Einzelbild herunterladen
 

1889

Mittwoch, dm 26. Juni.

Fnl-lier

Die Fuldarr Zeitung- erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Bierteljährlicher Abonnementspri^ohne Bnngerlohn und Bestellgeld ' mit der belletristischen Wochenbrilage .Sterne und Blumen m Fulda und aurwärtS I Mark öO Psennig.

Inserate: Die eiuspalttge Zeile oder deren Raum 15 Psg-, be, Wiederholungm entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 25. Juni.

* Das nationalltberale Central»Komils für die Rhein Provinz war am Sonntag in Köln versam­melt. Die Herren waren einig darin, daß auch für die zukünftigen Wahlen das Kartell aufrecht zu erhalten fei, ein heroischer Entschluß, bei wel­chem allerdings zu bedenken ist, daß die National- liberalen beim Kartell das beste Geschäft gemacht haben. Der nächste Parteitag soll in Elberfeld stattfinden. Den Zeitpunkt zu bestimmen, wurde „angesichts der erst im Frühjahr statlfinden- den Reichstagswahl" dem Vorstande anheimgegeben. Woher wohl die Herren den Zeitpunkt der Reichs- tagswahl kennen. „ , „

* Der Minister des Innern läßt zur Zeit Er­hebungen darüber anstellen, ob nicht in den durch chre Lage Ueberfchwemmungen aus gefitzten Orten die Errichtung freiwilliger Wasserwehren und deren Ausrüstung mit einer ausreichenden Zahl von Booten empfehlenswerth sei. Veranlaßt ist dieses Vorgehen durch den Umstand, daß bei der letzten großen Ueberschwemmung Rettungsboote weder in hinreichender Zahl noch schnell genug zur Stelle gewesen find. Man glaubt, in einer ganzen Reihe der gefährdeten Städte die Wosierwehren im Anschluß an die freiwilligen Feuerwehren ins Leben rufen zu können.

* Münster, 25. Juni. In der durch ihren Katholikenhaß berüchtigten .Rhein.»Wests. Ztg.’ lesen wir: „Wie aus anscheinend gute: Quelle ver­lautet, hat der Kaiser und König sämmtltche Kan- didaten für den erledigten Bischof: stahl, welche da» dortige geistliche Wahlkollegium am 22. Mai in einer Liste in Vorschlag gebracht, personae non gratae gestrichen." — Sollte der Wunsch der Vater diese» Gedankens sein? Jedenfalls ist diese Nachricht, durch deren Bestätigung da» Wahlrecht der Domkapitel» illusorisch gemacht würde, mit großer Vorstcht aufzunehmen.

* Vom Rhein, 24. Juni, wird der ,Cobl. Vztg.’ geschrieben: Wie bte schamlosen Angriffe de» evangelischen Pfarrer» Lynker zu Mainz aus die ev. Bevölkerung dieser Stadt gewirkt haben, zeigt folgender, einem liberalen Mainzer Blatte ent­nommener Bericht über die diesjährige Frohn- leichnamsprozesston, die nach den Worten de» ev. Pastors „grober Götzendienst" genannt wird. Der

x jrmr m» MtÄm.

Novelle von Marge» Br echten.

(46. Fortsetzung.)

„Was es eigentlich für eine Bewandtniß mit unserem Besuche hatte," fuhr Gertrude fort, „habe ich nie erfahren. Er schloß sich oft stunden­lang mit dem Vater ein, um seine Papiere zu ordnen und die Ansiedlung nach Berlin zu er­möglichen, wie man uns sagte. Auch suchte er um irgend eine königliche Erlaubniß nach, die ihm durch Papa'» Vermittlung gewährt wurde. Während all dieser Wochen widmete er mir seine ärztliche Sorgfalt. Seiner Bemühung gelang e«, mir die Gesundheit einigermaßen wieder zu geben. Dächer rührt uufet aller Dankbarkeit. — Diese Heilung machte Aufsehen. Von allen Seiten schickte man nach dem weither gekommenen Arzte, der durch da» mystische Dunkel, da» seine früheren Schicksale umgab, noch weit mehr Inter» fle erregte. Sein Name wurde bald in allen Schichten der Gesellschaft mit Hochattung genannt, und bei der nächsten Vakanz an der Universität erhielt er die erledigte Prof stur. SeUdem gehört er zu den be­rühmten Männern unserer Stadt.

Ungefähr ein Jahr nach der Ankunft de» Pro-

Bericht lautet: „Bei der diesjährigen Frohnleich- namrprozesüon, war die Betheiligung so zahlreich wie seit Jahren nicht mehr........ Die

Häuser der Straßen trugen außerordentlich reichen Schmuck. Nicht nur die Katholiken sondern auch die Andersgläubigen hatten g flaggt und geschmückt, um dadurch ihren katholischen Mtbürgern ein äußere» Zeichen ihrer Achtung zu geben und den Beweis ihrer friedlichen und einträchtigen Gesinnung zu erbringen." Also selbst seine Glaubensgenoffen verleugnen Herrn Pfarrer Lynker. Auch andere Preßstimmen aus nichtkatholischen Zeitungen weisen entschieden das Vorgehen des tv. Pfarrers zurück.

* Aus dem Kreise Kreuznach, 24. Juni. Ein Stückchen „Kulturpauckerei"! Die Katholrken zu Sponheim und Bockenau wollten ihre diesjäh­rige Prozession am Frohnletchnamsfeste durch Musikbegleitung verschönern. Aber da kam ihnen der im Kulturkampf so „berühmt" gewordene § 10 des Vereinsgesetzes in die Quere. Einige in ihrem evange Irschen Bewußtsein sich durch die Musikbegleitung gek änkt glaubende Protestanten machten Anzeige. (Die H-upttriebfeder dabei soll, wie man sagt, der evangelische Pfarrer von Bocke- nau sein.) Bürgermeister und Landrath waren der Ansicht, daß hier § 10 in Anwendung zu bringen sei, da die Mustkbegleitung nicht „herge- bracht" sei, alro der polizeilichen Erlaubniß be­dürfe. Der Landrath (derselbe, der dem Ko- mite zur Errichtung des Hutten-Sickingen Denkmal« präsidirte und bei der Einweihung die Eröffnungsrede hielt), schickte zwei Gendarmen nach Bockenau und Sponheim, um die Musikbe­gleitung zu verhindern.. In Bockenau gelang ihnen die» nicht, weil sie zu spät kamen, wohl aber in Spon- heim. Aehnliches ist in Waldböckelheim geschehen, obschon dort die Mustkbegleitung seit vier Jahren unbehelligt stattgefunden hatte. Es lebe der sehr aurlegbare § 10 der Vereinsgesttzcs. (Cobl. Vztg.)

* Au» Baden, 24.Juni. Dem.Bav.Beob.' schreibt man au» Rastatt: „Die FrohnleichnamS» Prozession wurde bei günstiger Witterung wieder in großartiger Welse und unter großer Betheiligung begangen. Außer der zahlreichen Civilbevölkerung nahmen an derselben 1565 Mann Militär mit 2 Kapellen Theil. Gar schön zeichneten sich die Dragoner mit ihren weißen Büschen auf dem Helme beim Sanktisstmum au»." — Da die badische

f. ffvr» übernahm er die Behandlung einer reichen, alten Dame. Diese, eine geborene Schweizerin, hatte sich in einem der schönsten Theile Berlins eine Villa im Schweizerstil bauen lasten. Sie nannte dieselbe: „Almhaus" und bewohnte dies reizende, ganz von englischen Rasenplätzen umge- bene Anwesen mit einem betagten ihr dienenden Ehepaare, da» sie au» der Alpenheimath mitge­bracht. Von einer schmerzlichen Krankheit befallen, berief die Dame den Professor, welchem es gelang, ihr Leben um einige Monate zu verlängern. Aus Erkenntlichkeit vermachte sie demselben da» „Alm- Hau»" mit der dem Testamente beige fügten Be­dingung, daß die alten Leute die Parterre Räume bi» an ihr Ende bewohnen dürften.

Von diesem Erbe nahm der Profi stör den Namen „Almhaus" an. Er zog in da« obere Stockwerk und lebte dort ganz der W ffenschaft und seinen Kranken. Da« Schweizerpaar hängt an dem neuen Herrn mit biederer Treue. Die Frau sorgt für die Ordnung de« Hause», der Mann für den Garten, besten üppige» Grün und die mühsam gezogenen Alpenblumen ihn an seine Heimath erinnern. _,

Und nun zur eigentlichen Beantwortung Ihrer Frage. Sie wundern sich, daß man den Prof-stör

Armee in Folge der engen Militärkonvention ledig­lich einen Theil de» preußischen Heere» bildet, so berührt c» sehr angenehm, daß in Baden trotz de» latenten Kulturkämpfe» roch der löbliche Ge­brauch herrscht, auch da» Volk in Waffen, fo- roeit e» katholisch ist, am Triumphzuge unsere« Heilande» Theil nehmen zu lasten. In der Be­ziehung könnte Baden aKMusterstaat für Preu­ßen dienen.

Ausland

* London, 23. Ium. Die gerichtliche Unter­suchung über da« Estenbahnunglück bei Armagh in Irland, wo 75 Personen getödtet und 169, zumeist Kinder, verletzt wurden, ist mit einem Verdikt der Jmy wegen grober Fahrlässigkeit gegen mehrere Beamten der nord-irischen Eisen­bahn abgeschloffen worden. Die siebentägige E> quete hat die erstaunliche, anfang« unglaubliche That- sache an den Tag gefördert, daß die Beamten ein­fach ihre Pflicht nicht thaten. Der Oberingenieur Parke wählte eine Lokomotive für den Zug, welche viel zu schwach war, um den Zug auch in seiner ursprünglichen Zusammensetzung Uber die Steigung zu ziehen. Der Lokomotivführer Mc-Grath erklärte sich bereit, mit dieser schwachen Maschine den in Armagh von 13 auf 15 Wagen verstärkten Zug nach dem Bestimmungsort zu schleppen und lehnte die ihm von dem Stalionschef angebotene zweite Lokomotive ab, obschon er wußte, daß der Zug mit Passagieren über Gebühr belastet war. Al« die Maschine vor der Haltestelle Hamilton«bawn nicht mehr weiter- fer.sie, war e« die Pflicht be« Zugführer« Elliott, beit Zug dort zu lasten, Detonatoren aus die Schienen zu legen, um Den nachfolgenden Zug zu warnen und nach dem nur zwei Meilen (3 km) entf rnten Armagh zurück- zugehen und Hilfe zu holen. Der eine halbe Stunde später abgehende Paflagierzug hätte den stehenden Zug über den Hücel stoßen können. Statt die« zu thun, befahl Elliott seinem Kon­dukteur, einige Stein« unter die Räder de» letzten Wagen« zu legen, kuppelte selbst, trotz Moorhead» Warnung und der Einrede vieler Paffagiere, die sieben letzten Wagen lo«, bevor sie genügend gesichert waren, der Ruck der abfahrenden ersten Hä fte sie in Bewegung setzte, die Kieselsteine auf der Schiene wurden in Staub zermalmt und da« Unglück war da. Den Schaffner Hen y, der im von allen Seiten zu fisteln sucht. Bei den Damen mag dieß wohl ein heimliches Inter ste an dem noch immer schönen, aber so unglücklich scheinen­den Manne sein, und die Herren, — je nun, die suchen eben da» R-ellere, den tiefgebildeten Geist b» ff eiben. E» ist wahr, in den strahlenden Sälen und den belebten Straßen erscheint, er al» ein starrer, verschlossener Charakter, besten unburch« bringliche Kälte jede nähere Bekanntschaft zurück- weist. Sarkastische, oft beiß nbe Bemerkungen ver- letzen ben, der sich ihm al» Freund nähern will. Nur am Krankenbette und in der Hütte be« Armen zeigt bet seltsame Mann ein theilnehmendes Herz. Dort gibt er seiner Stimme einen w ichen, be­ruhigenden Klang, und auch nur da vcrrathen seine sonst so kalt blick-nden Augen ein tiefe» Mit­gefühl für menschliche» Elend."

XXVI.

Wenn auch ®.drüben’« Erzählung dazu beige- tragen hatte, den jungen Arzt etwa» müder gegen den Freund ihrer Familie zu stimmen, so ver­mochte er dennoch da» Gefühl tief verl tzteu Stolze« kaum zu überwinden, so oft et sich von jenem mit unverhohlenet Abneigung betrachtet sah. Und die« geschah bei jeder zufälligen Begegnung,