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1889

JV 143

Leitung

Fuldaer

=

einigen Bekannten fand.

inner» wir uns doch an die dreißiger Jahre, a b Louis Napoleon in Arenenberg hauste uu von dort aus gegen die Regierung Louis Philipp» konspirirte, al» der S a v o y e r z u g internationaler Revolutionäre in der Schweiz ausgerüstet wurde, wir erinnern uns an die Freifchaarenzüge, welche vom Tessin aus 1849 nach Oberitalien gingen, so daß Oesterreich sogar genöthigt war, seinen Gesandten 1853 abzuberufen. Von der Schweiz au» wurde 1849 die Revolution in Süddeutsch- land geschürt, schweizer Offiziere, B. Oberst Johann Phil. Becker u. A., kommandirten die badischen Volkswehren, in der Schweiz waren die Komitee'-, welche Geld und Waffen sammelten. Gehen wir weiter bis in die Neuzeit. Mazzini refidirte von 1859 an in Lugano, die Großloge in Lugano war da» offizielle revolutionäre Komitee, dort wurde das Geld für die Putsche Mazzim's und Garibaldi'» gesammelt, der schweizerische Oberst Rüstow war e», der im Auftrage Maz- zini's Garibaldi als Generalstabschef auf dem Zuge nach Marsala begleitete. Und 1870 und । 1871? Wie stand er da um die nicht offizielle Schweizer Neutralität? Das ist doch wohl noch in Jedermann« Gekächtniß, daß damals die Fran, zosenfreundschaft in der Schweiz Orgien feierte und daß man die Neutralität nur aus dem Grunde aufrecht erhielt, weil man mußte, weil man die siegreichen Deutschen fürchtete, und trotzdem ist es nicht unbekannt geblieben, wie viele Schweizer bei dem Freikorps Garibaldi'» gegen die Deutschen kämpften. ,

Ein Staat, der feine Neutralität ernstlich auf­recht erhalten will, darf seine» Angehörigen nicht gestatten, sich in die Angelegenheiten anderer Staa- I ten zu mischen, darf auf feinem Boden keine Ver-

fchwörung»- und Agitation« centren dulden.

Im Fall Wohlgemuth geben wir zu, ist die Schweiz formell im Recht, aber nur forme! l. Sie darf es nicht dulden, daß auswärtige Poli- zübeamte auf ihrem Territorium Hetzereien zu politischen Zwecken inscmirea und begünstigen. Herr Wohlgemuth wird hoffentlich von der preußischen Regierung in irgend einem klemen Neste kaltgestellt werden und vom Schauplatz ver« schwinden, aber anderersert» sollte eben der schwei­zerische Bundesrath einmal unter den kantonalen Polizeibeamten Musterung halten. Es gibt ja in

bei uns zuzubringen."

Der junge Arzt folgte in da, Nebenzimmer,

□ Die Neutralität der Schweiz.

„Der einzige Freistaat Europas!" Wer erinnert sich nicht der Sympathieen, welche in dem Knaben erweckt wurden, wenn er im Schullehrbuch für Geographie obigen Satz las, und wie mächtig zog es den Jüngling zu den fchnee- und eisbedecklen Gipfeln der Aipen, denn auf den Bergen soll ja, wie der Dichter singt, „die Freiheit" wohnen. Wir wiffen nicht, ob die Touristen, welche alljähr­lich die Schweiz durchstreifen, alle jene Illusionen, mit denen sie aurzogen, mit nach Haufe bringen, aber Diejenigen, welche dauernd in der Schweiz zu wohnen veranlaßt waren, kehren heim, bitterer Enttäuschungen voll. Vielleicht war einst die Schweiz eine Hochburg der Freiheit, wir meinen selbstverständlich jene Freiheit, welche Recht und Sitte und Gefitz achtet, aber dem Bürger Unab­hängigkeit und Mannesmuth gibt. Wir kennen auch heute noch einige Thäler in den Urkantonen, wo die Selbstverwaltung der Gemeinde selbst den Aermsten Antheil nehmen läßt an der Leitung der Geschicke des Gemeinwesens, wo in offener freier Landsgemeinde das Volk sich selbst Gesetze gibt und der fceigewählte Landamman Recht spricht „nach der Väter heiligem Brauch".

wolle man nicht bis auf die letzten Tage deS laufenden Ronats verschieben, souder» möglichst bald dem «Sch- sten Postamte zuftellen» damit uns dieselben rechtzeitig übermittelt werden können und prompte Zusendung er­möglicht wird.

Der Post-Wonnementspreis auf die.Fuldaer Zeitung mit der illustrirten Sonntagsbeilage

„(Sterne und Blumen"

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„Herr Doktor Lehrbach, — H-rr Professor Dr. Almhau«," — stellte Oskar die Beiden ein­ander vor. Der junge Mann verbeugte sich überrascht; er hatte den Namen diese» bedeutenden Arzte» schon oft rühmend von seinen Kollegen vernommen und freute sich nun, in ihm einen Freund de» Hause» kennen zu lernen. Ec sah sich fitzt einem groß« Manne gegenüber, deffen feiner schwarzer Anzug die imposante kräftige Gestalt noch mehr bemerkbar machte^ Und wie interessant war diese» G>sicht! Da» braune, von einzelnen Silberfäden durchzogene Haar fiel von einer hohen Stirne zurück, unter der die dunkeln Augen hinter der goldenen Brille mit eigenthünllich durchdringendem Blick auf dem vor ihm Stehenden ruhten. Ein strenger, fast harter Zug umgab die festgeschloffenen Lippen, die wohl nie gelächelt haben mochten.

Mit gewinnender Freundlichkeit reichte der Profi ssor beiden Herren die Hand und sagte: „Sw find Mediziner?" u v „

Jofiph Lehrdach bejahte. In den dunklen

Augen blitzte es auf und mit warmem Interesse nannte er ihn fernen neuen Kollegen und unter- Der lange Arzt folgte in oa» ^leucujimwe«, > hielt sich mit ihm von fein«: Studienjahren und wo er den ihm fremden Herrn im Gespräch mit dem Zwecke seine» Aufenthalte» tu Berlin.

— ■ - 1 Al» der junge Mann im Begriffe stand, die

x jran; m Wendt».

Novelle von Marga »rechten.

(45. Fortsetzung.)

Die Familie feierte heute da» Geburt-fest der Justizräthin. Gegen Abend versammelten stch die näheren Bekannten, meistens ältere Herren und Damen, in den hübschen Gesellschaftsräumen. Ger- ttub hatte dieselben in finnigster Weise mit einer Maffe von Frühlingsblumen geschmückt; selbst der Seffel, in welchem die Mutter am ober» Ende der Tafel den Vorsitz führte, war mit duftenden Blüthen besteckt, ihr gegenüber saß der Regierung« - rath M., ein sehr munterer, alter Herr.

Die Stimmung der Gesellschaft wurde gegen den Schluß de» Abendeffen» immer belebter, Scherze und heitere Toaste tönten von allen Seiten, wäh­rend die mit feurigem Weine gefällten Gläser an einander klangen. Joseph Lehrbach hatte seinen Platz neben der Frau vom Hause erhalten, deren besonderer Günstling er war. Anfänglich hatte sich die etwa» stolze Dame zwar sehr gegen die Auf­nahme eine» Miether» gewehrt, später aber, al» sie erfuhr, welchen guten Einfluß der zwar junge, aber ernste, fleißige Mann auf ihren eigenen Sohn

Oskar ausgeübt hatte, da überhäufte sie ihn mit Beweisen ihrer echt mütterlichen Sorgfalt.

auf die

„Fuldaer Zeitung"

für das am 1. Juli beginnende

III. Quartal 1889

Aber diese patriarchalischen Zustände herrschen I und können naturgemäß nur herrschen in verschwin­dend kleinen Bruchtheilen der Schweiz. Wie fieht es jedoch in den anderen Theilen, in den großen Städten der Ost- und Westschweiz au«? Der greife Bischof Marilley von Lausanne, der Vorgänger des jetzigen Bischof« Mermillod, mußte ein Jahrzehnt in der Verbannung leben, der eidgenössische Bundesrath war in beständigem Konflikt mit diesem zwar eifrigen, aber doch so gerechten und milden Oberhirten, der päpstliche Nuntius, der in Luzern refidirte, wurde, obgleich als Gesandter vom Völkerrecht geschützt, im Jahre 1873 vom Bundesrath seiner Funk- tion enthoben und des Landes ver­wiesen (!), man lese nur die langwierigen Ver­handlungen über die Basler Birthumsfrage, die sich Jahrzehnte lang hinfchleppten, man studire ein wenig die kantonalen Gesetze in Basel und Zürich, die au» der trübsten Zwingli',chen Zeit herrühren und den Katholiken jede öffentliche Pro­zession untersagen, jr bi» vor etwa zwei Jahr­zehnten sogar da» Läuten der Glocken unter­sagten, man verfolge, um einmal ein andere» Gebiet zu berühren, den Verlauf der schweizerischen Eesenbahnfragen und beobachte, wie die leitenden Staatsmänner der Schweiz und die hervorragend- stm Sprecher im Rational- und Ständerath auf Kommando al» Marionetten an den Drähten tanzen, welche die Baumwoll- und Eisenbahnkönige in der Hand halten, und dann wird man deur- | theilen können, wie e» mit der „Freiheit" in l der Schweiz bestellt ist.

Aber sprechen wir von der heut aktuellen Fr-.ge der Neutralität. Durch einen vom 20. No­vember 1815 datirten, in der Kongreßakte nieder- gelegten Beschluß de« Wiener Kongreffe» wurde der Schweiz für ewige Zeiten ihre Neutralität garantirt. Nun wollen wir zwar anerkennen, daß die Schweiz niemals seit 1815 sich offiziell an einem Kriege betheiligt hat. Aber besteht die Neu­tralität nur darin, daß man sich der direkten Betheiligung enthält? Ist es nicht auch eine Versitzung der Neutralität, wenn der neutrale Staat gestattet, daß von seinem Territorium aus benachbarte Staaten beunruhigt werden? Wir sprechen fitzt noch nicht vom Fall Wohlgemuth, auf ihn kommen wir weiter unten zurück, aber er-

Al» die Gäste den Speisesaal verlaffen, schlug die junge Welt vor, bi» zum Einbruch der Nacht im Garten zu lustwandeln. Der Abend war herr­lich und die breiten Wege mit den von blühenden Jasmin umrankten Lauben winkten so einladend herüber. Die Fenster des großen Gesellschaftssaales, in welchem die älteren Damen und einige Herren zurückgeblieben waren, standen weit offen, und die lachenden, fröhlichen Stimmen drangen von unten herauf. Oskar unterhielt sich leise mit seine» Freunden, welche in der Nähe de» Flügel» eine Gruppe bildeten: den» die jüngere Schwester halte versprochen, die Gäste durch einige musikalische Vorträge zu erfreue». Lilli Bornstedt spielte und sang sehr hübsch; selbst Joseph Lehrbach lauschte aufmerksam auf die glockenhellen Töne der schönen Stimme, obgleich er durch die vollendetere Btldung seiner Mutter verwöhnt war. Da rauschte da» starre Seidenkleid der Justizräthin neben ihm.

„Kommen Sie, und lassen Sie sich einem be­sonderen Freunde meine» Manne» vorstellen. Der­selbe ist erst jetzt von einer Reise zurückgekehrt und macht mir die Freude, trotzdem ein Stündchen

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