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155.

Mittwoch, den 10. Juli.

1889

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Deutsches Weich.

Berlin, 9. Juli.

* Durch die Veröffentlichung der Aktenstücke im .Reichsanzeiger' über die Differenzen in der Schweiz geht klar hervor, Laß die Lffaire Wohlgemuth als solche von der deutschen Regie­rung fallen gelassen, daß aber hiegegen eine größere Verschärfung der Fremdiv polizei in der Schweiz gefordert wurde, wobei Deutschland den mit der Schweiz abgeschlossenen Niederlassungsvertrag ge­kündigt hat mit der Bemerkung, raß eine Er­neuerung nur dann für Deutschland Intet esse hätte, wenn auch die Schweizer Lokalbehörden ihre Pflicht betriff» der Fremdenpolizei erfüllen. In der Schweiz hat diese Kündigung keine besondere Aufregung wachgeruftn, man scheint offenbar auf diesen Ver­trag keinen besonderen Weich zu legen, wenn frei­lich auch damit allen niöglichen Chikanen Thür und Thor geöffnet ist. — Die Veröffentlichungen der schweizerischen Noten an die deutsche Regierung im Berner .Bunderblatt' ist vom Schweizer Bundesrath bereits formell beschlossen worden. Ferner bat der Bundesrath die Antwort auf die deutsche Note vom 26. Juni endgültig festgestellt, so daß dieselbe alscald dem deutschen Gesandten von Bülow zugestellt werden dürste.

* Durch die Blätter ging kürzlich eine Meldung daß ein Gesetzentwurf in nächster Aurstcht stehe, dmch welchen mittelst einer geeigneten Umarbeitung der Verordnung vom 4. Januar 1875 über den Verkehr mit Arzneimitteln auf gesetzlichem Wege auch dem Geheimmittel wesen die Spitze ab­gebrochen werden solle und daß die Vorlage sich zu einem Reichs-Giftgesetze entwickeln werde. Dem gegenüber bemerkt die Apoth-ker-Zeitung, baß es sich zunächst nur um die langerwartete Re­vision der kaiserl. Verordnung von 1875 handelt, deren Erscheinen in nicht zu langer Zeit nunmehr zu erwarten sein dürfte. — Die Regelung des Verkehrs mit Arzneimitteln erfolgt auf Grund des § 6 der Gewerbeordnung, durch kaiserliche Ver­ordnung, ohne daß der Weg der Gesetzgebung be­schritten zu werden braucht. Dies ist auch jetzt zu erwarten. Nicht zu verwechseln damit ist ein Vor­gehen gegen das Geheimmittelwefen. Daß nach dieser Richtung Erhebungen vorgenommen und Vorderathungen gepflogen werden, welche die Grundlage zu einem Einschreiten auf gesitzgeberi-

Der non Solfttiu.*)

(Zur dreißigjährigen Wiederkehr des 24. Juni 1859 von Karl Freiherrn von Binder-Krieglstein.)

„ ... Er dürfte Msttag vorüber gewesen sein, glühend stach die Sonne auf uns hernieder, ver­dorrt klebte die Zunge am verdorrten Gaumen, die Stimme war heiser vor Trockenheit der Kehle und fortwährendem Rufen und Kommandiren, die Lippen lechzten nach einer E quickung, so standen wir da in ununterbrochenem Kampfe seit mehr als sieben Stunden mit schwer gelichteten Reihen, die Gewehre beinahe glühend, die Patrontaschen fast fleleeit in Erwartung neuen, übermächtigen Angriffe«.

Da erhob sich im Thal? zwischen den beiden beherrschenden Hügeln und rund um dieselbe sowie auf dem Castel und den vorgelagerten Stellungen betäubender, ohrenzerreißender Lärm und Geschrei, welches sich mit dem doppelt verstärkt einsetzenden Geprassel, Rollen und Toben der Schlacht zu

*) Wir entnehmen diese glänzend« Schilderung jenes furchtbaren Schlachttages der Mai - Juni - Nummer der -Oesterreichisch-ungar'. chen Revue'. Der Verfasser stand damals als blutjung« Lieutenant im 2. Feldbataillon des 31. Jnfantrrie-RegimensS Baron Tuloz.

schem Wege zu bilden bestimmt sein dürften, ist seit längerer Zeit bekannt. Ein „Reichrgfftgesetz" dürfte wohl als ein integrirender Bestandthe-l der zu erwartenden reichsgesetzlichen Regelung des Apothekerwesens überhaupt erscheinen.

• Der als einer der ersten Führer der Anti­semiten bekannte Dr. Bernhard Förster/-der sich, nachdem seine Stellung hier unhaltbar ge­worden war, seit längerer Zeit mit kolonialen Unternehmungen in Paraguay beschäftigte, ist dort am 3. Juni an einem Gehirnschlage ge- storben.

* Unverbürgten Nachrichten aus Sansibar zu­folge hätte Wißmann Pangani zerstört, die In­surgenten gänzlich geschlagen und Bushiri gefangen genommen. H ffentlich folgt eine Bestätigung dieser Botschaft.

* Der Ehekontrakt des Kronprinzen von Griechenland und der Prinzessin Sophie, der Schwester des Kaisers, ist in der verflessenen Woche unteifertigt worden. Die Prinzessin er­hält eine Mitgift von zwei Millionen Mark, welche Summe den Erbantheil der Prinzessin von ihrem verstorbenen Vater bildet. Prinzessin Sophie erhält jedoch nur die Nutznießung der Summe und ferner von der Kaiserin Friedrich eine Mit­gift von hunderttausend Mark, wobei jedoch das Erbrecht der Prinzessin nach ihrer Mutter voll­ständig intakt bleibt.

* Der Schah von Persien hat bei seiner Ab­reise von Berlin durch das Hofmarschallamt dem Magistrat zur Verwendung für Armenzwecke 1000 Mark übersandt.

* Wie die .Köln. Volkszeitung' meldet, weigerten sich gestern die Belegschaften der Grube D.cken (1100 Mann) im Neunkirchener Bezirk an­zufahren und zwar anläßlich der Kündigung ihrer Delegieren. Heute dürfte ein gleiches Vorgehen bei den Zechen Bildstock und Püttlingen zu er- warten sein.

Ausland

* Der Weberstrike in Oesterreich-Schlesien greift immer mehr um sich. Die Zahl der Striken- den wird j tzt auf 9000 bez ffert und eine Aus­dehnung des Strikes auf die Grenzorte von Preu- ßisch-Schlesten ist zu befürchten.

* Paris, 9. Juli. Das Senatsgericht wird am Sonnabend die Versetzung Boulanger's

einem erschütternden Akkord vermischte. Der Thal­grund, die Schlucht, die Hänge gegenüber schienen lebendig zu werden von brodelnden, fluthenden und drängenden Massen, welche nun alle einem Ziele, dem Zypr ssmhügel und Castel, aufwärts zuzustreben begannen.

Für Augenblicke ausgehalten,- sogar zurückge- wiesen, dringen sie doch langsam, aber stetig auf- wärtr. Jetzt verschwinden schon die Spitzen der angreifenden Kolonnen in dem Dampfmeere, welches die Gebäude und den oberen Theil der Hügel» in weißen Schwaden umwogt, jetzt bricht verzehn­fachtes Rollen und Knattern los und schrille», hundertfältiges Klingen und Schmettern der Signalhörner, plötzlich schallt wahnsinnige« Geschrei au» dem Schoße der Nebelmaffen und nun lagert über dem lebenden Höllenbreughel ein infernalische» Toben und Tosen, wie wenn die Insassen eine» unermeßlichen Irrenhauses in Einem verrückten Schrei zum Himmel aufschreien würden.

Ununterbrochen raste der Kampf indtß auch bei un» fort. Unbekümmert um die Ereignisse in unsere: Nähe hatten wir nicht» zu erwägen, al» wie wir unseren Platz behaupten möchten.

Da kam un» der Befehl, da» Gefecht abzubrechen und un« hinter dem Orte Solferino zu konzen-

in den Anklagezusiand beschließen. Die Urtheils- fällung erfolgt Milte August.

* Ein Londoner Blatt berichtet über eine Unter­redung eine« seiner Mitarbeiter mit dem Nihi­listen Hartmann. Derselbe will unter falschem Namen Deutschland, Oesterreich, Frankreich und die Schweiz bereist und dort allerwärt» die Um­sturzpartei organisirt haben. Er stellt große Atten­tate in Aussicht, welche die früheren ganz in den Schatten stellen würden und bchauptet das Vor­handensein ganzer Arsenale von Dynamitbomben. Derartige Ankündigungen haben zunächst wahr­scheinlich nur den Zweck, Furcht zu verbreiten, vielleicht daneben auch die Aufmerksamkeit von anderen Unternehmungen abzulenken.

* Auf Kreta dauern die Unruhen fort. Die Bauern der westlichen Distrikte verweigern die Auszahlung der Zehnten. Die Truppen und die Gensdarmerie, welche bei der Einsammlung de» Zehnten helfen sollten, mußten sich zurückziehen, angeblich um Blutvergießen zu vermeiden.

* Die Streitmacht der Derwische wird in amt­lichen Meldungen au» Kairo auf 5000 Mann mit 300 Kanonen geschätzt. Gegen dieselbe wird in Assuan eine starke Streitmacht zusammengebracht.

* Die laudwirthschaftliche Buchführung der kleinbäuerliche» Bevölkerung.

Die Buchführung ist für den Bauer ebenso noth- wendig als für den kleinen Kaufmann; denn nur der Landwirth. welcher zu rechnen und zu buchen versteht, ist befähigt, seine Geschäft»- und Vermögens- Lage übersehen und beurtheilen zu können. Um so unbegreflicher ist e», daß gerade der Klein­bauernstand bisher völlig gleichgiltig, sogar ablehnend gegen die Buchführung sich verhalten hat.

Der Landmann ist nun einmal vorwiegend ein Mann der Arbeit und kein Schreiber' Soll er eine Buchführung anwenden, so muß diese einfach, mit größer Leichtigkeit anwendbar sein; sie sei durch- führbahr, klar und wahr. Je verwickelter und schwieriger die Art der Buchführung, je mehr Kenntnisse und Wissen sie erfordert, desto eher wird gerade der kleine Mann vor ihrer Anwend­ung und Durchführung zurückschrecken.

Daher stammt denn auch ein gewisser Abscheu vor der Buchführung — ein Abscheu, welcher sich nur durch einen gediegenen landwirthschastlichen Unterricht oder auch einen solchen in der Volkr-

triren. Ich ließ nun da» Signal zum Feuerein­stellen blasen; aber vergeben», daß e» der Hornist wieder und wieder hinausschmetterte. Die Mann­schaft wollte nicht zurück. Diese alten Soldaten meinten, sie wären gerade lange genug zurückge­gangen und wollten nicht weichen. Aufgeregt vom langen Kampfe, im Zorn und Schmerz über den Tod ihrer Kameraden hörten sie auf kein Kom­mando und kein Signal, so daß ich in die P änk- lerkette vorgehen, mehrere der Hartnäckigsten packen und mit Gewalt zurückführen mußte.

Endlich gelang es mir doch, an Seuten zu sam­meln, so viel noch vorhanden war, und wir traten, unverfolgt vom Feinde, an den voreilenden Ab­lösungen vorbei den Rückzug an, der un« zwischen den beiden Hängen durch in ein kleine», schlucht­artige» Thal brachte, in welchem der Ott Solfe­rino unmittelbar am Fuße der beiden Hügel dn> gebettet lag.

Hier nun gerieth ich in eine Stätte unbeschreib­lichen Elend». Von ihren Bewohnern verlassen, waren die kleinen, meist stockhohen Häuser, sowie tie hindurchführende Straße mit wimmernden Ver­wundeten, mit ächzenden und ringenden Sterbenden überfüllt. Angelehnt an die glühenden Mauern, die Beine bi« in btt Mitte der Straße gestreckt,