1889
Samstag, den 6. Juli.
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Erstes Blatt.
Ansprache des h. Vaters
im Consistorium am 30. Juni.*)
Ehrwürdige Brüder! Worauf Wir neulich hin- deuteten, als Wir an dieser selben Stelle zu euch sprachen, daß nämlich neue, schwerere Beleidigungen gegen die Kirche und den römischen Pont fikat in dieser ehrwürdigen Stadt in Vorbereitung seien, dar ist jetzt Wirklichkeit geworden, zu Unserm größten Schmerze und zum Unwillen aller Gutgesinnten. Auf Grund desien haben Wir euch außergewöhnlicher Weise zusammen'-erufen lasien, um Unserer Empfindung über das unwürdige Ec- eigniß Ausdruck zu geben, und wie es sich geziemt, freimüthig vor euch ein so große» Unrecht zu verurthecken.
Nach dem Umschwung in den italienischen Ver- hältniflen und der Eroberung der Stadt Rom haben Wir die h. Religion und den Apostolischen Stuhl mit einer langen Reihe von Schmähungen verletzen sehen. Jndesien geheime Gesellschaften schlimmer Art arbeiten eifrig aus noch Schlimmeres hjn, was ihnen bis j tzt nicht erlaubt war. Sie sind fest entschlossen, die Hauptstadt des Katholizismus zur Hauptstadt heidnischer Sitte und Gotttofigkeit zu machen. Allerwärt» erregen sie die Gluth de» Haffe» und richten ste hierher, um diese Burg der katholischen Kirche anzugreisen und den Eckstein worauf iene ruht, wo möglich gänzlich auszurechen. Ja, al« wenn sie in so vielen Jahren ihre ZerstörungSwuth noch nicht gesättigt hätten, versuchen sie jetzt sich selbst zu Übertreffen, indem sie an einem der heiligsten Tage de» Kirchen-Jahre» auf öffentlichem Platze ein Denkmal errichten, welche» die Empörung gegen die Kirche für alle späteren Zeiten feiern und zugleich zeigen soll, daß man mttdemKalho- lizirmu» einen Kampf auf Leben und Tod führen wolle.
Daß man die» im Schilde führt, namentlich die Anstifter und hauptsächlichsten Förderer dc« Werkes, ergibt sich au» der Sache selbst. Sie überhäufen einen Menschen mit Ehren, welcher in doppeltem Sinne abtrünnig war, einen gerichtlich überführten Häretiker, der bi» zum letzten Äthern- zug seine Hartnäckigkeit gegenüber der Kirche bekundete. Ja gerade au» diesen Gründen hielten sie ihn der Ehre sür würdig; denn e» steht fest, daß an ihm nichts wahrhaft Ehrenwerthe» war: kein hervorragende» Wissen; seine Schriften kennzeichnen ihn al« Anhänger de» Pantheirmu» und verachtungswürdigen Materialismus, als versunken in gemeine Jrrthümer und oft mit sich selbst im Widerspruch stehend. Keine Tugend zierte ihn, im Gegentheil find seine Sitten für die Nachwelt ein Beispiel äußerster Schlechtigkeit und Verderbthett und ein Zeichen, bi» wohin ungebändigte Leidenschaften den Menschen bringen. Er hat nicht« Ruhmwürdige» geleistet noch fich irgend hervorragende Verdienste um da» Gemeinwesen erworben: er war gewohnt zu heucheln, zu lügen, nur fich selbst zu dienen, keine andere Meinung zu dulden, zu schmeicheln; er hatte eine verächtliche Gesinnung und einen verdorbenen Charakter. Die großen Ehrenbezeugungen also, welche man diesem Menschen erwiesen hat, bedeute«, ja ste verlangen gewiffer- maßen laut, man solle fitzt ohne die göttlich überlieferte Lehre, ohne den christlichen Glauben da» gesammte Leben einrichten und die Geister der Macht J su Christi völlig entreißen.
Genau daffelbe Ziel verfolgen die schlechten geheimen Gesellschaften, welche auf jede mögliche Weise ganze Staaten Gott zu entftemden suchen,
*) Uebersetzung der.Kölnischen Bolks^itun,'.
gegen die Kirche und den römischen Oberpriester mit unbegrenztem Haß auf Leben und Tod kämpfen. Damit aber die Schmähung eine noch schwerere und die Veranlvffung bekannter werde, beschloß man die Feier mit größerm Glanz und unter Anwesenheit größerer Mafien zu begehen. In jenen Tagen sah Rom in seinen Mauern eine von allen Seiten herbeigeholte, nicht Heine Menschen- mässe; schamlos wurden die Religion schmähende Fahnen herumgetragen, und was das Schrecklichste ist, es fehlten sogar nicht Fahnen mit Abbildern der Satans, welcher im Himmel dem Höchsten unterthan zu sein fich weigerte, des Hauptes der Empörer, des Stifters jeglichen Aufruhrs. Zu der schändlichen That kam noch die Schamlosigkeit der Reden und der Schriften, in welchen die heiligsten Gegenstände maßlos verspottet werden und jene ungeordnete Denkfteiheit hoch gepriesen wird, welche die reiche Quelle falscher Meinungen bildet und zugleich mit der christlichen Sittlichkeit die Grundlagen der bürgerlichen Ordnung und Gesellschaft erschüttert. Em so trauriges Werk konnte aber, von langer Hand vorbereitet, in Angriff genommen und vollendet werden nicht nur mit Wiffen der Regierung, sondern auch unter deren reichlicher und öffentlicher Begünstigung und Anfeuerung.
Es ist bitter, daß man es sagen muß. und grenzt an« Unglaubliche, daß von dieser ehrwürdigen Stadt, in welcher Gott seinem Stellvertreter den Wohnsitz angewiesen hat, die Lobpreisung auf die gegen Gott fich erhebende menschliche Set- nunft angestimmt wird, daß an einem Ort, wo die Welt die unverfälschten Lehren des Evan- gelium« und heilsamen Rath fich zu holen pflegt, in Folge einer Verkehrung der Dinge verbrecherische Irrlehren und die Härefie selbst straflos durch Denkmäler geehrt werden. Dahin haben die Zetten uns gebracht, daß Wir den Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte sehen müsse«.
Unter diesen empörendm Umständen erklären Wir laut, da Uns die Leitung de« christlichen Gemeinwesen« mit der Hut und dem Schutz der Religion anvertraut ist, daß die Stadt Rom schmählich beleidigt und die Heiligkeit des christlichen Glauben« schwer verletzt worden ist: der ganzen katholischen Welt thun Wir die gotter- räuverische That voll Trauer und Empörung kund.
Jade fie« ist e« gut, au» dem Unrecht nützliche Lehren zu ziehen. Jetzt wird nämlich die Antwort auf die Frage immer weniger zweifelhaft, ob Unsere Feinde, nachdem fie Unsere weltliche Herrschaft zerstört laben, fich bescheiden, oder ob ste noch etwa» andere» erstreben, nämlich schließlich die geheiligte Autorität der Päpste dem Boden gleich zu machen und den christlichen Glauben mit der Wurzel auszurotten. In gleicher Werse zeigt fich, ob Wir bei Rückforderung der Rechte des Apostolischen Stuhles durch einen menschlichen Beweggrund oder aber durch die Freiheit de» apostolischen Amte», die päpstliche Würde und da« wahre Glück Italien« bewogen werden. Endlich läßt fich au» dem Verlauf der Dinge erkennen, wie viel die Un« anfang« so bereitwillig geleisteten zahlreichen und großen Versprechungen und Ge- löbniffe werth find, und wa« au« ihnen geworden ist. Auf die Willfährigkett nämlich und die Ehr- furchttbeweise jeder Art, mit denen man angeblich den römischen Oberpriester im vollsten Maße ehren wollte, folgten allmMg Ungerechtigkeiten und die schwersten Schmähungen; die größte derselben ist Un» jetzt zugefügt worden; al» Denkma eine» fittenlosen und verdorbenen Menschen bleibt ste vor allen Augen für die Zukunft bestehen. So wollte man, daß diese Stadt, die, wie man ver- sicherte, stet» der ruhmreiche und sichere Sitz de»
Papste» sein werde, die Hauptstadt neuer Gottlosigkeit fei, in welcher der menschlichen Vernunft gleichsam al» einer Göttin eine abgeschmackt und freche Verehrung dargebracht werden sollte.
Ueberlegt daher, ehrwürdige Brüder, welche» Maß von Freiheit und Würde Un» für die Ausübung Unsere» hohen apostolischen Amte» übrig geblieben ist. Frei von Befürchtung und Gefahr ist nicht einmal Unsere Person; denn da» weiß Jeder, wo hinaus die Mitglieder der schlimmen Gesellschaften wollen, Jeder steht, daß sie Dank günstigen Zeitumständen von Tag zu Tag an Zahl und Schamlosigkeit zunehmen und fest entschloffen sind, nicht eher zu ruhen, bis sie die Dinge zum Aeußersten gebracht haben. Wenn ihnen auch bei diesem Anlaß, über den Wir Klage führen, allein au» Nützlichkeitsrücksichten noch nicht so viel zügel- lose Bewegung gestattet war, daß sie ihre schlimmen Pläne mit gewaltthätiger Hand durchführen konnten, so ist doch klar, daß ste bei guter Gelegenheit e» auch noch bis zu jenem Grade des Verbrechen» bringen werden; zumal da Wir Uns ja in der Macht Derjenigen befinden, die sich nicht scheuen, Uns offen zu beschuldigen, Wir seien gegen Italien feindlich gesinnt. Ferner steht zu befürchten, daß die zu allen Schandthaten bereite Kühnheit ver- worfener Menschen und die entflammten Leidenschaften nicht immer so, wie jetzt, eingeschränkt und unterdrückt werden können, wenn zum Beispiel aufgeregte und unruhige Zeiten kommen, fei es wegen bürgerlicher Unruhen und staatlicher Umwälzungen, fei es wegen kriegerischer Bewegungen und Ereign ffe. So zeigt sich um so deutlicher, in welcher Lage schließlich das Oberhaupt der Kirche, der Hirt und Lehrer de» Katholizismus, sich befindet.
Dieser bittere Kummer und diese drückenden Sorgen würden Uns bei Unserem hohen Alter fast aufreiben, wenn nicht auf der einen Seite die sichere Hoffnung Unfern Muth und Unsere Kraft aufrichtete, daß Christus seinen Stellvertreter nie ahne seine göttliche Hilfe lassen wird, auf der andern Seite das Bewußtsein Unserer Pflicht, welche Uns hellig mahnt, nur um so fester am Steuer der Kirch? zu stehen, je wüthender dagegen au« der Hölle die Irrlehren und Leidenschaften anstürmen. Wir setzen daher all' Unsere Hoffnung und Zuversicht auf Gott, bi ff en Sach auf dem Spiele steht, fest vertrauend auf die kräftige Fürbitte der heil. Jungfrau, die Wir inbrünstig anflehen, der Helferin des christlichen Volke», sowie der mächttgen heiligen Apostelfürsten Petrn» und Paulu», in deren Schirm und Schutz diese ehrwürdige Stadt stets glücklich geruht hat.
Wie nun ihr, ehrwürdige Brüder, euern Schmerz und euere Gebete zu Gott, dem Erhalter und 93er- theidiger Seiner Kirche, mit den Unseligen beharrlich vereint, so werden auch die ehrwürdigen Brüder, die Bischöfe in ganz Italien, beständig da« Gleiche thun, und um so sorgfältiger und eifriger, wie er die schlimmen Zeitoerhältniffe verlangen, ein Jeder für da» Wohl seine» Volke» sorgen. Vornehmlich fordern Wir fie auf, darin zu wetteifern, daß ste dem Bo.ke eröffnen und klar legen, welch' ungerechte und boshafte Einrichtungen von den Feinden der Religion und des Vaterlandes zur Durchführung ihrer Pläne getroffen worden sind ; daß es sich um das höchste und wahrste Gut dabei handelt, um den katholifche« Glauben; daß die Feinde nichts eifriger betreiben, al« die Völker Italien« von diefem Glauben zu trennen und lor- zureißen, Dank welchem sie selbst so lange Ruhm und reiche« Glück genoffen haben; daß e« aber für katholifche Männer eine Schanoe fei, bei solch großen Gefahren zu schlafen oder Urnen nur lässig zu begegnen, daß fie vielmehr eifrig fein müssen