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bulgarische Ministerpräsident Stambulov hat denn auch dem österreichischen Ministerium des Aeußeren den Dank für die Bulgarien betreffende Stelle ausdrücken laffen. — Die Serben machen gute Mime zum bösen Spiel und stellen stch mit der in jener Thronrede an sie gerichteten Mahnung sehr zufrieden. Obwohl e» die Post meldet, glauben wir nicht, daß man in Wien auf solche serbische Aeußerungen der Zufriedenheit viel gibt, fo lange die thatsächlichm Verhältnisie Serbiens in russi­schem Sinne stch weiter gestalten.

* Die Boulangistenhäuptlinge Derou- I6be, Laquerre und Laisant sind wegen ihres Angoulömer Konflikte» mit dm Polizeibehörden glimpflich weggekommen. Die beiden erstgenann­ten wurdm zu je 100 Frk». Strafe wegen Be­schimpfung bezw. Bedrohung von Beamten verur- theilt. Laisant wurde fceigesprochen. Laquerre beabsichtigt, die Regierung wegen seiner in Angou- leme erfolgten Verhaftung zu interpelliren.

* In der französischen Deputirtmkammer verlangte gestem der Boulangist Laguerre die Regierung über die parlammtarische Unverletzlich­keit der Abgeordnetm zu interpelliren und zwar anläßlich der Verhaftungen Döroulöde's Laisant'« und de« Interpellanten. Rach stürmischer Debatte, in welcher der Monarchist Lajeune die Republikaner Canaillen napnte, worüber e« beinahe zur Prügelei gekommen wäre, wurde die Interpellation bi« nach Erledigung des Budgets und de» Armengesetzes verschoben.

* Die finanzielle Mißwirtschaft in Italien wird selbst von den italienischen Liberalen offen eingestanden. Am letzten Sonnabend behauptete der Abgeordnete Luzattt in der Kammer in längerer Rede das italienische Budget und bezifferte das Defizit der letzten fünf Jahre auf 533 MMonen Lire Fehlbetrag. Dasjenige im laufen­den Jahre fei nach seiner Anstcht auf 113 MMonen zu schtchen, wovon reichlich 60 Millionm Lire noch ungedeckt seien. Der so eben von der Regierung eingebrachte Gesetzentwurf der Rmordnung des Zettelbankwesens schlägt die Erhöhung des Noten­umlauf« von 755 Millionen auf 1 Milliarde vor, hiervon entfallen drei Fünftel auf die National­bank, der Rest auf die übrigen fünf Institute des Landes

* Die spanische Regierung hat, um bei den literarischen Taugmichtsen ihren Ruf als Hüterin der „Freiheit" zu wahrm, fett einigen Jahren die Sch mutz presse auf eine ekelerregende Weise wuchern laffen. Was in der Fünfpfennig-Zoten­literatur auf den Straßen Madrids und der Proviuzialhauptflädte der Jugmd geboten wird, befriedigt die verkommenste Einbildungskraft. Die Union Catolica hat da« Verdienst, gegen diesen Greuel eine allgemeine Bewegung der anständigen Preffe hervorgerufen zu haben. Auch die liberalen Blätter verweisen auf das Vorgehen liberaler Staaten gegen die gedruckte Unzucht und verlangen, daß die Regierung diese Giftpflanze ausrotte.

Wahrheit und Dichtung im Tcharfrichterlebeu.

Als im vorig«» Jahrzehnt die Hinrichtungen von Ver­brechern wieder in Aufschwung kamen, glaubten gewisse Blätter, die „in erster Linie interessant" sein wollen, ihren Lesern nicht genug von demScharfrichter erzählen zu können. Früher war der Scharfrichter ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der „ehrlichen" Leut«, jetzt wurde er

Die B.-Straße und Haus No. 46 waren bald gefunden, aber auch hier traf er dm Gesuchten nicht. „Wahrscheinlich wie immer am Abend in den Thiergarten gegangen; sah ganz au» al» be­käme er selbst die Krankheit", sagte die Zimmer- vermietherin, eine mürrisch alte Frau und schüt­telte stch.

„Thor, der ich bin", sprach der Professor zu sich selbst, „einem jungen Mmschm so nachzulau- fett!“ Aber unwillkürlich richteten sich seine Schritte dem Eingänge zu und nach kurzer Zeit durchwan­derte er die verschlungenen Pfade de» Thier­gartens. Es war kühl und angmehm draußen, aber die Dämmerung brach an, ehr er den auf den vreiten Kieswegen gehenden Arzt erblickte. Almhaur berührte leicht die Schütter des jungen Manner, dieser wandte sich um sah in da« Ge­sicht seines Feinde«.

„Ich habe Sie in Ihrer Wohnung gesucht und bin Ihnen, da ich Sie dort nicht fand, hierher gefolgt", sagte der Professor. Ec stand im Schat-

zum „Helden des Tages" gemacht. Wie Minister und Parteiführer von stoffhungrigen Journalisten interviewt werden, so wurde der Scharfrichter Krauts zu Hause, in der Kneipe, im Eisenbahnwagen, am Schaffst überfal­len, ausgefragt, beobachtet und — wie der technische Aus­druck lautet — eingeschlachtet. Letzteres geschah in der Weise, daß die Phantasie der Reporter des Scharfrichter- thums dem Scharfrichter Krauts all' die Eigenschaften an­dichtete, welche ein wirksamer theatralischer Vertreter der Kopfabhackkunst nach modernem Geschmack haben soll. Im Gegensatz zu den rohen Henkersknechten des Mittel­alters muß der moderne Scharfrichter ein „Gentleman" sein, wie sich das schon aus seiner Amtskleidung, dem Frack, mit Naturnothwendigkeit ergibt. Des ergreifenden Gegensatzes halber muß der Blutvergießer von Rechts­wegen mit einer tüchttgen Geistesbildung ein warmes Gr« müthsleben verbinden; er muß in den Mußestunden, wenn er auf seinen blutigen Lorbeern ruht, ein zärtlicher Gatte und Familienvater sein. Nach diesem Rezept arbei­tete die sensationslüsterne Presse so eifrig und erfolgreich, daß in der That Herr Krauts eine gewisse Popularität erlangte als Typus eines auf der Höhe der Zeit stehen- ben Nachrichters, von dem geköpft zu werden eigentlich viel zu viel Ehre für die rohen Mörder und Attentäter war.

Die Schilderungen über den wohlthuenden Eindruck, welchen Herr Krauts sowohl im schwarzen Dienstrock als auch in der Ungezwungenheit seines Familienlebens mach«, gingen nämlich zu einem großen Theil auch in Blätter über, welche ihren Beruf etwas höher auffassrn, als ge­wisse Berliner Neuigkeitskrämereien. Es erklärt sich das ja auch sehr einfach. Wenn die Macher der Sensations- preffe einmal etwas in die Welt gesetzi haben, was nicht ohne Weiteres aus inneren Gründen für unsinnig erklärt werden kann, so müssen die meisten anberen Zeitungen wohl ober übel bavon Notiz nehmen. Das Volk spricht von solchem Zeug, unb wer in „seiner" Zeitung nichts barüber gelesen hat, der beklagt sich bitter, daß man ihn nicht auf dem Laufenden erhält, daß er nicht mitsprechen könne ic.

Genug, der Herr Scharfrichter Krauts war ein großer Mann geworden. Die Versuche einiger Verständigen, der Welt klar zu machen, daß die Wurzel und Basis der romantischen Scharfrichterei in nichts Höherem bestände, als Abdeckerei und Hundefang, schlugen der Schwärmerei für das defekte Organ der höchsten Justiz nicht durch.

Nun hat diese Woche vor dem Berliner Schwurgericht eine Verhandlung gegen den Scharfrichter Krauts stattge- funden, welche der schönen Dichtung die nüchteren Wahrheit entgegenstellt. Krauts war bis zum Januar d. I. Pächter der Abdeckerei zu Spandau, zu seinem Gehilfen bei dem Schindergeschäft gehörte der frühere Schuhmacher Gimnich, der auch bei den Hinrichtungen vielfach als Gehilfe thätig war. Die Freundschaft dieser beiden Abdecker verwandelte sich in neuerer Zeit in bittere Feindschaft; die beiden Gentlemen kamen in Streit und Kampf traten sich im bezechten Zustande in einer Kneipe gegenseitig mit den Füßen, wobei der Prinzipal Krauts Sieger blieb; der Gehilfe starb an einer Verletzung im Bauche, die ihm ein Fußtritt Krauts zugefügt haben soll,

Auch die Veranlassung zu der Feindseligkeit ist charickterisch. Krauts ist der Vater eines sechszehnjährigen Mädchens und eines dreizehnjährigen Knaben; er lebt aber getrennt von seiner Frau und haust mit einem Weibe zusammen, dem er versprochen hatte, sie nach erzielter Ehe­scheidung zu heirathen. Diese „Braut" des verheiratheten Scharfrichters verlor die Geduld und rückte ihm aus, während er sich gerade auf einer Hinrichtungsfahrt nach außerhalb befand. Außer ihrer Person ließ sie auch die „Sachen" verschwinden, so daß Krauts bei seiner Rückkehr das Nest leer fand. Das Frauenzimmer wir zu Gimnich gezogen die Sachen waren bei dessen Schwager in Char- lottenburg untergebracht. Als Krauts auf Rekognoszirung und Wiedereroberung ausging, kam es zum Zusammenstoß mit Gimnich, der den Tod des Letzteren herbeiführte.

Der Verlauf der Sache ist ein sehr bezeichnender Bei­trag zur modernen Stttengeschichte; das llrtheil nicht minder. Die Geschworenen sprachen Krauts frei; er wurde vollständig straflos entlaffen. Vermuthlich sind die Ge­schworenen dm Ausführungm der Vertheidigung gefolgt, welcher meinte, bei dem Verkehr von Scharfrichter unter­einander könnte man nicht jedes Wort und jede Bewegung auf die Goldwage legen; da Gimnich versucht habe, den Krauts gegen den Leib zu treten, so habe Letzterer aus Nothwehr ebenfalls getreten und unglücklich getroffen.

Von besonderem Vortheil für Krauts wird eine Aus­sage gewesen sein, welche die damals flüchttge, jetzt von ten, aber das fahle Lscht der Mondsichel beleuch­tete Joseph Lehrbach's Gesicht, welcher mit einer von der unterdrückten Erregung bebenden Stimme antwortete:

„Wozu das? Vielleicht um mich von Neuem zu beleidigen?"

„Ihre erbitterte Stimmung verleitet Sie zu dieser irrigen Annahme", sagte Almhaus, „ich kam in der Absicht . ." Lehrbach unterbrach ihn hastig: „Herr Professor, ich habe Ihr bisheriges Benehmen, sogar Ihre beleidigenden Worte, bis heute stillschweigend ertragen, aber ich fühle, daß ich nun nicht mehr die nöthige Ruhe besitze, um eine wettere Kränkung in derselben Weise hinneh­men zu, können. Unsere Wege gehen auseinander, nach dem Vorgefallenen kann ich nur wünschen, daß Sie den meinen nicht mehr kreuze« möchten." Damit wandte er sich und schlug einen Seiten­pfad ein.

Dr. Almhaus vertrat ihm den Weg. „Sie haben ein Recht, mir zu zürnen, aber Sie haben

ihm zurückeroberte „Braut" machte. Als nämlich Gimnich an dem Unglückstage nach seinem ersten Zusammen­treffen mit Krauts auf kurze Zett nach Hause gekommen war, setzte er beim Fortgehen an Stelle des Hutes die Mütze auf. Darauf sagte Frau Gimnich zu der Zeugin: „Heute wttd es noch etwas geben, denn wenn mein Mann die Mütze aufsetzt, geht es nicht so glatt ab." Wer ein wenig die männliche Hefe der großstädtischen Bevölkerung kennt, wird diese Aussage sehr begreiflich finden. Dem Arbeiter, der mit einer schmutzigen Kappe oder einer Soldatenmütze von der Werkstätte kommt, braucht man nicht aus dem Wege zu gehen; aber wenn man einem Menschen unter einer „feinen" Mütze Segnet, so ist Vor­sicht geboten, und zwar um so smehr, je schiefer die Mütze getragen wird und je höher sie aufgebaut ist. Di« „Radaumütze" ist nicht blos in Berlin zu Hause. Aus den illustrirten französischen Blättern ersieht man, daß auch in Paris die ekelhaftesten Elemente, von denen man nicht gern spricht, Mützen, und zwar recht hohe, zu tragen lieben. Auf dem Haupt eines alten grauen Spieß­bürgers macht die Mütze einen /gemächlich anheimelnden Eindruck; sitzt sie aber in etwas kühner Form oder Halt- ung auf einem verwitterten Antlitz jüngeren Datums, dann ist sie ein Kriegssignal; der Träger steht mit der Polizei und mit dem Landfrieden auf gespanntem Fuße. Wie erklärt sich diese Vorliebe der Radaubrüder und Polizeifeinde für di« Mütze? Ein Berliner Blatt weist auf den Schutz hin, den man von dem Mützenschirm er­warte. Mir scheint, diese Erklärung ist nicht in dieser sehr zweifelhaften Defensivkraft des Schirmes zu suchen, son­dern in dem Umstande, daß die Mütze fester auf dem Kopfe sitzt, als der Hut. Wer Raufereien ober Zusam­menstößen mit ber Polizei entgegen geht, hat das Be­streben, sich vor dem Verlust ber Kopfbebeckung zu schützen. Daher wirb auch bie Mütze um so mehr auf ben Hinter­kopf geschoben, wo sie sich besonders fest anschmiegen kann, je näher sich der Träger dem Zusammenstöße glaubt. Davon den Hüten sich ber steife Filz- ober Strohhut am schlechtesten, ber weiche Hut am besten bem Kopfe anschmiegt, so greifen bie Rowdies, welche bie Mütze nicht mehr für opportun halten, mit Vorliebe zum Schlapp Hut.

Kommen wir von biefer „Haupt"-Frage auf die häus­lichen Verhältnisse Krauts zurück, so ist es zunächst auf­fallend, daß der Bruch mit feiner Frau gerade im Jahre 1878 eintrat, zu derselben Zeit, als ber Scharfrichter zum Ä Mann gemacht würbe. Im Uebrigen ist bie traurige hte leider keine Spezialität ber Abdeckerkreise. Die Möglichkeit unb verhältnißmäßige Leichtigkeit ber Ehe- scheidüng bringt es nur zu oft zu Wege, daß ber Mann sich von ber Frau trennt unb alsbald mit der­jenigen zusammenlebt, welche nach ber Ehescheidung mit ihm „getraut“ zu werden hofft. Natürlich macht diese „wilde Ehe" jeden Aussöhnungsversuch zwischen den ge­trennten Eheleuten von vornherein aussichtslos. Derartig« „Verhältnisse" legen wir mit Recht der unseligen Ein­richtung ber Ehescheibunz zur Last. Wo bie Ehescheidung nicht zulässig ist, kommen freilich auch Trennungen unb ehebrecherische Verhältnisse vor; aber bie Versuchung dazu ist weniger groß. Das beseitigte Frauenzimmer weiß, baß es nicht zur Stellung einer legitimen Frau gelangen kann, so lange bie Frau lebt; es gehört also schon ein außerordentlicher Mangel an Selbstachtung dazu, wenn sie trotzbem sich zum mitben Zusammenleben bestimmen lassen soll.

Wir wollen roeber bie Freisprechung Krauts kritisiren, noch ihm eine Moralpredigt halten. Seine Person kommt nur insoweit in Betracht, als dem reklamenhaften Phantasiegebilde, welches die Reporter und „Feuilletonisten" von dem ersten Scharfrichter der Neuzeit entworfen hatten, bie nüchterne Wirklichkeit jetzt öffentlich gegenübertrüt. Im Uebrigen interefftren uns nur bie öffentlich festge­stellten Thatfachen, welche ein lehrreiches Sittenbild geben, eine neue traurige Bestätigung der verderblichen Folgen geschlechtlicher Leidenschaften und des Trunkes. Die ehelichen Mßstände legen ben Grund zu bem Streite, unb bet Alkohol, welcher auf ber Fahrt durch verschiedene Lokale an bem kritischen Tage von beiben Seiten ver­braucht würbe, brachte ihn zum fatalen Abschluß. Der unglückselige Raufbold ist tobt; biegrau, für beten Frei­heit et feine Schlagfertigkeit einsetzte, ist in bas verlassene Haus zurückgekehrt und wartet auf ben Ausspruch bet Ehescheibung. Das Drama hat noch keinen kunstgerechten Abschluß. Aber in ben Dramen derWirklichkeit bleibt ja oft ber fünfte Akt sehr lange aus ober kommt ben Zuschauern gar nicht zu Gesichte?

kein Recht, mit dem Ungestüm der Jugend nun auch jede freundliche Annäherung ablehuen zu wollen. Ich nehme da« am Nachmittage gespro­chene Wort zurück, betrachten Sie dasselbe al- ungesagt." Er streckte seine Hand aus, aber — fie wurde nicht erfaßt. Lshrbach stand stumm und unbeweglich. In seinem Innern kocht« und gährte es. Er dachte an das ungerechte, unhöf­liche Benehmen des vor ihm Sichenden, an feine kalten, höhnischen Worte und an die überraschten Gefichter der jungen Kollegen; wie hatte er stch vor ihnen geschämt?

Die ernste, gedämpfte Stimme des Professor« unterbrach da« Schweigen. „Wer Sie gelehrt hat, Beleidigungen so ruhig zn ertrage», vielleicht war'« ihre Mutter, der wird Sie auch da« noch edlere Vergessen desselben gelehrt haben. Ich mag ihnen sonderbar wankelrnüthig erscheinen, sei e« drum —, ich habe Die aufgesucht, um Sie zu bitten, mit zu vergeben und mein Freund zu sein." (Fortsetzung folgt)