1889
Freitag, den 14. Juni.
135
Zeilmz
Fnliulkl
L Die Giordano Bruno-Feier.
Die Enthüllung der Denkmals für Giordano Bruno, den abtrünnigen Mönch, den Revolutionär und Gottislästerer, ist am verflossenen Pfingstfeste in Rom programmmäßig in Scene gegangen. Die liberale, kirchenfeindliche Presse ist natürlich voll de» Jubels und Lobes über den „großartigen", „imposanten" Verlauf. Aber selbst durch die liberalen Vergrößerungsgläser gesehen, hat das „Fest" doch seh: viel zu wünschen übrig gelaßen, wenigstens hätte man nach dem gewaltigen Lärm, der in der Freimaurerpresse der ganzen Welt für diese internationale Demonstration gegen das Popstthum veranstaltet wurde, nicht nur eine viel pompösere Feier, sondern vor allem auch eine weit mehr universelle Betheiligung erwarten dürfen.
Der Freimaurerei fiel der Löwenavtheil an dem ganzen Spektakel zu, und so beschränkte fich auch die Theilnahme aus Deutschland lediglich auf Deputationen der Vereinigung der deutschen Großlogen, sowie der drei Berliner Groß- logen und der Großlogen in Dresden, Darmstadt, Hamburg und Frankfurt a. M. Außerdem sandten der deutsche Protestantenverein, die Univerfitäten Berlin, Straßburg, Heidelberg, Jena und Kiel, die Städte Berlin und Dresden, sowie zwei gewaltige Leuchten der „deutschen Wissenschaft", Prof. H ä cke l und Ferdinand Gregorovius, Zustimmung; - adreffen an das Comii«. Das ist Aller, was Deutschland zu der Orgie des Unglauben« und de« Papsthasses beigetragen hat, abgesehen natürlich von den schwulstigen und bombastischen Festartikeln, welche in einem großen Thelle der liberalen deutschen Preße diesmal die Stelle der Pfingstartikeln vertraten.
Mit leicht erklärlicher Abfichtlichkeit wird in allen telegraphischen Berichten über das „Fest", auch in denjenigen de« Wolß'schen Bureaus, die große „Ordnung" hervorgehoben, welche während der Feier geherrscht habe. Man will dadurch die Befürchtungen des Vatikans „Lügen gestraft" haben. Die gepriesene „Ruhe" und „Ordnung" beschränkt sich nun lediglich darauf, daß Niemand den Versuch gemacht hat, den Palast des Papste» thätlich zu insultiren, wa» übrigen» nicht dem guten Willen der Manifestanten, sondern den milftärischen Vorkehrungen der Regierung sowohl al» auch de« Vatikan« zuzuschreiken ist. Wenn die Regierung auch nur da» ABC von politischer
Di- Kuldaer Zeitunq' erscheint "täglich, Sonn- und Feiertage -msg«wmm-n. Vierteljährlicher Abonnementspreis °h°-Bringerlohn und Bestellgeld ' mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in.Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
x jrmr wi Wkn-en. Novelle von Marga Brechten.
(38. Fortsetzung.)
„Wir wollten gern helfen, Mama," entschuldigte fich Dick, und Harry brachte drei verküm- merte Blümchen au» seiner Rocktasche, deren Stiele noch draußen auf dm Beeten standen. „Ist nicht mehr nöthtg, ihr fleißigm Leute," lachte die fröhliche Hausfrau, „zu viele Blumen machen leicht Kopfweh. Aber bet etwa» Anderem dürft Ihr nachher helfen. Hört ihr nicht Sally'» Reibeisen? Seht nur, Milly'» Räschend fährt schon prüfmd umher! Und wirklich zog ein gar appetitlicher Dust durch da» ganze Hau», über welchem die Kinder die wieder geschloßene Thür und die Mut- ter ihre trübm Gedanken vor den wichtigeren Sorge« für den MittaMsch vergaß.
Die Zeit schritt vor, und die Stunde der Ankunst kam.
Vor Michael Gelhard« geistige« Auge stand noch immer die zarte »rscheinung Elma Brunn'» im Brautgewande — ein rofige» Gesichtchen von Tüll und Spitzm umhüllt. Er erinnerte sich nicht der dazwischm lieget« Jahre, und al» er am Nachmittag an dem von Dover kommendm Zuge
Klugheit besaß, so mußte sie selbstredend Alle», wa» als völkerrechtswidrige Gewaltthat gegen da» garantirte päpstliche Territorium aufgefaßt werden konnte, zu verhindern und zu vermeiden suchen. Auch scheint e» fast, al» ob von Seiten einzelner auswärtiger Kabinette vertrauliche Anregungen in diesem Sinne an die italienische Regierung ergangen seien. Namentlich die französische und auch die österreichische Regierung scheinen nicht ganz unthätig geblieben zu sein, wa» Crispi'r Groll gegen Frankreich aus'« Neue gesteigert habm mag, so daß er in seiner soeben gehaltene« Kammerrebe greller al» je hervortrat.
Welche» Gelichter an der internationalen Logenfeier thellgenommen hat, dürste am besten durch die Thatsache illustrirt werden, daß der anarchistische Verein „Bakunin" au» der Romagna viel bemerkt wurde. Da» ist in der That charakteristisch! Da» internationale Logenthum und die piemontefische Usurpation verbünden fich mit der ausgesprochenen Anarchie, um das Papstthum zu stürzen und die katholische Religion zu beschimpfen. Den in die Geschichte der geheimen Gesellschaften und der Revolutionen Eingeweihten ist das freilich nichts Neues mehr, aber den Regierenden aller Länder dürfte diese freche Hrrvor- kehrung des letzten Zieles gewißer Bestrebungen doch zu denken geben. Auch der Verein (!) der unter der weltlichen Herrschaft Pius' IX. wegen politischer Vergehen Verurtheilten wurde herzlich begrüßt. Ob auch die überlebenden Verbrecher, denen Pius IX. bei seinem Regierungsantritt unter dem Jubel der ganzen liberalen Welt die Pforten des Kerker» öffnete, und die ihm seine Milde später mit schmählichem Undank lohnten, an der Seite der Logenbrüder und Anarchisten marschirten, ist au» den bisherigen Berichten nicht zu ersehen.
Von den deutschen Kundgebungen, welche in Form von Adreffen an das römische Festcomitö gerichtet wurden, haben wir oben drei besonders hervorgehoben, nämlich das Begrüßungstelegramm des deutschen Protestantenvereins und die Adreffen zweier am persönlichen Erscheinen verhinderter Mitglieder des internationalen „Ehren-Comtts'»", des Prof. Häckel in Jena und de» römischen Ehrenbürgers und Geschichtsschreibers Ferdinand Gregorovius in München. Der deutsche Protc- stantenverein ist nur seinem alten Rufe treu ge- vor der Tochter seines einstigen Prinzipals stand, da dachte er, wie es möglich sei, daß man fich so verändern könne. Er wußte nicht — sollte er e» verblüht oder gealtert nennen — es war ein für ihn unbegreifliches Etwas, das sein früheres Ideal umgab. Das Unglück hatte eben jenem wunderholden Geficht seinen Stempel aufgedrückt. Jahre lang still getragenes Leid hatte harte Linien in die lieblichen Züge gegraben. Wie fie stch freute, bei ihm und seiner Gattin wohnen zu können! Wie sie ihre Scheu vor der fremden Umgebung überwand und der sorgliches Hedwig so herzlich dankte! In ihrer kindlichen Gutmüthigkeit hatte fie sogar der Kleinen nicht vergeßen und 3 Düten von erstaunlichem-Umfang und unergründlicher Tiefe entluden eine Menge Zuckerwerk, daß der Kinderjubel kein Ende fand. Aber weder die schmeichelnde Milly noch der beständig kauende Dick entlockten dem fist geschloßenen Munde und den müden Augen ein Lächeln.
„Was mag es sein?" fragten fich die beiden Gatten an diesem und noch an manchem folgenden Taye. Noch mehr verwunderten fie fich, als Elma von Wenden ganz London besuchte, als fie durch alle Straßen und Gaffen, Park», Gärten und Plätze fuhr, kein öffentliche« Gebäude, keine Pri-
blieben, al« er diesen gehässigen, da« katholische Bewußtsein vieler Milliemen deutscher Bürger schwer verletzenden Schritt unternahm. Mit lächerlicher Uebertreibung „bewundert der Verein den Muth de» italienischen Volke« (!?), mit welchem es dem kulturfeindlichen Klerikaltsmu» entgegen- tritt" und feiert mit z'emlich dürren Worten den Pantheismus des „großenPhilosophen" und „frommen Dichters", der stch, übrigens nebenbei bemerkt, gleich einem anderen abtrünnigen Mönche in seinen literarischen Produkten al« ein gemeiner Zotendichter entpuppt.
Auch Profeßor Häckel feiert in Giordano Bruno den ihm geistesverwandten Vertreter de« Pantheismus im Gegensätze zum Christenthum. Ma« muß es dem gotterleugnerischen Professor lassen, daß er in seiner „Adresse" aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht hat. Abgesehen von den gehäuften Beleidigung der kathol. Kirche« und ihre» Oberhauptes, die er als die Zwingburg de« papistischen Aberglauben»" beschimpft, von den blasphemischen Phrasen über den „hl. Geist", welcher von dem Bruno-Denkmal au»strahlt, und über die „Dreieinigkeit", zu welcher e» uns hin- führt, spricht Professor Häckel schließlich ganz offen den Gedanken aus, da« untergehende Papstthum möge recht bald au« dem Vatikan vertrieben werden und auf der Insel St. Helena oder auf einem anderen ozeanischen Elland sein Asyl finden. Neben dem infernalen Papsthaffe ist e« vor allem der lächerliche Eigendünkel, der au« diesem Phrasen- werk eine« liberalen deutschen Professor« hervorleuchtet. Der Mann scheint die Blamage ganz vergessen zu haben, die er fich durch die Entdeckung de« Bathybius-Urschleim« vor dem Forum seiner eigeniN.Fachwissenschaft zugezogen hat. Dabei spricht er ganz keck im Namen von „Deutschland und beliebt die 16 Millionen deutscher Katholiken und die hoffentlich recht zahlreichen Protestanten, welche weder mit ihm noch mit Giordano Bruno etwa« zu thun haben wollen, gänzlich zu ignoriren. Daß wir den parpierenen Vernichtungskrieg des Urschleim-Erfinders gegen da» Papstthum nicht ernst nehmen, brauchen wir wohl nicht zu verfichern.
Auch der Dritte im Bunde, Ferdinand Gregoro- viu», nimmt in feiner „Adr.sse" den Mund gar voll und läßt die Bruno-Feier vollziehen „im Name» der civllifirten Welt". Da» ganze Mach- werk ist ein Muster von schwulstiger Phraseologie vatanstalt wurde übergangen, und noch immer war e», al» ob fie einem Wahne, einem Phantaste- gebilde nachjage. Gelhard oder seine treue Hedwig begleiteten fie ans diesen sonderbaren Ausflügen, aber ihr Blick mußte wohl oft fragend auf ihrem Geiichte ruhen, und die einsapre Frau fühlte die».
Da endlich, al» wieder einmal eine entlegene Vorstadt durcheilt worden war, und der Buchhalter mit seiner Begleiterin schweigend über die Themse-Brücke schritt, blieb fie zögernd stehen und
9„©ie opfern mir so viele Zeit, folge« mir auf diesen rastlosen Gängen und nie haben Sie noch die Frage an mich gestellt, wa» ich hin will und suche!" — Aber Ihr Auge verräth Ihre Gedan- ken; entweder halten Sie mich für wahnfinnig obcc füt —■
„Stein," unterbrach fie Gelhard, „nur für ttef unglücklich. Aber ich glaube, daß ich Ihne« von größerem Nutzen sein könnte, wenn ich klar sehe« dürste!" .
„Vielleicht," antwortete Elma ausweichend, und trat dann in eine nahe Druckerei, um einen Aufruf in deutscher Sprache in eine große Anzahl englischer Zeitungen drucken zu lassen. Al» diese»