JV 140. Freitag, den 21. Juni.
Meer W 3tilm.
1889
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Deutsches Reich.
Berlin, 20. Juni.
• Der deutsch-schweizerische ConM darf nunmehr al» erledigt betrachtet werden, wie in Bestätigung anderweitiger Nachrichten auch in einem offiziösen Entrefilet der ,Berl. Börsen.-Ztg/ zugegeben wird, mit dem Hinzusügen, daß die Streitfrage auch nicht mehr Gegenstand diplomatischer Verhandlungen fei, da von Seiten der Schweiz die als billig und gerecht erkannten Wünsche der deutschen und der rusfischen Regierung erfüllt wurden. Der Schweizer Bundesrath hat bekanntlich gegenüber den Reklamationen Deutschlands und Rußlands über die mangelhafte Fremdenpolizei durch die in einem Gesetz-Entwurf vorgeschlagene Anstellung eines eidgenössischen General- Anwalt», dem der Bundesrath für einzelne Geschäfte noch weitere Vertreter beiordnen kann, also durch die Verstärkung der Bundespolizei, bereitwilliges Entgegenkommen bewiesen, und zwar so schnell und glatt, wie man da« von einem „wilden" Lande kaum hätte erwarten sollen.
* Die Maler und Anstreicher Berlins haben heute den Genera Ist rite proklamirt.
* Der Kaiser hat dem bayerischen Ministerpräsidenten von Lutz den Schwarzen Adlerorden verliehen.
* Staatsminister a. D. Dr. Windthorst hat, wie aus Braunschweig gemeldet wird, als Bevollmächtigter des Herzogs von Cumberland vom Ministerium sämmtliche Kapitalien aus dem Nachlaß des Herzogs von Braunschweig ausbezahlt erhalten.
* Die Ausstellung der allgemeinen deutschen Landwirthschasts-Gesellschaft ist heute vom Grafen Stolberg - Roßla in Magdeburg eröffnet worden.
* Görlitz, 20. Juni. Behuf» Aburtheilung der Waldenburger Excedenten (Bergleute) ist eine außerordentliche Schwurgerichtsprriode festgesetzt. 260 Zeugen sollen geladen werden. (Frkf. Ztg.)
* Em merkwürdiger Strite, so wird au» Hamburg berichtet, bedrohte gestern die Hamburger Gewerbe-Jndustrie-Ausstellung. Die Aussteller der ersten im Juli zu eröffnenden Handels-Ab- theilung erklärten bei der gestern stattgefundenen
x frans non Wenden.
Novelle von Marga Brecht»n.
(42. Fortsetzung.)
XXIV.
Der folgende Tag war ein Mittwoch, an dem Joseph nur des Morgen» die Schule besuchte. Deßhalb war e» ihm möglich, dem Befehle der Mutter nachzukommen und am Fenster Acht zu geben, ob Frau von Wenden da« Hau» verließ.
„Du wolltest ihr ja danken, Mutter?" fragte er verwundert.
„Später Kind, später, heute bin ich nicht ganz wohl und da« müßte ihr anffalleu, wenn ich herunterkäme. Ich will nur Frau Börnig etwa« fragen."
Der Knabe schwieg, aber er blickte die Mutter verstohlen an, und dachte, wie krank diese au«- sähe. Sie trug heute ihr braune« Sonntagskleid und hatte die beste Schürze vorgebunden. Und schön war fie noch immer, ganz weiß int Gesicht und seit einiger Zeit hatte sie sogar rothe Backen und sah doch so krank au«; da« war doch eigentlich recht sonderbar. Seufzend wandte er sich wieder dem Fenster zu, und erblickte bald darauf Frau von Wenden welche au« der Haurthüre tret. Ein Kind mit großen schwarzen Augen, da« er schon öfter gesehen, ging neben ihr.
Zusammenkunft die Bedingungen be» Romite« für durchaus unannehmbar; ste beschlossen, fall» da» Komite die ihrerseits vorgelegten Bedingungen ablehne, sämmtlich auf die Beschickung der Ausstellung zu verzichten.
• Von Seite der Würzburger katholischen Studentenkorporationen wird in den nächsten Tagen eine gemeinsame Protestadresse gegen den Giordano-Brmo-Skandal in Rom an den heiligen Vater abgesandt werden. — Der hl. Vater hat sich laut authentischer Mttheilung über die bestehende Absicht, einen bayerischen Katholikentag einzuberufen, mit großer Befriedigung ausgesprochen.
* Mainz, 19. Juni. In der gestrigen, durch die Lyncker’sche Schmähschrift veranlaßten Kalho- liken-Versammlung übte unter fortwährender leb- basier Zustimmung der Reichstags-Abgeordnete Nicola Racke in nahezu einstündiger Rede eine vernichtende Kritik an der Schrift. Besonders betonte er, wir man der ,Köl. Vztg.' berichtet daß man es nicht mit dem Produkt eines einzelnen verschrobenen Kopse« zu thun habe, sondern daß e« sich um eine Folge einer durch ganz Deutschland gehknden, von tiefen Haß durchdrungenen Bewegung gegen die katholische Kirche handel?.
Ausland.
* In Steyr find ernste Arbeiterunruhen aus- gebrochen, an denen sich auch die Arbeiter der Waffenfabrik betheiligt haben. Oeffentliche Gebäude wurden beschädigt und einzelne Kaufläden geplündert. Bürgerwehr und Militär mußten ein» schreiten. Mehrere Verwundungen und Verhaftungen kamen vor. Da eine Wiederholung der Exzesse befürchtet wird, ist ein Bataillon Infanterie au« Linz a. d.Donau herbeigezogen worden.
* Prag, 20. Juni. JnKladno veranstalteten nach der Frohnleichnamsprozession junge Bergarbetter arge Exceffe. Die Gendarmerie und Polizei wurden mit Steinen beworfen. Die Ex- cebenten zertrümmerten bie Fenster be« Rathhauses, be« Bezirkgerichts, sowie die Wohnungsfenster de« Bergdirektors Bacher, und versuchten das Haus, wo Letzterer wohnt, anzuzünden. Soeben wird mit einem Buschtehrader Separatzug ein Regiment Infanterie nach Kladno abgesandt. (Frkf. Ztg.)
Wer Loni einige Minuten später gesehen hätte, wie fie langsam die schon halb dunkle Treppe hinabstieg, dem würde ihre große Gestalt mit dem bleichen Gesicht und den glänzenden Augen fast unheimlich erschienen sein. Ihr selbst war es so zu Muthe; wie mit einer unwiderstehlichen Macht zog es fie nach der unteren Wohnung, und doch blieb fie oft zögernd stehen und stützte fich schwer auf das Geländer. Wie ost war fie früher unten gewesen, aber freilich mit einer offenen, ehrlichen Absicht, und heute war ihr Gang ein Unrecht —, schlich sie doch heimlich zu der alten Dienerin, um diese auSzuftagen, und sich nach den Familienver- hältnisssn einer Dame zu erkundigen, welche sich noch gestern als ihre Wohltäterin gezeigt hatte. Ein Schauder fuhr durch ihren Körper, denn fie erinnerte fich jetzt mit großer Deutlichkeit einiger Worte, welche bie Muhme kurz vor ihrem Tode zu ihr gesprochen: „Loni", hatte sie gesagt, „laß ab von bem Manne, beut’ nimmer an ihn. Daß Du ihn kennen lerntest, hat Dir kein Glück gebracht, unb wenn Du ihn ja wieberfändest, würde es Dich gewiß nut um so unglücklicher machen."
Warum kam ihr nur jetzt diese vergessene War- nung in den Sinn, so deutlich, als höre fie die Stimme der Todten an ihrem Ohr. Sie fuhr mit der Hand wie abwehrend nach der Seite, dann aber erfaßte ste wieder die Neugierde mit erneuter
* In der belgischen Deputirtenkammer kam es gestern zu stürmischen Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und der liberalen Partei. Der in Brüssel jüngst gewählte Abgeordnete Jan- ton interpellirte die Regierung wegen des Monser Sazialistenprozeffe« und forderte den Rücktritt des Ministeriums Beernaert. Ministerpräsident Seer» naert erwiderte, er habe niemals beabsichtigt zurückzutreten unb werde auch feine Entlassung nicht geben. Die Erregung, mit welcher bie Auseinan- berfitzungen geführt wurden, veranlaßte schließlich ben Kammerpräsidenten, die Sitzung abzubrechen. Die Straßen bei dem Kammergebäude waren polizeilich gesperrt. In den angrenzenden Straßen hatte fich eine große Mensch enmaffe angesammelt, doch scheint es zu Ruhestörungen nicht gekommen zu sein.
* In der französischen Deputirtenkammer kündigte gestern der Marineminister eine Forderung von 50—60 Millionen zur Flottenvsrstärk- ung an.
* Die Untersuchungen in dem Prozeß Bon- langer nehmen ihren Fortgang. Semerken«werth ist fotgenber Zwischenfall. Unter ben beschlagnahmten boulangistischen Papieren befanb sich auch ein Glückwunsch de» Sohne» de» Senator» Renault. Renault sen. ist im Gegensätze zu seinem Sohne ein entschiedener Gegner Boulanger». Um nun dem Senator Renault ben Schmerz zu ersparen, seinen Namen öffentlich tompromittirt zu sehen, soll ber Senator Travieux jenem bie Glückwunsch - karte heimlich zugesteckt habe», worauf Renault Vater seinen Sohn ernstlich zur Rebe gestellt habe. Dieser hat seinen boulangistischen Freunden davon Mitthellung gemacht, welche daraufhin eine Interpellation ankündigten, in welcher fie die Bestrafung Travieux wegen Unterschlagung von Aktenstücken, einer Handlung, welche da» Gesetz mit Zuchthausstrafe bedroht, verlangen wollten. Vorläufig ist bie Interpellation bis Sonnabenb vertagt.
* Die Zeitungen, welche die Nachricht von dem angeblich russtscheiffeit« gemachten Angebot einer Militärkonvention mit Serbien gebracht hatten, halten dieselben trotz der erfolgten offiziösen Dementis aufrecht. Die serbische Regierung habe den Vorschlag erst nach energischem Eingreifen Oesterreichs abgelehnt.
Stärke: „Komme, was da wolle," murmelte der fest geschlossene Mund, „ich muß mehr erfahren."
Die letzte Scheu überwindend beschleunigte die Arme chre Schritte und eilte nach der bekannten Thüre. Ein kleines Dienstmädchen, welche» Truda zuweilen half, öffnete und wie» fie auf ihre Frage in eines der Zimmer, wo Frau Börnig mit Plätten befchäfttgt fei Loni wählte die unrechte Thüre und da fie auf ihr Pochen keine Antwort' erhielt, ging ste zögernd durch die eleganten Räume in das anstoßende Zimmer, au» welchem da» Geräusch von Truda'» Bügeleisen zu kommen schien. Bald erkannte ste jedoch, daß ste fich abermals geirrt hatte, und wollte schnell umwenden, al« ihr Blick ans einen Gegenstand fiel — barmherziger Gott, wa« war da«? Sie bog den schlanken Hals wett vor, fiel in die Knie und streckte die Arme wett nach einem Gemälde aus, das über dem Bette hing: Erwin in Lebensgröße gemalt, in derselben Schönheit unb ganz so, wie fie tim oft unter ber Thüre ber Mansarde erblicke unb jubelnd begrüßt hatte. ,
„In bem Schlafzimmer hängt da» Bild ihre» Gatten," waren Truda'» Worte gewesen. Sie brauchte keine Frage mehr zn thun, denn nun wußte ste Alle».
E» tönte wie da» Brausen eine» Sturme» an ihr Ohr, dann kam e» rauschend, wie wilde