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1889

Freitag, den 5. Juli.

JV 151

3cihnig

Fuldikk

W Kaiserliche oder Kanzler-Politik?

Graf Waldersee ist ein Gönner Stöcker'», gleich seiner Gemahlin, die bekanntlich eine Verwandte unserer Kaiserin ist. Auf Graf Waldersee werden viele Hoffnungen gesetzt. Graf Herbert Bismarck aber gilt zu sehr al» der Sohn seine» Vater»." Also schließt eine unter dem Titel „Hofprediger Stöcker und der Hof" soeben erschienene Broschüre. E» wird damit mit einer Ungenirtheit der Zu­sammenhang der Vorgänge in den hohen und niederen Regionen während der letzten Zeit dar- gelegt, daß man staunen müßte, wenn man nicht amährne, daß gezeigt werden sollte, wie tief sich die Besorgnisse um den Gang der künftigen Mgic- rungkPolitik bei den Kartell-Obersten festgesetzt.

Die Offiziösen fürchten eine altpreusfische Junker- Politik in neuer, den Zeitumständen angepaßter Auflage, welcher daher die Aussichten benommen werden sollen, die für günstiger gehalten werden al« man einzugestehen für gut findet. Diese Politik erstrebt ein starke», auf dem Boden strenger Legstimi- tät stehendes Königthum, er vertritt christliche Grundsätze im wirthschaftlichen, sozialen und politischen Staatsleben, er betrachtet endlich die Armee als wesentliches Fundament unserer Staats­einrichtung, so daß auch deren Geist eine nach­drückliche Acußcrung auf das Staatsganze sich äußern müffe. Durch diese Grundsätze sind auch die Mittel dieser Politik gegeben; sie find kurz ge­sagt Waffenrock und Talar. Die „hochkirchlichen", strenge läufigen Kreise der Protestantismus, sowie der in unserer Zeit de» Militarismu» doppelt starke Einfluß de» militärischen Geistes wirken zu­sammen, ihr gemeinschaftlicher Erfolg ist die Ver­wirklichung jener von den Osfizösen bekämpften Politik. Unter dem neuen Regime, glaubt man, seien diese Faktoren in ihrer Verbindung gerne gesehen. Der Monarch, welcher da» deutsche Bunderpräsidium führt, ist streng gläubig und christlich, er widmet sich bei seinen anderen Herrscheipflichten auch unermüdlich dem Wohle der Armee und pflegt besonders militärischen Geist, sowie militärischen Umgang. Seine Gemahlin bekundet in religiöser Hinsicht dieselben Auffassungen. Andere hohe Kreise haben dieselben Grundsätze, und so ist für jene Politck, so fürchten die Osfi­ziösen, eine kraftvolle Kette hergestellt, während fie selbst es rothwendig erachten, daß die Deutschen

hauptet, daß der Gegensatz, welcher zwischen der Politik de« Auswärtigen Amte» und der General- stabs-Politik schon zur Zeit Moltke's bestanden, sich bei Waldersee noch zugespitzt habe.

Und dieser Graf Waldersee, auf den die Broschüre sogar Artikel gegen Rußland zurückführt, ist ein Gönner Stöcker'«. Beide nehmen in ihrer Verbindung eine einflußreiche Stellung bei Hose ein. Graf Waldersee ist durch seine Gemah­lin mit dem Kaiserhause verwandt, große Hoff­nungen werden auf ihn gesetzt. So konzentriren fich in diesen beiden Männern die Hinderniffe Bi«- marck'scher Regierungspolitik. Sie werden, wenn sie auch jetzt überwunden werden, sich verschärft geltend machen, roenn Fürst Bismarck nicht mehr das Ruder führt; denn Graf Herbert Bismarck ist kein „Programm-Mann", da er zu sehr der Sohn feines Vater».

Wenn man diese ganze hier erörterte Situation und die austretenden Bestrebungen bis in die letzten Konst quenzen verfolgt, kann fragt man unwillkür­lich: „Kaiserliche oder Kanzler-Politik?" Al» im Frühjahr 1887 die Parole „Kaiserliches Heer oder Parlamentsheer?" ausgegeben wurde, da geriethen die Offiziösen und Gönner nementaleu in freudige Bewegung; das war gute Arbeit für fie. Heute hat sich ein Schlagwort herausgebildet, an dem sie schon j.tzt keine Freude haben und auch keine erleben werden.

x freu; m Weide».

Novelle von Marga »rechten.

(53. Fortsetzung.)

. „O, und Du bist cs auch, liebe, gute Tante Elma, und heut ist doch Weihnachtsabend!"

„Ja, Du liebe», glückliches Kinderherz; ich feiere auch Weihnachten als ein schönes, kirchliches Fest aber fröhlich kann ich an diesem Tage weniger fein, als je — c» war ja ein Weihnachtsabend, an dem ich mein ganzes Glück für immer begraben habe."

Erika senkte ihr Köpfchen. „Du arme Tante! Wenn ich Euch Alle so betrübt sehe, möchte ich'« auch gerne fein und kann doch nicht, so sehr ich mir auch Mühe gebe. Siehst Du, ich freue mich zu sehr auf Joseph« Kommen! Nur noch 14 Tage I Ich hoffte Dich auch ein wenig aufheitern zu dürfen, und Papa läßt Dich so innig bitten, den heiligen Abend bei un« zuzubringen. Willst Du nicht kommen?"

„Nein, Kind, heute kann ich nicht. Diese Stunden muß ich cülein durchleben. Vielleicht ist e» mir später, an einem anderen Tage eher mög­lich, zu Euch zu kommen. Laffe Du Dir Deine Freude deßhalb nicht trüben. Genieße Dein Glück

Deutsche- Reich.

Berlin, 4. Juli.

• Eine den Chefredakteur der .Germania', Herrn Falken berg, betreffende Notiz der .Posener Zeitung', welche mehrfach in der Presse abgedruckt wird, veranlaßt das genannte Blatt zu den nach­folgenden Mittheilungen. Wenn die ,Pos. Ztg.' schreibt: „Ein bekannter Publizist der Centrums­partei, der Geistliche Falkenberg, hat cm 28. Juni im erzbischöflichen Generalkonfistorium zu Posen die kanonische Institution für die Pfarrstelle in Schrotz erhalten, welche bisher der Staats- pfarrer Lizak eingenommen hatte", so ist die Nachricht richttg. Die Einführung Herrn Falken- berg« in die ihm übertragene Pfarrei ist aber noch nicht erfolgt, Herr Falkenberg ist vielmehr zunächst hierher zurückgekehrt und wird, nach einer ganz kurzen Reise, noch einmal in Berlin sein. Er mag das Wort „Rika" nicht leiden. Denke Dir, in einem seiner letzten Bri.se schrieb er: „„Kürze Deinen Namen nie mehr ab, geliebte Erika, Du weißt nicht, wie einmal eine solche Unterschrift gedeutet werden könnte."" Das war doch sonderbar, nicht wahr? Aber um seinetwillen werde ich von der liebgemordenett Gewohnheit ablasfen."

„Und nun liebe Tante, muß ich gehen; ich bin ja Papa's kleine Hausfrau und muß nach dem Rechten sehen. Ich weiß, e« wäre umsonst, noch länger in Dich zu bringen, aber vielleicht wirst Du mir eine andere kleine Bitte nicht abschlagen?"

„War ist es, mein Kind?"

Erika lehnte ihr blühendes Gesicht an die blaffe Wange der Dame und sagte leise: „Wirst Du'« wieder thun, wie an jenem Weihnachtsabend? Sitte, laß e« nur (in einziges Mal fein."

„Was denn, Kind?"

„O, Du weißt ganz gut, was ich meine." — „Ja, jetzt verstehe ich Dich, woher weißt Du davon?"

„O — Joseph hat er mir gesagt und, liebe Tante, ich finde r» so unbeschreiblich schauerlich. Ist e» nicht genug, daß Du mit Deiner Schönheit zehn lange Jahre in tiefster Trauer zugebracht

vereint am Strang der Kartellpolittk ziehen, welche die Beobachtung einer „Richtschnur sogenannter politischer Grundsätze" verabscheut und nur al- jeweilige Augenblickspolitik sich darbietet.

Man hat die parlamentarische Vertretung einer altkonservativcn Politik durch die Konservattven bi» aus'» Mffer bekämpft, man hat mit allen Mitteln den Hofprediger und Agitator Stöcker al« den R> Präsentanten hochkirchlicher Kreise befehdet, li» er sich zurückzoz, und in den letzten Tagen haken wir die offiziösen Klagen über „militärische Nebenpolittk" gehört. E« ist ein einheitlicher Kampf, der sich vor unseren Blicken entnrckelte und welcher seine« Zusammenhang« wegen und um de» Kampfziele« willen nicht so rasch oder vielleicht gar nicht zu Ende geführt wird.

Die Eingang« erwähnte Broschüre, welche wieder­um, wie schon eine ähnliche von Constantin Rößler, dem ehemaligen Leiter de« 1882 aufgehobenen offiziösen Preßbureau« herstammen dürste, bildet ein sehr beachtenrwerthe» Glied in diesem Kampfe. Sie bietet an neuem Material nur wenig, ist aber charakteristisch durch die scharfe Schlußfolgerung und dadurch, daß sie zum ersten Male ein volle», zusammenhängende» Bild der hier vorgeführten Erscheinungen entwickelt und in ihrem Endziel eine nach hohen Stellen gerichtete Mahnung ist.

Sie nimmt an, „daß der Kaiser als Prinz dem Hofprediger Stöcker einmal näher gestanden habe, wie er ihm als Geistlicher gleich feiner -er­laubten Gemahlin noch nahe steht." Ist der Einfluß der durch Stöcker verkörperten Grundsätze an höchster Stelle auch geschwunden, so ist der- selbe also doch nicht gänzlich verschwunden. Und mit Herrn Stöcker steht in Verbindung die mili- tärische Unterströmung. „Unser Kaiser," sagt die Broschüre, „hat als Prinz dem Grafen Wal­dersee innerlich näher gestanden, al« heute fein politische« Denken zuläßt." „Graf Waldersee war im Anfänge de« Jahre» 1870 al» Macho zur Botschaft nach Pari» kommandirt und wurde bald in dem darauf ausbrechenden Kriege auch diplo- matisch verwandt. Sein eifrige» Streben, ganz und gar in den diplomatischen Dienst de» deutschen Reiches einzutreten, blieb erfolglos. Er gilt als ein äußerst gewandter und selbstständiger Mann." So die Broschüre, welche hier einen persönlichen Gegensatz zwischen dem Grafen Waldersee und dem Fürsten Bismarck konstruirt und dann noch be- noch heiter und sorglos, so lange Du kannst. — Ich hatte ein kleines Geschenk für Dich zurückge­legt und wollte es Dir erst am Abend schicken. Da Du aber jetzt hier bist, möchte ich selbst sehen, ob ee Dir gefällt. Dir bleiben ja ohnehin noch so viele Ueberraschungen."

„Darf ich's holen, liebe Tante?"

„Im oberen Fach meines Schreibtisches liegt es, meine Rika!"

Das junge Mädchen kehrte mit entern niedlichen kleinen Etui zurück und brach in einen Ruf des freudigsten Entzückers aus, al» Frau von Wenden das Kästchen öffnete.

Auf einer Unterlage von weißem Sammt ruhte ein au» Juwelen gebildete« Erikasträußchen. Leuch­tende Rubinen, in der Form der bekannten Haide- blumen gefaßt, wurden von Smaragdblättern um­schlungen.

„Ich habe selbst die Zeichnung für die Nadel entworfen. Der Schmuck ist zugleich Dein Ver- Iobung»geschenk; trage ihn al» Erinnerung an Tante Elma." ,, ,. , .

Erika dankte mit der ganzen Lebhaftigkeit und kindlichen Zärtlichkeit ihre» Wesen«. „Papa muß ihn sogleich sehen, und wie wird er Joseph gefallen? Jltzt will ich auch immer nur Erika gerufen fein.

Inserate: Me einspattige Zeile oder deren Raum 15 Psg., bei Wiederholungen entiprechender Rabatts _____ _