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145 Donnerstag, den 27. Juni.

Fiildier W Zcitnnz.

1889

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Deutsches Meich.

Berlin, 26. Juni.

ff, * Durch die bekannte Rede, mit welcher der Kaiser von Oesterreich die Delegationen eröff- nete, haben die Dinge im Orient wiener einmal eine scharfe Beleuchtung erfahren. Der rothe Faden der Rede ist die Parole: Rüsten wir uns zum Kriege, so nur kann vielleicht der Friede erhalten werden. Die Rede ist allarmirend, insofern fie zeigte, daß der Frieden nicht von Oesterreich und Deutschland, sondern vom Willen des Zaren abhängt, den in der ganzen Rede zu nennen man sich fürchtet. Die Rede ist aber auch beruhigend, insofern sie zeigt, daß die äußerste Anspannung der militärischen Kräfte Mitteleuro­pa'», Deutschland», Oesterreichs und Italiens im Stande ist, Rußland, von offenem Zugreifen abzu­halten, so lange es die Chancen eines Krieges nicht klar übersehen kann. Gelingt e» aber nicht, den rusfischen Koloß zu spalten, so wird er auf die Dauer kraft der natürlichen Expanfionrkraft der fast unbegrenzten Vermehrungsfähigkeit seiner Bevölkerung das Abendland ganz aus dem Orient abdrängen und es bleibt uns dann neben unserer Kriegsrüstung nur der andere Trost, daß der Schöpfer „die Bäume nicht in den Himmel wach­st» läßt". —

♦ Seit länger als einem Jahrhundert erlebte man das Schauspiel, daß deutsche protestan­tische Prtnzesstnen aus Anlaß russischer Hei- rathen mit ihrem Namen auch ihre Konfession wechselten. Erhebend war das für das Volk, das in solchen Heiraths-Konvilsionen nichts Aufrichtige» und UeberzeugungSvolle» erblickte, keineswegs. In letzter Zeit sahen das auch die um ihre Hand Ge­betenen ein, und wir erlebten Heirathen russischer Fürsten ohne Uebertritt der Braut zu dem B> kenntmffe ihres Gemahls. Stillschweigend gerieht so der Artikel 142 des russischen ReichSgrundge- setze« von 1857 in Vergessenheit. I tzt soll das wieder anders werden; der Artikel wird wieder aus dem alten Plunder heraurgesucht und fein- säuberlich durch neuen Zaren-Ukas vom 6./18. Juni dieses Jahres ollen zur Beachtung vorge­halten. Der Uka» bestimmt, daß die Ehe eines Prinzen des kaiserlichen Hause», welcher da» Recht auf die Thronfolge haben könne, mit einer einem andren Glauben Angehörigen nicht ander» voll­zogen werden kann, al» nachdem L-tztere die or-

x m Wenden.

Novelle von Marga Brechten.

(47. Fortsetzung.)

An einem besonder» heißen Juli - Nachmittage' al» er kaum die Runde bei den übernommenen Kranken gemacht, bestimmte ihn ein befreundeter Arzt, an einer kleinen Berathung mehrerer Kollegen theilzunehmen. Lehrbach folgte, erkannte aber bald zu seiner unangenehmen Ueberraschung, daß Professor Almhau» sich unter den übrigen Herren befand. Bei dem nun folgenden Meinungsaus­tausche sprach der junge Mann auch seine eigene Ansicht in klarer, beredter Weise aus und schloß sich m.bewußt demjenigen Theile der Aerzte an, welche eine von den älteren Doktoren bestrtttene Behauptung aufrecht hielten.

Da traf ihn zum zweiten Male der eiskalte Blick de« Professor», und nun folgte eine so tief beleidigende Bemerkung über die Anmaßung der unerfahrenen Jugend, daß sich das Gesicht de« Gekränkten mit einer jähen Bläffe bedeckte. Beide standen sich gegenüber, doch nur einen Augenblick, dann nahm Lehrbach seinen Hut, verneigte sich tief vor den übrigen imb verließ den Saal.

thodoxe Konf ssion angenommen habe. Hoffent­lich überhebt nun die Auffrischung dieser Bestim­mung protestantische Prinzessinnen jeder Versuchung zu solchen Heirathrkonverfionen. Viel Glück und Segen haben russische Heirathen Deutschland über­haupt nicht gebracht.

♦ Der Kaiser erwiderte bei dem gestrigen Parade­diner in Stuttgart auf den von König Karl auf ihn ausgebrachten Toast: „Gestatten Eure Majestät, daß ich zugleich im Namen der übrigen hier versammelten Vettern und Verwandten das Wort ergreife und Unsere innigsten Glückwünsche zu dem heutigen Feste darbringe. Es ist ein Vor­recht des deutschen Volkes, daß die deutschen Stämme mit ihren Fürsten in Freud' und Leid verbunden find. Insbesondere hat das schwäbische Volk seinen alten Ruhm und seine Anhänglichkeit an sein angestammtes Fürstenhaus in diesen Tagen aus's Neue glänzend bewährt. Wir deutsche Fürsten, die Wir solidarisch mit einander fühlen, fteuen Uns mit Euren Majestäten dieses schönen Festes. Gott schütze, Gott behüte Eure Majestät und lasse Sie noch viele Jahre über Ihrem treuen schwä­bischen Volke walten. Ihre Majestäten leben hoch!" — Die Kaiserlichen Majestäten treffen heute Abend zu den Vermählungrfeiellichkeiten in Sigmarin­gen ein. Der Kaiser reist von dort morgen Abend wieder nach Potsdam zurück, während die Kaiserin fich nach Kiss in gen begiebt, wo fie am Freitag früh eintr fft. Die drei ältesten kaiserlichen Prinzen reisen am Freitag Abend von Berlin nach Kisstngen.

* Der Kaiser hat da« Ges tz betr. die Inva­lidität». und Altersversicherung am 22. Juni sanktionirt und wird das Gesetz heute von den amtlichen Publikationsorganen veröffentlicht. Der Zeitpunkt, mit welchem das Gesetz ganz oder theilweise in Kraft tritt, wird durch Kaiserliche Verordnung unter Zustimmung des Bundesraths bestimmt.

* Der Bunderrath stimmte dem Anträge Sachsens wegen erneuter Anordnungen aus Grund der § 28 des Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie (Verlängerung des kleinen Belagerungszustandes) für Leipzig und Umgegend zu.

• Das erste Verzeichniß der beim Unterstütz- ungskomi.s für die Opfer der Waffersnoth in Pennfylvanien eingelieferten Beiträge fchließt mit 39,964 Mk. ab, von denen 34,000 Mk. dem deutschen Generalkonsul in Nea york überwiesen sind.

Die Zeit rückte vor; gegen Abend stellte fich eine angenehme Kühle ein und wirkte belebend auf den erschlafften Körper und Geist. Alle hatten ihr Tagewerk vollbracht, auch Dr. Almhaus suchte aus der Gallerte, welche das obere Stockwerk des Schweizerhauses umgab, Ruhe und — Frieden. Er schlug einen umfangreichen Band auf und ver- suchte zu lesen. Doch sein Geist faßte heute nicht den Sinn der Worte, denn immer drängte sich die Erinnerung an ein bekannter Gesicht vor sein geistiges Auge. Hatte er dasselbe Gesicht nicht schon früher gesehen? Mit den nämlichen vor­wurfsvoll auf ihn gerichteten Augen und der zuckenden Unterlippe? Aber wo? Unbestimmte Erinnerungen drängten fich in feinem Gehirn durch­einander; erdachte an die eigene Jugend, an sein einsames Alter und vor Allem an die unedle Handlung am Nachmittage. Er wußte nicht, was ihn zu jenem jungen Manne wider Willen hinzog und warum er dennoch ein so grausames Vergnügen darin gesunden, denselben zu reize». Plötzlich stand er aus, schaute eine Weile dem unten arbeitenden Gärtner zu und verließ bald darauf dar Haus.--

„Guten Abend, Herr Professor, welch' seltener Gast Sie in den letzten Wochen bei un» geworden

• Nach dem uns soeben zugegangenen 'dorre- spondenzblatt der katholischen deutschen Studenten-Verbindungen find in dem Verband (Vorort Markomannia in Würzburg) gegenwärtig folgende Verbindungen vereinigt: „Aenania"-München, „Winfridia"-Breslau, „Guest- falia"-Tübingen, „Austria"-Innsbruck, „Bavaria"- Bonn, „Markomannia"-Würzburg, „Saxonia"- Münsier, „He: cynia"-Freiburg, „Suevia"-Berlin, „Rhenania" - Marburg, „Burgundia" - Leipzig, „Haflo-Rhenania"-Gießen, „Silefia"-Halle, „Bade- nia"»Straßburg, „Norcia"-Wien, „^«^"-Göt­tingen, „Arminia"-Heidelberg. Der Kartellverband zählt im laufenden Sommersemester 649 Mitglie­der, von denen 175 der theologischen, 186 der medizinischen, 152 der juristischen und 136 der philosophischen Fakultät angehören. Dem Phili­sterverband gehören 1270 alte Herren an.

* Aus Oberschlesien, 25. Juni. Der Schankverkehr im Bergwerksbeztrk ist wieder frei­gegeben. Die durch die Polizeiverordnung, deren Rechtsgiltigkeit bestritten wird, veranlaßte Schä­digung der Schankwirthe in ihrem Gewerbe wird dem Vernehmen nach den Anlaß zu einer gemein­samen Entschädigungs-Petition derselben geben.

* Münster, 25. Juni. Wie der ,Wests. Merk.' zuverläsfig erfährt, ist auf die am 22. Mai erfolgte Einsendung der Liste der vom Dom­kapitel erwählten Bischofrkandidaten eine Antwort von Berlin bis heute nicht erfolgt.

• Laut Nachrichten aus München wäre der Zustand des Herrn Erzbischofs von Bamberg, Dr. v. Schreiber, hoffnungslos.

Ausland

• Luzern, 25. Juni. Der Antisklaverei-Kon- greß findet nunmehr in der Zeit vom 4. bi« 8. August dahier statt; Kardinal Lavigerie hat bereit« da« d-finitive Programm des Kongresse« genehmigt, der bei dem großen Stande der Antisklaverei- Bewegung sehr zahlreich beschickt werden dürfte. Deutschland zählt jetzt 530 Zweigvereine mit nahe- zu 100,000 Mitgliedern.

* Der schweizerische Nationalrath hat debattelo» und einstimmig die Einführung de« neuen Rcpetirgewehr« beschlossen, wofür eine An­leihe von 16 Millionen ausgenommen werden soll.

* Die Bulgaren stnd natürlich höchst erfreut über die Anerkennung, welche fie in der Thron- rede de« Kaiser« Franz Joseph gefunden. Der sind!" rief L.lli Bornstedt freudig überrascht, al« sie den späten Besucher eintreten sah. Sie über- wand ihre Furcht vor einer möglichen Ansteckung und streckte ihr seine» Händchen au», um denselben willkommen zu heißen.

„Ich bitte um Vergebung, liebes Fräulein, doch mein Besuch gilt nicht Ihnen, sondern Ihrem jungen Hausgenossen. Ist derselbe in seinem Zimmer?"

„O Gott bewahre!" wehrte die Dame. „Wo denken Sie hin, Herr Prof, ffor? Wir würden ja, bei seinem ewigen Au»> und Eingehen in den Fieberlazarethen, krank vor lauter Angst geworden sein! Nein, der wohnt schon feit vier Wochen in der B.-Straße Nr. 46, und dort muß er auch bleiben, bi» alle Gefahr vorüber ist."

„Ei, da muß ich ja von Glück sagen, daß ich gar nicht vor hatte, näher zu treten", erwiederte der Gast ironisch lächelnd.

„Sitte, unsere Furcht erstreckt fich nicht auf Sie! Sie find stet« willkommen", lenkte die junge Dame erröthend ein.

„O, über die Kons quenz und Aufrichtigkett der Damen!" rief der Professor und nickte der eben ankommenden Gertrude freundlich zu.