JV 159 Montag, den 15. Juli. 1889
Fuldikr K Zeiiiiz.
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Deutsches Meich.
Berlin, 13. Juli.
* Kaiser Alexander von Rußland wird zum Segenbesuch bet Kaiser Wilhelm am 22. August in Berlin Eintreffen.
• Hebet die Aussichten des Gesetzentwurf» zur Verwendung der Sperrgelder berichten zwei hiesige liberale Blättter in übereinstimmender Weise wie folgt: „Der Ges tzentwurf über die Bnwendung des au» der Gehaltssperre der kathol. Geistlichen angesammelten Fond» ist bekanntlich in der nei ffoffenen Landtagrsefsion nicht mehr zur Vorlage gekommen, und zwar nur wegen de» uovermuihet frühen und plötzlichen Schluffe« der Sitzungen. Wie man hört, steht der Gesetzent- wmf in der nächsten Session mit Bestimmtheit zu erwarten, und zwar nach Verständigung mit maßgebenden kirchlichen Instanzen über die Verwendungszwecke." So in wörtlicher Uebereinstimmung die.Rational-Zettung' und das .Berliner Tagebl.'. Die Autorität beider Blätter in derartigen Meldungen ist nicht gerade groß. Der Zusatz „rote man hölt" mindert dieselbe noch weiter herab. Wir Katholiken werden nach allen bisherigen Erfahrungen gut thun, bemerkt hierzu u. A. die .Germania', nicht e^er an den Gesetzentwurf zu glauben, al» bi« er vorlieg'. Ist doch im laufenden Jahre nicht einmal der Sreuerreformgesetz- Entwurf zur Verhandlung gekommen, der doch sogar in der Thronrede ticflium.t um- mu ucu Hauptzügen sein,« Inhaltes ongekündigt worden war. Verschiedene „Strömungen" in den leitenden Kreisen machten dies,« abgeschlossenen Eotwu.f noch in elfter Stunde unmöglich. „Strömungen" aber gibt c» zweifellos auch b zügltch de» Sperr- gelter-Ges.tzes. Den gewiesenen Weg, einfache Restitut>''n an die einzelnen Diözesen, will man ja eben nicht gehen. Wäre Da» ander», dann würde die Abfassung de» bett ffenben Gesetzes ja sehr leicht fein, während sie j tzt in der Thal recht schwer ist. Wir glauben daher bi» aus Weitere» auch nicht daran, daß der Entwurf in der verflossenen LandtagSsesstou „nur wegende» un-
5 Die arme Braut.
(Sus dem Holländischen)
(Nachdruck verboten.)
Drei Freunde saßen gemüthlich bei einem Glase Wener in einem Garten vor dem Thore der Hauptstadt und unterhielten sich über die Reuig- ■ leiten de» Tages. Da» Gespräch kam auf einen Notar, der sich mit Hinterlassung bedeutender Schulden unsichtbar gemacht hatte.
Hein, der den Notar zu kennen schien, schrieb do» Unglück de« angesehenen Beamten seiner verschwenderischen, unverständigen Frau zu, die ihm uicht» in die Ehe gebracht hatte, und Gerrit sprach über die Thorheit der Männer im Allgemeinen, bie Mädchen von geringerem Herkommen und ohne Vermögen heirachen.
Der dritte der Herren, der die beiden anderen an Verstand und Jahren zu übertreffen schien, ließ i Erst ausreden und sagte dann ruhig: „Ihr kennt vielleicht da« Sprüchwori: „Wenn da« Hau« i gewonnen ist, hat der Mann e« gethan, und wenn « verloren ist, hat die Frau e« gethan." Euer ttrtheil kommt mir wohl ein wenig vermessen vor, denn ich kenne die Frau de» Notar» und kann nur tagen, daß sie sehr zu bedauern ist. Außerdem ; gibt t» Hunderte von Männern, die eine Frau ahne Geld genommen haben und die sie nicht -gegen die Tochter eine« Millionär» vertauschen
Möchten."
vermuthrt frühen und plötzlichen Schlusses der S tzungen" nicht vorgelegt worden ist.
• Anläßlich der Entfernung de» Staat»- Pfarrer» Brenk von Kosten bringt der ,Kur. Poz".' einen rückblickenden Artikel über die Staatspfarrer, dem wir Folgende» entnehmen: „Schlesien hat die Provinz Posen mit einem Staatspfarrer Namen« Kick beglückt; wir haben Schlesien zwei gegeben, nämlich Talaczynskt und Wirtz. Ferner hatten wir drei, welche sich der Kirche unterworfen haben, nämlich Czerwinski, Ko'ary und Gutzmer. Zwei sind in hartnäckiger Apostasie gestorben, nämlich Noroacki und Mörcke; vier erhielten einen Ruhegehalt, nämlich Kubcczak, Rymarow'cz, Lizak und — Brerk, der jetzt geht; von diesen schloß Kubczak vor dem Standesamt in Potsdam eine Civllehe. Er bleibt der zwölfte Staatsgeistliche Woda, welcher zum allgemeinen Aergerniß noch al» Geistlicher in der Strafanstalt zu Fordon in der Diözese Culm tkätig ist. Auf diese« Häuflein, welchem noch sieben oder acht Staatspfarrer in Schlesien zuzuzähl n sind, wurden einst Hoffnungen gegründet bezüglich bee Umsturzes, der in unserer Erzdiözese sowohl hinsichtlich der Kirchen-Disc'plln als auch der katholischen Rechtgläubigkeft erfolgen sollte. Nur der Staatspfarrer in Sierakowo der vorher an diesem Orte mehrere Jahre al« Vikar thätig gewesen war und später von der Regierung die Pfarrstelle annahm, hatte mehrere Anhänger. Alle Andern — liefen sofort auf den Sand und scheiterten an dem harten Felsen der Niemand näherte sich ihnen, Niemand wollte mit ihnen Beziehungen unters ten, Niemand besuchte ihren Gottesdienst — sogar der Bettler wie» ihr Almosen zurück, nur hier und da ein Dienstbote und Jemand au» der Familie thellte diese traurige Verbannung. Sogar Juden und Andersgläubige, welche die mit Gras überwachsenen Wege, welche zur Kirche und zu den Pfarreien führten, sahen, erblickten hierin die Wirkungen und die Folgen des kirchlichen Banne», der auf diesen Stätten lastete." Der ,Kur. Pozn.' gibt zum Schluß seiner Freude darüber Ausdruck, daß mit der Entfernung Brenk» in Kosten diese
„Na, Doktor," entgegnete Hein, „Du hältst un« eine Moralpredigt, oder sprichst Du vielleicht au« Erfahrung?"
„Ja, au» Erfahrung und voller Ueberzeugung.
„War Deine Frau denn —"
„Ja," unterbrach ihn derDok'or rasch,, „meine Frau hatte keinen Heller und ich hotte nur eine kleine Prcxi«, al« ich sie helrathete, und doch habe ich die Sache bi« heute noch nicht bereut."
„Nun, da« wußten wir nicht, aber dürfen wir die Geschichte Deiner armen Braut hören ?" sagten die Freunde wie au« einem Munde, „denn das kann tnteriffant fein."
„Inter ffant?" versetzte der Doktor, die Sache ist höchst einfach und hat nicht« von einem Roman, aber wenn ihr die Geschichte hören wollt, so will ich sie euch erzählen."
„An einem kalten Novembertag," so begann er, „ging ich durch eine der lebhaftesten Straßen unserer Stadt und blieb unwillkürlich vor einem Bilderladen stehen, al« man mich p'ötzlich am Rocke zog. Ich schaute mich um und sah einen kleinen Knaben neben mir. Da» Kmd ging in zerriss men Schuhen und sein G. sicht war roth und blau vor Kälte. Auch feine Kleider waren dünn und abgetragen. Ich sah gleich an seinem hübschen und bescheidenen G.ficht, daß er nicht zu betteln g> wohnt war. Mein Herz wu.de von warmem Mitleid bewegt. Der arme Junge bebte und schlug
traurigen Zetten für die Erzdiözese ein Ende erreichten, und daß die so lange heimgesuchlen Pfarreien nun endlich erleichtert aufathmen könnten. Die in den beiden letzten Wochen endlich beseittgten Staatspfarrer Brenk (Kosten) und Lizak (Schrotz) erhalten jährlich 5000 M. al« Ruhegehalt, find also gut versorgt. Der Staat hat in diesen beiden Fällen und, so weit verlautete, überhaupt bei allen „Emeritlrungeu" der Saatspfarrer in der Erzdiözese Gnesen-Posen die Abfindung ganz übernommen; rote das auch ganz in der Ordnung Ist; denn durch den Staat find diese unhaltbaren Leute nach Mögltchkeht gehalten worden. E» sind zwar anfangs Versuche gemacht worden, die Gemeinden mit heranzuziehen, aber man hat angesichts de» Widerstände» der L tztern schließlich davon abgesehen, dieselben für die Sünden Anderer büßen zu lassen.
* In Berlin sticken feit gestern Mittag die Bäckergesellen. Der Strike ist aber noch nicht allgemein und infolge deffen für das Publikum noch nicht fühlbar geworden.
* Zu der morgen von Kiel abfahrenden wissen- fchaftlichen Expedition zur Erforschung des Meere» hat der Kaiser einen Betrag von 80,000 Mark gespendet. Die Expedition leitet Professor Hensen-Kiel.
Ausland
* Der Bericht de» Neunerausschuffe» des S- natsgerichtshofe« ist am Sonnabend unter die - * .*i -—. -__ttf. -t*-, x... .. m i v». m w.
fest, daß die Anlage gegen Boulanger wegen Komplott« gegen dis R publik, sowie Veruntreuung von Staattgeldern in d-r Höhe von 243,000 Fr», begründet ist.
* In der französischen Deputirtenkammer beschränkt man sich nicht mehr auf gegenseitige Beschimpfungen, j tzt prügelt man sich gar. Die Boulangisten machten gestern den Versuch, die Besprechung der Interpellation Laguerre sortzu- setzen, worüber großer Lärm entstand. Als bann über die Amnestieanträge bebattirt wurde, entspann sich plötzlich in ben Wandelgängen eine heftige Schlägerei zw.schen ben Abgeordneten Thomson
beschämt die Augen nieder, die sich mit Thränen füllten."
Ich gab meiner Stimme ben weichsten Ton und fragte ihn: „Was gibt e», Männchen, warum bist Du so betrübt?"
„Ach, lieber Herr," sagte das Kind schluchzend, „meine Mutter ist schon so lange krank und nun ist Marie auch krank geworden. Wir haben kein Brod und nicht» zu essen, und darum bin ich au«- gegangen, um ..." .
Er konnte kein Wort wetter hervorbringen und ließ beschämt ben Kops sinken.
„So, Kerlchen, ist e« auch wahr? Nun, so bringe mich nur rasch zu Deiner Mutter, vielleicht kann ich ihr wohl helfen, beim ich bin ber Doktor."
Dar Gtficht beeÄinbe« nahm auf einmal einen andern Ausdruck an, doch zögernd kam e» von feinen Lippen: „Ich kann Sie wohl zu meinet Mutter bringen, lieber Herr, aber rott wohnen sehr hoch uno Mutter ist ganz arm, Herr!"
„Da» thut nicht», mein Junge; ich gehe mit Dir," sagte ich freundlich.
Ich folgte chm durch viele enge Gaffen urb Straßen, und endlich, nachdem wir fast eine halbe Stunde gewandert waren, fügte er: „Hier ist e«, Herr; hier wohnen wir."
Ich stand vor einer steilen Treppe, aber ich konnte keine Hand vor Augen sehen. Da ich wenig Lust hatte, Hal« und Beine zu brechen, gab ich dem Knaben etwa« Geld, um in dem ersten besten
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*>urti>. [1913.