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1889

Samstag, den 15. Juni.

Zeitiiiig

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Zweites Blatt.

X Zur Giordano-Brrrnofeier

schreibt uns „ein ßaie" aus Caflel noch Folgendes:

Die Adresse des Prof. Ernst Häckel in Jena an den römischen Festausschuß zur Errichtung eines Denk­mals für den im 16. Jahrhundert abtrünnig gewor­denen Dominikanermönch Giordano Bruno (auszugsweise vsiöffentlicht in Nc. 158/89 der ,Cass. Allgem. Ztg.') ist ein Schlag in das Ge­sicht eines jeden Katholiken, der es redlich mit seiner heiligen Kirche und dem von Christus ein­gesetzten Oberhaupt — dem Papst — meint. Abge­sehen von der schon so vielmal zu Schanden ge­wordenen Verkündigung des nahen Unterganges des Papflthums muß auch hier wieder Line und Verleumdung herhalreri, eine knalloolls Wirkung hervorzurufen, sonst zieht es nicht mehr. Oder ist es vielleicht Wahrheit, wenn H rr Häckel schreibt:

„Aber noch niemals hat die Zwingburg papistischen Aberglaubens so in ihren Grundvesten gezittert, wie am heutigen Tage. Denn in ohnmächtiger Wuth blickt aus dem Vatikan das Oberhaupt des katholischen Klerus hin­über nach dem nahen Campo de Fiori, und mit bleichem Entsetzen sieht es die Hülle von Bruno's Denkmal fallen und mit ihm zugleich den Schleier von dem Bilde der Wahrheit, welches seine Dogmen seit anderthalb Jahr­tausenden verdeckt und entstellt haben."

Wäre nun dem H.rrn Häckel, dessen Phantasie den höchsten Grad erreicht zu haben scheint — denn nur diesem könn.n so hochtrabende und dabei doch von niederer Denkungsart (oder vielgepriesener „Toleranz") gepaart mit vollständigster Unwissen­heit in Sachen der römisch-katholischen Kirche zeu­gende Sätze entstammen —, ein Besuch bei dem heiligen Vater vergönnt geroeferi, als dis Hülle von befagdm Denkmal fiel, so würde er an Stelle des seiner Phantasie nach „in ohnmächtiger Wuth aus dem Vatikan blickenden Oberhauptes der ka­tholischen Kirche (nicht allein des Klerus, die Laien gehören auch dazu, Herr Häckel!) tin.n, den leidenden Heiland in römisch-katholischer De- muth sür seine „in ohnmächtiger sinnloser Wuth sich 'abmühenden Gegner" bezw. für die Gegner der römisch-katholischen Kirche um Nachsicht bitten­den Greis gefunden und die Worte gehört haben: „Herr, verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun." Allerdings muß die ganze katholische Kirche und mit derselben ihr er­habene« Oberhaupt, unser vielgeliebter heiliger Vater Leo XIII. mit Entsetzen sehen, mit welcher thierischen Verkommenheit das Heiligste verhöhnt und das Laster gefeiert wird und fürwahr, tS ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet:

„Als die Franzosen in ihrer furchtbaren Verblendung ein entartetes Weib auf den Altar Gottes setzten und ihm zu Ehren Lieder sangen, haben sie nicht schwerer gesün' digt und gefehlt, als Diejenigen, welche einen nicht nur in Bezug auf Religion, sondern auch in Bezug auf die bürgerlichen Tugenden — Moral und gute Sitte — voll­ständig entarteten Mönch (ob Dominikaner oder Augustiner bleibt sich gleich) feierten."

Was das entschleierte Bild der sogenannten Wahrheit anbetrifft, so ist diesem nur zu erwidern, „daß die Kmder dieser Welt nach ihrer Art klüger find, als die Kinder der Lichtt»". So be­trübend auf der einen Seite die Ausbrüche de» Herrn Häckel find, so erhebend sind sie für uns auf der anderen Seite durch da« glänzende Zeug- ntß, das er der römisch-katholischen Kirche aurstellt, daß selbst die furchtbarsten Stürme und Verfol­gungen während de» Zeiträume» von „anderthalb­tausend Jahren" nicht den Untergang derselben und deren Oierhaupte» ermöglicht haben und die

Folge ist, daß auch die kindischen Träume des Herrn Häckrl und Genossen sich nicht erfüllen, son­dern, daß, nachdem die wüthenden Wogen des neuen Ansturmes ihre Macht am Felsen Petri ge­brochen und damit ihre Ohnmacht auf'» Neus be­wiesen haben, auch für die katholische Kirche eine Zeit der Ruhe kommen wird, wo sie sich ihre» neuen Siege» freuen und die Pflicht der Dank­barkeit gegen den göttlichen Stifter Jesus Christus ersüllen kann. Derartigen Schmähungen gegen­über, wie sie Herr Häckel und Genossen belieben, ist Stillschweigen stet« das Bcste gewesen, aber in so betrübenden Zeiten ist es ein herrlicher Trost für unseren so tief gekränkten heiligen Vater, wenn die Glieder der katholischen Kirche auf« Neue ihm ihre Huldigung darbringen, ihm aufs Neue Gehorsam und Treue geloben. Deshalb dürste es angezeigt sein, Ecgebenheitsadressen an Seine Heiligkeit anzuregen und durch Vermittelung unserer geistlichen Oberen Höchstdemselben zu Füßen zu legen. Dies ist der Zweck dieser Zeilen.

Mögen diese Worte dazu beitragen, auch die Herzen der Katholiken aufzurütteln, welche bisher der katholischen Sache gegenüber gleichgültig waren und nicht glaubten, daß das Fc-imaurcrthum und der sogenannte Liberalismus unserer heiligen römisch-katholischen Kirche feindlich gegenüber stehens; mögen ihnen die Augen aufgehen, damit sie sehen, von welcher Seite die Gefahr kommt, damit sie erken­nen, was man von denen zu erwarten hat, welche auf der einen Seite sagen: „Wir find gar so schlimm nicht, al» man uns macht" und sobald wir durch die berauschenden Worte geistig eingelullt find, den beabsichtigten Schlag ausführen, ohne bezüg­lich der Mittel verlegen zu sein.

Zum Schlüsse dürfte e« am Platze sein, darauf aufmerksam zu machen, daß eine Zeitung, welche außer den Eingangs erwähnten Schmähungen den Punkt der Häckel'schen Adresse aufnimmt, wo­nach St.Helena rc. ein passenderer Aufenthaltsort für den hei!. Vater sei, als das moderne Rom, ihren katholischen Lesern keine Rücksicht entgegen­bringt, deshalb sollte man doch endlich auch mit solchen Zeitungen brechen und dafür katholische Zeitungen unterstützen, welche erstere nicht nur ersetzen, sondern entschieden zweckmäßiger für uns sind. Schämen müssen wir uns in dieser Bezieh­ung vor den Protestanten, von denen wohl sehr sehr wenige katholische Zeitungen lesen.

x freu; m Wenden.

Novelle von Marga Brechten.

(39. Fortsetzung.)

10. Kapitel.

Ein Blatt aus der Vergangenheit.

Wer fragt darnach, ob unter rauhen Tritten, Ein kleines Blümchen stirbt am Wiesenbach. Wer kümmert sich darum, was es gelitten. Wer fragt darnach?

Wer fragt darnach, ob still ein Herz verblutet, In wildem Weh, bis daß es zuckend brach? Gleichgültig drüber hin ber Zeitstrom fluthet, Wer fragt darnach?

Alb. Keisner.

XXII.

Der September neigte sich seinem Ende ent­gegen; die letzten Tage waren sehr rauh und reg­nerisch und mahnten an den kommenden Wi. ter.

In der Keinen Küche Truda'« brannte ein Hel­les Feuer, das seinen Schein in dem sauberen Raum umherwarf und sich in den kupfernen Pfan­nen und blitzenden Deckeln wiederspiegelte. E» sah recht anheimelnd und nett au«; da» dachte auch die alte Dienerin, welche an dem blendend weiß gescheuerten Tische saß und strickte. Sie schraubte den Lampendocht etwas höher und nahm ein ab­

gegriffenes Buch aus der Schublade, in daslfie sich bald ganz vertiefte. Der Regen schlug wider die Fensterscheiben und übertönte ein leise» Pochen an der äußern GlaSthüre. Da» Klopfen wurde indlß stärker wiederholt, so daß die Alte endlich erschrocken auffuhr und mit dem Lichte hinauseilte. Sie schob den feinen Tüllvorhang zurück und spähte vorsichtig auf den vorderen Flur hinaus. Eine große, schlanke Frau mit einem eigenthümlich inte* ossanten Gesichte stand draußen: sie hatte ein wollene» Tuch um Kopf und Schultern geschlungen, und hielt ein saubergeputztes Blechtöpfchen in der Hand.

„Ach", sagte Truda, indem sie die Thür rasch öffnete, „wenn ich nicht irre, so ist das ja unsere neue Hausgenossm. Na, das freut mich, da kön­nen wir ja gleich mit einander bekannt werden."

„Guten Abend, liebe Frau", sagte die Eintre­tende, „so hat mich ihr gute» Gesicht doch nicht betrogen. Ich war so in Verlegenheit um ein wenig Milch für morgen früh und zu den vor­nehmen Leuten im ersten Stock wagte ich nicht zu gehen. Da dachte ich, Sie würden es vielleicht nicht übel nehmen, wenn ich noch spät herunter käme."

„Behüte Gott", wehrte die Alte uib zog den späten Gast auf die Bank am Heerdfeuer. „Weiß ich doch selbst, wie es einem beim Ein- und Aus­ziehen an allen Ecken und Enden oft am Nath- wendigsten fehlt und da bin ich von Herzen gern behülflich. Ich will nur gleich das Töpfchen fül­len, aber ich meine das Hinauftragen eile gewiß nicht so, und wenn Sie ein Stündchen mit mir verplaudern will, so soll'« mich freuen. Hab' da überdieß noch ein Schälchen Kaffee gestellt, das wird uns gut thun bei dem kalten Wetter."

„Ich nehme e« dankbar an", sagte die Fremde und reichte ihrer -freundlichen Mithin herzlich die Hand. „Aber damit das Bekanntwerden leichter wird, möchte ich gerne w ffen, wie ich Sie nennen soll."

„Das ist aber auch wahr", lachte die geschäf- the Alte, „da schwatze ich und lasse die Zunge mit dem Verstände davon laufen und weiß selbst nicht einmal, wie mein Besuch heißt. Also ich schreibe mich G-truda Börnig, mein Seliger war Feld­webel. Aber der ist nun schon lange tobt; am 9. August waren es gerade 32 Jahre, und 26 Jahre bin ich nun schon in der Familie meiner gnädigen Frau. Doch davon ein ander Mal. Jetzt werd' ich wohl auch hören, wie meine neue Hausgenoffin heißt."

„Gern, ich heiße Loni Lehrbach und bin die Tochter dc» verstorbenen Lehrer» Korn in B. Mein Mann war Privatsekretär; er starb schon im zweiten Jahre unserer Ehe. Seitdem ernähre ich mich und meinen Knaben mit Weißzeugnähen."

„Ei, das ist ja schön", nahm Truda das Wort. „So gleicht sich doch unser beiderseitige» Schicksal und wir werden gewiß bald gute Freundinnen werden. Aber noch ein Tässch.n Kaffee darf Sie mir nicht abschlagen, Frau Lehrbach, ich habe noch etwa» frischen aufgegossen, dabei plaudert sich'« besser. Ich will nur hoffen, daß e» Ihr oben im Giebelzimmer gefällt, ein echte« Wittwenstübchen, hab' ich immer gesagt, und hab' selber viele Jahre behaglich d'rin gewohnt. Vor einigen Monaten trat nun die Frau Doktor die große Reise nach England an, und da wünschte sie, daß ich unten schlafen sollte, damit doch die Wohnung Nacht» nicht so ganz leer stehe. Ich bleib' nun für immer unten in ihrem Zimmer, da ist'» ihr weniger ein­sam, denn sie hängt gar arg an mir, die gnädige Frau, hab' ich sie doch auf meinen Armen getra­gen und erzogen, kann man sagen. Da brauchten wir dann da» obere Zimmer nicht mehr und ich