138 Dienstag, den 18. Juni. 1889
fiilimcr W Äiliiiig.
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III. Quartal 188»
wolle man nicht bis auf die letzten Tag« der laufenden
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Rußland
hat sich allmählich gesammelt und ist besonders in den lctzten Monaten im Orient rasch vorgerückt. Die Fahnenflucht de» König» Milan von Serbien war der erste wichtige Schritt dazu. Dann kehrte der rvffenfrlundliche Metropolit Michael, den Mlan wegen seiner Umtriebe verbannt hatte, in diesen Tagen wieder zurück, und dazu kam nun die Verlobung einer Tochier. de« Fürsten von Mont negro mit einem ru'fischen Großfürsten, damit die Erhebung der kleinen montenegrinischen Dynastie zur Ebenbürtigkeit mit dem stolzen Zaren- Hause, ober auch die Drohung an Oesterreich: jetzt steht Montenegro, dieser Pfahl im bosnischen Fleische, noch mehr als bisher unter dem Schutze Rußlands. Sind so Serbien und Montenegro direkt unter die rusfischcn Bajonette gestellt, so ist Bulgarien isolirt und Fürst Ferdinand kann sein Bündel schnüren, wann er will. Seine Stellung ist jetzt ganz aussichtslos. Dazu hat Rußland auch an seiner W-stgrenze seinen Auf- marsch gegen Preußen und Oesterreich beendigt. Zehn Armeekorps in voller Kriegsstärke find dort aüfge stellt und können von bett Haup'quartieren Warschau, Wilna und Kiew aus zu corcentreschem Vorg-Hen auf Berlin und Wien geleitet werden. Sehr bemerkenswerth ist auch
x jkM! mu Wend».
Novelle von Marga Brecht«n.
(41. Fortsetzung.)
Nachdem sich die erste Nuftegung gelegt, griff sie nach dem Briefe und las mit klopfendem Herzen.
„Frankfurt, den 2. Ott. 188 . Gute Loni! Ich weiß Sie werden meine Bitte erfüllt haben und diesen Brief erst einige Stunden nach meinem Weggange lesen. Dann erst können Sie da« Wort verstehen, da« aus dem Deckel de« Medaillon« eingravirt ist. Ja, vergeben Sie mir, Loni, ich habe mich geirrt; ich fühle, daß ich die Hoffnungen, welche Sie hegen, nicht erfüllen kann. Ich handelte unbedacht, ich glaubte wirklich längere Zeit, Sie genug zu lieben, um Ihnen rin treuer Lebensgefährte zu werden. Da plötzlich rief mich eine Nachricht nach meiner Hetmath und bei der Rückkehr hielten mich andere Pflichten, die Sorge um ein tbeure« Menschenleben, von Ihnen fern. In jenen Tagen wurde e« mir klar, daß ich mich getäuscht hatte, und daß e« ein Unrecht fein würde, ohne tiefere Neigung Ihr Dasein an daß meine zu ketten. Darum noch einmal, vergeben Sie mir, wenn ich Ihnen durch mein offene«, aber leider
da« Verfahren, welche« die oberste russtsche Heeresleitung bei der Ernennung der B'fthlshaberstellen für diese Grenzarmee beobachtet hat. Alle höheren Stellen find nämlich solchen Offizieren übertragen, welche fich im russisch-türkischen Feldzuge von 1877 ausgezeichnet haben. Nur mit lebhaftestem Mißtrauen kann Oesterreich-Ungarn auf den Nachbar blicken und wir dürfen uns vielleicht noch in diesem Sommer auf Ueberraschungen gefaßt machen, welche für die deutschen Jntereffen sehr unlieb sein werden, zu denen aber Fürst Bismarck doch ein freundliches Gesicht machen muß, wenn er e» nicht mit den Ruffen und Franzosen gleichzetttg zu thun haben will. Die Krönung des Gebäude« wird die Vereinigung von Serbien und Montenegro unter dem j tzigen montenegrinischen Hause sein. Dann ist die Balkanhalbinsel bald eine russische Provinz, und der Sultan mag sehen, wo er bleibt. Ob da« Abendland int Stande ist, da« zu verhindern, ist noch sehr zweifelhaft. Der Zar will keinen Krieg, er fürchtet mit Recht besten Wechselfälle und hofft, nach Milan'« Flucht und durch die drohende Aufstellung seiner Truppen zum Einbruch nach Deutschland und Oesterreich sein Ziel im Frieden zu erreichen.
Auch im Orient rächt fich jetzt die Politik der Kulturkämpfer vor 350 Jahren. Während die Partei, welche jetzt einen Hutten und Sickingen feiert, damals das Reich und die kaiserliche Macht systematisch untergrub, nahmen die Franzosen im Westen und die Rusten im Osten, wa» fie konnten. Rußland raubte uns damals die deutschen Ostseeländer, das Reich war wegen der Haltung der damaligen „ Kultur kämpser" - Partei zu schwach, um fie wieder zu holen, fie blieben russisch und bildeten nun seither die Grundlage, aus welcher Rußland weiter operirte, bi» es mit Polen, da» e» gleichfalls nur der Uneinig- leit Mitteleuropa« verdankt, seine Stellung noch weiter in da« Herz Europas vorschieben konnte. Dort fitzt es nun, eine ständige Drohung gegen uns, in einem festen, wenn auch ungeschriebenen Bunde mit Frankreich. Es wird diesem zwar nicht ohne Roth, d. h. wenn wir es nicht reizen, zur Stillung seines Revanche-Hungers verhelfen, cs wird aber feine Stellung an der Ostsee und in Polen dazu verwenden, um die deutschen Inter ffen an der unteren Donau und damit im Orient gründlich zu schädigen. Daß e» so gekom-
nun verspätetes Geständniß —, daß es nur Theilnahme und Freundschaft war, was ich für Sie fühlte —, Schmerz verursache. Gestatten Sie mir an Ihrem ferneren Geschick Antheil zu nehmen und vor Allem für den kleinen Joseph zu sorgen. Um Ihre« Kinde« willen weisen Sie Hülfe eine« treuen Freunde« nicht zurück. Ich darf Sie wohl nicht Wiedersehen, aber ich werde Sie und den Knaben nicht oergcsten, sondern mit großer Achtung und Theilnahme mich Ihrer erinnern, und durch die Hand eine« vertrauten edlen Marne« Ihre Sorge zu lindem versuchen. Leben Sie wohl, gute Loni, und gedenken Sie meiner ohne Bitterkeit I Erwin."
Ja verspätet, da« war da« richttge Wort. — Nach Jahren war dieser Brief an seine Adrefle gelangt, um einen Sturm von wehmüthig schmerzlichen Gefühlen in der Seele der armen Frau heraufzubeschwören, um eine längst geschlossene Wunde aufzureißen. Sie legte die Arme auf den Tisch und den Kopf daraus. Dann vergegenwärtigte fie fich jene längst vergangene Zeit, in der da« Kommen de« so heiß geliebten Manne« ihr Glück, ihr Sonnenlicht gewesen! — Aber ach, e« zählte nur nach Wochen, dann hatte fie plötzlich gewußt, daß all' ihr Hl ffen und all' seine Liebe
men ist, daran ist auch die Verblendung der „Kulturkämpfer" mitschuldig, die heute noch so groß ist wie vor 350 Jahren.
Hoffentlich wird e« dem Dreibunde wenigsten« gelingen, den Frieden zu erhalten. Aber eine wirkliche und umfassende Wahrung der deutschen Internsten im Osten und besonder« im Süd- osten scheint un« gegenwärtig sehr unwahrscheinlich, die alten Sünden rächen fich bitter, der leidenschaftliche Religionskampf, der un» entzweite und da» alte Reich ruinlrte, hat die Weltstellung der deutschen Nation dauernd aesckwäckt.____________________________sPf. Zta--)
Deutsches Meta»
Berlin, 17. Juni.
* Die in den letzten Tagen hervorgetretene politische Beunruhigung wird eben so schnell wieder verschwinden, wie sie entstanden ist. Es müßten auch ganz andere al» die bisher bekannten Thatsachen vorliegen, um der Welt glauben zu machen, daß gerade in diesem Sommer, wo Frankreich ausschließlich mit seiner Ausstellung beschäftigt ist, der auf der Balkan Halbinsel vorhandene Zündstoff sich zur Krieg« flamme entwickeln werde. Eine wirklich bedenkliche Nachricht ist allenfalls die von der seitens Rußland in Belgrad angc- strebten Militärkonvention. In hiesigen Kreisen, die unterrichtet sein können, glaubt man jeboch nicht an die Richtigkeit dieser Meldung, oder gibt wenigsten» vor, nicht daran zu glauben.
* Wolkenbrüche und Gewitter haben in den letzten Tagen fchweren Schaden angerichtet. In Deutschland würben namentlich der Süden und der Westen schwer heimgesucht. Leider find in einigen Fällen auch Menschenleben zu beklagen. Die Mosel ist infolge von Wolkenbrüchen in Frankreich stark angeschwollen.
• Mit dem Dampfer dc» .Norddeutschen Lloyd' „Habsburg" find drei O fiziere, drei Deckosfiziere und 32 Mann, welche zur Besatzung der im Hafen von Apia verunglückten deutschen Kriegsschiffe „Adler" und „Eber" gehörten, in Bremerhaven eingetroffen. Ein vieltausendstimmigcs Hurrah begrüßte die Heimgekehrten. Der Vorfitzende dc» Kampfgenoffen-Vereins überreichte betreiben einen prächtigen Lorbeerkranz mit einer Ansprache, bis mit einem Hoch auf ben Kaiser schloß. Nach ber Lanbung würben die Mannschaften festlich bewirthet. nur ein thörichter Traum gewesen, auf dem ein schmerzliche« Erwachen und viele Jahre der Ver- g-. flenheit folgten. Ihr Geist warb verw'rtt — fie wähnte sich noch immer in jener armseligen Dachkammer — man war ja wieder im November und fie fühlte, baß e« ganz so kalt und dunkel im Zimmer fei, wie damals. Das Warten halte ja so lange gewährt, lange, endlose Jahre, aber nun endlich war ein Zeichen von ihm gekommen — sein Bild und — sein Abschiedsbrief!
Erschreckt über da« seltsame Gedahren der Mutter hatte sich Jos. pH in eine entfernte Ecke geschlichen. Aber e« wurde dunkel und unheimlich und fie verharrte noch immer in jener Stellung. Da klang ein leise» Schluchzen au» dem Winkel:
„O, Mutter, Mutter! wich friert und ich bin so hungrig!"
Loni richtete sich auf; sie preßte die Hand gegen die Brust und zündele dann schweigend da» Licht an. Wie im D aume machte fie Feuer, während Joseph wie gewöhnlich da»Schüffelchen vorn Sim» herunternahm und dis Kartoffeln zu schälen begann. Zwischen durch schielte er ängstlich nach der Mutter hinüber, welche auf der Ofenbank saß, die Hände in tiefem Sinnen ineinander gelegt.
Bald war da» einfache Abendbrod beendet, md