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Samstag, den 15. Juni.

1889

Mur M 3eitm.

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Erstes Blatt.

ö Zum 15. Juni.

Dar Grab in der Friedenskirche zu Potsdam bietet jetzt, zum Jahrestage des Heimganges des kaiserlichen Dulders, den Mittelpunkt der Gedanken und Empfindungen des deutschen Volkes.

Mit dem Ablauf des Jahres ist das Ende aller offiziellen, äußerlichen Trauer gekommen. Aber die Nation — abgesehen von einigen herzlosen Partei- fanatikern und Intriganten — trägt im Herzen noch treue Trauer um Kaiser Friedrich den Lieb- und Hoffnungsreichen. Es steckt darin nichts Ec« künsteltes, Höfisches oder gar Byzantinisches. Die Leute, denen die Ideen Kaiser Friedrich'- nicht genehm und bequem waren, haben zur Genüge dafür gesorgt, daß das Andenken Kaiser Friedrich'- gerade von denjenigen am eifrigsten gehegt und gepflegt wird, deren Mantel nicht nach dem wechselnden Winde gehängt wird. Wenn man Kaiser Friedrich ehrt, setzt man sich leicht dem Verdachte aus, ein Anbeter des Erfolges oder ein Diener der M a ch t zu sein; sein Andenken ist in der That der „Liebe des freien Mannes" überwiesen. Um so lieber und lauter wollen wir am Jahrestage seines Todes feinen Namen segnen.

In den 99 Tagen, während welcher er die Krone auf dem todtkranken Haupte trug, hat er keine weltgeschichtlichen Th al en vollbringen können; in feinem Denken und Wollen wurzelt sein historischer Ruhm, und in seinem Leiden erwarb er das wärmste Mitgefühl aller menschlichen Herzen.

„Lerne leiden, ohne zu klagen V* Gegen die be­rühmten Aussprüche hoher Persönlichkeiten haben scharfe Beurtheiler oft begründetes Mißtrauen. Nicht selten werden solche „geflügelten Worte" von liebedienerischer oder eigennütziger Kunstfertig­keit zurechtgestutzt zu einer gelegentlichen Bemerk­ung, die nach Form und Inhalt durchaus nicht so lapidar und goldkörnig war. Der erwähnte Spruch des Kaisers Friedrich besteht die schärsste Probe. Er ist vom seligen Kaiser bei voller geistiger Frische gerade in dieser Form gemacht, und die letzten schrecklichen Lebensjahre, sowie der Tod, das waren ein herzergreifendes Beispiel des Leidens ohne Klage. Wir brauchen die Prüfung des edlen Dulders nicht von Neuem zu schildern. Alle Leser werden sich aus eigener Kraft ohne Weiteres in die Stimmung zurückversetzen können, die sie am 15. Juni v. I. beherrscht, als die Kunde durch das Land ging: „Nun hat er ausgelitten."

Welch' großes Maß körperlicher Leiden dem verewigten Herrscher beschieden war, haben wir «ach seinem Tode noch deutlicher erkannt, als vor­her; denn der Streit der Aerzte, der sich an seinem Grabe in so unerquicklicher Weise abspielte, zog den letzten Schleier von dem qualvollen Ge­heimnissen de« Krankenzimmers. Wie schwere geistige Leiden dem edlen Fürsten bereitet hat, daß er angestchts seine« nahen Todes auf die Durchführung der großen, sein ganzes Denken und Empfinden aurfüllenden Pläne zum Wohle seines Volke» verzichten mußte, da» ist un» erst nach seinem Tode so recht klar geworden, und zwar besonder« durch die Veröffentlichung de« „Tage­buche«", welches un» einen tieferen Einblick in die politischen An« und Absichten de» Kaiser» Friedrich öffnete, al» die bi» dahin bekanntlich offiziellen Aktenstücke.

An die Veröffentlichung de» „Tagebuches" hat sich viel Streit und Aergerniß geknüpft; aber die unerquicklichen Nebensachen gehören nunmehr der Vergangenheit an, der wahrhaft erbauliche

Inhalt des „Tagebuches" aber bleibt für Gegen­wart und Zukunft.

Wir für unseren Theil sind keineswegs mit allen politischen und noch weniger mit den kirch­lichen Ansichten Kaiser Friedrich'- einverstanden; in dem Zwiespalt zwischen seiner und des Fürsten Bismarck Staatskunst geben wir durchaus nicht in allen Punkten ihm Recht. Auch die Verehrer des Tobten aus anderen Parteien haben natür­lich ihre abweichenden Ansichten. Wie erklärt sich nun trotzdem die allgemeine Begeisterung, welche das „Tagebuch" weckte? Dadurch, daß der Grund­zug des Demens und Strebens Friedrich's III. so menschlich-schön, so echt königlich und zugleich so freiheitlich-volksthümlich sich darstellte, daß seine Grundsätze fich so frei von aller Einseitigkeit und traditioneller Engherzigkeit, sein Wollen sich so ausschließlich von dem Ideale der Gesammt-Wohl- fahrt des freien Volkes geleitet zeigte, daß er als das Muster eines wahrhaften Volksfürsten er­schien, der nichts vom Armee-Kaiser oder Partei- Kaiser oder Beamten-Kaiser an fich hat, sondern nur mit dem ganzen Volke und für das ganze Volk vorurtheilslos an der fortschreitenden Ent­wicklung des Vaterlandes und der Menschheit Mit­arbeiten will. Wenn man in zwei Worten die Gegensätze markiren soll, so könnte man von „Jdcalpolitik" und „Realpolitik" reden; nur muß man bett Worten die rechte Bedeutung lassen, in­dem die ideale Richtung des Kaisers Friedrich nicht den Fuß in ze,siieß--nde Walker, heben wollte, sondern blos gegen bie Einseitigkeit der realpoli­tischen Strömung ein heilsames Gegengewicht verhieß.

Der Tod hat den Faden durchschnilten, den Kaiser Kaiser Friedrich in die Kette am Webfluhl der Zeit schlagen wollte. Aber e» gibt neben der Unsterblichkeit der Seele auch eine Unsterblichkeit der Ideen. Da» Volk trauerte an seinem Grabe, aber es hofft auch. Der leidenschaftliche Eifer, mit welchem die Fanatiker gewisser alter preußi­scher Traditionen die geistige Hinterlassenschaft Kaiser Fliedrich's befehden, ist ein Beweis für die Kraft, welche ihr innewohnt. Wenn man die Verlangsamungen anscheinender Rückschläge in der Entwicklung der Völker von einem höheren Stand­punkte al» bett bet ungebulbigen Tagespolitik be­trachtet, so nehmen sie sich nicht so tragisch uttb entmuthigend aus. Man hat uns diese» Trauer­jahr hindurch mit Douglasereien der verschiedensten Art hart zugesetzt; aber dürfen wir nicht mit freudiger Hoffnung darauf Hinweisen, baß in der Ansprache Kaiser Wilhelm'« II. an die Vertreter der Grubenbesitzer ein wahrhaft fridericanischer Geist weht? Bureaukratie und Parteigeist regen sich auch bereits gegenüber dieser schönen Kund­gebung de« „sozialen Königthum«" (im richtigen Sinne diese« Schlagworte»), wie sie sich gegen die großen Ideen Kaiser Fttedrich'« geregt haben. Aber trotz aller Hemmung»- und Einleitungsver- suche, welche von den Kräften de» alten Regime'« naturgemäß ausgehen, wird die Entwicklung vor­wärts gehen, vielleicht langsam, aber sicher vor­wärts in den Bahnen, welche Kaiser Friedrich vorschwebten. —

Am Jahrestage seines Todes gedenken wir auch in Theilnahme und Verehrung feiner edlen Ge­mahlin. Sie hat unsäglich viel gelitten am Kranken- und am Sterblager ihres Gemahls, sie hat auch nach dem Hinscheiden desselben viel zu leiben gehabt burch die Kämpfe, welche sich am Grabe erhoben. Möge ihr j tzt der Frieden be« scheert sein, den sie wahrlich in reichem Maße verdient. E» ist da» ein aufrichtiger Wunsch, der nicht au» höfischer Artigkeft stammt, sondern au» dem ehrlichen Gemüth von Leuten, welche sich der

Verschiedenheit der Anschauungen auf gewissem Gebiet wohl bewußt sind, aber dem edlen volks- freundlichen Streben der hohen Frau, volle Ver­ehrung, ihrer unvergleichlich schweren Heimsuchung herzliches Beileid zollen.

Wenn wir am 15. Juni zum Grabe Kaiser Friedrich'» eine Pilgerfahrt im Geiste unterneh­men, so wollen wir vor Allem die Ermunterung zur treuen Erfüllung unserer staatsbürgerlichen Pflichten mit nach Hause tragen. Kaiser Friedrich legte den größten Werth auf die Mitarbeit de» Volkes an den großen Aufgaben der Zeit. Wer in seinem Geiste Wohlfahrt und Freiheit ent­wickelt zu sehen wünscht, der muß sich bewußt sein, daß das Volk und jeder Einzelne als Theil des Volkes in der Schmiede des Glücke» die Hände regen muß, und zwar durch gewissenhafte Aus­übung der Rechte, zu denen ihn die Verfassung und Gesetz berufen und feine persönlichen Eigen­schaften befähigen. Wer mit fatalistischer Ergeben­heit ober mit trägem Phlegma bie Dinge gehen läßt, wie ste gehen, ber gibt ben Gegnern d.» edlen Kaisers Recht, welche ihn des optimistischen Jcrthums in Betreff der Reife de« Volkes zeihen. Wenn das Volk zeigt, daß es des Vertrauens würdig ist, das Kaiser Friedrich in so reichem Maße ihm entgegenbra tte, dann wird cs sicherlich auch ben Lohn bieser Tüchtigkeit finben von Sei­ten bei Nachfolger des weisen Dulbers auf bem Thron.

Am Grabe beugt sich das Gemüth;. aber der Wille soll fich aufrecken. Für jede Lücke, bie ber Tob gerissen, müssen bie Uebetlebenben Ersatz schaffen. Das Grab ist ein Aufruf an bie pflicht­getreue Thatkraft Derer, welche noch im Lichte bes Tages wandeln und wirken können.

Deutsches Reich.

Berlin, 14. Juni.

* Morgen, als am Sterbetage Kaiser Friedrich's, findet auf Befehl de« Kaisers in derFrieben»kirche zu Potsdam eine Gedächtnißfeier statt. — Der Kaiser hat ferner bestimmt, daß aus Anlaß des ersten Jahrestages des Ablebens des Kaisers Frie­drich am Sonntag den 16. d. M. in allen Gar- nifonkirchen des Lande« und auch in der Hof- und Domkirche zu Berlin eine geeignete Gedächtniß- feier in Verbindung mit dem Hauptgottesdienste in gleicher Weife stati finden soll, wie dies am Sonntag den 10. März d. I. aus Anlaß de« Ablebens des Kaisers Wilhelm geschehen ist.

* Den Bemühungen der Offiziösen will e« nicht gelingen, au-Anlaß be« FallesWohlgemuth ben furor teutonicus gegen bie Schweiz zu ent­fachen. Die offiziösen Blätter sehen fich bei biefem löblichen Versuche selbst von ben Zeitungen im Stich gelassen, bie, zur nationalliberalen oder kon­servativen Partei gehörig, bei früheren Entrüstung«- bedürfniffen willig mitgearbeitet haben. Trübe Erfahrungen, die früher dabei gemacht worden find, vielleicht auch der Gedanke, daß man die vielfachen und ganz regelmäßigen Uebergriffe der Russen im Grenzverkehr als deutscher Patriot ftlH hmzunehmen gewohnt ist, mögen, wie bie ,Franks. Z g.‘ ironisch hinzufügt, auf biefe besonnene und vorsichtige Haltung hinwirken. In der Hauptsache aber macht fich die Ansicht geltend, daß die Ver­haftung und Ausweisung eines der Wühlerei zum mmbesten stark verdächtigen Polizeibeamten, noch viel weniger aber die kurze Einsperrung eine« von der .Norddeutschen' zum nationalen Märtyrer er­hobenen, steckbrieflich verfolgten Subjekte«, kein Anlaß für eine nationale Bewegung gegen die Schweiz ist. Es ist wirklich nicht recht verständ­lich, weshalb eine Empörung der öffentlichen Mei-