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N 157

Frettag, den 12. Juli.

1889

fiiltat W Ieilmig.

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® Im wirtschaftlichen Leben Dentfchlands

mehren sich in L tzter Zeit die Zeichen der Unsicher- heil und Unbeständigkeit, so glänzend auch da» äußere Bild d>sielben hingestellt wird. Ueberall treten Erscheinungen auf, welche nur auf unge­sundem Boden sich entwickeln können und welche die Aufmerksamkeit aller Volkrkreise erheischen.

Am Auffallendsten zeigt sich diese Unsicherheit in dem Kanpf um die russischen Werthe. Rußland hat sich vor mehreren Jahren de« Bei» stände» der preußischen Seehandlung, eine« offi­ziellen Staatsinstituts, erfreut, als e« eine große Anleihe auf dem deutschen Markte unterbrmgen wollte. Die gouvernementale und offiziöse Prtffe wirkte mit und feuerte da« deutsche Publikum an, sein Geld in Ruff.nwerthen anzulegen. Da« ge­schah reichlich, und wenn wir hinterdrein jür 2'/z Milliarden russtscher Werthe in Deutschland hatten, so waren daran hauptsächlich amtliche und halb- amtliche Kreise schuld. Die Centrumspreffe ist stet» diesen russischen Anbohrungen deutscher Geld­quellen entgegengetreten, denn sie hielt e» vor Allem in Anbetracht der europäischen Lage für eine nationale Pflicht, den Russen nicht deutsche» Geld zu borgen, au» welchem russische Waffen gegen Deutschland geschmiedet werden. Da» hat nicht» geholfen, die russischen Anleihen wurden flott untergebracht. Wenn da» Anlage suchende überflüssige deutsche Kapital nicht davor zurück­schreckt, sich einem Gegner und noch dazu einem immer mehr dem Staatsbankerott zuschreitenden Gegner zuzuwenden, so ist das eben ein Beweis unsicherer, flüssiger wirthschaftlicher Zustände. In­zwischen ist es antinational geworden, russische Werthe zu besitzen, und die offiziöse Pr.ffe agitirt dafür, daß das deutsche Publikum die Reffen- werthe bei der im Zuge b findlichen Konvertirung wieder abstoße; sie billigt also nachträglich die Haltung der Centtumr prasse in dieser Frage. Damit könnten wir zufrieden sein, wenn sich nicht in dem Kampfe für und gegen die russischen Werthe die allerbedenklichsten Vorkommnisse zeigten.

Ein Theil der Blätter im gegnerischen Lager kämpft für die russischen Werthe und sucht durch andauernde Friedensnachrichten das Publikum in Sicher hett zu wiegen. Sie lesen au» jeder Thron­rede, aus jeder Monarchenbegegnung, aus jeder Mimsterreise friedliche Symptome herau«. Der Czar ist nach diesen Blättern von den besten Ab- stchten gegenüber Deutschland beseelt, eine Drei- Kaiser -Zusammenkunft wird in Aussicht gestellt, der Aufmarsch der Ruffen an der Ostgrenze als gewöhnliche Truppen - Verlegung n charakterifirt. Neuesten» gilt sogar der Entschluß Rußland», seine Jnsanterie mit Repetirgewehren auszurüsten, al» Beweis, daß die Ruffen keinerlei kriegerische Unter­nehmungen planen! Ist da» nicht der gröbste Unfug? Und dennoch ist das Publikum gutmüthig genug, sich damtt einfangen zu loffeu, denn die erste und zweite Serie der russischen Konvertirun- gen ist vollständig geglückt, auch in Deutschland. 8uf der entgegengesetzten Seite steht die osfiziö»- gouvernementale Presse, welche die russischen Kon­versionen bekämpft. Aber auch hier tragen sich Dinge zu, welche auf die Reinheit diese« Kampfe« ein sehr schiefe» Licht werfen. In gc- viffen Berliner Finanzkreisen weiß man seit längerer Zeit im Vorau«, wann Artikel gegen die Nuffenwerthe in der offiziellen Pr.ffe erscheinen «erden. So z. B. waren die beiden letzten Artikel der ,Rordd. Allgem. Z.itung' gegen die Konver­tirung der fünfprozentigen russischen Bahnschuld Mion vorher Gegenstand der E örterungen der Pr.ffe und gaben dadurch Gelegenheit zu Börsen-

manövern. Und trotzdem wird auch diese Konver­sion gelingen, denn an der Spitze derselben steht der Bankier de« Reichskanzler, S. Bleichröder, und die mtt höheren Gesellschaftskreisen im Staate in Beziehung stehende Diskontogesellschaft in Berlin.

Bei solchen Vorgängen muß man sich fragen: wären sie möglich, wenn wir feste wirthschastliche V-rhälln ffe hätten? Uüberhaupt zeigt da» Publikum eine ungevundene Lust, sein Geld in auswär­tigen Anleihen anzulegen. Sogar die über­seeischen Staaten in fraglichster Verfassung pumpen mit großem Glück in Deutschland. Alle diese ausländischen Fonds find, wie wir e» namentlich mit der vor zwei Jahren mit so großem Erfolge bei uns aufgelegten argentinischen Anleihe sehen müffen, schon jetzt im Werthe gesunken und würden t» noch mehr, wenn die Finanzwelt nicht den Rück­gang staute. Nun denke mau sich einmal, war erst au« solchen Anleihen wird, wenn politische Verwicklungen und Kathastrophen entstehen? Man wird uns entgegnen, daß die Zinsreduktionen bei den einheimischen Papieren das höhere Anlagen suchende Geld in» Ausland treiben. Aber bar ist keine genügende Entschuldigung für das Risiko, das man bei der Bstheiligung an auswärtigen Anleihen läuft, zumal ja auch das Ausland bte Konversionen nachahmt, wie das Beispiel Ungarns, Rußlands und der vorläufig allerding» noch ge- scheiterte Versuch Egypten» zeigt. Nur allein die Sucht nach unzeitgemäßem Zinsgenuß und dis Sucht nach dem Spiel erklärt diese Jagd nach dem Ausland, welche in einem durchaus gesunden volkswirthschafilichen Körper nicht vorkommen könnte.

Wir mllfl.n hier auch noch auf das neu ausge. brochene Gründungsfieber Hinweisen. Es schießen wieder die Akttengesellschaften rote Pilze au» der Erde hervor, Geschäfte, welche für einen einzigen Unternehmer gerade au-reichen würden, appelliren an den Geldmarkt und werden in Aktiengesellschaften umgewandelt. Wenn da» so weiter geht, haben wir in kürzester Zeit wieder den schönsten Krach. Die Sache ist um so bedenk­licher al» dar große Publikum von dem Gang solcher Unternehmungen in der Regel gar keine Ahnung hat, weil keine halbjährigen Bllanzen mehr ver­öffentlicht werden unv da» Publikum in den meisten Fällen über den Stand de» Geschäfte« mit einigen allgemeinen Redewendungen abgespeist wird. Schoa jetzt befürchten Börsenblätter ein allgemeine» Sinken der Jndustrieattien, in vielen Artikeln ist die Aur- fuhr zurückgegangen, bei anderen ist der Gewinn so gering, daß er bu Produktionskosten nicht über­steigt. Die Aufnahmefähigkett des Geldmarktes aber hat feine Grenzen und läßt sich nicht ent­sprechend de: Ueberproduktion steigern.

Da« Alles ließe sich noch näher barlegen, aber diese gezeichneten Umr.ffe genügen, um die Noth- wendtgkeit der Wachsamkeit darzulegen. Bei solchen Zuständen wird die wirthschastliche Lage im Jahre 1892, wo alle Handelsverträge ablaufen, wett ge> jährlicher als die periodische. Sorgen wir also M Z-st-N Of>*.

Deutsche- Steich.

Berlin, 11. Juli.

* Die Arbeiterberöegu«q hat allmählich an Ausdehnung nachgsiaffen. Der rheinisch- westfälische und schlesische Bergardeite:- strike ist ganz zu Ende gegangen; zwar haben hier die Arbeiter nicht in allen Stücken gesiegt, allein einige ihrer Hauptforderungen finden Anerkennung und werden schon j tzt theilweise von den Arbeit­gebern erfüllt. Im Uebrigen hat die Regierung eine eingehende Untersuchung der Bergroeckrver- hältniffe in Westfalen und in Schlesien angeorbnet, bereit Srgebniß hoffentlich dazu beitragen wird,

daß die gerechten Forderungen der Bergleute er­füllt werden. Im Saar-Revier gährt e« schon wieder, auf der Grube Dechen bei St. Jo­hann strikten die Bergleute schon wieder, weil zwei ihrer Sprecher, welche die Beschwerden der Berg- arbeitet vorgetragen hatten, entlassen worden waren. Nächst dem Bergarbeiter-Strcke interesstrt in Deutschland am meisten der Strike der Ber­liner Bauhandwerker, der Maurer und Zimmerer. Der Sticke ist seinem Ende nahe; er wird mit einem Mißerfolg b?r Gesellen endigen. Die Zim­merleute ließen e» so weit gar nicht kommen, sie nahmen überall da, wo man ihren Forderun­gen einigermaßen entgegengekommen war, alsbald die Arbeit wieder auf. Ist bei ihnen der Strike auch noch nicht ganz zu Ende, so arbeiten doch die meisten wieder. Die Zimmerleute find, wie das Berliner ,Schw. Bl/ näher ausführt, seßhaf­ter und überwiegend Familienväter, weßhalb sie nicht viel Federlesens machen konnten. Von 6000 Berliner Zimmerleuten sind bloß 1900 ausgewan- bett; bte Zurückgebliebenen nahmen bie Arbeit unter ben ihnen von ben Arbeitgebern gebotenen Bebtngnngen »lebet auf. Anders erging es den Maurern. Von 19,000 Maurern haben 9000 Berlin verlassen, überschwemmten zum Theil die Umgegend von Berlin und nahmen den dortigen Maurern das Brod weg. In Folge dessen kamen au» der Umgegend Berlins Maurer nach der Reichs- Hauptstadt und begannen dort die Arbeit. Außer­dem nahmm auch au» Roth viele Berliner Mau­rer die Arbeit wieder auf. Der Strike war un- votfichttg in'» Werk gesetzt, Strikegelder waren nur ungenügend gesammelt, so daß die sttikenden Maurer e« nicht lange au»halten konnten, da sie keine Ex.stenzmittel hatten. Es arbeiten schon 12,000 Maurer in Berlin, die Uebrigen werden bald nachfolgen. Die Maurer erleiden in den 6 Wochen ihres Strikes einen Lohnaurfall von 4 Millionen Mark. Von auswärtigen Strike« ist am wichtigsten der Bergarbeiterstccke in Böh­men. Tausende von Bergleuten haben dort eben­falls gestrtkt und im Wesentlichen ihre Forderun­gen durchgesctzt. Der Kutscherstrike in Wien und Prag endigte ebenfalls zu Gunsten der Striken- den. Neuerding« find Strike« der Weber in Brünn und Jägetndorf (österr. Schlesien) ausgebrochen, die etwa 30,000 Arbeiter um fc ff en. In Brünn arbeiten von 15,000 Arbeitern schon wieder 5000, dagegen ist der Strike in Jägern- dorf ungemindert und droht nach Preußen herüber­zugreifen.

• Die Börsennachricht von einer Reise de» Grafen Walders re nach St. Petersburg ist der ,Post' zufolge vollständig au« der Luft gegriffen.

- Der Anstoß zu einer neuen Afrita-^on- ferenz, ist von England in Gemeinschaft mit Deutschland ausgegangen. Alle Unterzeichner der Berlinei Congo-Konferenz werden vertreten. Den Gegenstand der Konferenz wird die Unterdrückung de» Sklavenhandels bilden; dazu werden die ver­schiedenen Mtttel erwogen werden, durch welche der E.afluß der civilistrten Nattonen tiefer in’« Innere Afrika'» hinein erstickt werben kann. Wie den Lesern bekannt, würbe schon in einem vom Abgeorbneten Dr. Windthorst gestellten unb vom Reichstage mit großer Mehrheit angenommenen Anträge auf die Nothwenbigk it hingewiesen, auf nternationakm Wege bie Lösung Der Sklaven- Fcage zu verwirklichen.

♦ Was man schon längst hätte erwarten sollen, da» stellte in diesen Tagen die .Köln. Ztg.', viel­leicht in einem offiziösen Artikel, in Aussicht, nämlich ben Anschluß der Türkei an ben mitteleuropäifchenFrieben»bund. Sollte dieser Anschluß zu Stande kommen, ein Schutz-