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JV 163. Frettag, den IS. Juli. 1889

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* Die Reichshauptstadt

zählt 1,500,000 Einwohner. Mehrere Jahrhun­derte hat Berlin gebraucht, um die Einwohner­zahl von einer Million zu erreichen. Im Jahre 1876 wurden in Berlin 1 Million Einwohner gezählt. Er bedurfte also weiterer 13 Jahre um der mächtig ausblühenden Stadt weitere 500,000 Einwohner zuzuführen. Geht da» Wachsthum im bisherigen Tempo weiter, so wird Ende dieser Jahrhunderts Berlin 2 Millionen Einwohner zählen.

Um da« Jahr 1723 zählte Berlin rund 50,000 Einwohner, welche Zahl sich 32 Jahre später fast verdoppelt hatte. Bi« 1755 stieg die Einwohner­zahl auf 103,000 Seelen und fiel bi« zum Schluß de« siebet jährigen Kriege» auf 98,000, um dann wieder in weiteren 15 Jahren sich um 8000 See­len zu vermehren. 1802 betrug die Einwohner­zahl benil» 150.000, ohne dann bi» 1810 eine weitere Vergrößerung zu erfahren. 1823 besaß Berlin 190,000 Einwohner, nach weiteren 37 Jahren — also 1860 — schon 500,000 und 1876 1 Million.

Seitdem Berlin zur Haupistadt de» deutschen Reiche» avarcirt, hat stch seine Bevölkerung mit erstaunlicher Schnelligkeit vermehrt. E» ist die» hauptsächlich auf den ungeheueren Zuzug von aus- närl« zurückzuführen. Die Weltstadt scheint eine geradezu magnetische Anziehungskraft auf die Provinzen auszuüben. Von der am 1. Dezem­ber 1885 — dem Termin der fitzten Volkszähl­ung festgesttllten Gefammtzahl der Einwohner waren nur 4/io geborene Berliner, und seitdem dürste das Veryältniß für die Urberliner noch ungünstiger geworden sein. Der Zuzug ist vom Jahre 1882 von 134,889 jährlich gestiegen und hat 1888 die Zffir von 179,427 erreicht, wäh­rend die Zahl der Fortzügler von ca. 102 000 nur auf ca. 130,000 gewachsen ist. Im Jahre 1888 war die Zahl derer, die nach Berlin zogen, um fast 50,000 größer, als die der Personen, die ihren Berliner Wohnsitz ausgaben. Ist so der Zuzug von auswärts ein ganz außerordentlicher, so ist seit Beginn diese» Jahrzehnt», trotz der Zunahme der Eheschließungen, die Zahl der Ge­burten von Jahr zu Jahr zurückgegangen, wa»

Klein-Wieschen.

Novelle von I. v. Dirkink.

i,3. Fortsetzung.)

Jetzt ließ Wieschen den Kopf hängen, und ihr Verstummen belehrte den Schulzen, daß sie für seinen Plan gewonnen sei und von der Wahr­haftigkeit seiner Worte durchdrungen, seineHartei nehmen würde. Er verabschiedete sich und ste kehrte in« Haus zurück. Wirklich entdeckte sie noch ein Hühnernest mit Eiern und etwa» Mehl im Kasten. Lin R.st von geräuchertem Sp.ck baumelte im Wiemen; ste langte c» mit einer riesigen hölzernen Gabel herunter, schob die Pfanne auf'» Feuer und rührte mit flinker Hand die goldgelbe, krei­scht nde Moste in der glühendheißen Pfanne hin und her, ste darauf mit einem Schwung auf die schwarze, hölzerne Schüstel stülpend.

Mit großen Augen, halb Staunen, halb Be­stürzung im Mienenspiel, verfolgte Heim' jede Bewegung de« Mädchen«. Vielleicht stieg die Ahnung in ihm auf, daß in dieser Natur ein Element schlummere, da« sie befähigen würde, an der Spitze einer Bauernwirthfchaft zu stehen, die unter ihrem Regiment gedeihen wußte.

So vortrefflich hatte ihm lange nicht seine selbstbereitete Kost gemundet, al« diese Schüstel

auf trübe sittliche Zustände in manchen Bevöl­kerungsschichten schließen läßt.

Berlin bietet jetzt gewiß dem Besucher einen prächtigen Anblick, namentlich in den feinern Stadt- theilen. Aber zu dem vielen Glanz gesellt sich auch viel Elend. Auch da« sittliche Elend und die Roth der Tausende, die blindlings hierher reisen, um ihr Glück zu machen, aber nur zu häufig untergehen, wollen wir hier nicht eingehen, sondern nur auf eine große mit jedem Tag wachsende soziale Gefahr Hinweisen: auf die gegenwärtigen absolut unhaltbaren Wohnung« -Verhältnste Beilin«. Man loste stch durch die Prachtbauten und die glänzenden Läden in den feinen Stadt- theilen nicht täuschen, denn draußen in den Vor­städten und auch im Innern der Stadt findet stch dc« größte Wohnung«elend. Wir haben 152,293 Wohnungen mit nur einem heizbaren Zimmer, darunter sind 46,141 Wohnungen, welche 5—9. 554 welche 10—14, 5 welche 15—19, 2 welche mehr al« 20 Bewohner zählen I Außerdem werden 31,420 Wohnungen bewohnt, welche überhaupt nur einen Raum besttzen, etwa eine oft nicht ein­mal heizbare Kammer oder auch einen bloßen Küchenraum. Und von diesen einzelnen Räumen gibt e« 20, welche für neun, 6, welche für zehn, 2 welche für elf Personen bei Tag und besonders bei Nacht al« Aufenthaltsort dienen. Diese schreck­liche Ueberfüllung völlig ungenügender Wohnräume wird durch die große Zahl von „Schlafleuten" herbeigeführt, die mehr al« 6pCt. der Gesammt- bevölkerung bilden. In diesen überfüllten Höhlen herrscht häufig physische Verderbtheit und mora­lische Berwo fmheit oder sittliche Gleichgiltigkeit und der niedrigsten Prostitution und allen Lastern der Großstadt wird hier Vorschub geleistet.

Bisher ist in der drohenden Wohnungsfrage wenig geschehen. Es wird in Berlin ungeheuer viel gebaut, aber meist nur Paläste und Häuser, mit großen thcuren Wohnungen, welche dis kleinen L ute nicht bezahlen können. Und die in völlig ungenügender Anzahl vorhandenen kleinen Wohn­ungen werden von Jahr zu Jahr im Preise ge­steigert, so daß der kleine Mann einen ganz be­trächtlichen Prozentsatz seine» Verdienste» für die Wohvungrmicths ansgeben muß. Beim abge- laufenen Quartal haben manche HauSpafLa» stch nicht geschämt, den Maurerstrik zum Anlcß einer

von ihrer Hand. Nachdem sie gespeist, hielt Wies- chen Rundschau in der finsteren Höhle, wo ste überall nicht» al» Verfall, Moder und die bitterste Armuth gewahrte. Und doch trug diese Dürftig­keit nicht den Stempel de» Widerwärtigen, wie die städtische Misere derjenigen Schichten, wo die moralische Verkommenheit mit ihr Hand in Hand geht, ste immer zur Schau fiägt.

„O, welch' ein hübscher Schrank, Ohm," tönte de» Mädchens Stimme plötzlich aus der angrenzenden Kammer, und gleich darauf erschien ste im Rahmen der Thüre. „Habt Ihr tu daran gedacht, das Möbel zu versilbern? Eichenholz isi's, und diese dicken Blumenkränze, wie natürlich sehen ste au». Da» ist ein Meister gewesen, der ihn gearbeitet hat; und alt genug, uralt mag er auch sein, der Schrein, meine ich!" rief ste mit erhitzten Wangen.

„O sachte, sachte, Kmd," verfitzte Herm' pfleg- matisch. Wie konnte da» dumme Ding diese» wüste Stück Hausrath nur sehenswerth finden. Und vr- stlbern gar? O Thorheit l lächelte er. Nicht für eine M tze Korn hüt'» Einer gerommen, so wie er die Menschen kannte; denn c» war ja grau und schwarz vor Altherthum und wegen seinem koloffalcn Gewicht und der massiven Form wohl kaum zu regieren.

„Wißt Ihr, daß der Schrank Hunderte von

Steigerung der Miethe zu nehmen. In der Woh­nungsfrage muß in Berlin unbedingt etwa» ge* schehen.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Juli.

* Wie man hört, besteht bei der städtischen Verwaltung die Absicht, dem Kaiser von Oester- reich bei seiner Ankunft in Berlin einen ähn­lichen festlichen Empfang feiten» der Stadt zu be­reiten, wie s. Z. dem Könige von Italien. Da die Stadtverordnetenversammlung wegm Genehmi­gung der nothwendigen Mittel für Straßenaus­schmückung und Empfangsfeierlichkeiten der Ferien halber nicht befragt werden kann, so sollen diese Mittel vorläufig dem Reservefonds entnommen und die nachträgliche Genehmigung der Stadtverord­netenversammlung eingeholt werden.

• Der ,Reich«anzeiger' veröffentlicht die Ver­leihung de» Schwarzen Adlerorden« an den Prin­zen Hermann von Sachsen-Weimar und den württembergischen Minister - Präsidenten Freiherr» v. Mittnacht.

* Der Berliner Bäck er strike ist beendet und zwar für die Gesellen ohne jeden Gewinn. Der auf heute Vormittag in Aussicht genommene Einigungkversuch zwischen den strikenden Bäckern und den Meistern, unter Borfitz des Stadtsyndtku« Eberty hat nicht stattgefunden, da die Meister c» ablehnten, in Verhandlungen einzutreten. E» find eben alle Stellen, welche durch die Strikenden vakant wurden, durch den Zuzug von außerhatv besetzt.

* In Bayern erregt es Erstaunen, daß der Ministerpräsident und Kultusminister Dr. Frhr. v. Lutz sich mit großer Selbstgefälligkeit über die bayerische innerpolitische Lage hinwegsetzt. Bei einer Serenade, die ihm ein Gesang-Ver in brachte, sagte der Minister mtt Bezug auf eine Anspielung, die der Sprecher des Gesang-Vereir« auf die Verleihung des bayerischen Huberturoi den» und de» preußischen Schwarzen Adlerorden« ge­macht hatte, spwohl Prinz-Regent Luitpold al« Kaffer Wilhelm hätten ihn nicht in Zweifel gefiffen über den Grund dieser Auszeichnungen. Es sei eine Anerkennung dieser Politck und „seiner" Wirkens für Bayern und Deutschland. Wenn man

Mark werth ist ?" belehrte ihn Wieschen. „Ja, seht," fuhr ste fort, als der Alte ungläubig den Kopf schüttelte, „ich weiß es au» Erfahrung, denn bet meinem Vater kam vor einiger Zeit ein Altkäufer aus Köln, der nach alten Spinoen und Truhen ’ und Schränken fragte und darüber hinaus war, solche in gutem Preis erstehen. Acht Tage lang hat Vater mit dem Fremden die Kirchspiele ab­gestreift und alle Bauernkammern durchstöbert, und nur ein paar Ungethüme von Schräi km au» kern- hsftem Eichenholz mit Schnitzwerk darauf erbeutet, worüber der Altkäufer schier närrisch vor Freude war. Er nannte diese Schreine seine Schätze und Vater war erstaunt, a!« er ihm ein paar taufend Mark in b!ar-kem Silber auf den Tisch zählte. Mutter und die Nachbarn hatten den Mann nämlich sür einen Schwindler gehalten; mich wundert nur, daß Mutter später bet der Aus­zahlung stch Eures Schreine» nicht erinnert hat."

Eme Weile sah der Alte stier vor sich hin, bann sagte er: „Gelt, Du hast niemals ein Pathengeschenk von mir ge sehet ?" Und al« dar Mädchen erröthend verneinte, fuhr er fort: „So soll der Schrank von jetzt an Dein Eigentum sein. Ja, ja!" bestätigte er, „mag sein Verkauf Dir ein Herrath-gut in den Schooß werfen; und da« wird er, da» wno er," rief er plötzfich wie