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jV 131 Samstag, den 8. Juni.

Fuldaer W Zeitaiz.

1889

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Zweites Blatt.

s Mgsträslciu.*»

Novellette von L. v. Heemstede.

CW/Js war am Abend vor Pfingsten. Eine heilige Feiertagsruhe senkte fich auf die Os blühende Erde und in die Herzen der Menschen, die mit Gott und mit einander in Frie­den lebten.

Zu dem weltentlegenen Dorfe in der weiten stillen Haide drang der Lärm und die Unruhe der neuen Zeit nicht herüber; keine glänzende Schic» nenkette zerrte die schlichten und anspruchslosen Bewohner, die vom Ertrag ihre» Acker», ihrer Weide und ihres Bienenstandes nothdür ftig lebten, in den rasenden Wirbel des Dampfes hinein; das Stampfen, Schnauben und Gellen des eisernen Roffes schreckte keinen aus dem Schlafe empor; der verzehrende Wettkampf um’» Dasein ward der bedürfnißlosen Armuth erspart, und was vom Treiben der großen Welt, dem Streit der Völker und Fürsten in das Haidedorf drang, ging fast spurlos am Gemüth dieser in fich abgeschlossenen patriarchalischen Gemeinschaft vorüber.

Taufe, Hochzeit und Begräbniß, da» waren die einzigen Ereign sie, welche in die Eintönigkeit des Lebens einigen Wechsel brachten.

Die Wochentage waren der Arbeit, die Sonn» und Feiertage dem lieben Gott und der Ruhe ge­widmet.

Mitten im Dorfe stand ein kleines Kirchlein, durch kein äußeres Zeichen Styl oder Alter ver- rathend.

Der stlberlock'ge, von der Bürde der Jahre be­reit« gebeugte Pfarrer war feit einem Menschen­alter al» Herr und Vater von Allen angesehen und in Ehren gehalten; mit den Greisen war er zum Greis geworden, die männlichen und weib- lichen Familienhäupter hatte er sämmtlich zum Tische des Herrn geführt, und der ganze Nachwuchs bis zu 30 Jahren und darüber hatte von seiner Hand das Master der Wiedergeburt empfangen.

Wenn irgendwo auf Erden, fo war hier in dieser der dürren Haide mühsam abgerungenen

*) Nachdruck nicht gestattet.

x Mr voll Wende».

Novelle von Marga Brechten.

(34. Fortsetzung.)

Ach, wie unendlich traurig waren diese Weih­nachtsfeier tage für sie I Immer wieder und wieder marterte sie ihren Kopf mit fruchtlosem Nachdenken über den Grund, welcher ihren Mann zu seiner grausamen Handlung bewogen haben könnte. Sein letzter Brief war der innigste, herzlichste von allen gewesen; er ha'te so sehnsüchtig geklungen.

Dann war er gekommen, um sein Weib nach einigen Minuten von fich zu stoßen. Auch nicht des kleinsten Fehlers, selbst nicht eine» Gedankens, der nicht die treueste Liebs athmete, war ste sich bewußt. Vielleicht hatte er den Entschluß, sich von ihr zu kennen, schon in England gefaßt und wollte nur erst selbst da» Erbe überbringen. Also wa» war e»?

Seltsam, während Elma fich mit rastlosem Grübeln plagte, glaubte man in der ganzen Stadt, zunächst im kleinen Kreise ihrer Bekannten über Alle- genügend berichtet zu sein, unb sprach allgemein fibet da« Unglück. Man bedauerte und beklagte da« Schick-al der armen Dame aufrichtig, und manch' überspannter Mädchenkopf beneidete da« romantische Loo» der Tochter de« Bankier». Er klingt wie ein Roman, sagte die jüngere Welt.

Oase ein Stücklein de« verlorenen Paradiese« hän­gen geblieben.

So mochte wenigstens der Graubart denken, der in seinem von einer mächtigen Buchevhccke umfrie­deten Garten mit seelenvergnügtem Gesichte zwischen den wohlgepflegten Blumenbeeten einherschritt, seine prächtigen Rosenflöcke wie mit bewundernder Zärt­lichkeit musternd und mit seiner Scheere die ent­blätterten Knospen und alle schadhaften Zweige sorgfältig fortschneidend.

Vom nahen Kirchlein trug der Helle Glockenton den Gruß des Engels herüber.

Der Alte legte Scheere und Strohhut auf einen Gartenstuhl und verrichtete in Andacht sein Gebet.

Gleich darauf trat eine Matrone mit blühendem Angestcht und schneeweißem Haar, da« von einer seidenen Spitzenhaube halb bedeckt war, aus dem von Epheu und wildem Wein umsponnenen ein­fachen Landhause hervor und stellte dem würdigen Ehe Herrn die mit duftigem Kraut gestopfte Sonn- tagrpfeife zur Hand.

„Komm Johanne« I" sagte sie mit dem freund­lichen Lächeln, da» fich ihren Zügen unvertilgbar eingeprägt zu haben schien, „der Arbeit ist genug geschehen. Der Garten prangt im schönsten Feier» tagSkleid. Wir wollen in der Laube ein wenig fitzen, bis Kathrin das Abendbrod angerichtet hat. Herrlicher ist nicht« auf der Welt, als der Abend vor einem Feiertag, besonder« vor dem Pfingst- feste, wenn die ganze Natur vom Glanz und Duft der Rosen erfüllt ist."

Gern war Johannes der Einladung seiner sorg­samen Hausfrau gefolgt. Gemächlich im geräu­migen Rohrsesiel vergraben, hatte er die Pfeife in Brand gesetzt und in langen Zügen den Wohlge­schmack de« narkotischen Kraute» einschlürfend, meinte er schmunzelnd: „Na! wenn der prosaische Tabak Dir nur nicht den poetischen Rosenduft ver­kümmert!"

Dann paffte er behaglich weiter und überließ sich, wie von keinem einzigen störenden Gedanken behelligt, vollkommen der Ruhe und Beschaulichkeit.

Auch die Matrone schwieg und eine Zeit lang vernahm man nicht» al» da» geheimnißvolle Rau­schen de» nahen Tannenwalde», da» Bellen eine» Hunde», da» Knarren eine» vom Felde heimkeh-

„Nach ihrem Hochzeitstage verliert sie ihr unge­heueres Vermögen und wird arm, und nun da der Mann nach vielen Jahren ein neues Erbe haben will, findet er seinen Tod in den Wellen." — „Ein Glück, daß wenigstens da» Geld gerettet sein soll," sprach mancher kalt berechnete Mann in der Gesellschaft, und die Frauen fügten hinzu: „Eine W.ttwe, schön, jung, reich, wer weiß!"

Sie aber, die e» am nächsten anging, wußte von Allem Nichts. Auch an da» Geld hatte die arme Frau noch mit keinem Gedanken gedacht. Erst gegen Abend fiel ihr ein, daß da» noch ver­siegelte Packet, außer dem Selbe, einen Aufschluß enthalten könne. Truda brachte bk bret verlangten Gegenstänbe unb legte, sie nur mit den Finger­spitzen berührend, auf ein Tischchen neben dem Sopha nieder. Die gute Alte empfand eine fast abergläubige Scheu, und e» graute ihr vor dem Handschuh und den großen merkwürdig deutlichen Schriftzügen, al« ob sie von der Hand eine« lobten stammten.

Elma brach die 5 Siegel und löste den Bind­faden und Umschlag, »laue K ffenschetne, welche sämmtltche die Ziffer 50 trugen, lagen darin; da» Geld war also schon umgewechselt und bekug im Ganzen die Summe von 50000 Mark.

Franz von Wenden war zu stolz gewesen, um auch nur einen Pfennig von dem Erbe an fich zu

renden Wagen« oder da» schüchternde Locken einer Nachtigall im dämmernden Gebüsch.

Jeder hing seinen Träumen nach.

Ob die nämlichen Bilder Beiden vor die Augen traten? Mi M

„Na, Marianne!" sagte Johanne», fich nie plötzlich besinnend, ,,fäh' uns ein Fremder, er könnte meinen, wir schmollten wie in der seligen Brautzeit. Gad’r nicht» New» im Doife hem’?"

„Ja, die Geschichte m't dem K steiflicker will mir halt nicht aus dem Sinn."

„Hast Du Näheres davon gehört?"

„Das ganze Dorf spricht davon. Als der böse Mann heute früh vor der Kirche sein armes Weib so jämmerlich zerbläut hatte, ist er mit dem Hunde­karren, dem elenden Strohsack und den paar zer­schlagenen Töpfen auf und davongezogen und hat die Frau mit den beiden armen Würmchen allein zurückgelaffen. Der Unmensch! Da» arme Weib machte einen ganz ehrbaren Eindruck, aber sie hustet zum Erbarmen. Ich hab' ihr eine Suppe geben lasien und den zerlumpten Kleinen ein paar wollene Röckchen — von unserem Röschen, weißt Du — e» war mir schwer genug, mich davon zu trennen — aber die Engelchen brauchen ja keine Kleider mehr . . . ."

Diese l tzten Worte waren von einem tiefen Seufzer begleitet und eine Thräne stahl sich au« dem Auge der kinderlosen Mutter.

„Ja, Marianne! Da» fehlt an unserem Para­diese — da» lebendige Röslein — 10 Jahre ist e» schon beim lieben Gott — gerade um Pfing­sten herum hat Er es zu fich genommen — Er wolle' es als Pfingströslein in Seinen schönen Garten versetzen — das ist e», was mir in dieser Rosenblüthenzeit das Herz oft schwer machen will. Doch erzähle weiter!"

Die Matrone trocknete sich die Augen und fuhr fort: „Als die arme Frau ein wenig gestärkt und ausgeruht war, schickte sie sich zum Weitergehen an. Sie erkundigte fich nach dem nächsten größeren Orte, wo ste für fich und ihre Kinder eine Unter­kunft im Armcnhause finden könnte. Unser Herr Pfarrer nahm sich ihrer liebevoll an, gab ihr eine Empfehlung und einen Zehrpfennig mit auf den Weg ; mitleidige Seelen trugen ihr Scherfl in dazu bei, und iddem sie sich mit feuchten Blicken, die nehmen und so war er, von allen Mitteln entblößt, ihre Liebe und den heimathlichen Herd verschmähend, hinaus in die ferne weite Welt gegangen. Wohin?

Mit feuchten Blicken betrachtete ste seine i b- schiedrzeilen, und zum ersten Male flog ihr Auge über den oben stehenden Brief, welchen ste am Morgen jene» Tage» erhalten halte. Ach, wie gleichgültig war ihr jetzt jene Familie mit dem ganzen Anhang! Und dennoch la« ste jetzt da« Billet mit großer, immer steigender Aufmerksam- teil. — Ein Strahl de« Verständnisse» fuhr durch ihre Seele. — Franz mußte e« gelesen haben, und wie leicht ließ fich der Sinn de« Briefes ander« deuten! Sie betrachtete die Unterschrift — ja auch diese mußte Verdacht erregen, aber dann schrie e« in ihrem Herzen auf, daß nur bet Blick eine« argwöhnischen, eifersüchtigen Manne« barauf hin ein vorschnelle» U.theil fasten konnte! Jeber aufrichtig liebende Gatte würbe nach weitern Be­weisen geforscht unb sein ihm Jahre lang treu ergebene« Weib nicht um eine« fremben Briefe» willen verkästen haben. Ihr ganzer Stolz bäumte fich bei biesem herben, verletzenden Gedanken auf; fie trocknete ihre Thränen, der Brief mit der Unterschrift unb den Z-ilen Wenden'« aber wurde sorgfälttg verschlossen und verwahrt. Kam Wenden zurück, so sollte er zu ihren Rechtfertigung dienen.

(Fortsetzung folgt.)