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jyg 128 Mittwoch, den 5. Juni.

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1889

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Strike und nichts als Strike.

Wer ist schuld dura«?

w Hören und lesen wir die Ansichten der Fa- brikherren, der Aktionäre und Besitzer der Berg- u,erke, so tragen alle Schuld die Arbeiter: denn sie find stet« unzufrieden, fordern immer mehr Lohn und weniger Arbeitszeit.

Hören wir die Aussprüche der Arbeiter, so tra­gen alle Schuld die Arbeitgeber: denn fie verlan­gen viel Arbeit und woll:n nicht», d. i. so wenig als möglich bieten; fie nützen den Arbeiter aus, entziehen ihm die Kräfte, ur.b ist er alt, so über­laden fie ihn dem Schicksal — gleich der Citrone, der die Köchin den letzten Tropfen Saft auspreßt und fie dann ins Auskehricht wirft. Der Arbeiter lebt der Anficht, daß der Arbeitgeber das, um was er nach Abzug und Schadloshaltung reicher geworden ist, ihm entzogen r fp. ihm zu wenig verabreicht hat.

Wir sehen au« diesen Kontroversen, daß beide Theile die Schuld nicht bei stch suchen, sondern — den Kindern gleich — dieselbe auf Andere schieben.

Der Artikelschreiber ist der Anficht, daß die erste und größte Schuld auf den Schultern der Fabrikherren und Aktionären ruht; denn fie haben selbst die Lehren des Christenthum«, die allein da» rechte Verhältniß zwischen König und Bettler, Vor­gesetzten und Untergebenen Herstellen, über Bord geworfen. Sehr viele Reiche und Hochgestellte wollen nichts mehr wissen vom Worte Gottes, halten keinen Sonn- und Festtag mehr; von einer Theilnahme an christlichen Vereinen u. f. w. ist keine Rede; ja fie befördern antichristliche Ver­bindungen und Vereine, führen dar große Wort, nehmen vielfach Thesi an den Versammlungen in den Freimaurer-Logen und lasten fich al« Mit­glieder ausnehmen.

Jedoch wären unsere gegenwärtigen Strike-Er­scheinungen nicht so schnell reif geworden, wenn den Arbeitern nicht der Glaube an Gott und Ewigkeit genommen worden wäre. Denselben wurde thell« direkt, theil» indirekt verboten, christlich zu leben. Direkt lautet da» Verbot: „Wr nicht am Sonntag arbeiten will, wird entlasten." Indirekt wirkt da» üble Beispiel de» Aktionär» oder Fabrik­besitzer«, der in der Kirche stet» durch seine Ab­

wesenheit glänzt, und wenn er an König« und Kaiserfesten sich einfindet, fich benimmt, al« ob er im Theater wäre. Wer Wind säet, wird Sturm ernten.

Eine zweite Schuld der Arbeitgeber liegt darin, daß fie in der Auswahl der Arbeiter nicht wäh­lerisch zu Werke gehen. Wer viel leistet und wenig fordert, ist der rechte Mann, wenn sein moralisches Leben auch ein verkomm-ne« ist. Wird wohl die Arbeit eine» solchen Menschen gesegnet sein? Und doch sagt ein alte» Sprüchwort: „An Gotte- Segen ist Alle« gelegen."

Zudem werden die Arbeiter doch vielsach zu karg behandelt und ihnen kaum geboten, um fich und ihre oft zahlreiche Familie zu sättigen und die nothwendigsten Bedürfniste an Wohnung und Kleidung zu decken, dagegen die Herren Prinzipale e« fich wohl sein lasten, an reichbesetzten Tafeln, im Theater, zu Pferde und Wagen, und zudem Kapitalien fich stchern, um später ohne Sorge und Mühe noch gemächlicher leben zu können. Mit einem Worte: Die Arbeitgeber sind meisten« zur Materie herabgesunken und kennen kein höhere« Ziel mehr; kein Wunder, wenn auch der Arbeiter nur mehr die Materie sucht. — „Gebet dem Ar­beiter, wa« de» Arbeiter« ist, und Gott, wa« Gotte« ist!"

Aber auch die arbeitende Klaffe erkennt ihre Aufgabe nicht mehr. Der größte Theil der Ar­beiter denkt nicht daran, daß ein höhere« Wesen gebietet: „Im Schweiße Deine« Angesichte« sollst Du Dein Brod verdienen!" und daß nach diesem Leben noch ein Lohn geboten wird. Maß und Ziel in Speise, Trank und Genuß kennen die meisten nicht mehr.

Der Grundsatz: „Ich will viel verdienen, da­mit ich viel zum Leben besitze," da» ist da» höchste und letzte Ziel bei Tausenden.

Die Arbeiter müssen, wenn ihre Verhältnisse stch bessern sollen, ein geordnete» Familienleben Herstellen, Maß und Ziel in Speise und Trank halten, die religiösen Pflichten, soweit stch selbe mit ihren dienstlichen Verhältnissen vereinbaren lassen, zu erfüllen suchen; dann und nur dann ruht Segen auf der Arbeit.

Kann denn nicht durch Gesetze diesen Zerwürf­nissen abgeholfen werden? Die Lenker der Staaten uns die gesetzgebende» Faktoren find meisten» selbst

Aktionäre und werden kaum die Hand^bieten, Ge­setze gegen ihr Interesse zu fertigen.

Ein Gesetz besteht schon seit mehr al» zweitausend Jahren: wenn diese« erfüllt wird von beiden Seiten (Arbeitgeber und Arbeitnehmer), dann wird aller Strike ein Ende finden. „Wa« Du willst, daß man Dir thu', da» füge auch Andern zu! Liebe Gott Über Alle« und Deinen Nächsten wie Dich selbst!"

Deutsches Reich

Berlin, 4. Juni.

• Kaum ist die Session de« Reichstage» geschloffen, so beschäftigt mau fich in politischen Kreisen schon mit der Frage, wie sich die nächste gestalten wird. Diese Frage ist diesmal von be­sonderem Inten ffe; denn die nächste Session de« Reichstage«, die vierte, ist auch die letzte. Da« Mandat des aus den Septennatswahlen hervorgegangenen Reichstages läuft entweder am 21. Februar oder am 1. März des nächsten Jahres ab, je nachdem man den Beginn des Mandates vom Tage der Wahl oder vom Tage des Zusammentritts de» neu gewählten Reichstage» rechnet, worüber bekanntlich Meinungsverschieden­heiten bestehen. Der Zeitraum für die nächste Session ist also eng begrenzt, so eng, daß ein Theil der freisinnigen Preffe vor einiger Zeit auf den Gedanken gekommen ist, die Regierung werde auf eine nochmalige Einberufung dieses Reichstage» verzichten und die Neuwahlen bereit» im Herbst vornehmen lassen. Diese Ansicht wurde von anderer Seite stet» für falsch erklärt, und e» zweifelt jetzt auch Niemand mehr daran, daß fie falsch war. E» wäre wirklich schwer verständlich, wem Fürst Bismarck einen so guten Reichstag, wie er ihn vermuthlich nie wiederbekommt, auch nur einen Tag früher anfgeben würde, als er unbedingt muß. Thatsächlich ist daran noch nicht gedacht worden. Persönlichketten, die an leitender Stelle an den Arbeiten der Gefttzzebung bet heiligt sind, haben immer mit der nächsten Session al» einem ganz sicheren Faktor gerechnet, und zwar soll diese Session möglichst frühe im Herbste beginnen, so daß der Reichstag bi» zum Ablauf de» Mandat» ein ganz ansehnliches Arbeitspensum erledigen kann. Für die Neuwahlen steht dann die Zeit

X freut m Wenden.

Novelle von Marga Br echt en.

(31. Fortsetzung.)

XVIII.

Droben war e» indessen ganz stille, nur der niedergefchraubte-Docht der Lampe knisterte leise. Da» mächtige Feuer warf seinen röthltchen Schein durch da» blanke Kamingitter und beschrieb einen wetten Bogen auf dem Teppich, dessen von der Gluth beschienene Rosen sich wie lebend von dem dunklen Grunde abhoben. Nicht ferne davon stand der für zwei Personen zierlich gedeckte Sopha- tisch. Wie da» Silber auf dem feinen Damast­gewebe blitzte und funkelte I Wie die in der Kiystall- fchale zwischen rothleuchtenden Croku» versteckten Hyazinthen so herrlich dufteten! Vielleicht wollten fie den au» dem Nebenzimmer hereinströmenden starken Tannendust verdrängen oder ihn doch in seine Grenzen zurückweisen. Dort stand der schöne Baum, dessen tiefgrüne Zweige über und über mit Silberfäden überspannen war. Unter dem­selben lagen dicht aneinandergereiht die vielen ge­schmackvollen Geschenke, welche Elma'» fleißige Mnger gefertigt hatten; ganz vorn zeigte dar nach altdeutschem Muster gearbeitete Kästchen da» treue Abbüd de» Wendenhofes.

Es ging wie ein leise» Wehen und Rauschen durch die leeren und doch so anheimelnden Räume, um bald wieder einer desto größeren Stille Platz zu machen. Dann und wann drang Stimmen­gewirr, vermischt mtt Jakob'» ftöhlichem Gelächter, von unten herauf, bi» da« auf der leicht mit Schnee bedeckten Straße fast unhörbare Heran- rollen eine« Wagen» auch diese» dämpfte.

Jetzt wurde die Hau»thüre aufgefioßeu, und ein eisiger Luftzug drang in den Vorplatz, dessen nur angelehnte Thüre nach kurzem Umhertasten geöffnet wurde. Rasche, elastische Schritte näherten stch dem Wohnzimmer, und nach wenigen Minuten stand die schöne, kräftige Gestalt de» Angekommenen in dem matterhellten Raume. „Elma" klang e» laut von seinen Lippen, — suchend eilte er nach dem anstoßenden Schlafzimmer und dann, al» er auch hier Niemanden erblickte, beugte er stch über da» Feuer und suchte die kalten Hände zu erwärmen. Ein weiche», fast schelmische» Lächeln glttt Über fein Gesicht, als er fich umwandte und den ihm lästigen, noch halb feuchten Reisepelz über die L-Hne eines Stuhle» hing. E» war der vor dem Schretbttsch stehende Sessel, gerade dort, wo die Lampe ihr matte» Licht auf einen offenen Brief fallen ließ, e» war der Bries, den die Schülerin seiner Fran geschrieben hatte. Halb gedankenlo»,

halb neugierig beugte fich der Mann über das Blatt unb la»:

„Sehr verehrte Frau Doktor! Wie sehr be­dauere ich Ihr Unwohlsein, welche» e« mir fast unmöglich macht, Sie heute noch einmal zu sehen und zu sprechen. Gern würde ich mich morgen persönlich nach Ihrem B.finden erkundigen, er­matteten Sie nicht heute Ihren Gatten zurück; ich denke, e» müßte Ihnen peinlich sein, wenn er schon jetzt unser Geheimniß erriethe. Ich kann den Gedanken «och immer nicht fassen, daß die wunder­schöne Zeit, in bet ich täglich stundenlang bei Ihnen fein durste, nun vorüber ist. Wie einsam und langwellig wird da» Leben nun für muh werden; e« werden gewiß oft mehrere Tage ver­gehen, ohne daß ich Sie sehen und Ihre liebe Stimme hören darf! Und nun wird Alle», Alle» vorüber fein. Doch lassen Sie mich Ihnen jetzt herzlich danken für die glücklichen Stunden und die viele Zeit, welche fie mir gewidmet haben und kommen Sie, bitte, recht oft zu uns. Leben Sie wohl, thenre, gnädige Frau ? ergebenft Er. Heimba ch."

Und er la» »eiter und weiter. Tiefe Traurig­keit Übermannte ihn. Also darum waren ihre Briefe immer kürzer geworden, fie hatte stunden­lang täglich einem Andern gehört. Und er selbst war trotz aller Zweifel ahnung»lo» wieder in die