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133 Mittwoch, den 12. Juni.

fnlbaer W Zilmig

1889

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/ Selbftmordftatistik und Unfitt- lichkeit.

Die Selbstmorde haben in der neuesten Zeit in geradezu furchtbarer Weise zugenommen. Am schlimmsten steht es damit in den großen Haup!- städten, und zwar kann sich in dieser Hinsicht kaum eine einzige eine« Vorzuges vor den andern rühmen. Man braucht nur den lokalen Theil der Blätter zu verfolgen und wird fast täglich einen oder mehrere Fälle von Selbstmord finden. Geradezu grauenhafte Zffern bietet in dieser Hinsick t die Berliner Selbstmordstatistik für den Mai. In diesem sogenannten „Wonnemonat" haben in Berlin nicht weniger als 59 Menschen den frei­willigen Tod gesucht, darunter 38 Männer, 9 Frauen, 11 Mädchen und 1 Knabe. 21 Selbst­mörder wurden gegen ihren Willen noch rechtzeitig gerettet. Wenn man nach den Ursachen dieser Selbstmordmanie fragt, so ist die generelle Ant­wort ziemlich einfach. Sie liegen außer in dem sozialen Elend vor allem in der überhandnehmen- den Religionslosigkeit und der mit dieser eng verschwisterten Sittenlosigkeit. Ein reli­giöser und moralischer Mensch, der an eine Ewig­keit und Unsterblichkeit glaubt, findet selbst in der schlimmsten materiellen Roth einen inneren Halt, der ihn vor der äustersten Verzweiflung rett-1, ein moralisch verkommener, genußsüchtiger und glaubensloser Mensch dagegen greift schon in nur eingebildeter und momentaner Nothlage zu dem Nntversalmittel, sich den Lebcnrfaden abzuschnei­den. Mit den zunehmenden Selbstmorden nimmt auch die Sittenlosigkeit in den Großstädten zu, so daß der Schluß von letzterer auf erstere nur zu sehr gerechtfertigt erscheint. Eben erst wurden gerade in Berlin wieder einmal ganze Wagen­ladungen von unzüchtigen Druckschristen von der Kriminalpolizei beschlagnahmt. Aus dem Preise jener Drucksachen geht hervor, daß für derartige Artikel in Berlin unglaubliche Summen verausgabt werden. Wie es in L o n d o n und Part« in diesem Punkte ausfchaur, wissen selbst solche, die nicht Gelegenheit gehabt haben, sich persönlich von den dortigen, thetlwcise fast un­glaublichen Zuständen zu überzeugen. Wie weit

x ftiu; in Wende».

Novelle von Marga »rechten.

(36. Fortsetzung.)

9. Kapitel.

Jenseits der Küste.

Sprachst, Du würdest wiederkommen, Sagtest ja, daß Du mir gut; Und ich schaue so beklommen. In dem Herzen Sehnsuchtsgluth!

Still vom Berge schau' ich nieder In dem letzten Abmdschein;

Vögel kommen, Laub und Lieder, Und nur ich bin ganz allein.

Franz Alft. Muth.

XXI.

Am Ende einer der gewerbreichen Vorstädte London'« lag ein sehr altes, schloßartiges Ge­bäude. Seiner Bauart nach mochte es etwa au» dem 15. Jahrhundert stammen; mit Bestimmtheit wußte man nur, daß es ursprünglich von einem großen Parke umgeben und der Stammsitz eines ansehnlichen Grafengeschlcchtes gewesen war. Nach und nach war die Familie in Verfall gerathen und späterhin ganz ausgestorben. Seitdem ge­langte da» reiche Anwesen in andere Hände; die Wirthschastshäuser wurden zu Lagerräume» um» geschaffen und inmitten jener schönen Parkanlagen erbob sich schon seit Jahrzehnten ein ausgedehntes Fabrikgebäude, au» dessen mächtigen Schloten Tag

die systematische Unstttlichkeit oder, wie man euphe­mistisch sagt, der „Naturalismus" in Paris auch schon in der O.ffentlichkeit um sich gegriffen hat, geht u. A. aus einem soeben erschienenen Jllu- st.ationrwerk „Le Nu au Salon" hervor, welches au» dem alljährlich erscheinenden illustrirten Pariser „Salon" nur die Nuditäten mittheilt und schon auf dem Titelblatt eine Gallerte dieser anstößigen Bilder vorweist. Hier kann man doch wahrlich nicht mehr von einem „Kunstzweck" sprechen, denn in dieser absichtlichen sZusammenstellung ist die Gemeinheit, die Unsittlichkeit und Verführung Selbstzweck. Diese» Buch „Le Nu au Salon" wird zur Zeit in den Schaufenstern fast aller „Kunstläden" unserer Hauptstätte öffentlich feit« geboten. Man wendet sich sonst so gern mit patrio­tischer Entrüstung gegen die sklavische Nachahmung französischer und Pariser Sitten und Moden, aber auf die französische Sittenlosigkeit scheint diese Warnung nicht immer bezogen zu werden. Au« einer andern Großstadt, au» Budapest, wo das Laster von jcher einen sehr fruchtbaren Boden fand, wird soeben ein von der Geheimpolizei ent­deckter unbeschreiblicher unsittlicher Skandal ge­meldet, bei welchem nur „vornehme" Herren und ganz blutjunge Geschöpfe meist aus „guten" Familien die Hauptrolle spielen. Die Schilderung, welche das .Budapester Tagblatt' von den dortigen Zuständen gibt, lassen tief blicken. Und unter solchen Verhältnissen, wie sie mutatis mutandia auch in anderen Großstädten theils offen, theils geheim bestehen, wundert man sich noch, daß die Zahl der und der Verbreche?

wächst und die staatliche ebensowohl wie die reli­giöse Autorität immer mehr an Boden verliert. Videant consules!

Deutsches Weich.

Berlin, 11. Juni.

• Der Schah vonPersienhat seinen Aufent­halt in Berlin noch um einen Tag verlängert und wird voraussichtlich erst am Donnerstag von hier weiter reisen. — Im Jahre 1873 war der Schah zum ersten Mal auf Reisen und auch in Berlin. Man knüpfte an die damalige Reise des persischen

und Nacht schwarzer Rauch aufstieg, der die Mauern und Thürmchm de« alten Herrenhauses bald roch dunkler und verwitterter erscheinen ließ. In der nächsten Umgebung waren mit der Zeit zahlreiche Arbeiterwohnungen entstanden, und die niedrigen, armseligen Hütten bildeten jetzt ein dich­tes Gewirrs von dunüen, engen und schmutzigen Gaffen, welche sich bis zu der eigentlichen City hinzogen. Aber es gab auch hier ein stilles, an« muthiges Plätzchen, da« in seiner anspruchlosen Lieblichkeit an jene frühere Zeit erinnerte, wo statt de» eintönigen Geräusche» der arbeitenden Ma­schinen fröhlichere Laute erklungen und statt der abgehärmten, dunklen Gestalten der Arbeiter hei­tere Menschen unter üppigen Baumgruppen um­hergewandelt waren.

Wenn man seitwärts an bet hohen Mauer de« Hauptgebäudes entlang schritt, so kam man auf einen schmalen Pfad, welcher link» von der Rück­seite mehrerer Beamtenwohnungen begrenzt ward. Mitten durch lief eine enge Gasse, welche mit leise plätscherndem Geräusch den Alfluß au« den Fabrikräumen entführte und die ganze Atmosphäre mit einem widerlichen Gerüche erfüllte. Es war überhaupt ein unangenehmer Weg, und Niemand betrat ihn gern zur Nachtzeit. Die Fabrikktnder vermieden ihn schon in der Dämmerung; denn es ging eine alte Sage, wonach der ehemalige Be­sitzer be» gräflichen Gutes dort umgehen und in

Monarchen manche Hoffnungen. Besonders ein bekanntes W-lthau« meinte, aus Persien mrde nun ein Land mit europäischen Staatsschulden re. werden. Persien schloß sich 1873 der Genfer Konvention an. Der zweite Aufenthalt der Schah in Berlin wurde weniger bemerkt; er fiel in die traurige Zeit de» Nobiling'schen Atten­tats. Der Schah kam nämlich in Berlin am 1. Juni 1878 an; am 2. Juni erfolgte da» Nobi- ling'sche Attentat auf Kaiser Wilhelm und am 3. Juni reiste der Schah schon wieder von Berlin ab. Zur Zeit sind die geschäftlichen Bezieh­ungen zwischen Deutschland und Persien noch ge­ringe. Sie beschränken stch in der Hauptsache auf die nicht unbedeutende Einfuhr von Teppichen und Edelsteinen. Aber gerade weil die Bezieh­ungen zu Persien noch geringe sind, hat Deutsch­land wohl ein lebendiges Inter«sie, scharf aus­zublicken, daß ihm bei der Zulassung europäischer Bewerber nichts entgehe. Dis deutsche Regierung bekundete den Werth, den sie den Beziehungen zu Persien beilegt, durch die vom Reichstag beschlos- sene Erhöhung des Gehalts des Gesandten in Teheran (Hauptstadt von Persien) und durch die Errichtung eines Lehrstuhles für das Persische in dem orientalischen Seminar. Da Fürst Bis­marck kurz vor der Ankunft de« Schah Berlin verlassen und sich in seine Varziner Einsiedelei zurückgezogen hat, so scheint c» sich um hochpoli­tische Dinge bei der diesmaligen Anwesenheit des Schah in Berlin nicht zu handeln. Der Schah wird mit Rücksicht auf die geographische Lage seines Reiche» besonders von zwei Seiten umworben. Ruß­land und E n äla ndsrnd immer in einem Wettlauf um die Gunst Per siens. In P e t e r s b u r g ist der Schah neuerding» sehr gefeiert worden, aber in die Freude ist doch ein bitterer Wermuthstropfen gifaßen. Denn wie au» Petersburg berichtet wird, soll der Zar vor seiner Verabschiedung vom Schah diesem persönlich energisch seine Meinung über die persische Politik au«gedrückt haben; sollte der Schah sich ßtzt bei seinem Besuche in England abermals zu Rußland ungünstigen Zugeständnissen hinreißen lassen (Anspielung auf die 1873er per­sischen Zugeständnisse an England), so möge er vorher bedenken, daß stch läng» der persischen

jeder Samstag - Nacht den Weg nach dem Hause des ebenfalls längst verblichenen Schloßgeistlichen einschlagen feilte.

Ja, sie stand noch wirklich da, die graue, alter- thümliche Pfarrwohnung, genau dort, wo jener unheimliche Mauerpfad sich plötzlich erweiterte und den Blick auf ein hell vor der Junisonne beschie­nenes Plätzchen gewährte, liefet der Eingangs« thür de» niedrigen Gebäudes befand sich noch unter dem verwitterten eichenen Schnitzwerk ein kleine» Kreuz nebst Buch, welche offenbar auf die Berufsthätigkett de« damaligen Bewohners hindeu­ten sollten. Große, röthlich angehauchte Blätter von wildem Wein rankten sich an den mächtigen Quadersteinen bis fast unter da» überhängende Dach hinauf. Der kleine, von einem niedrigen Gitter umzogene Fleck vor dem Haufe war in einen winzigen Garten umgewandelt worden. Runde Beete mit Hunderten von vielfarbigen „Je länger je lieber" wechselten mit Rasenplätzen von jenem herrlichen Smaragdgrün ab, welche« nur dem englischen Rasen eigen ist. Auf dem mit dunkel- rochen Maasliebchen eingefaßten und sauber mit geifern Kies bestreuten Wege, der von der kleinen Gartenpforte bi» zur Hausthür führte, lag eben jetzt ein Spielzeug, ein umgeflürztes Wagenpferd, festen grellen Farbenanstrich die glühende Sonne beträchtlich bleichte.

Die Fenster de« Harste» standen weit offen, und