen mitzureden wiffen, so könnte man wohl auch in jenen Kreisen an derartige Mißerfolge Bismarck'scher Diplomatie gar leicht eine ähnliche Schlußfolgerung knüpfen, zumal ja gewisse hohe aktive Militär« früher sehr brauch­bare Diplomaten gewesen find.

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Juli.

• Gegenüber der gestrigen Mittheilung, wonach die städtische Verwaltung dem Kaiser von Oester­reich bei seinem Eintreffen Hierselbst am 11. August Nachmittags einen -hnlichen festlichen Empfang bereiten will, wie s. Z. dem Könige Humbert von Italien, wird daran erinnert, daß Kaiser Franz Joseph aus naheliegenden Gründen gebeten'chaben soll, während seines Berliner Be­suchs von jeder rauschenden Auszeichnung Abstand zu nehmen. Auf seiner Reise nach Berlin wird Kaiser Franz Joseph auch dem Könige von Sach­sen in Dresden einen Besuch abstatten. Es ver­lautet auch, König Albert werde den Kaiser von Oesterreich nach Berlin begleiten. Der Aufenthalt ve» Letzteren in Berlin ist auf 4 Tage bemkssen. — Mit dem Kaiser Franz Joseph wird entweder sein Bruder, der Erzherzog Karl Ludwig, oder dessen ältester Sohn, Erzherzog Franz Ferdi­nand, als zukünftiger Thronerbe zum Besuche des deutschen Kaisers nach Berlin kommen.

• Kaiser Wilhelm hat dem Zaren al« Ausdruck seiner freundschaftlichen Gefinnung sein Portrait gesandt. Da« vorzüglich gelungene Oelbild ist in einem besonderen Waggon, der dem Petersburger fahrplanmäßigen Kurierzuge angehängt war, am Dienstag Abend nach Gatfchina abgegangen.

* In Preußen steht ein Zuckerkrach bevor, indem ein Spekulantenkonsortium, da« zur Ver» theuerung de« Zuckers große Vorräthe zufammen- kaufte, j-tzt plötzlich selbst in die Tinte gekommen ist und inen Verpflichtungen nicht nachkommen

Überwältigt von der ungewohnten Sprache; und mehrere Male fuhr er mit dem Aermel feiner fuchsbraunen, schäbigen Biberjacke Über da» Ge­sicht. Und doch äußerte sich Klein-Wicschen ganz ihrer Aistammung gemäß. An der grenzenlosen Gutmüthigkeit der weiblichen Vorfahren war der Hof zu Grunde gegangen. Der Nebenzweig, wel­cher sich den Hof de« jetzigen Schulze,Lahnbeck ge­gründet, hatte die Schwäche auszunutzen verstanden und war nun bestimmt, Herrn' da« Gnadenbrod zu gewähren. Sollte er dem Kinde jetzt erzählen, wie Alles zwischen dem Schulzenhofe und ihm zu- sammenhing? Vielleicht konnte e« ihr nützen. Er überlegte. Plötzlich fühlte er sich unwohl, fröstelnd schauerte er zusammen, eine nie gekannte Abspan­nung bemächtigte sich seiner. E» flimmerte ihm vor den Augen und ein lästige« Summen in den Ohren nahm immer mehr zu. Es war so dunkel in dem dumpfen Raume, daß Wieschen e« nicht bemerken konnte, wie stch die Züge des Alten ver­änderten und sein Gesicht eine blaurothe Farbe annahm. Der Herd war kalt. Spitz lag zusam- meng'krümmt bauet en und schnarchte. Er hatte die Kuh, welche der Stallbube des Schulzen am Str ck- fortgeführt, bis in ihre neue H imath be­gleitet und dort feine Abendmahlzeit wahrgenom-