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_M 146. Freitag, den 28. Juni.

Meer W Zeitinz.

1889

Erstes Blatt

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher MonnementSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Psennig.

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Mz-M" Wegen des Festes Peter «nd Paul wird die nächste Num­mer dieses Blattes erst am Mon­tag ausgegeben.

* Ein Gedenktag.

In Versailler, dem Haifischen Denkmal de« an eien regime, wo dem Wanderer auf Schritt und Tritt verfallende Prunkbautm, schnörkelige Ziergärten und wundersam geformte Bildwerke von einer Vergangenheit erzählen, die ander« dachte und ander» fühlte, al« da« demokratische Geschlecht de« 19. Jahrhundert«, versammelten stch am 20. Juni wiederum die Nachlebenden, um eine That der Väter von 1789 zu feiern, die einen bedeut­samen Merkstein bezeichnet in dem Uebergang vom Alten zum Neuen, zugleich aber ein weiterer Schritt war aus dem Irrwege, der in den Sumpf von Blut und Schande führte. E« ist der Ge­denktag dc« Ballhausschwure«, den Frank- reich am 20. beging. Die Ohnmacht der Krone und ihr Schwanken zwischen überraschend weitgehen­den Zugeständnissen an die Volk« Vertretung und einem engherzigen Hervorkehren veralteter Etikette- formen weckte erst da« Selbstbewußtsein de« brüten Standes. Dieser brüte Stand richtete gerade an den Vernachlässigungen und Kränkungen, die man ihm al« da» ihm gebührend« Erbe de« alten Re- giment« anhängen wollte, sich auf zu thatwilligem Sell stgefE, ttotz feiner Achtung vor dem monar­chischen Prinzip empörte er stch gegen die ehr­würdige lleberlieferung und vollzog die noch- wendig gewordene Operation, zu der die Monarchie au» freien Stücken stch nicht verstehen wollte, mit frevler Hand selbst. Der 20. Juni ist der Tag der Emancipation de» dritten Standest. Am 17. Juni hatte der dritte Stand erklärt, er vertrete 96 Hundertstel der Nation und den Namen Nationalversammlung angenommen; am 18. verkündete diese neue Volksvertretung au- eigener Kraft, ste verbürge die Staatsschuld und genehmige die Steuern, di« nur durch ihren Be- schluß Gültigkeit haben sollten; am 19. beschloß die Mehrheit der zweüen Stande«, der Geistlichkeit, der Nationalversammlung stch anzuschließen, und jtzt ging die Regierung au» der bisherigen un- begreiflichen Gleichgiltigkeit zu einer Strenge über, welche die Widers, tzlichkeü heraurfordern mußte; ste ließ den Sitzungssaal schließen und kündigte für den 22. eine königliche Sitzung an. Trüb und regnerisch war der 20. Ium über Versailles aufgegangen, in dichten Schaaren standen die Volksvertreter unter den Bäumen der Avenue de Versailles, al» aber die Thüren auf den Befehl de» Prästdenten der Nationalversammlung, Bailly, stch nicht öffneten, erhoben ste feierlich Einspruch gegen die Vergewalttgung be» Parlament» und zogen in'» Ballhaus in der Rue St. Fra:$oie, um die unterbrochene Tagung fortzusetzen. In flammender Entrüstung über die Behandlung durch die Krone und aufrichtiger Opferwilligkeit, welche die persönliche Gefahr gering achtete, beschloß hier die Versammlung auf den Vorschlag Mounier», des durchaus königstreuen, in den parlamentarischen Kämpfen der DmphirL gehärteten Volksmanne«, durch Eid stch zu verpflichten, nicht eher ausetn- anderzugehen, bis ste dem Lande eine Verfcffnng gegeben hätte. Rur ein Abgeordneter de» Languedoc Martiu d'Auch erklärte zu Protokoll, daß er sich nicht an dem Schritt der Nationalversammlung betheilige. Mit dem Ballhausschwur war der Sieg de« brüten Stande« entschieden, am 24.

Juni vereinigte sich der Rest der Geistlichkeit, am 25. ein Theil de« Adel« und am 27. der ganze Adel mit ihm zu einer Na ti o n al v ersa mm lun g in der fortan der dritte Stand die führende Partei war und der Adel seine Rolle nur noch darin fand, den Uebermuth der Plebejer durch seine Opposition zu zügeln.

Deutsche- Reich.

Berlin, 27. Juni.

* Der Kaiser wird am Montag der großen Binnen-Regatta de« Marinc-Regatta-Verein«, an welcher 65 Fahrzeuge theilnehmen, beiwohnen und darauf auf „Hohenzollern" die Reise nach Nor­wegen mitteten. Der Aviso „Greif" wird die kaiserliche Dacht begleiten, um die Postverbindung aufrecht zu erhalten.

* Friedrichskron oder Neue« Palai«? Nachdem im Laufe de« Juni die königlichen Ordre« abwechselnd bald »Schloß Friedrichskron", bald „Neues Palais" gezeichnet waren, hat jetzt das Obermarschallamt auf Anftage der Redaktion der »Neuen Zett' die Antwort ertheilt, daß über die Frage, ob die von Kaiser Friedrich herrührende Bezeichnung „Schloß Friedrichskron" zu Gunsten der ursprünglichen Benennung „Neuer Palais" aufgehoben sei, „eine allerhöchste Entscheidung nicht getroffen ist".

• Nach einem Telegramm au» Sansibar stnd die für den Dienst de» Reichskommissars Hauptmann Wißmann bestimmten Dampfer „Vul­kan", „München" und „Max" am Donnerstag wohlbehalten dortselbst eingetnffen. Der Angriff Wßmann» auf Paugani soll am Sonnabend er­folgen.

• Auch die Verhältnisse der oberschlesischen Bergarbeiter sollen amtlich untersucht wer­den. Diese Untersuchung wird durch Komm ssarien be» Oberbergamtes zu Breslau im Einvernehmen mit den betrtffenden Landräthen vorgenommen werden. Nachdem in Bezug auf die Verhältnisse im oberschlesischen Jndustriebezirk seitens der ge­dachten Behörde bereit» die einleitenden schritte hierzu durch Verfügung an die sämmtlichen Revier­beamten 2C. Oberschlesten» getroffen worden stnd, ist der ,Schief. Ztg.' zufolge, auf den 27. d. ein Termin zu O p p e In anberaumt worden, in welchem über die der Enquete zu Grunde zu legenden Be­schwerdepunkte der Bergarbeiter von den Revierbeamten schriftliche Vorlagen zu machen sein werden. Letztere sollen demnächst in Gemeinschaft mit den von dem Regierungspräfidenten noch zu beftgnitenbett landräthlichen Kommissaren und unter Zuziehung der Grubenvorstände und von Depu­tationen der Grubenarbeiter in besonder» anzu- beraumenden Terminen erörtert werden und zur Grundlage für die etwa zu tt-ffenden Maßnahmen Neuen.

* Der Spiritist Dr. Egbert Müller, der neulich eine Brochüre zur Bertheidigung be» Spuk­knaben Wolter in Resau vom Stapel gelassen hat, wird in den Zeitungen vielfach al« wissenschaftlicher Hilfsarbeiter im großen Generalstabe bezeichnet. Dar ist nicht richtig. Dr. Müller war nur ein paar Jahre aushülfsweise al« Bureauhülf«arbeüer beim Generalstabe beschäftigt, zu dem er feit 1883 in keiner Beziehung mehr gestanden hat.

• Auf Befehl be« Kaiser« find die Rayongesetze für Torgau aufgehoben worden, da« somit auf­hört fine Festung zu fein.

• Heber do« Verhältniß bet höheren Justiz­beamten unb der Rechtsanwälte zur Zahl der Bevölkerung enthält die „Deutsche Justiz- statistü" interfffante MUhellungen. Darnach find beim Reichsgericht angesiellt: 1 Präsident. 9

Senatsprästdenten und 69 Räthe, zusammen 79 Richter; hierzu kommen 5 Beamte der Staats­anwaltschaft, nämlich: 1 Ober-Reichsanwalt und 4 Reichsanwälte. Es kommt also ein Richter auf je 593110, ein Beamter der Staatsanwaltschaft auf 9371141 Einwohner. Bei beit 28 Ober- Landesgerichten find 28 Prästdenten, 64 Senatsprästdenten und 446 Räthe, zusammen 538 Richter vorhanden. Auf 87 092 Anwohner entfällt demnach durchschnittlich ein Richter. Bei den 172 Landgerichten find 172Prästdenten, 345 Direktoren und 1718 Landrichter, insgesammt 2235 Richter angestellt, und entfällt sonach durch­schnittlich aus 20965 Anwohner ein Richter. Tie 1914 Amtsgerichte find mit 4254 Richtern besetzt und kommt im Durchschnitt auf 11015 Anwohner ein Richter. Bei der Staats­anwaltschaft schließlich stnd irn Ganzen 574 Beamte angestellt, und zwar 51 bei Ober-Landes­gerichten, 523 bei Landgerichten. Es kommt somit durchschnittlich ein Staatsanwalt bei den Land­gerichten auf 89590, bei den Collegialgerichten auf 81630 Einwohner. Die Gesammtzahl der Rechtsanwälte hat stch von 1880 bi« 1885 von 4091 auf 4536, von 1885—1887 auf 4787, von 1887-1889 auf 5097 erhöht. Der Zuwach« betrug also am 1. Januar 1889 gegen­über 1880 im Reiche 24,6 pCt. Eine Vermehrung um mehr als 100 pCr. hat nur Berlin (157,1 pCt.), auf mehr als 50 pCt. beläuft ste stch in den Bezirken Marienwerder (98.5), Posen (93,4), Königsberg (91,3), Breslau (71,4), Stettin (66,2), Zweibrücken (63,0), Naumburg (55,6) und Hamm (50,8), mit Ausnahme von Zwei­brücken färnrntlich preußische Bezirke.

* Die Einnahmen der preußischen Staat«- eisenbahnen ergaben im Monat Mai gegen den Mai 1888 nur ein Mehr von 284,204 Mk., welche» im Verhältniß zur Kilometerzahl eine Minder-Eimiahme von 2 pCt. gegen da« Vorjahr darstellt. Trotz be« Au«fall« im Kohlentransport in Folge de« Strikes ergibt der Güterverkehr noch eine Mehr-Annahme von 1,274,407 M. Da­gegen weist der Personenverkehr eine Minder- Einnahme von 1,727,249 Mk. auf, wozu noch eine Minder-Einnahme von 452,842 Mk. au« sonstigen Qm llen kommt. Zuzüglich be« Ergeb- n sse« au« dem Monat Aprll betrug die Mehr- Annahme der preußischen Staatsbahnen in den beiden ersten Monaten de« Etat« jähre« 5.731,172 Mark mehr gegen da» Vorjahr, ober 110 Mk. gleich 2 pCt. mehr pro Ällometer.

• Wie mehreren katholischen Blättern au» Bochum gemeldet wird, werden die Einladungen zu der nunmehr bl stimmt in den Tagen vom 25. bi» 29. August stat! findenden 36. Haupt Ver­sammlung der Katholiken Deutschland« in den nächsten Tagen ergehen. Durchs die jüngste Ausstandsbewegung im rheirstsch-westfälischen Jndu­striebezirk, welche die Aufmerksamkeit aller Kreise wochenlang voll und ganz in Anspruch nahm, mußten die Arbeiten de« vorbereitenden (Somit e’» naturgemäß etwa« verzögert werden. Eine Gefahr für da» Zustandekommen der Versammlung selbst ist dadurch indeß in keinem Augenblicke vorhanden gewesen, soweü die Bewegung al« solche in Be­ttacht kommt, und nur die Verhängung be« Be­lagerungszustände« Über da» Ausstandsgebiet hätte in dieser Beziehung zu Konftquenzm führen müssen, denen da» Samte stch nicht hätte verschließen dürfen. Diefe Erwägungen liegen heute glücklicher­weise außerhalb jeder Berechnung, und fett Wochen schon arbeitet da» Comitö mit ungeschwächtem Elfer und mtt glücklichem Erfolge an feiner großen und schönen Aufgabe, unterstützt von der ge­lammten katholischen Bürgerschaft, die sich schon