JM 160.
Dienstag, den 16. Juli.
1880
Älter W 3rilng.
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«L Neue bulgarische Fortschritte.
Bulgarien hat nunmehr mit einem amerikanischen Konsortium eine Anlehe von 25 Millionen Frank- unter verhältnißmäßig günstigen Bedingungen ab« geschloffen. Die offiziöse .Wiener Politische Korrespondenz' berichtet aus Sofia, daß da» Gelingen dieser Anleche unter guten Bedingungen eine vortreffliche Wirkung in Bulgarien erzeugt hat, weil man darin eine gerechte Belohnung de» bulgarischen Volkes und seiner geschickten Regierung erblickte. Wir meinen aber auch, daß die Diplomatie der Trippelallianz allen Grund hat, e» als eine sehr erfreuliche Lhatsache anzufehen, daß den Bulgaren die Kontrahimng dieser Schuld gelungen ist.
Bulgarien ist zu seinem Fortschritte wesentlich durch die Zurückhaltung der Mächte gekommen. Indem man die Bulgaren völlig ihrem Schicksal überließ und ihnen nicht einmal Schutz gegen russische Umtriebe gewährte, waren flr gezwungen auf eigenen Füßen zu stehen und Europa den Beweis zu liefern, daß fie fehr wohl die Fähigkeit besitzen, ein gesundes, Staatswesen zu bilden. Die Regierung des Fürsten Ferdinand ist den russischen Wühlereien wirksam begegnet, fie tritt der Agitation der russisch gesinnten staatr- kirchlichen Geistlichkeit festen Willen» entgegen und verwaltet im Innern da» Land mit Weisheit und großer Umsicht. Aber die beste Regierung würde auf die Dauer in Bulgarien nicht erfolgreich sein können, wenn der Wohlstand de» Landes nicht gefördert werden könnte. Es war deßhalb das Bemühen des Fürsten Ferdinand' daraus gerichtet, diese Klippe zu umschiffen. Das Eisenbahn- und Telegraphennetz wurde vergrößert, Bulgarien hat bis 700 Kilometer Eisenbahnen und 4400 Kilometer Telegraphen. Die Ausfuhr des Landes beträgt etwa 20 Millionen und ist ebenfalls gehoben worden, während sich die Einfuhr ganz bedeutend, von etwa 33 auf 18 Millionen vermindert hat.
Diese äußeren Ziffern gewähren schon einen Maßstab sür den fortschreitenden Wohlstand des Landes. Serbien hat bei Weitem nicht so viel Bahnen und Telegraphen wie Bulgarien, seine Einfuhr übersteigt die Ausfuhr ganz erheblich, der Vergleich fällt deßhalb ebenfalls zu Gunsten der Bulgaren aus. Dabei ist der Steuerdruck in Bulgarien nicht beschwerlich, während bekanntlich der Hauptgrund der Unzufriedenheit mit Milans
Klein-Wieschen.*)
Novelle von I. v. Dir link.
Inmitten kahler Stoppelfelder, welche mehr einem ausgedörrten, abgeweideten Hrideboden, als dem Brachfelde eines fruchttragenden Acker« gleichen, liegt vereinzelt ein zerfallende» Gehöfte von faulen« dem, schwarzem Holzgitter umzäunt und von ein paar zwergartigen Pappelresten überragt.
Bestem hat der gebeugte, bäuerische Greis, mit seiner wackeligen, knarrenden Schubkarre um die Wette ächzend, die letzte dürftige Fruchtgarbe vom Felde geholt und heute harrt er in dumpfer Qual dem jüdischen Dorsmetzger entgegen, dem die letzte Kuh, ein Skelet von einem Hausthier, verfallm ist. Und sogar dem lebensmüden, treuen Köter „Spitz" geht dieses häusliche Elend tief zu fierjen, denn er schleicht mit gesträubten Haaren in bissiger Laune auf dem holperigen Hofraum umher, kläfft jedem hungrigm Sperling, der zeternd diefe« ver- fehmte Gebiet streift, nach und spionirt endlich schweifwedelnd um die Ecke auf den sandigen Feldweg hinaus, der ins Kirchdorf führt.
•) Nachdruck nicht gestattet.
Regierung in Serbien die drückenden Steuem und Exekutionen zum Eintreiben fälliger Steuem waren. Deßungeacht ist es den Bulgaren seither gelungen mit ihrem regelmäßigen Budget auszukommen. Sie haben denStaatshaushaltsoeingerichtet, daß fiekeine Schulden zu machen brauchten, trotzdem sie die Nachwehen des serbisch-bulgarischen Kriege» zu überwindm hatten. Die bulgarische Staatsschuld beträgt deßhalb nur 40 Millionen bei 31/* Millionen Einwohnern, während Serbien bei etwa» über 2 Millionen Einwohnem mit 235 Millionen Schulden belastet ist. Bulgarien hat eben da» Bestreben, in ruhigem Tempo seine Verhältniffe au»zugestalten und zu erweitern, während die Serben unter Milan so rasch wie möglich ein moderne» Staatswesen werden wollten. In Bulgarien wachsen die Verhältniffe konsequent und mit zäher Energie au« sich selbst heraus, sie mtwickeln sich deß« halb ohne Erschütterung und solide, während das sprungweise Vorgehen des Exkönigs Milan Serbien in Schulden stürzte, das Land aufregte und schließlich bet allgemeiner Erschöpfung doch wieder eingestellt werden mußte. Daß Milan gehen und einer radikalen russenfreundlichen Mehrheit weichen mußte, hatte lediglich in der schlechten wirthschast- lichen und finanziellen Verwaltung Serbiens seinen Grund. Milan hat den Radikalismus förmlich gezüchtet, dagegm hat die bulgarische Regierung die ruffenfteundltcheu Neigungen dem Bulgarenvolke mit erheblichem Erfolge ausgetriebm durch eine sparsame, den Kräften de» Landes angemeffene und den national-bulgarischm Verhältniffe« angepaßte Verwaltung.
Gleichwohl wäre auch die bulgarische Regiemng auf die Dauer in Verlegenheit gerathen, wenn ihr der Geldmarkt verschlossen geblieben wäre. Das Land ist jetzt auf eine Stufe gehobm, bei welcher die jährlichen Mittel des Etats nicht mehr au«- reichen. Verschiedene volkswirthschaftliche Unternehmungen größerer Art, Hafenbauten, Flußregu- lirungen, Wegebauten und neue Eisenbahnbauten find unbedingt nothwmdig, um den Wohlstand weiter zu heben. Ackerbau, Gewerbe und Handel müffe« zu einander und mit dem Ausland in engeren Verkehr gebracht werden, damit die Fruchtbarkeit und günstige Lage de« Landes ausgenützt werde. Ein Jahresbudget kann dazu die Mittel nicht mehr bieten, denn mit den Fortschritten Bulgarien« sind auch die Ansprüche gewachsen. Rußlands Freude war groß, weil es glaubte, daß
Und dort kommt es nun einhergeschritten, ein junges Menschenkind mit flachsgelben Haaren, neugierig blickenden, großen, lichtblauen Augen in einem schmalen, blaffen, länglichen Gesicht. Ein achtzehnjährige» Mädchen ist e», da« eilfertig dem ver- fallenen Anwesen zusteuert, so eilfertig e» seine plumpen, rindsledernen Schnürschuhe nur erlauben. Sie trägt ein Päckchen unter dem Arm und den baumwollenen Regenschirm ht der Hand, obgleich kein Schatten den sonnigen Himmel trübt und die Staubwolke, welche die jugendliche Wanderin einhüllt und ihren ärmlichen Anzug» ihr Gesicht wie mtt Mehl gepudert hat, wochenlange Dürre vrr- muthen läßt.
Dar ist allerdings ein fremder Gast in diesem Bereich, aber dem altersschwachen Hofhund offenbar lieber, als der Besuch eines Mannes im Blaukittel, den Knotenstock in der Hand und den fatalen Schlächterhund hinter fitz, einen jener hochnäsigen, widerwärtigen Patrone aus der Vetterfchast, mit denen Spitz sich einmal gar nicht befreunden kann. „ ~
Vielleicht hatte er auch nur die schlimmste Sorte der städtischen Sippe kennen gelernt. Der Gerichtsbote, der Metzger, selbst der jüdische Handels-
Bulgarien kein Anlehen bekommen und deßhalb die jetzige bulgarische Ordnung gewiffermaßen durch Aushungera von selbst absterben werde. E« hat thatsächltch geschienen, daß da» geschehe, bis jetzt hat ganz unerwartet Bulgarien eine für seine Verhältniffe erhebliche Anleche von 25 Millionen durch ein amerikanischer Konsortium erhalten, nachdem schon neulich Sofia eine Anleihe für städtische Zwecke hatte zusammmziehm können. Durch die russische Rechnung ist also ein Strich gemacht.
Die politische Wichtigkeit diese« Ereigniffe» liegt auf der Hand. Bulgarien wird ohne Stömng und Stockung auf der Bahn ruhiger Entwickelung fortschreiten können, da« Selbstvertrauen der Bulgaren wird neu gestärkt, wie auch die zaudernde Diplomatie allmählich mehr Vertrauen auf den Bestand der bulgarischen Ordnung gewinnen wird. Was aber die Bedeutung diese« Ereignisses hebt, ist, daß es unter dem Eindruck der Anerkennung zu Stande gekommen ist, welche Kaiser Franz Joseph und Gras Kalnoky in den Delegationen der bulgarischen Regierung gezollt. Die österreichische Län- derbank hat viel dazu beigetragen, daß die bei ihr verschuldeten Serben so unzufrieden wurden. In Bulgarien wirkt aber der österreichische Einfluß befruchtend und wird bei Vermeidung direkten Eingriffes mithelfen an der Festigung des Landes. Es ist ,u hoffen, daß Oesterreich dadurch in Bulgarien eine feste Position gewinnt, welche es vergebens in Serbien gesucht hat.
Deutschs- Reich.
Berlin, 15. Juli.
• Bei seiner Ankunft in Norwegen hat, wie nachträglich bekannt wirb, der Kaiser von König Oskar rin Begrüßungs-Telegramm erhalten. Der Kaiser hat dasselbe in ausführlicherer Weise beantwortet. Ec sprach sich mit größter Anerkennung Über den schönen Empfang aus, der ihm bereitet worden, sowie Über die trefflichen Maßnahmen mit Bezug auf seine Reise, welche schon vor seiner An- kunfi getroffen seien. Gleichzeitig verbreitet sich der Kaiser über die großartige, schöne Natur de» Lande«, welche ihn völlig hingerissen habe.
* Heber dm Wiederzusammentritt de« Rei ch«- tag« ging vor eintgm Tagen die Notiz durch die Preffr, wonach derselbe schon Ende Oktober erfolgen soll. Wenn Überhaupt der gegenwärtige Kartell-Rrich-tag noch wieder zusammentreten soll,
mann führte ihm Kollegen zu, die naserümpfend auf ihn herabfahm und trotzdem in familiärer Zudringlichkeit an allen Ecken und Enden herum- fchnüffeltm. Diese» lrichtsüßige Mädchen war eine willkommene Abwechselung für Spitz, der sich knnrrmd überlegte, ob er sie schweigend, mit Würde, ober in zutraulicher Annäherung empfangen sollte.
Da war fie schon am wackeligen Hofchor. Geschickt zog sie den Pflock an» dem morschen Gitter- thörchen und: „Heda, mein brave» Hündekml" klang e», während fie dem Spitz liebkosend über den alten, steifen, struppigen Nacken fuhr. Der Köter ließ die Ohrm hängm und wie ein Letchm- bitter, der einen Freund in ein Todtenhau» begleitet, trabte er dem jungen Gaste voran in die öde, trostlose Heimstätte.
Am Herde lauerte der Grei«, da» verkörperte Bild hilflosen Elende«. Schon stnndmlang hockt er auf derselben Stelle und stiert, die knochigen, behaarten Hände auf die spitzen Knie gestützt, ht da« mühsam fortglimmende Torffener. Sorgenvolle Gedanken bohren sich wie glühende Nägel in dm harten Schädel de« Alten, dessen träge Fassungskraft es mdlich begreifen muß, daß er in ein paar