1889
Donnerstag, den 6. Juni.
jcitung
Muer
Berlin demonstrativ gegen den Hk. Stuhl und seine I unveräußerlichen Rechte ausgebeutet wurden. Er erklärte, diese Vorgänge hätten ihn tief gekränkt, aber er werde trotz Allem fortfahren, die Rechte de» hl. Stuhle» und der katholischen Kirche zu wahren und laut geltend zu machen.
* Der Bundesrath berieth heute über da« Gesetz, betreff. dieJnvalidität»- und Alter»- Versicherung, wie e« au» denBerathungcn de» Reichstag» hervorgegangen ist. Die rom Reichstage beschlossene Fassung wurde angenommen. Auf der heutigen Tagesordnung stand ferner die Beschlußfassung über die Betheiligung des Bunde»- rathe« an der 800jährigen Jubelfeier de» sächsischen Königshauses.
* Eine Versammlung vonBauunternehmern und Bauinteressenten beschloß ihr bisherige« Angebot von 55 Pfg. Stundenlohn bei.lOstündiger Arbeit festzuhalten. Der Maurer- und Zimmer- strike hat eine sehr starke Inanspruchnahme der Sparkasse zur Folge. Am Sonnabend wurden bei der städtischen Sparkasse ca. 106,000 Mk. mehr ausgezahlt al« eingezahlt.
* Im verflossenen Monat Mar hat die Zahl der Selbstmorde in Berlin eine Höhe erreicht wie nie zuvor. Nicht weniger al« 59 Personen versuchtem ihrem Leben ein Ende zu machen. Doch war nur in 38 Fällen der Ausgang ein tödtlicher.
• Heute Nachmittag 5 Uhr hat der erste Orient-Kourierzug den Bahnhof Friedrich, straße verlassen. Derselbe trifft Abend« 11 Uhr | 17 Min. in Brerlau, morgen, Donnerstag Nachmittag Vl4 in Budapest, Abend« 10 Uhr 5 Min. in Belgrad, Freitag früh 5 Uhr 17 Min. in Risch und am Samstag früh 8 Uhr 15 Min. m Konstantinopel ein. Die 2371 Kilometer betra- gendr Strecke Berlin-Konstantinopel wird in 62 bi« 63 Stunden zurückgelegt. Bei Festsitzung de« Fahrplan» der Orient - Komierzüge ist auch aus den beschleunigten Verkehr mit Hamburg und Köln Rücksicht genommen worden.
* Gestern haben Wolkenbrüche vielfach großen Schaden angerichtet. Die Ingolstädter und Regensburger Hauptbahnlinien, sowie die Linie Wa- dern-Wildungen wurden beschädigt und so der Verkehr unterbrochen.
• Die Umgegend von Reichenbach rm sächsischen Voigtland ist gestern abermals durch heftige« Gewitter und Wolkenbrüche heimgesucht worden. Auch Greiz ist durch neue Ueberschwemm- ungen betroffen worden. Die Stadt Reichenbach
Frau schob ihre Hand dazwischen und fragte, ob vorhin nicht ein Herr abgereist sei, groß und stark mit einem braunen Vollbarte und eleganten Aussehen. „Doch, ich erinnere mich, er war vor zwei Stunden vorher mit dem Zuge von Hamburg angekommen und hatte sein Gepäck noch hier. Eoen löste er rin Billet zur Rückfahrt mit dem Nachtzuge," sagte der Beamte höflich, aber sichtbar ungeduldig. „Wo?" rief Elma, nach Luft rin» geno. Em hinter ihr stehender Portier wie» mit stummer Geberde nach der Au»gang»thüre. —
Fahrt zu beschleunigen. Dann wieder fuhr sie empor und schaute durch die halb zugefrorenen Scheiben: „Hotel du Noro" stand da; o, sie waren also erst m der kleinen Gallgrstraße, wie langsam die Pferde vorwärts kamen. Da endlich — glänzten die Lichter de» Bahnhöfe»; eine Sekunde noch, und sie stand mit ihrer Begleiterin in der Halle. Es waren nur wenige Personen dort, und Elma's Tritte hallten laut auf dem Steinpflaster wieder. Nur ^vorwärts, vorwärts zum Schalter! „Für den Zug wird'» zu spät ~ ' '* sagte der Beamte schläfrig und
zeigt ein Bild furchtbarer Verwüstung. Die Carolinenstraße ist in ihrer ganz-n Länge 1 Meter tief aufgerissen. Die industriellen Etablissement» sind thell» durch Verschlammung der Maschinen, theil» durch Wegschwemmung de» Rohmaterial» außer Betrieb gesetzt. In der Umgebung von Reichenbach find die Felder und Wiesen zum großen Theil zerstört, Straßen und Wege zerrissen und die Brücken abgebrochen.
* Bochum, 4. Juni. Die Ausführungen der Post über d»e für den Rücktritt de« frühem Ober Präsidenten v. Hage meist er maßgebend ge- wesenen Gründe werden im Kohlenrevier bedeutender Aufsehen erregen. Bi» jetzt hat man hier nämlich geglaubt, daß gerade Herr v. Hag'meister sich entschieden gegen die Verhängung de» Belagerungszustandes über das Strikegebiet ausgesprochen, und daß er sich durch seine Bemühungen in diesem Sinne in Gegensatz zu dem Ober- Kommando gesetzt habe. Es liegen nach der ,Köl. Ztg.' auch einzelne Thatsachen vor, die diese Annahme zu rechtfertigen geeignet erscheinen-, vielleicht bl-iben deshalb die Ausführungen der Post nicht unwidersprochen.
• Der Redakteur de» Münchener .Vaterland' Dr. Sigl ist wegen eines Artikels anläßlich des Tode» der Königin-Mutter von Bayern zu sechswöchiger Haft verurtheilt worden.
Ausland
• Der Präsident der französischen Republik Car not, ist von seiner Rundreise nach Part« zu- : rückgekehrt. Zuletzt war er in Bolozne, wo er eine Flotlenrevue abhielt.
• DieGiordano Bruno-Feier in Rom soll vier Tage dauern: am Samstag ist Empfrng der auswärtigen Drputationen und Konferenz de» Professors Trezza über das Leben und die Werke de» Philosophen von Nola; am Sonntag um 10 Uhr ist die Inauguration de» Monuments, Nachmittags Festmahl und Abends Illumination der alten Denkmäler Rom»; Montag ist Gedächtmß- feier Garibaldi'» und Gala-Vorstellung im Theater Costanzi; und am Dienstag die erste Vorlesung des Professor» Bovio über Dante, der sich natürlich gefallen lassen muß, für Giocdano Bruno mißbraucht zu werden. Viele Leute verlassen Rom aus Furcht vor wüsten ©eenen. Giordano Bruno ist, wie schon früher erwähnt wurde, ein vor 300 Jahren von der katholischen Kirche abgefallener Mönch, den die Geschichte als einen der frechsten
Lentfche» Reich.
Berlin, 5. Juni.
* Am 15. August findet eine Parade der Berliner Garnison zu Ehren W Kaisers von Oesterreich statt, dessen Ankunft in Berlin ein oder zwei Tage vorher erfolgen dürste.
* Der Schah von Persien trifft am Sonntag, dem ersten Pfingstfeiertag, Nachmittag» 6 Uhr zum Besuche der kaiserlichen Majestäten hier ein. Der Schah wird nur etwa drei Tage in Berlin verweilen. Zu seinem Empfange versam- mein sich die hier anwesenden Generaladjutanten, Generale ü la suite und Flügeladjutanten de» Kaiser», sowie die gesammten aktiven Generale der Garnison. Auf dem Wege vom Bahnhofe nach dem Schlosse Bellevue, wo der Schah Wohnung nimmt, wird der Wagen, in dem der Kaiser mit seinem Gaste Platze nimmt, durch eine Eskadron Ulanen eskortirt. — Hierauf wird der Schah sich nach Hannover und Münster begeben und dann Amsterdam, Haag und Brüssel besuchen. In Eng- land gedenkt der Schah 25 Tage zu verweilen, worauf ein 18 tägiger Aufenthalt in Paris folgen soll. Von Frankreich geht die Reise nach der Schweiz und zwar nach Lausanne, Bern und Zürich, sodann besucht der Schah Süddeutschland und zwar Stuttgart drei Tage, Baden-Baden fünf Tage und München 4 Tage. In Oesterreich wird der Schah zunächst in Salzburg, Linz und Pest mehrere Tage verweilen. Am 18. Sept, trifft er zu zehntägigem Aufenthalt in Konstantinopel ein, reist dann nach Wien zurück und tritt von da die Rückreise über L.mberg nach Rußland an.
• Der Kronprinz von Griechenland, welcher einige Wochen als Gast der Kaiserin Friedrich in Homburg wellte, hat sich nach Wien beaeben, um von dort au« gemeinschaftlich mit seinen Eltern nach Petersburg zur Hochzeit seiner Schwester zu reisen. Der Aufenthalt in der russischen Haupt- stadt ist für längere Zeit bemessen. Von Peters- bürg au» werden der König, die Königin und der Kronprinz von Griechenland nach Berlin kommen. Alsdann sollen alle Einzelheiten in Betreff der Vermählung des Kronprinzen Konstantin mit der Prinzessin Sophie von Preußen geregelt werden.
• Der Papst hat sich in den letzten Tagen mehreren politischen Persönlichkeiten gegenüber sehr darüber beklagt, daß verschiedene Zwischenfälle während des Besuche» de» König« Umberto in
gang im Flur hängenden Mantel und ein paar warme Tücher zu ergreifen und ihre Gebieterin einzuhüllen. Dann schritten B-ide in die Nacht hinaus; Elma, wie gehetzt voraneilend, so daß die Alte kaum zu folgen vermochte.
E» schneite wieder, die eisigen Flock-n wirbelten ihnen in da« Gesicht; die Luft war kalt und dunkel; nur au« manchem Fenster, unter dem sie vorüberkamen, fiel da« strahlende Licht eine« brennenden Weihnachtsbaume« und erhellte eine kurze ÄSÄt te I W. d-- S--M- WWgunb
L°°7Ul- Si He Äe. ä«« X U. b-n Schieber Wi-i«. Mer »e bi-eche Hause». Ein Wagen fuhr vorüber. Truda winkte, t*'d' hrtlTn,i<+’p" 1lnb fraate‘ ob
und Elma sprang hinein, nachdem fie dem Kutscher ein blitzende» Goldstück gereicht und ihm: „Nach dem Bahnhose!" zugsrufeu hatte, so laut, daß er erstaunt murmelte: „Na, die hat'» eilig." Er hieb aus die Pferde ein, und dahin brauste der Wagen, daß die wenigen Fußgänger aus die Sette flüchteten. Drinnen aber war Elma von ihrem Sitze auf den Boden niedergekauert, fie stemmte ihre Knie gegen den Rückfitz de» Wagen», al» wollte fie mit ihrer schwachen Kraft versuchen, die
x jrav; voll Wenden.
Novelle von Marga »rechten.
(32. Fortsetzung.)
Wie lange sie so dagelegen, ob Stunden, wußte sie nicht; aber plötzlich versiegten die Thränen, ihre Kaiee schmerzten, fie hob da» bleiche, verweinte Geficht und versuchte fich aufzurichten. Indem schlug der melodische Ton der kleinen Uhr an ihr Ohr; e« war halb 10 und bet diesem Laut fuhr ein Gedanke durch ihren schmerzenden Kopf; — o, wie dieser schwache Hoffnungsstrahl dem zum Tode erschöpften Körper Kraft verlieh ! Sie stand auf und stürzte nach der Küche. „Truda," sagte fie mit hohler Stimme und schüttelte dieselbe rauh am Arme, komme mit nach dem Bahnhofe !" Die alte Dienerin blickte ihre Herrin zau- dernd an. „O Gott, gnädige Frau, nehmen Sie erst einen Schluck warmen Thee, dann will ich mit ihnen gehen, wohin Sie wollen, aber gehen Sie nicht so; Sie könnten fich dm Tod holen bei der Kälte." Aber diese hörte nicht mehr, sondern schritt, wie geistesabwesmd, der Ganglhür zu. Truda hatte eben noch Zeit, den vom letzten Aus-
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