141. Samstag, den 22. Juni.
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Erstes Blatt.
* Ob Giordano Bruno wirklich verbrannt wurde,
das ist noch sehr fraglich. Die Z-itgenoflen wissen nichts davon zu melden und erst hundert Jahre nach seinem angeblichen Feuertode taucht die Nachricht davon auf. Em Piof.ffoc der Philosophie am Lycenm zu Versailles, Th. Desouits, hat kürzlich diese Frage untersucht in dec Schrift: „Legende tragique de Giordano Bruno“ par Th. Desouits. Paris, Thorin 7 rue Medicis.
Desouits führt in dieser Schrift mit strenger Kritik den Nachweis: 1. daß das einzige Doku- ment,*) womit man die Hinrichtung des Apostaten beweise, keineswegs von dem an und für sich schon zweifelhaften Autor stamme, aus den man sich stütze; dasselbe sei späteren Datums, wie stch die» genau aus dem Dxt erniren lasse; 2. das Stillschweigen, welches ganz Europa ein volle« Jahrhundert über ein Ereigniß beobachtet, das offenbar dazu angethan war, viel Aufsehen zu erregen, zeugt dafür, daß da» Ereigniß selber nicht staltgefunden (die Legende von der sogen. Hinrichtung hat stch erst ein Jahrhundert nachher gebildet); 3. einen noch stärkeren Gegenbeweis bildet die Art und Weise de» Gerichtsverfahren», nach welchem Giordano Bruno aus dem Jrquisttion«- gefängniß von Rom nach Venedig ausgeliefert wurde. In der That geben selbst die Gegner der Jrquisttion zu, daß keines der Jrquifitionsgerichte in Bezug auf körperliche Strafen milder zu verfahren pflegte, als das römische. Wie sollte also die römische Jrquisttion ihn verurthellt haben, nachdem jene von Venedig ihn nicht verurthellt? Wer da» treffliche Werkchen Desoull« liest, wird stch überzeugen, daß der Scheiterhaufen dc» Gior- dano Bruno nichts anderer ist als ein wellerer Beitrag zu den unzähligen Lügen, welche die Geschichte verunstalten, seitdem ste mit den kirchen- feindlichen Schriftstellern ein Bündniß zum Nach- theile der Wahrheit eingegargen. Uebrtgen» hätten da» Leben und die Werke des Giordano Bruno selbst vor mllderen Richtern al» jenen der römischen Jrquisttion hinreichende Motive zu seiner Verur- theilung abgegeben. Betrachten wir die neulich publizirten Prozeßakten von Venedig mit den verschiedenen Anklagepunkten, auf Grund derer der Apostat vor Gericht gezogen worden. Sie berichten, er habe die Transsudstanttation, die Unterscheidung der drei göttlichen Personen, die Erschaffung der Welt, die Wunder de» Herrn und der Apostel und viele andere Glauben-wahrheiten geleugnet. Ferner behauptete er, die Seelen gingen au» der Natur hervor und wanderten von einem Thier in da« andere; e« sei unmöglich, daß die seligste Jungfrau den Gottmenschen geboren; die Unzucht fei so wenig eine Sünde, daß ste ihm vielmehr als ein Verdienst erscheine, und manch andere SchändlichkeitiN, welche dieser Vorläufer der freien Liebe al» Vorrechte der Sinnlichkeit über den Geist erklärte. Wir würden ee als eine grobe Verletzung de» Anstande« erachten, sollten wir auch nur einen der zahlreichen Sätze wtedergeben, womit Giordano Bruno seine Werke beschmutzte. Welche« Ende sein Prozeß genommen, ist nicht bekannt. Jedensall« kann man nach den vorhandenen Dokumenten nicht behaupten, er sei hingc- richtet worden. Desouits neigt stch in seiner Schrift zur Annahme, er sei wohl nach der römischen
*\ Lettre de Gaspard Schopp ä son ami Conrad Bittenhauzen Borne 1600. (Eine Uebersetzung wurde 18 43 publtzirt von SR. Eoufin in: La revue des dem meide« ; etenso 1847 in derselben Revue.
Sitte jener Zeit in ein Kloster' verwiesen worden, und daselbst vielleicht als Büßer im Dominikanerhabit gestorben, eine Vermuthung, welche der Verfaffer indeß selbstverständlich kein wellere« Gewicht beilegt. Wie dem auch sei, ficher bleibt, daß Giordano Bruno in seiner Eigenschaft al« Apostat, Pantheist, Apostel und Sklave de« Lasters und Verächter aller legitimen Autorität stch uns als eine der verkommensten Gestalten des 16. Jahrhunderts präsentirt. Verherrlicht man ihn, so verherrlicht man in ihm nur da«, was Josef de Maistre al« Grundzug der Revolution bezeichnet — da« Gemeine und Satanische.
Deutsche- Reich.
Berlin, 21. Juni.
• Die Offiziösen wiegeln mit ihrer scharfen Sprache gegen Rußland bereits wieder ab und knüpfen daran unter Ankündigung eines Besuches des Zaren auf deutschem Boden die Hoffnung einer friedlichen Lösung der jetzigen gespannten Situation und theilen ferner mü, daß die so kritisch geschilderte Kriegsgefahr in letzter Linie eigentlich auf unlautere Börsenmanöver znrückzu- führen sei. Die Spekulation hat die momentan äußerst drohend aussehende politische Situation benutzt, um die Kurse zu drücken und dabei wieder einen großen Fischzug zu thun. Nun wird «liebet die Situation günstiger dargestellt, die Kurse erholen stch und die Baissier» stecken iMfeStawrn ein. Allein wie die Dinge ließen, bleibt bie Lage immer roch ernst, wenn auch bie offiziöse Presse, unb bie Börse zum Rückzugs blasen unb wieder bie Friebensmienen aufstecken, Namentlich darf man keine allzu großen Hoffnungen auf bett Be- such beS Zaren setzen, benn wir haben ja im vergangenen Jahre gesehen, daß solc^ Besuche eigentlich nur einen seinen konventionellen Charakter besitzen unb bie russische Politik in keiner Weise beeinflußen.
* Ein Privattelegramm bet , Nationalzeitung' aus Petersburg meldet, .daß der rusfische Groß- sürst-Thronfolger heute von dort nach Stuttgart abreist. Der Großfürst-Thronfolger nimmt seinen Weg über Berlin. Man glaubt, daß bei seiner Anwesenheit Hierselbst Ort und Zeitpunkt des Besuche« de« Zaren bei Kaiser Wilhelm festgestellt werden wird. Königin Olga von Württemberg ist bekanntlich eine russische Prinzessin.
• Das 600jährige Jubiläum be« sächsischen Königshauses findet auch bei der Berliner Presse durchgehends freundliche Besprechung, die .Germania' hat einen sehr sympathischen Artikel gebracht im Hinblicke auf bieeminent katholischeG stnnung bei Königsfamllie. Wohl auch au« biefem Grunde hat der hl. Vater ein sehr herzliche« Glückwunschschreiben an den König Albert gerichtet und ihm ein herrliche« Marienbild au« der vatikanischen Mosaikfabrik überreichen lassen.
• Uebcr Maßregeln anläßlich de«Au«- stände« meldet die mehrfach zu offiziösen Mit- thellungen benutzte,Staaten-Korr.': „DerReichskanzler und der Eisenbahnminister haben stch in Folge be« Bergarbeiter-Strike« dahin verständigt, daß die Kohlenstationen sämmtlicher Staatsbahnen, welche durch etwaige Aurstände von Arbeitern der Kohlenbergwerks in der Beschaffung ihre« Kohlenbedarf« gestört werben könnten, die Kohlenvorräthe und die Lagereinrichtungen, wenn angängig um da« Zehnfache vergrößern. Vorerst gilt dies für die Eisenbahnen, w iche im Krieg«, falls von den Truppen benutzt werden müßten. gjHt der Vermehrung der Kohlenvorräthe und Ec- Weiterung der Lagereinrichtungen ist bereit« be
gonnen." Außer diesen die Folgen eine« &Su8» stände« abschwächenden Maßregeln, seien, so führt die ,Staaten-Korr/ weiter au», auch vorbeugende Maßnahmen in Erwägung gezogen. Angesicht« be« Umstandes, daß die Knappschaft en keinerlei Wirkung auf die bei der ©teile Betheiligten aurzuüben vermöchten, weil ste sich lediglich mft wirthschastlichen, nicht mit sozial-politischen Ange- legenheiten der Bergarbeiter besaßten, soll al« ein vermittelnde« Organ ein Vertretung«körper von Arbeitern und Arbeitgebern in« Auge gefaßt sein, der zusammengesetzt werden könnte aus den Knappschasts-Aeltestm und den Vertretern der Bergwerkbesitzer. Eine zweite Instanz, welche zugleich als Exekutivbehörde dienen soll, würde vielleicht neu zu errichtende „Einigungsämter" bllden können. „Auf diese Weise glaubt man zur Beilegung von Lohnkämpfen und Arbeitseinstellungen der freien privatrechtlichen Willensbestimmung genügenden Spielraum zu gewähren, zugleich aber eine behördliche Thätigkeit erst an dem Punkte eintreten zu lassen, wo sie im Interesse der öffentlichen Ordnung nicht mehr entbehrt werden kann."
* Die Ausweisungen stehen hüben und drüben wieder in Blüthe. Am 17. d. trafen, wie au» Thorn gemeldet wird, von russischen Gendarmen begleitet an der preußisch»russischen Grenzstation Okoczyn ein belgischer Unlertijan und zwei preußische Familien mit sieben kleinen Kindem ein. Sämmtliche Personen waren aus Rußland ausgewiesen,. wo sie zuletzt im Gouvernement Lublin gewohnt hatten. Gleichzeitig wird aus Oppeln berichtet: Wie polnische Blätter mit» theilen, hat die preußische Behörde eine österreichische Arbeiterfamilie Namen« Komra«, seit Langem in Oberschlesten ansässig, des Lande« verwiesen. Die Famllie Komra» wurde berett« durch Gendarmen an die österreichische Grenze gebracht. E» lebe da« Zeitalter der Humanität! Neugierig aber wären wir, zu erfahren, bemerkt die .Germania','ob die ausländischen Neger unb Chinesen auf deutschen Schiffen geduldet werden sollen.
* Breslau, 20. Juni. Die XII. General- Versammlung der Katholiken Schlesiens wird in LeobschÜtz statt finden, wahrscheinlich in den ersten Tagen de« September. Man rechnet u. A. auf das Eintriffen de« Herrn v. Schoclemer-Alst.
* München, 20. Juni. Uebermorgen findet eine Besprechung zur Vorbereitung de« Katholikentage« statt. Da« Einladungsschreiben, von Herrn v. Ruppert unterzeichnet und vom 14. be. btttirt, besagt u. A.: „Die Veröffentlichung be« Memoranbum« der bayrischen Bischöfe vom 14. Juni 1888 unb be« Antwortschreibens be« königl. bayr. Kultusministerium» vom 28. März 1889 hat im katholischen Volke Bayern» bas Verlangen wachgerufen, auch seinerseits zu bieser wichtigsten kirchlich-politischen Angelegenhett offene Stellung zu nehmen. D.ßhalb glaubten bie Vorstanb-mit- glieder ber bayrischen Centrum»-Fraktion ve» Lanbtag» stch veranlaßt, bereit» am 29. Mai l. I. zusammen zu treten uno Über bie Anregung zur Abhaltung eine» bayrischen Katholikentages zu berathen. Dieselben beschlossen, indem sie ihrerseits die Nothwendigkett solcher Anregung anerkannten, zunächst bie Meinung der hochwürdigsten B i s ch ö s e Bayerns einzuholen. Bor kurzem verständigt, daß bet bayrische Episkopat einem bayrischen Katholikentage gegenüber eine freundliche Stellung einnehme, ^schlossen bie Vorstandsmitglieder bet bayrischen Centrums-Fraktion am 11. Juni" u. s. w.